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So gefährlich ist Blei in der Umwelt: eins von drei Kindern weltweit betroffen

So gefährlich ist Blei in der Umwelt: eins von drei Kindern weltweit betroffen

Blei in der Umwelt. In ihrem Bericht „The toxic truth“ aus 2020 stellt UNICEF in Zusammenarbeit mit der Organisation „Pure Earth“ fest, dass eines von drei Kindern weltweit an den Erscheinungen von Bleivergiftungen leidet. Vor allem Entwicklungsländern sind betroffen. Bleibelastung kann zu lebenslangen neurologischen, kognitiven und physischen Beeinträchtigungen führen. Für die Umweltverschmutzung verantwortlich sind neben der Industrie, das unsachgemäße Recycling von Autobatterien, sowie verseuchte Böden. Kulturelle Ursachen finden sich unter anderem in verunreinigten Gewürzen, traditionelle Töpfereien und Kosmetik. Doch auch Industrieländer wie die Vereinigten Staaten von Amerika sind betroffen: Blei im Trinkwasser erfordert dort die Erneuerung der Wasserleitungen.

Blei in der Umwelt: So gefährlich ist es für den Menschen

Die gesundheitlichen Folgen für die Gesellschaft von Blei sind immens. Die Aussetzung von Blei im Kindesalter wird mit psychischen Gesundheitsproblemen und Verhaltensauffälligkeiten sowie einem Anstieg von Kriminalität und Gewalt in Verbindung gebracht. Jede Aufnahme von Blei in den Körper ist gesundheitsschädlich. Weitere schwerwiegenden Folgen für die Gesundheit sind ein höheres Risiko für Nierenschäden und Herz-Kreislauf-Erkrankungen im späteren Leben. Der Warnwert der Vereinten Nationen liegt bei 5 Mikrogramm Blei pro Deziliter Blut (µg / dl). Ab diesem Wert tritt bereits ein Verlust des Intelligenzquotienten ein. Bei höheren Bleibelastungen (>90µg / dl) treten UNICEF zufolge Funktionsstörungen im Gehirn auf. Wobei ab Werten von 150 µg / dl der Tod durch Bleivergiftung eintritt.

Industrie Blei Umwelt Umweltverschmutzung Verlassen Verfallen Umweltbelastung
Verseuchte Industriebrachen können ebenfalls verantwortlich für Blei in der Umwelt sein. (Symbolfoto / Pixabay / CC0))

Die Menschen können über die Gefahren von Blei aufgeklärt werden, damit sie sich selbst und ihre Kinder schützen können. Die Investitionen zahlen sich aus: eine bessere Gesundheit, höhere Produktivität, höhere Intelligenzquotienten, weniger Gewalt und eine bessere Zukunft für Millionen von Kindern auf der ganzen Welt.

Richard Fuller – NGO Pure Earth

Blei in der Umwelt schadet der gesamten Gesellschaft. Neben dem Verlust an Produktivität entstehen Kosten für das Gesundheitssystem und können somit ein ganzes Land belasten. In ihrem Bericht schätzt UNICEF, dass weltweit 815 Millionen Kinder von Bleivergiftungen betroffen sind. Diese sind jedoch weltweit ungleich verteilt. Am stärksten betroffen sind der asiatische und afrikanische Kontinent. Länder mit niedrigem bis mittleren Einkommen tragen dabei die größte Last. In der Karte von Pure Earth kann dies Land für Land nachverfolgt werden:

Blei in der Umwelt. Neben der Industrie ist auch das unsachgemäße Recycling von Autobatterien für erhöhte Bleiwerte verantwortlich. (Symbolfoto / Pixabay / CC0)

Bleivergiftung einer Stadt: Der Fall von Bajos de Haina

In der Provinz San Cristobal der Dominikanischen Republik gelegen, stellt die Gemeinde Bajos de Haina das industrielle Herz des Inselstaates dar. Die Fabriken, sowie Raffinerien sind wichtige Arbeitgeber für die ansässige Bevölkerung. Mit dem Wachstum der Industrie verschlimmerten sich jedoch auch die Auswirkungen auf die Umwelt. Die Bewohner dieser 120.000 Einwohner-Gemeinde sind besonders von industrieller Verschmutzung betroffen. 2006 erntete die Stadt den unrühmlichen Namen „Dominikanisches Tschernobyl. Bei über 90% der getesteten Bewohner von Bajos de Haina wurden dabei erhöhte Bleiwerte im Blut festgestellt.

Im Jahr 2000 erklärte der dominikanische Minister für Umwelt Haina zu einem nationalen Hotspot von erheblichem Interesse. Wenige Jahre zuvor wurden 146 Kinder auf Bleivergiftung getestet. Mit durchschnittlichen 79 µg / dl wiesen ihre Blutwerte eine extrem hohe Bleibelastung auf. Vor allem eine verlassene Recyclingstelle für Bleisäure-Batterien im Teil Paraiso de Dios der Gemeinde sorgte für Aufmerksamkeit. Diejenigen, welche es sich leisten konnten, zogen weg. Ab 2008 wurden dann wichtige Arbeiten unternommen, um das Gelände zu säubern. Doch an anderer Stelle machte bereits der nächste Umweltsünder auf.

Diese Umweltverschmutzung bringt uns hier um. Je mehr die Fabriken wachsen, desto mehr werden wir krank.“

Elizabeth Mota im Interview mit Aljazeera / 2021 / „No safe place: Lead poisoning in the dominican republic

In ihrem Artikel „No safe place: Lead poisoning in the dominican republic“ deckt Aljaazera in dem Viertel Los Desamparados von Haina weitere Umweltverschmutzungen durch Blei auf. Unter neuem Namen siedelte sich in der Industriezone von Bajos de Haina das Unternehmen VERI an – und fuhr mit dem Recycling von Batterien fort. Ab 2018 wurden erhöhte Bleiwerte in der Luft und ein Jahr später im Blut der anliegenden Bewohner festgestellt. Später wurde in einem Umweltaudit aus 2020 eine unsachgemäße Entsorgung von verunreinigtem Regenwasser auf dem Gelände festgestellt. Eine positive Veränderung ist für die Bewohner von Los Desamparados und Bajos de Haina nicht in Sicht.

Demnächst: Die Wasserkrise der USA im Fokus

In den Vereinigten Staaten von Amerika erzeugte keine andere, mensch-erzeugte Umweltkrise in den USA so viel Aufmerksamkeit wie die von Flint, Michigan. Ende 2020 wurde außerdem eine der größten Sammelklagen des Bundesstaates Michigan entschieden. Die Opfer der Flint-Wasserkrise erhalten bis zu 626 Millionen Dollar Entschädigung. Ein ineffizientes Wassermanagement und Blei-belastete Trinkwasserleitungen führten zu einem Umweltskandal. Doch nicht nur Flint ist betroffen.

Die veraltete Infrastruktur betrifft vor allem strukturschwache Städte. Durch den Infrastrukturplan von Präsident Joe Biden soll sich das jetzt ändern. Mit 55 Milliarden Euro werden unter anderem die alten Wasserleitungen modernisiert. Die genaue Chronologie der „urbanistischen Wasserkrise“ gibt es in zwei Folgeartikeln zu entdecken. More to follow soon – stay tuned!

Grand-Paris: Wo wohnen Gold ist, sind Miethaie nicht weit

Grand-Paris: Wo wohnen Gold ist, sind Miethaie nicht weit

Vom Zentrum von Paris ausgehend, zum angrenzenden, reichen Neuilly-sur-Seine im Westen und dem armen Departement der Seine Saint-Denis im Norden, sowie der berüchtigten Wohnanlage Grigny 2 im Süden. Das Grand-Paris ist ein Sammelbecken für skrupellose Miethaie.

Der wichtigste Ballungsraum von Frankreich mit seinem Wohnungsmangel und Bevölkerungszuzug bietet den Nährboden für dubiose Geschäftspraktiken. Und auch wenn die französische Regierung sich des Problems seit langem bewusst ist, bleibt es nur schwer in den Griff zu kriegen.

Der Ballungsraum des Grand-Paris ist ein Sammelbecken für Miethaie

Eine würdevolle Unterkunft für seine Bewohner ist wichtiger Bestandteil einer gerechten Stadt. Dass dies nicht immer der Fall ist, wird vor allem in den Metropolen und Hauptstädten sichtbar. Während Miethaie in Deutschland vor allem in Form von großen Immobilienkonzernen bekannt sind, so nehmen sie im Ausland bisweilen andere Erscheinungsformen an. Ob Irlands Miethaie in Dublin, welche als „Slumlords“ bekannt sind oder den „Marchands de sommeil“ in Frankreich: „Wo Wohnen Gold ist, sind die Miethaie nicht weit“.

Gentrifizierung und räumliche Segregationsprozesse knüpfen dabei an den wirtschaftlichen Motor der Hauptstadt. Die Arbeitsplätze im Zentrum, Flughäfen und dem Geflecht an Industrie und Handel führen zu einer starken Anfrage an billigen Arbeitskräften. Dies hat Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt. Die durch die Nachfrage hohen Mietpreise ermöglichen dabei lukrative Mieteinkünfte auf Kosten des Wohlergehens der Vermieter.

Und den Miethaien mangelt es nicht an kriminellem Einfallsreichtum. Ob alternde, nicht instandgehaltene Häuser, wie im Fall der eingestürzten Häuser in Marseille; Hausmädchenzimmern in Paris oder der Aufteilung einer Wohnung in mehrere separate Wohneinheiten wie im Fall der Banlieues: das Übel hat viele Gesichter.

Was genau ist ein französischer Miethai?

Die „Plaine Saint Denis“ beinhaltet die Kommunen Saint-Denis, Auberviliers und Saint-Ouen. In dieser Zone sind besonders viele Miethaie zu finden. Dieses baufällige Haus steht in der Nähe des Turmes Pleyels, einem gigantischen Stahlkoloss. (Urbanauth / VGO / 2019)

Die französischen Miethaie werden im Sprachgebrauch als „Marchands de sommeil“ bezeichnet. Wortwörtlich übersetzt bedeutet dies „Schlafhändler„. Der Begriff hat dabei keine juristische Bedeutung. So kann er sich auf Einzelpersonen oder Gruppen beziehen. Um einer Kontrolle zu umgehen, ziehen die Miethaie Barzahlungen vor.

Wenn Sie Blut riechen, kommen Sie angeschwommen. Die Miethaie im Grand-Paris. Von den „Chambres de bonnes“ in Montmarte zu den „Taudis“ der Vororte. Man kennt Sie als die „Marchands de sommeil“. Diejenigen, welche nichts weniger als Schlaf verkaufen.

Beschreibung eines französischen Miethaies

Dabei muss zwischen den Motiven der Miethaie unterschieden werden. Die „professionnellen Miethaie„, Besitzer mehrerer Mietobjekte zu überzogenen Quadratmeter-Preisen. Die Räumlichkeiten befinden sich oft in einem gesundheitsschädlichen bis lebensgefährlichen Zustand. In manchen Fällen wird sogar nicht davor zurückgeschreckt, Matratzen stückweise zu vermieten. Diese Sorte erinnert an die Miethaie aus Dublin, den „Slumlords“.

Auf der anderen Seite betrifft dies aber auch prekäre Eigentümer. Oft im Besitz von wenigen Wohneinheiten im selben Wohnhaus, führen die teuren Hauskosten zu unerwartet hohen Kosten. Die Räume werden oft an Menschen aus demselben kulturellen Hintergrund oder mit irregulärem Aufenthaltsstatus vermietet. Solche Fälle können im größeren Ausmaße aber ebenso Netzwerken von Menschenschmuggel dienen. Zum Beispiel in Form von Hinterhof- und Wohnateliers für Schwarzarbeit.

Was sind die Faktoren im Grand-Paris, welche das Aufkommen von Miethaien fördern?

Faktoren, die das Aufkommen von Miethaien fördern, sind vielfältig:

  • Die exorbitanten Mietpreise in Paris fördern die Untervermietung von Hausmädchenzimmern. Diese befinden sich in den letzten Etagen der Gebäude und weisen oft mangelnde Wohnfläche, sowie Sanitäranlagen auf.
  • Die wirtschaftliche Bedeutung vom Grand-Paris als „Jobmotor“ führt zu einer hohen Anfrage auf dem Wohnungsmarkt. Industrie, aber auch die Flughäfen, sowie der Warenumschlagsplatz Rungis benötigen ein hohes Maß an billigen Arbeitskräften. Aber auch Universitäten und Ausbildungsplätze führen zu einer Anfrage vonseiten von Studenten.
  • Prekarität: Die Betroffenen haben oft keine andere Möglichkeit, als auf das Angebot der Miethaie zurückzugreifen. Geringverdiener, Studenten, Familien und Personen mit einem irregulären Aufenthaltsstatus sind besonders betroffen.
  • Mangelnde Kontrolle: Skrupellose Vermieter, welche sich ihre Mieteinnahmen in Bar aushändigen lassen, sind oft schwer zurückzuverfolgen. Im Falle eines Gerichtsurteils kann es passieren, dass der Angeklagte weder auftaucht noch vertreten wird. Das Kontrollieren der Wohneinheiten kann sich außerdem als schwierig erweisen. Oft stehen die Betroffenen in einer misstrauischen Beziehung zu den Behörden. Außerdem ist die sofortige Bereitstellung einer würdevollen Unterkunft eine Belastung für die Kommunen.
  • Gebiete mit alten baufälligen Gebäuden: Sie bieten den Nährboden für die Miethaie. Oft in abgelegenen Orten vom letzten Stock im Zentrum der Stadt zu verwahrlosten Einzelhäusern und Plattenbauten in den Siedlungen der Peripherie.
  • Bevölkerungsdichte ärmere Kommunen: Sie ermöglichen es den Miethaien unentdeckt zu agieren. Oft deckt sich die Nachfrage mit den Profil- und Gebietstypen. Den einkommensschwachen Kommunen fehlen dabei oft die Gelder, um die Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben zu überwachen.

Das Grand-Paris und der Wohnungsbedarf

Elendswohnung oder Mietobjekt? Miethaie vermieten alles

Der unsachgemäße Zustand einer Wohneinheit kann vielfältige Formen annehmen.

  • Gesundheit und Sicherheit des Gebäudes (Struktur, Brandschutz, Verkabelung, Abdichtung und Wärmedämmung)
  • Spezifische Gesundheits- und Sicherheitsrisiken (Blei-, Asbest-, Strom- oder Gasnetz…)
  • Gebietsspezifische Verortung (ungeeignete Lage in z.B. der Nähe von Industrie- und Lärmzonen, sowie Abfalldeponien, verseuchte Grundböden, kann jedoch auch die Lage im letzten Stockwerk ohne Aufzug betreffen)
  • Gemeinschaftliche Ausstattung (Abfall- und Abwasser-Evakuierungssysteme und -Verbindungen, aber auch z.B. funktionierende Fahrstühle)
  • Nutzung und Instandhaltung der Räumlichkeiten (schädliche Aktivitäten, Sauberkeit, leichte Instandhaltung, Anwesenheit von Insekten, Nagetieren, aber auch Pilzen und anderen gesundheitsschädlichen Verunreinigungen)
  • Kein aufgeführter Eigentümer (stille Besetzungen sowie Übernahmen von leerstehenden Wohnungen zu kommerziellen Zwecken)
Eine Straßenkreuzung am Hang des Montmartre im 18. Bezirk von Paris. Keine 200 Meter entfernt, versteckt im letzten Stockwerk eines haussmannischen Gebäudes, mehrere Elendswohnungen. Die Betroffenen, oft nur temporäre Stadtbewohner: Studenten und Wanderarbeiter schweigen. Die teuren Preise und geringe Wohnfläche werden in Kauf genommen. Der allgemeine Mangel an erschwinglichem und würdevollen Wohnraum verstärkt die Gewinnrendite mit den Bedienstetenzimmern für Miethaie. (Urbanauth / VGO / 2020)

Räumliche Unterscheidungen: In welchen Gewässern schwimmen die Miethaie des Grand-Paris?

Um das Problem der französischen Miethaie in seiner Gesamtheit zu verstehen, gilt es sich der verschiedenen räumlichen Gegebenheiten bewusst zu werden. Elendswohnungen manifestieren sich in Clustern und besitzen eine ihrer Umgebung angepasste Erscheinungsform. Diese können sein:

  • Der Nischenwohnungsmarkt mit den Hausmädchenzimmern: Bekannt unter dem Namen „Chambres de bonnes“ sind diese ehemaligen Bedienstetenzimmer zu einer Goldgrube für skrupellose Vermieter geworden. Dies betrifft vor allem extrem bevölkerungsdichte Zonen mit alten hochstöckigen Gebäuden. Ohne Sanitäranlagen und auf engstem Raum teilen sich die Bewohner die Toiletten auf dem Flur. Dies betrifft vor allem Studenten und Wanderarbeiter.
  • Baufällige Einzelhäuser: Diese werden oft in mehrere Wohneinheiten aufgeteilt und gestückelt vermietet. In einem schlechten Bauzustand und aufgrund mangelnder Instandhaltung stellen sie eine Gefahr für das Wohlergehen der Bewohner dar. Sie können auch die Form von Räumen einnehmen, in denen Matratzen auf 24-Stunden Basis vermietet werden.
  • Aufteilung von Wohnungseinheiten: In gewissen Wohnanlagen mit hohen Hauskosten und einer starken Prekarität, werden Wohnungen in mehrere z.B.15 Quadratmeter große Flächen aufgeteilt und zu überteuerten Preisen vermietet.
Hinter dem Autobahnring an der „Porte de la Villette“ im 19. Bezirk von Paris, liegt der Vorort Aubervilliers. Mit seiner veralteten Infrastruktur, ehemaligen Industriezonen und baufälligen Gebäuden, versprechen Elendswohnungen Nähe zur Hauptstadt. (Urbanauth / VGO / 2020)

Potenzielle Problemzonen ausmachen

Wenn du einen Miethai im Grand-Paris jagen würdest; wo würdest du dich auf die Lauer legen?

Dort wo es eine Elendswohnung gibt, liegt die Nächste schon um die Ecke. Denn Miethaie kommen nicht allein und sie investieren lokal. Schnell können sich dabei ganze Straßen und sogar Stadtviertel in Clustern an Elendswohnungen verwandeln (vgl. Weekly Urbanauth / Stadtviertel Saint-Jacques in Perpignan). Um Problemzonen in Siedlungen auszumachen werden folgende Kriterien genutzt:

  • eine hohe Zahl potenziell baufälliger Einfamilienhäuser,
  • eine große Zahl von Wohneinheiten, die im Zuge der Umstrukturierung bestehender Gebäude entstanden sind
  • ein Transaktionspreis für Einfamilienhäuser, der unter dem Durchschnitt des Departements liegt.

Welche Maßnahmen gegen unwürdige Wohnungen?

In Frankreich wurde mit den Gesetzen der „Loi Carrez“ und „Loi Boutin“ versucht den Mietmarkt zu regulieren. Mindesthöhe von 1,80 Meter und einer festgelegten Minimumwohnfläche. Diese beträgt 8 Quadratmeter. Treppenstufen, Fenstersimse und Kellerräume werden aber nicht mitgezählt. Jahre später sieht die Situation nicht besser aus. Der Markt mit den Mini-Zimmern floriert anhand von Airbnb und Kleinanzeigen.

In manchen Kommunen von Frankreich wurde ein „Vermieter-Führerschein“ eingeführt, um den Mietmarkt besser beaufsichtigen zu können. Darunter: Aubervilliers, Saint-Ouen und Saint-Denis. Aber auch Marseille mit seinen alten Wohnhäusern hat sich dieser Initiative angeschlossen. Außerdem wurden in dem Aktionsplan gegen die territorialen Ungleichheiten der nördlichen Banlieues von Paris 2019 mehr Mittel zur Kontrolle von Mietobjekten versprochen.

Auch der Bedarf einer Genehmigung zum Ausbau oder der Teilung einer Wohnfläche, soll helfen das Phänomen zu unterbinden. Ohne Kontrolle erweisen sich diese Maßnahmen jedoch als mangelhaft.

Oft bleibt es den Bürgermeistern der Kommunen überlassen mit dem Problem fertig zu werden. Doch auch die Kontaktaufnahme zu den Miethaien gestaltet sich als problematisch. Als letztes Mittel können die Beamten jedoch ein Gerichtsverfahren anstreben. Den Miethaien drohen dabei empfindliche Geld- und Gefängnisstrafen. Das Problem verweilt jedoch bei der Gerichtsbarkeit, Durchsetzung und Mieterschutz.

Im Grand-Paris, da schwimmen die Miethaie zu Hunderten

Saint-Ouen ist eine nördlich an Paris grenzende Kommune. Bekannt und beliebt für seinen „marché-aux-puces“, einem originellen Flohmarkt am Rande der Ringautobahn. Zwischen sozialen Brennpunkten und alternden Häusern: skrupellose Vermieter schaffen es oft unter der Hand zu vermieten. In dieser Banlieue und ehemaligen Industrieort, wo es viele Arbeiterbaracken gab, finden sich gute Bedingungen für Miethaie. Dies kann bisweilen katastrophale Auswirkungen haben, wie regelmäßige Brände aber auch Häusereinstürze aufzeigen. (Urbanauth / VGO / 2020)

Unsere Jagd beginnt in der Hauptstadt selbst

Würdest du für diese Aussicht in einem sechs Quadratmeter Zimmer wohnen? Der Blick aus einer Elendswohnung von Montmartre im 18. Bezirk von Paris. Die klassischen Häuserdächer im Vordergrund grenzen sich in der Dämmerung von Wohnhaustürmen der Cité Riquet im 19. Bezirk ab. Das im Norden von Paris gelegene Montmarte, besitzt einen hohen, potenziellen Bestand an Elendswohnugen. (Urbanauth / VGO / 2019)

Der zwielichtige Wohnungsmarkt mit den „chambres de bonnes“, den Hausmädchenzimmern in den letzten Stockwerken der Gebäude, hat eine eigene Nische an Vermietung geschaffen.

Urbanauth konnte einen solchen Bestand an Wohnungen im 16. und 18. Bezirk von Paris feststellen. Auf der Schattenseite des Sacre Coeurs und den Hängen von Montmartre verbergen die Bedienstetenzimmer prekäre Lebenszustände. Mit weniger als sechs Quadratmetern Wohnfläche bleibt als einziges oft nur der Ausblick aus dem Fenster. Für alles andere müssen Einbußen in Kauf genommen werden.

Der Skandal von Neuilly-sur-Seine:
Gierige
Miethaie und die Bedienstetenzimmer

In einem ähnlichen Kontext deckte die Zeitung Liberation Anfang 2020 ein riesiges Netzwerk von 120 Bedienstetenzimmern in den letzten Stockwerken, der größten privaten Wohnungseigentumsanlage von Neuilly-sur-Seine auf. Diese sehr betuchte Banlieue im Westen von Paris, ist dafür bekannt auf kommunaler Ebene Strafgelder zu zahlen, um die Quotas des sozialen Wohnungsbaus zu umgehen. In direkter Nähe zum Finanzsektor von La Defense, die reichste Stadt Frankreichs.

Auch im reichen Vorort von Neuilly Sur Seine findet man Miethaie. (Foto: Urbanauth / VGO / 2019)

Das Grand-Paris und seine Miethaie: Egal ob in armen oder reichen Kommunen. Sie sind überall.

Zweifelhaften Vermietungen der Zimmer im siebten Stock der Residenz Saint-James führten dabei zu Spannungen. Die illegale Anbringung von zusätzlichen Sanitäranlagen hatten zu einem Wasserschaden bei den Besitzern der unteren Wohnung geführt. Die Journalisten deckten dabei hinter den Türen des gepflegten Flures unmenschliche Zustände auf.

So hatte ein Mieter 2019 vor Gericht einen Mietvertrag eingeklagt, nachdem er bereits seit 18 Jahren unangemeldet in dem Zimmer gewohnt hatte. Eine andere Szene erweckte den Eindruck von Zeiten der beginnenden Industrialisierung, mit Personen welche sich schichtweise Räume teilten.

Die Bewohner haben meistens nicht die Wahl umzuziehen. Sie sind auf die niedrigen Mieten angewiesen, die zwischen 190 und 600 € angesiedelt sind. Solche Miethaie, welche aus Profitgier jeden Quadratmeter rentabilisieren, tragen als Vermieter einen wichtigen Teil zur Prekarisierung einer Bevölkerungsschicht bei, der die finanziellen Mittel fehlen, sich einen zum Leben angemessenen Wohnraum leisten zu können.

Vor der Existenz des Grand-Paris gab es bereits Miethaie in Grigny

Grigny2 das urbanistische Monster aus der Essonne (91)

Es ist das Jahr 2007. Zwei Jahre vor der Bekanntgabe der Pläne des Grand-Paris, doch die Miethaie hatten bereits in Grigny und Umgebung Fuß gefasst. (Foto: Poudou99 / CC-BY-SA-3.0 / via Wikimedia Commons)

Grigny ist eine der ärmsten Kommunen von Frankreich. Mit fünf Quadratkilometern Fläche und einer Bevölkerungsdichte von 5000 Einwohner pro km², beherbergt diese Kommune des Departements der Essonne (91) ein urbanistisches Monster.

Grigny2 ist der Name einer privaten Wohnanlage im Zentrum von Grigny. Das ebenfalls prekarisierte Viertel der „Grand Borne“ grenzt direkt an. Mit seinen 17.000 Bewohnern ist Grigny2; ein extrem kompakter Wohnraum.

1969 aus dem Boden gestampft, sollten die 5000 Wohnungen für die gehobenen Bediensteten der Flughäfen und -gesellschaften dienen. Die Pläne für eine der größten privaten Wohnanlagen schlug fehl. Als Privateigentumsanlage gedacht, begannen ärmere Bevölkerungsteile Wohnungen zu kaufen und Miteigentümer zu werden.

Doch die hohen Hauskosten begannen den Eigentümern schnell zur Last zu fallen. Die unbezahlten Beiträge und Mietrückstände einer fragilen Bevölkerung führten dabei zu einer hohen Verschuldung der Wohnanlage. Mietausfälle führten zur Aufgabe von Immobilien und Leerstand. Die Instandhaltung stagnierte und führte zur Verwahrlosung der umliegenden öffentlichen und privaten Flächen. Grigny 2 befand sich im freien Fall.

Der Wandel vollzog sich der Zeitung LeParisien zufolge dabei in mehreren Etappen. Eine erste Prekarisierung des Wohnviertels geschah mit dem Verkauf der Wohnungen in 1980. Knapp zehn Jahre nach seiner Fertigstellung.

Das Grand-Paris und seine Miethaie: am untersten Teil der Leiter angekommen

Stadtviertel La Grande Borne in Grigny. Der Ort ist der Platz de la Treile. Blauer Himme. Alte Aufnahme.
Diese Aufnahme aus 2007 – Place de la Treille im Stadtviertel der Grande Borne. Dieses grenzt direkt an Grigny-Centre. Die Häuser haben sich im Vergleich zu aktuellen Google Streetview Aufnahmen nicht wesentlich verändert. (Foto: Nioux / CC-BY-SA-3.0 / via Wikimedia Commons)

In den Jahren nach dem Millennium berichtet die Zeitung Libération von einem ersten Auftreten des Phänomens der Miethaie. Die Anlage verwahrlost. Zu groß, beginnen Teile leer zustehen. Sie ereilt damit ein ähnliches Schicksal wie Bauten in Hannover oder Neapel. Stille Besetzungen und Wohnungsübernahmen führten zum Beginn eines unregulierten Schattenwohnmarktes.

Dem letzten Bericht des französischen Rechnungshofes zufolge ist Grigny eine der ärmsten Kommunen von Frankreich. In 2015, betrug die Arbeitslosigkeit dort 24 %. Der Prozentsatz der Bevölkerung welche in Armut lebt, lag dabei bei 45 %. Allein erziehende Eltern mit einem schwachen Steueraufkommen finden sich dabei einer strukturell benachteiligten Umgebung ausgesetzt.

2007 folgte dann eine weitere Destabilisierung der Lage durch die Wirtschaftskrise. Der Nährboden für skrupellose Miethaie konnte nicht fruchtbarer sein. Zumal 2005 die urbanen Ausschreitungen den Blick auf andere gesellschaftliche Probleme ausrichteten.

Das staatliche Medium France 3 hatte zu Beginn von 2019 den Bürgermeister Philippe Rio (PCF) in der Wohnanlage angetroffen. Dieser schätzte den Anteil der von den Miethaien besessenen Elendswohnungen auf zehn Prozent. Obwohl exakte Zahlen schwierig zu nennen sind, betrifft dies potenziell 500 Wohneinheiten von Grigny 2. Der Bürgermeister heißt dabei das administrative Werkzeug des „Vermieter-Führerscheins“ willkommen. Auch die Gerichte von Evry-Courcouronnes, Bobigny und Cergy nehmen sich immer mehr Fälle von Miethaien an.

Ein Jahr nach dem Interview wurde ein Ingenieur aus Grenoble zu einer einjährigen Haft- und 30.000 Euro Geldstrafe in Abwesenheit verurteilt. Er hat eine Wohnung in zwei 15 Quadratmeter-Einheiten geteilt und an bedürftige Frauen vermietet. Dies berichtete die Nachrichtenseite ActuEsonne.

Wenige Monate zuvor wurde eine Frau verurteilt. Tätig im Finanzbereich, hatte sie eine Wohnung halbiert und in zehn Quadratmeter Stücke geteilt. Für Preise zwischen 400 und 500 Euro pro Monat, erhoffte sie sich gute Einnahmen.

Das Grand-Paris und seine französischen Miethaie unterscheiden sich von denen in Berlin

Was für Unterschiede gibt es zu Deutschland?

Auch wenn das Phänomen der Miethaie sich in Deutschland hauptsächlich auf Immobiliengroßkonzerne und deren Geschäftspraktiken bezieht (in gewissem Maße „Corporate Miethaie), gibt es auch in Deutschland Einzelpersonen, welche aus dem Wohnungsmarkt Rendite schlagen wollen.

Ein wichtiger Unterschied zwischen „Corporate Miethai“ und „Elends-Mithai“ liegt in seiner Beziehung zur Gentrifizierung. Die Corporate-Deutung des Begriffes macht den Miethai für ebendiesen Vorgang verantwortlich. Er steht auch deutlich mehr in Verbindung zum Thema Wohnraum als ein finanzielles Wertobjekt. Die Projektion der Miethaie in Städten wie Berlin vollzieht sich auf die Großkonzerne: Deutsche Wohnen, Vonovia, aber auch die Samwer-Brüder.

Ihnen wird vorgeworfen, wahlweise durch Leerstand oder Renovierungsmaßnahmen die Mietpreise in die Höhe zu treiben. Thematiken wie der Erhalt der sozialen Vielfalt des Stadtviertels mit Milieuschutzgebieten und die Infragestellung des gesellschaftlichen Platzes der Immobilienkonzerne, spielen eine zunehmende Rolle. Außerdem werden regelmäßig Forderungen zur Ausübung des städtischen Vorkaufrechtes durch die Stadt laut gemacht.

Grand-Paris: Miethaie tun der Gesellschaft keinen Gefallen

Im behandelten Fall von Frankreich ist es umgekehrt. Im Grand-Paris ist der Miethai eine Begleiterscheinung der aktuellen Gentrifizierung und bestehenden, urbanen Segregation. Er schwimmt sozusagen mit den exorbitanten Wohnkosten und antwortet auf die Nachfrage spezifischer Zielgruppen.

Der treibende Faktor von den französischen (und deutschen) Miethaien ist somit der erhitzte Wohnungsmarkt. Dieser verspricht Renditen. Doch die Umsetzung geschieht auf gänzlich andere Weise. Während die Gentrifizierung von Stadtteilen in Paris die Preise der Bedienstetenzimmer steigen lässt, führt die urbane Segregation zu einer Verdichtung an Prekarität in der urbanen Peripherie.

Diese Art von Miethaien unterscheidet sich also von der zurzeit gängigen, deutschen Bedeutung. Ein möglicher Grund für das Fehlen der Begriffsdefinition, ist aus urbanistischer Sicht, im Nachkriegsdeutschland zu finden. Durch den Wiederaufbau wurden die Gebäude nach moderneren Standards errichtet. Deutsche Häuser sind somit in ihrer Bausubstanz zumeist jünger und in besserem Zustand. Auch fällt die Fraktur, welche durch das Mobilitätsangebot diktiert wird, deutlich geringer in Berlin als im Großraum vom Grand-Paris aus.

Die urbane Segregation mit den Banlieues sowie der ländlichen Peripherie von Frankreich unterscheidet sich ebenfalls stark von seinem deutschen Nachbarn. In Deutschland sind Städte sozial differenzierter. Sozialwohnungen befinden sich im Besitz der Städte und werden über diese verteilt. Dies trifft auf die französische Realität der zurückgelassenen und ausgegrenzten Plattenbausiedlungen. Dennoch, durch die Gentrifizierung der Großstädte vorangetrieben, verbreiten sich auch in Deutschland zwielichtige Praktiken auf dem Wohnungsmarkt. Plattformen wie AirBnb und Kleinanzeigen mit verheißungsvoll niedrigen Mieten kursieren auch bei uns.

Nicht im Grand-Paris: das Wahrzeichen von Köln, der Kölner Dom. Auch hier gibt es skrupellose Miethaie. (Foto: Urbanauth / VGO ( 2020)

Nicht nur im Grand-Paris gibt es Miethaie

Kölsche Anekdote: Auch im Rhein schwimmen (Miet-) Haie

Eine kleine Anekdote zu meiner Zeit in Köln: Damals auf Wohnungssuche besichtigte ich eine „Wohngemeinschaft“ im angesagten Agnesviertel. Im Süden von Köln an der links-rheinischen Seite gelegen, zieht dieses Stadtviertel viele Schauspieler an. Unweit, auf der anderen Seite des Flusses gelegen, in Deutz thront der Hauptsitz der Mediengruppe RTL neben den Ausstellungshallen der Messe von Köln.

An der Straße angekommen, vorbei an den charmanten Bars, wo Personen Sprizz und Weißweinschorlen trinken, hin zu einem unscheinbaren Hauseingang. Du wirst von deiner „Mitbewohnerin“ und ihrer Mutter empfangen. Am Ende eines kleinen Flurs des Wohnungseinganges erwarten dich die Küche und das Bad. Du wirst in ein großes Zimmer geführt. Es ist das Zimmer deiner Mitbewohnerin. Überraschung: deines grenzt direkt daneben an, ohne separaten Zugang. Mit acht Quadratmetern, einem kleinen Fenster und stolzen 400 Euro Miete.
Auch in Deutschland gibt es Sie. Denn wo Wohnen Gold ist, da sind die Miethaie nicht weit. Damals war ich mit fassungslosem Gesichtsausdruck schneller aus der Wohnung verschwunden, als die Personen mir ihr Leben erzählen konnten. Ich hatte zum Glück die Möglichkeit Nein zu sagen. Dennoch habe ich mich immer gefragt, ob jemand auf dieses Angebot eingegangen ist.

Wie waren deine Erfahrungen mit Vermietern und dubiosen Wohnangeboten? Schreib deine Meinung in die Kommentare

Anmerkung: Das Phänomen der Miethaie im Sinne von kriminellen Einzelpersonen ist im frankofonen und anglofonen Sprachbereich verbreitet. Die sinngemäße Übersetzung von einigen Wörtern ist nur schwer möglich, da sie an andere Konzepte knüpfen (Randerscheinung der Gentrifizierung, während dies in Deutschland treibende Kräfte ebendieser sind).

Original-WortAproximitatife ÜbersetzungBeschreibung
Marchands de sommeilMiethaieWortwörtlich übersetzt: „Schlafhändler“. Als solche werden die Vermieter des dubiosen Wohnangebots bezeichnet. Oft ist es schwierig diese zur Rechenschaft zu ziehen.
Grand-ParisGrand-ParisDas Grand-Paris beschreibt den Ballungsraum von Paris, sowie den angrezenden Departements („La petite couronne“). Man spricht von ungefähr sieben Millionen Menschen, welche in diesem Einzugsgebiet wohnen.
DepartementDepartementSie entsprechen deutschen Bundesländern, sind jedoch in ihrer Anzahl deutlich mehr.
Paris: Hauptstadt der Obdachlosigkeit

Paris: Hauptstadt der Obdachlosigkeit

Avec une couverture au dessus d'un vélo, la personne se abrite dans une entrée de garage, 9ème Arrondissement de la capitale françaises.
Behelfsbehausung mit einem Fahrrad und einer Decke im 9ten Bezirk von Paris (Urbanauth/ 2019)

Bei der jährlich stattfindenden „Nuit de la solidarité“ in Paris zwischen Januar und Februar, strömen Ehrenamtliche für eine Nacht aus, um obdachlose Personen zu zählen und so weit wie möglich zu ihrer Lebenssituation zu befragen. Organisiert durch die Stadt und in Partnerschaft mit verschiedenen großen Vereinen geben die Zahlen vor allem Einblicke in die verschiedenen Profile und Zonen der Obdachlosigkeit.

Am 31. Januar 2020 wurden dabei 3552 obdachlose Menschen auf der Straße gezählt.

Am 25. und 26. März 2021 wurden 2829 obdachlose Personen angetroffen. Eine Abnahme von 21 Prozent im Vergleich zum Jahr vor Corona.

2018 ins Leben gerufen, ist die „nuit de la solidarité“ dabei eine der wenigen Referenzen über Obdachlosigkeit in der französischen Hauptstadt und folgt einer Methodologie. Neben der Zählung wird nämlich auch versucht, die Bedürfnisse und Hintergründe der Betroffenen zu verstehen, sowie deren Unterkünfte geografisch festzulegen. Die APUR, Instanz des Pariser Urbanismuses hat ihre Studie zur 2. Nuit de la solidarité (2019) im Dezember veröffentlicht. Urbanauth hat für euch einen Blick hineingeworfen.

3641 Obdachlose wurden 2019 in einer Nacht gezählt

Dabei wurden nicht nur Personen gezählt, die auf der Straße übernachten, sondern auch Orte miteinbezogen, wie Bahn-stationen, einige Parkings, sowie drei separate Orte. So wurden dieses Jahr die sogenannten grünen Lungen der Hauptstadt, der Bois de Boulogne im Westen, sowie der Bois de Vincennes im Osten miteinbezogen, sowie die „Colline“ im Norden. Die Zahlen sind leider nicht definitiv, da die Zählung nur an einem Tag stattfindet. Die Ergebnisse können deshalb variieren und entsprechen nicht der absoluten Zahl obdachloser Menschen. Vor allem aber konnte nur an zugänglichen Orten gezählt werden. Gebiete der Petite Ceinture oder Parkanlagen, Parkings und stillen Besetzungen sind somit nicht inbegriffen. Ebenfalls fallen aus den Zahlen heraus, alle Personen welche „Couchsurfen“ und durch solidarische Netzwerke beherbergt werden.

Außerdem ist zu beachten, dass von den 3600 Gezählten nur 2000 der Fragebogen angeboten wurde. Davon gaben ungefähr die Hälfte der Befragten eine vollständige oder teilweise Antwort.

Der Obdachlosigkeit auf den Grund gehen

Des pigeons se rassemblent à un mètre de l'abri le long de l'immeuble.
Eine Notbehausung im 17. Arrondissement zwischen einer Wand und einem Stromkasten (Urbanauth/2019)

Die Studie stellt in erster Linie Geschlecht, Altersspannen und ob die Person einzeln oder in einer Gruppe angetroffen wurde. Auch werden Nebenbeobachtungen hinsichtlich Schwangerschaft, Familien, Kindern und tierischen Begleitern getroffen. Bei den Befragten wurde versucht, die Formen der Obdachlosigkeit zu ermitteln und ihre Lebenssituation zu verstehen.

Gründe für die Obdachlosigkeit sei für die Befragten die Ankunft in der Hauptstadt ohne entsprechende Unterkunft, dem folgen Schicksalsschläge, Trennungen und Räumungen. 14% der Angetroffenen waren Frauen, wobei diese am stärksten in den Altersklassen unter 25 sowie über 55 Jahre vertreten sind. Sie sind es auch, welche in Gruppen übernachten, sowie öfters Schlafplätze wechseln und für welche es am gefährlichsten auf der Straße ist.

Insgesamt sind dabei 36 % der erfassten Personen seit weniger als einem Jahr obdachlos. Mit einem Anteil von 10 % an der Gesamtanzahl gehören Jugendliche (>25 Jahre) dabei vor allem zu einer besonders schutzbedürftigen Personengruppe. Es sind zugleich diejenigen, welche die Leistungen der Sozialdienste (Notunterkünfte, Sozialleistungen, Begleitung der Sozialarbeiter) am wenigsten kennen sowie ohne eine Unterkunft in Paris ankamen. Aus dieser resultiert eine temporäre Obdachlosigkeit, wobei im 18. Arrondissement am meisten Jugendliche angetroffen wurden. Sie gehören auch zu denjenigen, welche tendenziell keine Gewohnheits-Schlafplätze haben. Im Gegensatz zu denen, welche seit Längerem auf der Straße wohnen.

Eine starke Konzentrierung im Nordosten

Paris mit seinen 20 Bezirken – Hier zählten die Teilnehmer die Obdachlosigkeit (Karte: APUR / Dezember 2019)

Außer von dem 15. Bezirk im Südwesten, fällt beim Blick auf die geografischen Verteilung der Obdachlosigkeit die Konzentrierung der Obdachlosigkeit auf den Nordosten auf. Am stärksten betroffen ist der 18. Bezirk mit 507 Personen welche auf der Straße angetroffen worden sind, davon 105 Bewohner auf der „Colline, einem berüchtigten Hügel am Autobahnverteiler und bekanntes humanitäres Problem. Das Zeltdorf an der Porte de la Chapelle, wo Refugees und Crack-Abhängige konzentriert auf den Braunstreifen neben der Schnellstraße in Zelten hausen, wird regelmäßig geräumt. Zwecks fehlender Maßnahmen in Form einer Unterkunft und Perspektiven siedeln sich jedoch immer wieder neue Personen an. Die Auflösung des Camps der Crack-Süchtigen Obdachlosen im Herbst 2019 hat dabei zu einer Verteilung dieser auf einem größeren Bereich beigetragen. Diese hat Auswirkungen auf die öffentlichen Orte im Norden wie den Canal de l’Ourcq oder den Jardin d’Éole (19.Arr.). 2017 / 2018 existierte außerdem ein riesiges Zeltlager, welches vom Kanal am Quai Valmy bis in die Vororte von Saint Denis reichte, sowie ein Sinti und Roma Camp auf der Petite Ceinture zwischen der Porte Clignancourt und Porte de la Chapelle. Diese beiden räumlichen Besetzungen wurden zwischenzeitlich geräumt und führte möglicherweise zu einer Umverteilung auf den Pariser Norden sowie die angrenzenden Vororte wie Bobigny, Pantin und La Courneuve.

Im Süden an den 18. Bezirk angrenzend befinden sich der 9. und 10. Arrondissement mit einer Zählung von 110 sowie 359 Personen. Dem Folgen der 19. (466), 11. (176), 20. (156) und endet mit dem 12. Bezirk, welches 369 Personen auf der Straße verzeichnete. Letzterer weist dabei 167 zusätzliche Obdachlose vor, welche im Wald von Vincennes eine Unterkunft aufgeschlagen haben. Die Konzentration eines hohen Teiles der Obdachlosigkeit korreliert dabei mit den sogenannten populären Vierteln, welche eine hohe kulturelle Diversität aufweisen, aber auch einen hohen Teil an Sozialwohnungen und Armut. Im Vergleich zum Vorjahr ist eine Abwanderung aus dem 9. und 10. Bezirk in den Norden zu beobachten.

So nahmen in diesen Vierteln die gezählten Obdachlosen ab, während im 18. und 19. ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen ist. In diesem Bereich wurden vermehrt Gruppen Jugendlicher gezählt, welche in den beiden Gebieten am stärksten repräsentiert sind. Über das Zentrum zum Südwesten nimmt die Masse obdachloser Menschen ab und weist ein gemischtes Personenprofil auf. Das 16. Arrondissement, welches als ein sehr bourgeoiser Bezirk gilt und an den ebenfalls reichen Vorort Boulogne angrenzt. So wurden einige Obdachlose in dem Wald von Boulogne gezählt, wobei diese verglichen zur „Colline“ oder dem Wald von Vincennes jedoch bei weitem geringer ist. Letzterer befindet sich im Osten und grenzt an das 13. Arrondissement an, welches ebenfalls eine gewisse Odachlosigkeit.

Die Achse Nord-Süd zum Westen und dem Gürtel im Zentrum vom 2. bis zum 8. Bezirk fallen dabei durch eine geringe Obdachlosenzahl auf. Diese sind auch sogenannte „Beaux Quartiers“ / die schönen und teuren Viertel. Dies geschieht nicht ohne Beihilfe und so war Urbanauth 2017 Zeuge wie eine Sinti und Roma Unterkunft auf einer ungenutzten Gleisstrecke auf Höhe des Pont Cardinet (17.Arr.) geräumt wurde.

Die Nacht der Solidarität fand am 30. Januar 2020 statt. Man kann sich hier als Freiwilliger anmelden.

04.03.2020 Der Artikel wurde mit den Zahlen von 2020 ergänzt. (FranceBleu)
18.11.2021 Dieser Artikel wurde mit den Zahlen von 2021 ergänzt. (APUR)

Von Dublins Miethaien und einem Sommer der Hausbesetzungen

Von Dublins Miethaien und einem Sommer der Hausbesetzungen

Irland. Ein Sommer der Hausbesetzungen in Dublin. Leerstand, teure Mieten und „Slumlords“ treiben immer mehr Menschen in die Wohnungslosigkeit. Vor allem Dublin ist betroffen. Diesen Sommer begannen verschiedene Graswurzel-Initiativen sich zu wehren und auf die Missstände hinzuweisen. Der Hintergrund zu Dublin’s Sommer der Hausbesetzungen:

Wiliam Murphy, Fotograf aus Dublin, lebte 1979 in San Jose, Kalifornien, als er an einem Wochenende San Franscico besuchte und zum ersten Mal in seinem Leben, Obdachlosigkeit auf den Straßen erlebte.

Für Ihn – schockierend und ungewöhnlich, denn 1970 war es in Irland üblich, dass der irische Staat Menschen ein Dach über den Kopf gewährleistete. Viele Kollegen von ihm lebten in Cremlin, Bellyfermon und Cabra. Dies sollte sich jedoch ändern, als der Staat den Bau und die Instandhaltung von Sozialwohnungen an den privaten Sektor abgab.

Portobello, Dublin 2, Richmondstreet South- Eine Gegend mit vielen verfallenden Häusern. Manche von Ihnen werden vorübergehend genutzt. Im Bild ein Hof in dem Foodmarkets veranstaltet  sowie Außenwände Graffiti-Sprühern zur Verfügung gestellt werden. (Photo by: William Murphy / CC BY-SA 2.0)

Nach seiner Rückkehr nach Dublin begann ihm ab 2007 die steigende Zahl Menschen, welche im Zentrum vor der Ladenzeilen schliefen, aufzufallen. In seinem professionellen Umfeld stieß er dabei auf taube Ohren, da ihm seine Arbeitskollegen entweder nicht glaubten, oder behaupteten es wären Drogensüchtige. Doch seitdem hat sich das Problem verschärft, bis hin zu einem Stand, an dem es nicht mehr möglich ist das Problem der Obdachlosigkeit herunter zureden.
Dank seiner Auslandserfahrung stellt Murphy Parallelen zur Wohnsituation zwischen San Franscico und Dublin fest. Denn beide Städte seien seiner
Meinung nach für normale Menschen nicht erschwinglich. Unter anderem da sich nur Angestellte der Hightech-Sparte Neubauwohungen leisten können.
Das derzeitige Obdachlosigkeitsproblem hinterlässt bei ihm einen bitteren Nachgeschmack. Vor allem da er vor fünf Jahren selbst von einer Hypothekenzahlung betroffen war und kämpfen musste, seine Schulden abzuzbezahlen. Murphy archiviert mit seiner Kamera die Straßen des heutigen Dublins.

Als ich Anfang Juli diesen Jahres in Dublin war, erfassten drei Sachstände meine Aufmerksamkeit: Zum Einen die vielen Touristen und Sprachstudenten, welches ein ausgelassenes Leben, zwischen Englisch-Lernen und Bar Hopping führten. Und zum Anderen die hohe Zahl an Obdach- und Wohnungslosen, welche in einem Gegensatz zur riesigen Anzahl, leerstehender und verbarrikadierter Häuser standen.

Leerstand soweit das Auge reicht – Ardee Street, Dublin 8. (Photo by William Murphy / CC BY-SA 2.0)

Laut der Wohltätigkeitsorganisation Focus Irland sowie staatlichen Erhebungen, lag 2014 die Zahl der Obdachlosen Menschen in Irland knapp unter 4.000. So stieg sie innerhalb von vier Jahren auf fast 10.000 an. Betroffen sind Einzelpersonen und Familien in privaten Mietverhältnissen.  Im Oktober suchten 1700 Familien eine Notunterkunft auf, darunter 3725 Kinder.

Doch die Dunkelziffer liegt sehr wahrscheinlich wesentlich höher, da viele Personen durch das soziale Netzwerk von Freunden und Bekannten aufgefangen werden ( – Couch surfing). Diese werden jedoch nicht in den Statistiken erfasst.

Die Wohnungsnot hat sich seit der Wirtschaftskrise in 2008 stetig verschlimmert. Unter anderem zwecks der legislativen Entscheidung Gelder für  Sozialwohnungen zwischen der Krise und 2014, um 72 % zu kürzen und auf Private Vermieter zu setzen. So fiel das Budget von 1,34 Milliarden auf 390 Millionen.

Keine Wohnungen trotz grassierendem Leerstand

Poster-Aktion des Irish Housing Networks (Photo by: Irish Housing Network)

2015 erstellte der Dublin Inquierer eine erste unvollständige Karte leerstehender Gebäude. Diese weist bereits eine Anzahl von 389 vermerkten Einheiten auf.

Der Leerstand ist leicht zu erkennen – zwischen  den verbarrikadierten Fenstern, verfallenden Fassaden und hohen Absperrungen. Als im darauf folgendem Jahr die Housing Agency einen Bericht zum Leerstand veröffentlichte, in dem für Dublin 38.000 leerstehende Objekte verzeichnet waren. Seitdem verringerte sich die Zahl dem TheGuardian zufolge auf 30.000 leerstehende Objekte für 2018. Dennoch wuchs die Obdachlosenszahl

Doch die betroffenen Bürger geben sich nicht geschlagen und beginnen mit kreativen Methoden auf den Missstand hinzuweisen. So zum Beispiel das Irish Housing Network (IHN), einem Dachverein von 14 Graswurzel-Initiativen welche sich für bezahlbaren und lebenswürdigen Wohnraum einsetzen. Im Sommer riefen sie dazu auf, in ganz Irland Leerstand mit gelben Plakaten zu markieren. Auf gelbem Hintergrund darauf zu sehen, die Umrisse einer Familie unter einem Dach und dem Schriftzug: „Schande über dich – Dies könnte ein Zuhause sein“.

Das Problem der leerstehenden Gebäude, welche entweder in einem sehr schlechtem Zustand sind und seit Jahren auf eine Neuentwicklung warten oder aus spekulativen Gründen ungenutzt bleiben, prägen die städtische Landschaft. Dublin mit seinen hohen Mieten ist lukrativ für Immobilienhaie, welche durch den Leerstand die Preise in die Höhe treiben lassen.

Anbieter wie AirBnB nehmen ebenso den Iren Wohnraum weg, da sich die Eigentümer neben einer hohen Gewinnspanne, nicht an das klassische Mietrecht halten müssen.  Vor allem Dublin, als Universitäts – und Sprachschulenstadt ist davon betroffen. Doch die von InsideAirBnB gelisteten 1300 Ferienwohnungen sowie 1100 Zimmer sind nur die Spitze des Eisberges.

In den Fängen der irischen „Marchands de sommeil“

Besonders schlimme Landlords sind im Sprachgebrauch unter dem Begriff Slumlords verpöhnt. Sie sind die irische Version der französischen „Marchands de sommeil“ (Schlaf-Händler). Diese Miethaie vermieten Zimmer mit sechs bis acht Betten für bis zu 450  Euros  pro Kopf. Meistens betrifft dies Menschen in prekären Situationen, welche nicht die Möglichkeit besitzen, sich zu wehren. Diese überfüllten Schlaf-Unterkünfte werden nicht von den Slumlords instand gehalten. Brandschutzmängel und Schimmel an den Wänden gehören zum Alltag.

Wer in solch einem dubiosen  Mietverhältnis landet, bekommt selten das vorgeschriebene Mietbuch ausgehändigt. In diesem müssen die Personalien des Eigentümers vermerkt sein, sowie eine Auflistung der vergangenen Mietpreise aufweisen. Es soll Mieter vor Willkür schützen, doch mangels einer rigorosen Umsetzung, wird diese Vorschrift in vielen Fällen missachtet. Die Betroffenen befinden sich dabei in einer Zwickmühle, da sie auf eine Unterkunft angewiesen sind und nicht immer die Möglichkeiten haben, ihre Recht geltend machen zu lassen.

Eine kleine Twitter-Umfrage der Dublin Central Housing Action welche sich für Menschen in Wohnungsnot einsetzt und Teil der TBYCDUblin-Bewegung („Take Back Your City Dublin“) ist, ergab das von 650 Befragten ganze 87 % kein Mietbuch erhalten hatten:

Slumlords und Miethaien entschlossen gegenübertreten

Slumleaks ein Kollektiv von Betroffenen hat sich unter dem Motif: „Exposing Irish Slumlords“ zusammengeschlossen und berichtet regelmäßig über Schikanen, Gewaltandrohungen und Vertreibungsaktionen durch gewissenlose Slumlords. Der Fall Paul Howard Tenant#1 gibt Einblicke in den Alltag des Miethaies Paul Howard:

Die sechs Mieter am Mountjoy Square in Dublin 1, befanden sich Ende letztens Jahres plötzlich auf der Straße, als sie sich am 13. Dezember aus ihrer Wohnung ausgeschlossen vorfanden. Der Eigentümer hatte das Schloss der Haustür ausgewechselt und ihre ganzen Habseligkeiten in Plastiktüten auf die Straße gestellt. Zuvor waren sie gegen ihren Vermieter vor Gericht gegangen. Der Zustand der Wohnung, mit einem kaputten Fenster und Schimmel an den Wänden, sowie die willkürliche Mieterhöhungen von 650 auf 750 Euros, war unerträglich geworden. Die im Winter stattgefundende Vertreibung, stuft Slumleaks als illegal ein.

So schilderte einer der Betroffenen von Mountjoy Square gegenüber Slumleaks folgendes über die Zahlung der Miete: „Jeden Monat sammeln wir unsere Miete ein und Paul Howard oder einer seiner Freunde kommt vorbei, um sie einzusammeln – Insgesamt 4200 € in bar. Manchmal verlangt er auch, dass wir die Miete direkt zu seinem Waschsalon in die Talbot Street 60 bringen.“

Dublins Antwort auf die Krise: #besetzen

„Homes not Hostels“ – Direct Action um auf Wohnmissstand aufmerksam zu machen. (Photo by: Opendemocracy)

Die Aktivisten der Graswurzel-Bewegungen bedienen sich Direct-Action-Methoden, um auf den Missstand aufmerksam zu machen. So gehören Plakatier und Banner-Aktionen, genauso wie regelmäßige Essensausgaben und temporäre Besetzungen zum Inventar der fest entschlossenen Aktivisten. Direct-Action, welches auch als Synonym für zivilen Ungehorsam verstanden werden kann, beschreibt die Möglichkeiten durch pazifistische Ansätze auf gesellschaftliche Probleme hinzuweisen und Debatten anzustoßen. Wie im Fall vom „Take Trinity Back“, einem Studentenprotest der im März ausbrach:

Die Leitung des Trinity Colleges hatte beabsichtigt, zusätzliche Kosten von 450 Euros für das Wiederholen von Prüfungen einzuführen. Daraufhin protestierten die Studierenden und besetzten die historische „Dinning Hall“ für drei Tage. Als die Besetzung aufgelöst wurde, kamen 1000 Studenten und bejubelten ihren Kommilitonen zu. Die Universitätsleitung schlug einen versöhnlichen Ton an und ließ von seinem Vorhaben hab. Die Besetzung des Universitätsgebäudes wirkte wie ein erster Windstoß, der sich auf die Straßen von Dublin ausbreiten sollte. Der Frühling war zu Ende, doch brodelte es bereits an anderen Ecken…

Dublin’s Beginn eines Sommers der Hausbesetzungen

Mai. Ein paar Blocks vom Mountjoy Square entfernt: Die Bewohner von fünf Häusern in der Summerhill Parade 33-39, Dublin 1, werden aus ihren Zimmern vertrieben. Diese welche sich mit bis zu zwanzig anderen Personen die Unterkunft pro Reihenhaus teilten und zu einem großen Anteil brasilianischer Herkunft sind, waren im Gespräch mit der Irish Times nicht in der Lage den Eigentümer der Häuser zu nennen. Die Bewohner wurden von verschiedenen Graswurzel-Initiativen unterstützt, darunter die „Dublin Central Housing Action“,“Take back Trinity“, „Brazilian Left Front“ und vier weiteren lokalen Bewegungen.

7. August – Aus Protest beginnen die Gruppen Summerhill Parade 35 zu besetzen und mit Ständen vor den Häusern auf auf die lokalen Wohnprobleme aufmerksam zu machen.

Bereits seit Monaten organisierte die Dublin Central Housing Action eine Facebook-Kampagne gegen Pat’ODonnel. Dieser und seinem Investement-Fond, der „Co Ltd Retirement and Death Benefit Plan“ – einer Pensionskasse von 67 Mitgliedern.  Gegenüber der Irish Times verneinte ein Sprecher Anfang August, dass den ODonnels die Grundstücke in der Summerhill Parade gehörten. Jedoch reichte Pat’ODonnel Mitte August, im Namen seines Pensionsfonds Klage gegenüber den Besetzern ein.

Im Video wird die Hausbesetzung offiziell verkündet. In einem Abschnitt fordert ein Aktivisten das Vorkaufsrecht der Stadt ein:

„Genug ist Genug.
Pat O’Donnel soll nicht weiter diese Häuser besitzen.
Mietpreissteigerungen, Räumungen, schlechte Wohnbedingungen, Menschen die in überfüllten Häusern auf Stockbetten untergebracht sind, die in Hostels und Hotels oder auf der Straße übernachten. Wir hören jeden Tag von Jemandem der von diesen Umständen betroffen ist.
Doch es gibt keinen wirklichen und bedeutungsvollen, politischen Willen die Wohnkrise anzugehen. Unsere Forderung ist es, dass die Immobilien von Pat’Odonnel an der Summerhil Parade von der Stadt gekauft werden und der lokalen Bevölkerung zur Verfügung gestellt werden.“

Den Worten wird kein Gehör geschenkt und zehn Tage später verlassen die Aktivisten in einem Demonstrationszug das Gebäude.

17. August – Das Gericht hatte die Räumung entschieden. 750 Meter und einige Straßenabbiegungen weiter, ziehen die Aktivisten der TBYC-Dublin   in einem Demonstrationszug daraufhin in ein leerstehendes Haus an der Frederick Street North 34. Dieses gehört einer Versicherungsfirma und steht seit drei Jahren leer.

25. August – Anlässlich des Besuches von Papst Franziskus in Dublin, rufen die Aktivisten einen Aktionssamstag aus, an dem das Haus ausschließlich von Frauen und Kindern besetzt ist. Dies verstehen die Aktivisten als Erinnerungsaktion, da in den Magdalenen-Wäschereien bis ins späte 20. Jahrhundert Alleinerziehende und ihre Zöglinge Zwangsarbeit verrichten mussten. Ein Volks-Trauma wofür sich der irische Staat erst in  2013 bei über 10.000 Personen entschuldigte.

Nach 25 Tagen – Die Räumung vor der Tür

11. September – Zwei Wochen zuvor hatte das Gericht abermals zu Gunsten der Landlords entschieden, doch das Haus blieb weiterhin besetzt. Immer mehr Menschen unterstützen die TBYCDublin. Als an einem Dienstag Abend gegen sieben Uhr  ein Sprinter ohne vorderes Nummernschild auftaucht. Vermummte Person treten aus dem Wagen und versuchen sich Einlass zum Haus zu verschaffen. Diese „privaten Sicherheitsleute“ werden später von der Gardai, der lokalen Polizei, abgelöst.

Fünf der Aktivisten werden auf rabiater Weise auf das Polizeirevier an der Store Street gebracht. Angaben der Zeitung Thejournal zufolge, welche ausführlich über die Räumung berichtete, kamen bis zu 100 Demonstranten vor dem Haus zusammen. Später verlegte sich die Demonstration vor das Polizeirevier, woraufhin drei der Aktivisten freigelassen wurden. Das Hausprojekt jedoch wurde beendet.

Aus Solidarität mit der TBYCDublin kam es in ganz Irland zu Hausbesetzungen, wie zum Beispiel in Waterford, wo Aktivisten eine 24-Stunden Besetzung eines leerstehenden Gebäudes der Stadt abhielten.

Marseille: Häusereinsturz fordert acht Tote

Marseille: Häusereinsturz fordert acht Tote

„Es ist ein Wunder, dass es nicht jeden Tag Unfälle in Marseille gibt“, sagt ein anonymer Experte des TGI (Tribunal de grande instance de Marseille) unter Anderem in Bezug auf die Vorkommnisse am 05. November 2018 im Stadtteil Noailles, Marseille gegenüber dem belgischen Nachrichtenmedium Le Vif. Dort waren am Vormittag zwei marode Häuser eingestürzt, und hatten acht Menschen in den Trümmern unter sich begraben. Die Türen des ersten Hauses, welches bereits seit 2008 als baufällig eingestuft wird, waren zwar verriegelt oder zugemauert, doch von Nachbarn wird vermutet, dass sich Hausbesetzer dennoch einen Zugang verschafft haben. Im zweiten eingestürzten Haus, aus dem schon im September diesen Jahres Brocken der Fassade herausgebrochen waren, befanden sich neun Wohnungen, bewohnt von Paaren und Familien. Doch diese Häuser sind bei Weitem nicht die Einzigen, die sich in einem bedenklichen Zustand befinden. Eine staatliche Untersuchung des Jahres 2015 hat ergeben, dass 40‘000 Häuser (was circa 100‘000 Bewohner betrifft) „ein Risiko für die Gesundheit oder die Sicherheit“ darstellen. Im Stadtteil Noailles gelten gar 48 Prozent des Baubestandes als heruntergekommen und menschenunwürdig.

Der Zorn der Bewohner nimmt zu, berichtet Stuttgarter Nachrichten. Einerseits auf die Hausbesitzer, die selbst bei längst überfälligen Sanierungsarbeiten nur das Allernötigste zu tun pflegen; andererseits auf die Stadtverwaltung, die bei Renovierungsarbeiten der Häuser sowie auch beim Sozialwohnungsbau keinen Finger rührt. Wie francetinfo.tv schreibt, haben am 14. November 2018 bei einem Protestmarsch mit etwa 8000 Demonstranten Bürger, soziale Organisationen und Interessenverbände der Opfer gedacht. 

Der Mangel an Sozialwohnungen sei es auch, was viele Menschen dazu zwänge, in baufällige Häuser zu ziehen, meint Florent Houdmon gegenüber Le Vif, der sich für die Stiftung Abbé Pierre im Grossraum Marseille gegen Armut und Wohnungsnot einsetzt. Solche Zustände gäbe es nirgendwo sonst in Frankreich. Dass ausgerechnet die Häuser der Armen einstürzen, sei kein Zufall, dessen ist sich auch der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon von France Insoumise sicher, wenn er die Gedanken zahlreicher Bewohner Marseilles ausspricht.

Eine technische Erklärung für die Einstürze könnten die Tage zuvor aufgetretenen Regenfälle sein, welche auch für die Risse in den Wänden und eine nicht mehr in den Rahmen passende Haustür verantwortlich gemacht werden. Dennoch erklärt dies nicht die fehlende Umsetzung des bereits 20 Jahre zuvor beschlossenen Grundsatzes zur Sanierung, wie Patrick Lacoste von der Bürgerinitiative „Ein Stadtzentrum für alle“ gegenüber Le Vif klar stellt. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung. Jean-Claude Gaudin, seit 1995 Bürgermeister von Marseille, der aufgrund der Vorkommnisse stark kritisiert wurde, gab am Sonntag danach erstmals zu, nicht genug getan zu haben im Kampf gegen die heruntergekommenen Wohnverhältnisse. Einsicht als erster Schritt zur Besserung? Es wird sich zeigen. Bleibt zu hoffen, dass dieser Vorfall ein einmaliges Exempel bleibt, welches die Stadtverwaltung zum Handeln bringt.

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