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Gesellschaftskritik im Streetart in Frankreich

Gesellschaftskritik im Streetart in Frankreich

Gesellschaftskritik im Streetart in Frankreich. Verschiedene Künstler trafen 2019 zusammen, um gesellschaftskritisches Streetart zum Kontext der Gilets Jaunes zu gestalten. Die Bewegung der französischen Gelbwesten hat 2018 das Land überrumpelt und eine Fraktur in der Gesellschaft zutage gebracht. Ein Jahr später nutzte die Graffiti und Streetart-Szene die Gelegenheit, „der Straße eine Stimme zu verleihen„. Und so war der Andrang groß, als das Black-Lines Kollektiv im Mai des darauffolgenden Jahres zur Jam einlud. Die entstandenen Straßenkunstwerke – inzwischen lange vergangen – gingen auf die Probleme in der französischen Gesellschaft ein. Urbanauth hat für euch in diesem Kontext eine Perle gesellschaftskritischer urbanen Kunst analysiert.

Spätestens ab den urbanen Unruhen vom 1. Dezember 2018, solidarisierte sich ein Teil der französischen Bürger mit der Sozialbewegung. Benzinsteuer, Bürgerreferenden, Überwachung, Polizeigewalt und französische Medienlandschaft: zu kritisieren gab es genug. Raumaneignung und Graswurzel-Protest war die Antwort. Die Raumaneignungsprozesse waren vielfältig. Sei es bei unangemeldeten Demos mit bunten Schildern, Verkleidungen und Schriftzügen auf den gelben Westen – oder Taggs an den Wänden und brennendem Mobiliar auf dem Boulevard.

Die Zusammenkunft der Künstler aus der Graffiti- und Streetart-Szene fand im Mai 2019 statt. Auf der 300 Metern langen Graffiti Hall of Fame von Paris an der Rue Ordener wurde ordentlich gemalt! Urbanauth gibt euch eine Interpretation der (bereits vergangenen) Straßenkunstwerke!

Gesellschaftskritik im Streetart: „Black Lines“ interpretiert die Gilets Jaunes Bewegung

Gesellschaftskritik Streetart, Bild Mikrowelle mit Möhren, Schriftzug "Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Info, kein Gerücht!" Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
Eine Frau läuft mit ihren Einkäufen die Graffiti Hall of Fame von Paris an der Rue Ordener entlang. Auf der Mikrowelle ist es 13:12 Uhr. Möhren mit Namen der großen kommerziellen schmoren, während der Schriftzug besagt: „Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Information und kein Gerücht!“ (Foto: Urbanauth / VGO / 2019)

Zu Beginn des Jahres hatte Black Lines bereits eine erste lange Wand mit verschiedenen Künstlern gestaltet. Damals war das Leitthema „Hiver jaune„, welches gelber Winter bedeutet. Jedoch reagierte die Verwaltung des 19. Bezirks der Stadt schnell und ließ die Wand grau überstreichen. Eines der Bilder, welches damals Polemik schürte, war die Freske des Boxers Christophe Dettinger, das von dem Künstler Skalp realisiert wurde. Dettinger hatte auf einer Brücke in Paris die Polizei mit Fausthieben zurückgedrängt.

Das aussprechen, was Graffiti nicht schreibt: Gesellschaftskritik im Streetart

Wer wird sich hier verbünden? Das Streetart-Werk erinnert von der Komposition an die Öl-Malerei des letzten Abendmahles. (Foto: Urbanauth / VGO / 2021)

Die Handlung von der Stadt wurde von den Kunstschaffenden als Zensur wahrgenommen. Klar, dass sich dies die Künstler nicht gefallen ließen. In der Freske von Monsieur Plume /RC/OTM versammeln sich schwarz verhüllte Gestalten um einen Tisch, auf welchem ein rotes Buch liegt, nach dem eine Person zu greifen scheint. Die Gruppierung schwarz vermummter Gestalten geben den Anschein, als ob eine Verschwörung im Gange ist. Zum linken Rand liegt eine vereinzelte Sprühdose auf dem Tisch, während auf der anderen Seite ein Vermummter mit Schläger neben einer stehenden Person sitzt, die das Wort ergreift. Worüber diese Personen diskutieren ist nicht zu erfahren.

Das Straßenkunstwerk erinnert von der Komposition sehr an das letzte Abendmahl. Konspirativ und mysteriös schweigen diese Gestalten und sind seitdem auch schon vergangen, von unzähligen neuen Graffitis überdeckt. Dafür hebt sich ein leitendes Thema der Black-Lines Edition deutlich ab: Zensur und Meinungsfreiheit. Im folgenden mit dabei: Slyz, Bricedu, Torpe und Vince

Gesellschaftskritik im Streetart: Die Medienkritik

  • Gesellschaftskritik Streetart, Kind posiert vor Straßenkunstwerk "Autozensur" von Vince, Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart, Zwei Hände, Rotes Schild, Schriftzug "Autozensur", Medienkritik, Hall of Fame Rue Ordener Vince, zehn Meter lang Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart Weitaufnahme Streetart-Werk von Vince "Autozensur" "Garantiert ohne Barbara Streisand Effekt" Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart, Bild Mikrowelle mit Möhren, Schriftzug "Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Info, kein Gerücht!" Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart Schriftzug ""Möge die Macht mit den nächsten Generationen sein" Künstler Barth le Sablier, Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart, Fernsehkritik, Shriftzug "Gesehen im Fernsehen", "Fabrik des Konsens" "dreimal effektiver", Rand der Freske Autozensur von Künstler Vince Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,

In dem Meisterwerk des Pariser Sprühers Vince halten auf einer zehn Meter langen Fläche zwei Hände ein rotes Schild, auf dem „Autozensur“ geschrieben steht. Der Satz darunter besagt: „Diesmal wird es die Stadtverwaltung nicht wegmachen…„. Und spielt damit wohl auf die Aktion der Stadtverwaltung an, als die letzte Black Lines Zusammenkunft grau übermalt wurde. Unten rechts liest sich sarkastisch:Angereichert an sozialer Kontrolle„. In der Bildserie ist die vollständige Größe der Freske zu sehen. Oben steht dabei: „Garantiert ohne Barbara Streisand Effekt„.

Beim Barbara Streisand Effekt handelt es sich um eine unerwünschte Information, deren Vertuschungsversuche nur dazu führen, dass die Information umso bekannter wird. Dieses Effekts bedarf es dabei bei diesem Kunstwerk nicht, denn: die Passanten reagierten alles andere als gleichgültig. Sie nutzten die Gelegenheiten, mit dem Straßenkunstwerk ein Selfie zu machen.

Straße mit Passanten an der Graffiti Hall of Fame von Paris / Rue Ordener, im Norden der Hauptstadt, 18. Bezirk, HipHopcity, 1SEAt Graffiti, MDC Graffiti, VO Graffiti,
So sieht die Graffiti Hall of Fame von Paris an der Rue Ordener normalerweise aus: viele Blockbuster-Graffiti und Alteingesessene. Denn auch wenn an der Hall of Fame Rue Ordener das Sprühen erlaubt ist, so sind die Flächen in erster Linie den alten Crews (TPK, KO, UV, ABC, CKT) vorbehalten. (Foto: Urbanauth / VGO / 2021)

Das Verhalten der Medien gegenüber der Sozialbewegung wurde mehrmals kritisiert. Zwischen Sensations-Journalismus und kommerziellen Interessen. Der französische Mediewatchblog Acrimed bringt jedes Jahr in Zusammenarbeit mit der Zeitung „Le Monde diplomatique“ eine Karte der Medien heraus. Darin klären sie über die Inhaberschaften und Vernetzungen der Medienhäuser auf.

„Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Info, kein Gerücht!“

„Les Medias vivent quand la rue meurt. C’est une info, pas une rumeur !“ – gesellschaftskritische Streetart-Freske Black-Lines Jam 2019

Gesellschaftskritik im Streetart: die französische Medienlandschaft

Gesellschaftskritik Streetart, Bild Mikrowelle mit Möhren, Schriftzug "Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Info, kein Gerücht!" Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
Eine Frau läuft mit ihren Einkäufen die Graffiti Hall of Fame von Paris an Rue Ordener entlang. Auf der Mikrowelle ist es 13:12 Uhr. Möhren mit Namen der großen kommerziellen schmoren, während der Schriftzug besagt: „Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Information und kein Gerücht!“ (Foto: Urbanauth / VGO / 2019)

Gesellschaftskritik im Streetart: Medienkritik. Die Frau auf dem Bild läuft an einem in dünnen schwarzen Linien gesprühten Fernseher vorbei. Ein Timer zeigt die Ziffern 13:12 an, während Drähte an der seitlichen Schale zu Dynamitstangen führen. Im Gerät liegen drei Karotten mit Namensschildern darunter: Eine für TF1, welche der Gruppe Bouygues gehört; eine andere für CNEWS, die in Verbindung zur Gruppe Bolloré steht; und die letzte geht an BFM(-TV). Diese drei Fernsehsender gehören privaten Investoren. Mit darunter versammelt die Crème de la Crème der französischen Wirtschaftselite: Vincent Bolloré, Martin Bouygues

Nicht umsonst skandiert ein Schriftzug auf der oberen Seite: „Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Info. Kein Gerücht!„. Denn an den Krawall-Samstagen des 1., 8. Dezember 2018 und 16. März 2019 gingen die Zuschauerzahlen bei den Fernsendern durch die Decke. Es gilt anzumerken, dass dabei nicht alle Medien gleich unbeliebt sind. So haben die Gilets Jaunes Respekt vor unabhängigen Journalisten und Formaten. Die Sozialbewegung zeigte sich immer wieder solidarisch mit Journalisten, welche von staatlicher Seite eingeschüchtert wurden. Wir berichteten darüber.

Gesellschaftskritik im Streetart in Frankreich, Black Lines stellt die Frage: Was wird aus der Meinungs- und Pressefreiheit?

Das Straßenschild „Platz der Meinungsfreiheit„, einem aufgeklebten Poster, ist auf dem linken Bild von Stacheldraht umgeben. Zwei Überwachungskameras deuten dabei sinnbildlich auf das Schild. Währenddessen hält ein kleiner, schelmisch lächelnder Bär darunter sitzend eine Granate in der Hand. Wann diese wohl in die Luft geht?

Bei der Guillotine, einer Erfindung aus den Zeiten der Französischen Revolution, handelt es sich um ein Fallbeil, mit dem unter anderem der König Ludwig XVI geköpft wurden. Dieses ist im linken Bild auf einen Bleistift gerichtet, auf dem der Name des veranstaltenden Vereins steht. Während die erste Graffiti-Jam unter dem Motto: „Gelber Winter“ von der Stadtverwaltung grau überstrichen wurde, liegt der Fokus dieser Jam auf der Meinungsfreiheit.

Die Künstler wurden in ihrer Ehre angegriffen – doch nicht nur vonseiten der Graffiti-Szene ist die Unzufriedenheit spürbar. In einem offenen Brief Anfang Mai 2019 rief das Kollektiv YellowSubmarine dazu auf, sich mit sozialen Protestbewegungen der Gilets Jaunes zu solidarisieren und nicht vor den Gewalttaten wegzuschauen. Das Kollektiv besteht aus Künstlern verschiedener Disziplinen. Ihre Petition verzeichnete über 27.000 Unterschriften.

Gesellschaftskritik im Streetart: Gilets Jaunes und Polizeigewalt

„Die Sprüher holen die Farbdosen – Der Staat den Kärcher“

„Les graffeurs sortent les bombes – l’état sort le Karcher.“ by Slyz, Black-Lines Jam 2019

Der Künstler Slyze (rechts) spricht mit seinem Bild unter der Vorlage von Bsaz, die Polizeigewalt an. Auf diesem Straßenkunstwerk an der Hall of Fame ist ein Polizist zu sehen, welcher mit einem Knüppel auf einen Demonstranten einzuschlagen scheint. „Resistance“ steht auf seinem Rücken geschrieben. Die rote Banderole im Hintergrund, welche sich vor schwarzen Rauchschwaden emporhebt, sagt aus: „Die Sprüher holen die Farbdosen raus“ – Ein Aufruf, die Stadt in Farbe zu tauchen, und zivilen Ungehorsam zu zeigen? Auf dem unteren Schriftzug steht: „Der Staat holt den Kärcher raus„.

Fakt ist, dass Putzkolonnen in den Stunden nach den Großdemonstrationen den öffentlichen Raum aufräumen. Am nächsten Tag verschwinden dabei bereits die ersten Taggs von den Wänden und Holzabschirmungen der Geschäfte und bilden Flickenmuster. Manche Straßenzüge werden dabei so sauber gehalten, dass binnen einiger Tage bereits alle Spuren ausdruckshafter Raumaneignungen verschwinden. Den Kärcher konnte Urbanauth dabei am Sonntag nach dem 16. März in Aktion sehen, als Arbeiterkolonnen die Schäden an den Champs-Elysees im Eiltempo zu reparieren versuchten.

Gesellschaftskritik im Streetart: Die Debatte über Gewalt

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Gesellschaftskritik im Streetart: Eine Frau mit einer Fahne wird von Journalisten belästigt, die wissen wollen, ob sie die Gewalt im Zusammenhang mit der Gelbwestenbewegung kritisiert. Die Frau stellt die Ikone „Marianne“ dar, dem französischen Symbol der Revolution.

Auf dem linken Bild ist das Abbild einer Marianne zu sehen, welches von dem Künstler Torpe gestaltet wurde. Die Marianne ist eine Symbolfigur der Französischen Revolution. Das Gesicht grimmig, in einer Hand die französische Flagge und in der anderen ein Gewehr haltend, findet sie sich von Journalisten umringt. Geradezu verurteilend scheinen sie, wie sie fragen: „Die Gewaltausschreitungen, Verurteilen Sie sie?“ „Also die Gewalten, verurteilen sie die?„Verurteilen Sie die Gewalt„.

Dieses gesellschaftskritische Werk kann auch als Interpretation des öffentlichen Druckes auf die Demonstranten verstanden werden. Die freiheitsliebende Marianne gerät in Bedrängnis und hat sich vor den Medien für die Gewalt zu rechtfertigen. So kommt ihrer Meinung nach die schwerste Gewalt vom Staat selbst, in Form von physischer Gewalt: während den Demos oder in den Vororten, aber auch in psychischer Form: Wie etwa bei Kürzungen von Sozialhilfen, der Rente oder der Schließung von öffentlichen Institutionen und privaten Unternehmen. Dies führt zu der Wahrnehmung des „Ungehöhrt-Seins“ vonseiten der Politik.

Gewalt während der Sozialbewegung der Gilets-Jaunes: Eine kleine Fotoserie

Die all samstäglich wiederkehrende Gewalt auf den Demonstrationszügen ist ein großes Thema unter den Anhängern der Gilets-Jaunes-Bewegung. Um im Folgenden einen besseren Einblick in die gesellschaftskritischen Kunstwerke erhalten, eine kleine Fotoserie:

Die Gewalt, welche sich auf beiden Seiten abspielte, zeigt eine tiefe Fraktur in der französischen Gesellschaft.

Der unabhängige Journalist David Dufresne, welcher Zeugenaussagen und Videomaterial zur Polizeigewalt seit dem Beginn der Gilets-Jaunes Bewegung sammelt, kommt Ende Mai 2019 auf nicht weniger als 803 Verstöße. Und seitdem kamen immer wieder neue Fälle hinzu. Ende 2019 wird der französische Staat von 2500 verletzten Demonstranten während den Unruhen der Sozialbewegung sprechen.

Da ist aber jemand wütend: 600 Milliliter Neongelb ins Gesicht.(Urbanauth / 2019)

Und auch der Künstler, bei dem es sich möglicherweise um Koz1 handelt, scheint die Geduld mit dem Staat verloren zu haben. So stopft in Hip-Hop Kleidung sein wütender Affe einem karikaturesken Präsidenten eine 600- Milliliter High Pression-Sprühdose in den Mund. Natürlich in Neongelb. Das fetzige GJ„-Graffiti im Hintergrund, die Initialen der Bewegung. Auf der vom malträtierten Staatsmann weg-wehenden Krawatte steht: „Kunst ist öffentlich. Marsch zurück. Das „En marche arrière“ nimmt dabei Gegenstellung zum Namen der regierenden Partei: „La République en marche“ (/LREM), welches näherungsweise mit „Die Republik in Bewegung“ übersetzt werden kann. Eine Ansage, die möglicherweise in Bezug zu den Kürzungen im Budget von Bildung und Kultur, sowie einer Degradierung der Arbeitsbedingungen in verschiedenen Arbeitssektoren zu tun hat.

Aber…

Jemand hat noch ein Wort mitzusprühen

Graffiti? Gilets Jaunes? – Okay

Aber hier? – Falsche Adresse

TPK, unter anderem bekannt als „The Poor Kids“ oder „The Psychopath Killers“ – eine der berüchtigtsten Graffiti-Crews der französischen Hauptstadt, waren nicht so ganz einverstanden mit Black Lines. Die Crewmitglieder: „Relax, Craze, Eby, Keas, Blod, eyone, Knyze, casos“vzeigten das wenige Tage später nach der Veranstaltung. Die Hall of Fame an der rue Ordener ist dafür bekannt, den alteingesessen Sprüher-crews zu gehören. Greenhorns und Fremde sind unerwünscht. Auch, wenn die Graffiti-Szene der Gilets-Jaunes Bewegung Nahesteht. Und die Stadt für sie samstäglich zum Spielplatz wurde, so sind die Wände an der Rue Ordener von hoher Bedeutung für die eingesessenen Crews. Thematisch passend wird dabei im ersten Bild in Gelb und nachlässigem Buchstabenstil über das Werk gesprüht. Die verschonte Botschaft besagt: „Die Revolution ist die Offenbarung eines Horizonts“.

  • Gesellschaftskritik Streetart crossed, dogged, toyed Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart vollgetaggt mit Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart, Fernsehkritik, Shriftzug "Gesehen im Fernsehen", "Fabrik des Konsens" "dreimal effektiver", Rand der Freske Autozensur von Künstler Vince Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,

Auf dem zweiten Bild ist die Aussage des Künstlers Adam Yuul ebenfalls erspart geblieben. In roter Schrift warnt er vor drei Epidemien: Castagnitis, Rugyole und Penicose. Die erste ist auf Christophe Castagner, seines Zeichens Innenminister und Parteivorsitzender der LREM bezogen, während mit Francois de Rugy der Umweltminister und Muriel Pénicaud die Arbeitsministerin bezeichnet werden. Im Zusammenhang mit den Forderungen: Inneres – man denke an die Polizeigewalt und provisorischen Gewahrsame sowie Überwachung. Ökologie – welche Macron in seinem Wahlprogramm bewarb, ohne Erfolge vorzuweisen. Arbeit – eines der Grundmotive für die Entstehung der Gilets Jaunes ist die sinkende Kaufkraft in Verbindung mit den Löhnen und großen strukturellen Unterschieden im Land. Die Freske kann dabei als Kritik an den politischen Entscheidungen mancher Amtsträger verstanden werden, weswegen der Künstler abschließend warnt, nicht ohne die gelbe Weste aus dem Haus zu gehen.

Mit einem tollen Endergebnis hat das Black-Lines Kollektiv Gesellschaftskritik im Streetart bewiesen. Die Sozialbewegung der Gilets-Jaunes (2018-2019) offenbarte eine tiefe Fraktur in der Gesellschaft, welche die verschiedenen Künstler auf schöner Weise interpretiert haben. Black-Lines hat im Anschluss zu der Jam an der Graffiti Hall of Fame von Paris, Rue Ordener weitergemacht. Doch was sie noch zu sagen haben, gibt es wann anders zu erfahren.

Anmerkung: Die Schriftzüge und Zitate auf den Wänden wurden frei übersetzt und an das Deutsche angepasst. Die Bildinterpretation ist nur eine von mehreren möglichen Betrachtungswinkeln.

Weekly Urbanauth 42: Londons Crossrail Projekt und weiterhin Unruhen in Hongkong

Weekly Urbanauth 42: Londons Crossrail Projekt und weiterhin Unruhen in Hongkong

Die wichtigsten News auf einen Blick mit unserer halbmonatlichen Presserevue. Diese Woche (KW42): Von Japans Tempelschätzen über den Riba Stirling Preis und der Verzögerung des Londoner Crossrail-Projektes bis zur Entscheidung der USA Hongkong mit einem Gesetz zur Erhaltung der Autonomie zu helfen. Die wichtigsten, urbanen Nachrichten halbmonatlich im Weekly Urbanauth.

Einblicke in Japans Tempelschätze

Wer nach Japan reist und keine Lust auf große Menschenansammlungen à la Metropolregion Tokyo hat, dem bieten sich selbst in heutiger Zeit ruhigere Alternativen: Die englische Onlinezeitung BBC beschreibt, wie auf den Spuren des legendären Mönches Kukai jahrhundertealte Pilgerwege beschritten und Tempel besucht werden können, die schon seit dem 9. Jahrhundert Stätten spiritueller Erfahrungen waren. Den Ort, den Kukai ursprünglich als Zentrum auserkoren hatte, ist heute Teil eines 307 km langen Pilgerwegnetzes und liegt in der Präfektur Wakayama beim Koya-san (Berg Koya). Koya-san ist zwar kein Geheimtipp, beherbergt der Ort doch jährlich 2 Millionen Gäste. Doch fühlt es sich vor allem auf dem Okunoin, der größten Grabstätte Japans, wie ein Schritt zurück in vergangene Zeiten an. Wer dem Touristenstrom entkommen will, dem wird ein nächtlicher Besuch empfohlen. Dann erhellen nämlich tausende von Kerzen die tinten-schwarze Dunkelheit.

Vom Unterschied einer Schule in der Banlieue zu einer im Zentrum von Paris…

Wenn das Henri-IV wäre, würde es nicht so ablaufen.“ – So beginnt der provokante Titel des Artikels von FranceInfo, welcher sich mit dem Lycee Romain-Rolland in der Pariser Banlieue von Ivry-Sur-Seine befasst. Die Schule wurde vorübergehend von den Schülern blockiert, nachdem ein Video einer Polizeikontrolle in der Nähe der Einrichtung auf Twitter von dem Collectif Romain Rolland veröffentlicht wurde. Die Referenz an das Lycée Henri-IV innerhalb von Paris macht den Vorwurf einer ungleichen Behandlung in einem Wertesystem, welches Gleichheit propagiert.

Regelmäßige Polizeikontrollen auf dem Weg zur Schule sind dabei ein Phänomen, welches besonders Vororte von französischen Metropolen betrifft. Die Realitäten zwischen Schülern aus den Vororten und denen aus den wohlhabenden Teilen unterscheiden sich dabei stark. Genauso wie die Behandlung und Betreuung.

So reichte 2017 eine Lehrerin aus dem Bundesgebiet Seine Saint Denis (93) eine Klage ein, da bei der Rückkehr von einem Schulausflug drei ihrer Schüler im Nordbahnhof kontrolliert wurden. Auch die Bilder aus Mantes-la-Jolie von 2018 sind noch frisch. An einem Dezembertag mussten sich die Schüler der Schule Saint-Exupéry wie Gefangene mit hinter den Köpfen verschränkten Armen, vor der Polizei auf den Boden knien. An dem Tag war es in dem Sektor zu Ausschreitungen gekommen, während denen unter anderem zwei Fahrzeuge angezündet worden waren. Die Kluft über den unterschiedlichen Umgang der Polizei mit Bewohnern aus Vororten vertieft sich beständig. Angesichts der schwerwiegenden Fragen über die Einhaltung der Gleichheit und dem Recht auf Entfaltung in einer sicheren Umgebung für Schüler, insbesondere da dies schutzbedürftige, minderjährige Personen im schulpflichtigen Alter betrifft, ist eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Thematik von Wichtigkeit.

Diesjähriger Riba Stirling Preis geht an Sozialbau-Siedlung in Norwich

Der diesjährige britische Riba Stirling Preis geht an die Gemeinde von Norwich im Osten Großbritanniens. Die englischsprachige BBC berichtete über den Preis, der einmal im Jahr vom Royal Institute of British Architects vergeben wird. Geehrt für ihre herausragende Arbeit wurde das Architektenbüro Mikhail Riches. Die Siedlung mit dem Namen Goldsmith Street beherbergt 100 Wohneinheiten und besteht hauptsächlich aus zweistöckigen Reihenhäusern und größeren Modellen, welche Wohnungen beinhalten. Mit dem Passivhaus-Siegel versehen, steht die Siedlung für energieschonenden Umgang mit Ressourcen und zugleich hohem Komfort für die Ortsansässigen. Als Materialien wurden cremefarbene Ziegel sowie schwarz-glänzende Dachpfannen benutzt. Über ein passives Solarsystem, welche die Sonnenenergie in Bauelementen wie den Ziegeln speichert, sollen die Kosten für Energie 70 % niedriger sein als der Durchschnitt.

London: Milliardenschweres Crossrail-Projekt verzögert sich

Mit bereits 130 Millionen investierten Arbeitsstunden handelt es sich beim Londoner Crossrail-Projekt um das derzeit europaweit grösste Infrastrukturprojekt, wie das englische Onlinemedium CNN berichtet. Besonders an der neuen Strecke ist, dass die auf einer Linie befindlichen Stationen alle durch dasselbe Verkehrsmittel miteinander verbunden sind; dies war bisher nicht der Fall. So werden neu 10 Minuten eingespart, um vom Flughafen Heathrow ins Zentrum Londons, der Tottenham Court Road, zu gelangen. Der 2009 angefangene Bau der Elizabeth Line sollte ursprünglich im Dezember 2018 fertig sein. Doch sorgten laut Judith Ward, Betriebsleiterin der Institution Railway Signal Engineers (IRSE, der internationalen Organisation für Fachleute, die in der Eisenbahnsignaltechnik und -kommunikation tätig sind), einerseits die enorme physische Grösse des Projekts, andererseits aber auch die grossen Mengen an Technik, die darin steckt, für Verzögerungen. Nebst den 42 km neuer Tunnelstrecke, kommen 70 neue Züge hinzu, welche an drei verschiedenen Signalanlagen arbeiten, 50 km Kommunikationskabel sowie 41 neue und modernisierte Bahnhöfe. Nun soll die Strecke, welche erheblich zur Entlastung der Londoner U-Bahn beitragen wird, bis Ende 2020 / Anfang 2021 fertiggestellt werden.

17.2 Milliarden Euro hätte das Ganze kosten sollen; mit der Verspätung sind die Zahlen nach oben geschossen. Mittlerweile liegt der Kostenpunkt bei 20.5 Milliarden Euro, was von Politikern, Regulationsbehörden und Londonern gleichermassen mit Frustration aufgenommen wurde. Des Weiteren hat das riesige Bauprojekt sichtbare Spuren in der Stadt hinterlassen. Dies vor allem um die Tottenham Court Road und Soho herum, wo das berühmte Astoria Theater für einen neuen Bahnhof abgerissen wurde.

Howard Smith, Betriebsleiter bei Transport for London (TfL), meint jedoch, dass es keinen Sinn ergäbe, die Linie zu eröffnen, wenn sie noch nicht ganz fertig und getestet sei. Es brauche eben Zeit. Auch ist er sich sicher, dass die überwältigenden Vorteile der Elizabeth Line dafür sorgen würden, dass die Verzögerungen vergessen werden.

Geht die Rechnung mit dem neuen Flughafen Berlins auf?

Wenn alles klappt, wie es klappen sollte, dann geht der Flughafen Berlin BER in einem Jahr in Betrieb. Wenn das der Fall ist, dann haben Berlins Steuerzahler insgesamt 1.08 Milliarden Euro für den Bau ausgegeben, so der Tagesspiegel.

Beim grössten Bauskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte gibt es augenscheinlich trotz allem ein paar gute Neuigkeiten. Als erstes sei die Botschaft zu nennen, dass im Businessplan der Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg steht, dass ab 2024 mit positiven Jahresüberschüssen zu rechnen sei. Ebenfalls müssen die Steuerpflichtigen voraussichtlich ab nächstem Jahr nicht mehr in ihre eigenen Taschen greifen. Wenn alles gut geht.

Das erste Finanzierungskonzept von 2004 sah Kosten von lediglich 1.983 Milliarden Euro vor – die Umplanung und Erweiterung des BER-Terminals sowie die auftretenden Probleme mit der Brandschutzanlage und Verkabelung machten dem Plan jedoch einen Strich durch die Rechnung. Laufend verschobene Eröffnungstermine, Bauprobleme sowie das teure Schallschutzprogramm taten ihr Übriges. Insgesamt belaufen sich die Kosten inzwischen auf 5,932 Milliarden Euro.

Hongkong: Entspannung der Lage durch Gesetz der USA in Sicht?

Das Repräsentantenhaus der USA verabschiedete am 15.10.19 ein Gesetz zum Schutz der Menschenrechte und der Demokratie in Hongkong.
Das Gesetz soll verhindern, das China international anerkanntes Menschenrecht in Hongkong missachtet. So sollen laut des Gesetzesentwurfes die Vereinigten Staaten jährlich überprüfen, ob Hongkong seinen Sonderstatus -wie in deren Grundgesetz festgelegt- noch innehat oder China zu sehr in die Geschicke des Landes eingreift. Falls die Autonomie in Hongkong zu sehr untergraben wird, schreibt das Gesetz wirtschaftliche Sanktionen seitens der USA gegenüber China vor. Der Senat und Präsident Donald Trump müssen dem Gesetz noch zustimmen, bevor es rechtskräftig wird.

Chinas Regierungssprecher Geng Shuang kündigte Widerstand gegen das Gesetz zur Kontrolle der Demokratie an. Mit diesem Vorgehen ernten die USA großen Zuspruch unter den Demonstrierenden in Hongkong, da das genau die Hilfe ist, die sie sich erhofft hatten. Die Beziehung zu China und den Handelskrieg der beiden Großmächte dürfte es jedoch kaum entspannen.

Proteste eskalieren weiterhin

Auch vergangenes Wochenende ist es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstrierenden gekommen. Die Behörden benutzten Wasserwerfer mit spezieller Farbe, um Menschen für spätere Festnahmen zu markieren. Die Protestler trugen oftmals -trotz Vermummungsverbot- Masken und attackierten eine Polizeiwache mit selbstgebauten Benzinbomben.

Die pro demokratische Bewegung ist wütend über Angriffe auf deren Sympathisanten bei vergangenen Demonstrationen. So wurde ein Mann von mehreren mit Hammern bewaffneten Individuen überfallen und ein Anhänger mit einem Messer attackiert.

Wenn die Polizei mit Tränengas… auf die Feuerwehr schießt

Am 15. Oktober kam es zu grotesken Szenen in Paris, als Angehörige der Polizei der Compagnie Republicaine de Sécurité Tränengasgranaten und Wasserwerfer gegen protestierende Feuerwehrleute benutzten. Diese kamen in der Nähe von Nation, im Osten von Paris zum Einsatz, sowie während dem Versuch der Demonstrierenden die Ring-Autobahn, den Périphérique zu blockieren. In dem Video von CLPresse sieht man den Einsatz von pyrotechnischem Material und den Bau einer Barrikade durch die Feuerwehr während dem Demonstrationszug von République bis Nation. Der Einsatz von Tränengas und Wasserwerfer durch die Polizei wirkt skurril, da diese beiden Berufsstände normalerweise eng zusammenarbeiten. Ein Feuerwehrmann aus der Essonne (91) nennt im Interview mit einem Videojournalisten dabei Grigny 1 und Grigny 2 als Referenz, wo während urbanen Unruhen die Feuerwehr Seite an Seite mit den Polizeikräften stand. 

Nebst mehr Mitteln fordert der Berufsstand eine Revalorisierung der Brand-Prämie, welche sich seit 1990 nicht mehr bewegt hat. Die große Demonstration in Paris folgt auf Monate des Streiks in gewissen Regionen wie im südlichen Tarn oder dem östlichen Doubs, die von Ende Juni bis ungefähr September andauerten.

Dieser Artikel ist in Englisch und Französisch verfügbar.

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Weekly Urbanauth 38: Die Gilets zurück in Frankreichs Straßen und Pekings Bauboom

Weekly Urbanauth 38: Die Gilets zurück in Frankreichs Straßen und Pekings Bauboom

Die wichtigsten News auf einen Blick – Unsere halbmonatliche Presserevue der Kalenderwoche 38. Diese Woche: Von Pekings Seestern-förmigen Flughafen zu seinem höchsten Wolkenkratzer und den Urban Design Awards in Toronto. Außerdem: ein Bild auf die Familien, welche im August den Parc de la Villette in Paris besetzten und eine Rückkehr der Gilets-Jaunes in Frankreich zum Acte 45. Unsere Zusammenfassung der wichtigsten, urbanen Nachrichten.

Einen Blick in Pekings Bauboom

Einem Bericht der nordamerikanischen Nachrichtenseite CNN zufolge, soll Pekings neuester Flughafen im September fertiggestellt sein. Der Internationale Flughafen Peking Daxing wurde in Kooperation mit chinesischen Partnern von der inzwischen verstorbenen Architektin Zaha Hadid entworfen. Von der Architektur an der Form eines Seesternes angelehnt, liegt der neue Flughafen im Süden von Peking. Bis 2025 soll dieser dabei bis zu 72 Millionen Passagiere – so viel wie der Flughafen Paris Charles de Gaulles und zwei Millionen Tonnen Güter verfrachten können. In 2014 begonnen, belaufen sich die Baukosten auf über 10 Milliarden Euro. Der Bau des Flughafens reiht sich dabei in die chinesischen Ambitionen ein, bis 2020 ihre Flughäfen zu modernisieren und 720 Millionen Fluggäste zu transportieren.

Zusätzlich zu diesem riesigen Bauprojekt berichtete CNN von einem weiteren Riesen, der die urbane Landschaft Pekings überragt: Dem Citic Turm, der lokal als China Zun bekannt ist. Die Form des Gebäudes soll an Chinas Vergangenheit anknüpfen und zugleich „für den Aufbruch Chinas in eine neue Ära“ stehen. Der Auftraggeber ist die Citics Group, ein staatliches Unternehmen welches Investmentfonds verwaltet und der diverse Tochterunternehmen im Finanzsektor gehören. Die Grundform wurde dabei vom Peking Institut für Architektur Desgin mithilfe des britischen Architekturbüros TFP Farewells entwickelt, wobei das schlussendliche Design von Kohn Pedersen Fox (KPF) realisiert wurde. An einem zeremoniellen Weingefäß angelehnt, welches bis auf die Bronzezeit zurückgeführt werden kann, ist er mit seinen 528 Metern Höhe Pekings größter Wolkenkratzer.

Preisverleihung für die Urban Design Awards in Toronto

Die Online-Nachrichtenseite Urban Toronto berichtete über die Vergabe der Toronto Urban Design Awards (TUDA) in Kanadas größten Metropole. Die Preisverleihung fand im Palais Royale unter Anwesenheit des derzeitig amtierenden Bürgermeister John Tory statt. Ausgezeichnet wurden dabei innovative Projekte in vielen Bereichen der Architektur. Die Kategorien reichen dabei von Kunstinstallationen im öffentlichen Raum, welche die Lebensqualität der Ortsansässigen bereichern zu öffentlichen Gebäuden oder Flächen und Bauten aus dem privaten Sektor. Der Artikel ist in Englisch verfasst und mit einer Vielzahl von Bildern unterlegt.

Nach der Besetzung des Parc de la Villette – Wie ging es für die Familien weiter?

Der französischsprachige Nachrichtenblog BondyBlog begleitete die Familien nach der Räumung der Besetzung des Parc de la Villette im Norden von Paris. Am 28. August waren 157 Personen geräumt worden, welche aus Protest gegen die menschenunwürdigen Zustände ihrer Unterbringung für eine Woche einen Abschnitt des Parks besetzt hatten. So erfährt man mehr über die Zusammensetzung der Besetzenden, darunter der Jüngste – 23 Tage alt. Außerdem musste eine Person während der Besetzung für eine Entbindung das Krankenhaus aufsuchen. Die menschenunwürdige Zustände – manche Familien sind seit mehreren Monaten auf der Straße oder in temporären Unterkünften – verstärken die problematische soziale Situation vor Ort. Urbanauth hatte hierzu bereits berichtet.

Akt 45 – Wenn Klima-Engagierte und Gilets Jaunes zusammenkommen

Zum 45. Samstag der Gilets Jaunes Bewegung am 21. September, kam es zu einer „Convergences des luttes“ wie Mediapart berichtete (Paywall). Der Zusammenschluss zwischen Gelb-Westen und Klima-Engagierten geschah in einer angespannten Atmosphäre. In Paris nahmen zwischen 15.000 und 38.000 Menschen an der Klimademonstration teil. Für denselben Tag waren vonseiten der Gilets Jaunes Kundgebungen auf den Champs-Elysees angesagt, welche tagsüber verhindert wurde. Dem Video-Journalisten Clément Lanot zufolge kam es abends in dem Sektor zu massiven Einsatz von Tränengasgranaten. Ein Tweet von BFMTV legt nahe, dass normale Touristen ebenfalls von dem Tränengas getroffen wurden. Das Kollektiv Le nombre Jaune welches die Gruppengröße rezensiert, zählte für diesen Samstag über 90.000 Demonstrierende in ganz Frankreich. Mit einem Aufgebot von ungefähr 7.500 Polizisten war die französische Hauptstadt dabei wie verriegelt. Bereits ab dem späten Vormittag kam es dabei zu Ausschreitungen. Nach dem exzessiven Einsatz von Tränengas und Gummigeschossen sahen sich Gruppierungen wie Greenpeace und Youth for Climate dazu gezwungen ihren Demonstrationszug abzubrechen, da ein pazifistischer Ablauf nicht gegeben war. Unter anderem wurde Tränengas innerhalb des Bahnhofes von Saint Lazare eingesetzt und führte zu Kollateralschäden bei unbeteiligten Passanten. Brennende Barrikaden und Mülltonnen führten zu einer angespannten Lage. Den Zahlen der französischen Regierung zufolge nahmen ungefähr 1.000 Black Blocs an den Demonstrationen teil. Im Laufe des Tages kam es zu verschiedenen „manifestations sauvages“ – unangemeldeten Demonstrationszügen. Diese demonstrierten dabei zum ersten Mal bis in die Nacht.

Die im November 2018 in Erscheinung getretene Sozialbewegung der Gilet Jaunes steht seit Beginn verschiedensten Sozialbewegungen nahe. Neben den politisch Engagierten von Attac und der Droit au logement (Recht auf Unterkunft), nahmen dabei bereits sehr früh auch Klimaaktivisten an den Demonstrationen teil. Die Erhöhung der Kraftstoffsteuer, welche als ungerecht angesehen wurde, da sie einkommensschwächere Haushalte stärker benachteiligt, steht dabei in einem Kontext der sozialen Gerechtigkeit. Viele sind sich dabei des Klimawandels bewusst. Quellen von Urbanauth zufolge tauschten sich die Gilets Jaunes dabei während dem G7-Gipfel in Biarritz ausführlich mit anderen kapitalismuskritischen und Klima-aktivitstischen Strukturen aus.

Hong Kong und brennende Barrikaden

Zur 15. Protest-Woche der Bürger der chinesischen Sonderverwaltungszone Hong Kong kam es zu einigen Ausschreitungen. In der Fotoreihe der Woche von der britischen Zeitung The Guardian werden brennende Barrikaden vor der Mong Kok Polizei Station, Tränengaseinsatz und Polizeikontrollen gezeigt. Neben einem Demonstrationszug durch ein Einkaufszentrum, kam es zu Sachbeschädigungen von Bahnautomaten in Sha Tin und einem nicht näher genannten U-Bahnhof.

Dieser Artikel ist in Englisch und Französisch verfügbar.

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Die Gilets-Jaunes in Paris am 1. Dezember 2018

Die Gilets-Jaunes in Paris am 1. Dezember 2018

Der 1. Dezember 2018 wird der französischen Bevölkerung lange in Erinnerung bleiben. Inmitten des dritten Aktes der Gelbwesten-Bewegung, kam es in ganz Frankreich zu schweren Unruhen. Von zerstörten Mautstellen auf der Autobahn zu einer angezündeten Gendarmerie und der kurzzeitigen Übernahme des Arc de Triomphe. Überall in Frankreich brachen an diesem Tag heftige Aufstände aus.

Urbanauth hat die Gelbwesten Bewegung vom 1. Dezember 2018 bis zum 1. Mai 2019 während einem halben Jahr dokumentiert und fotografisch festgehalten. Die Dokumentationsarbeit fand in Paris statt. Dieser Artikel gibt einen Rückblick auf den 1. Dezember 2018, als es in ganz Frankreich zu schweren urbanen Unruhen kam.

Foto: Urbanauth (CC-BY-NC-3.0 / Urbanauth / VG / Paris / 2018)

Der 1. Dezember 2018 als Paris unter den Gilets Jaunes brannte: In allen großen Ballungsräumen Frankreichs, insbesondere in Paris, brachen zeitgleich schwere Unruhen aus. Vor allem das 8. und 9. Arrondissement waren zeitweise gänzlich in der Hand der Protestierenden.

1. Dezember 2018: Zum dritten Akt der Gilets Jaunes Bewegung urbane Unruhen in ganz Frankreich

Erste 1. Dezember 2018 Gilets Jaunes Bewegung in Paris. Eine schwarze Silhoeutte steht vor einer brennenden Barrikade. Urbanauth 2018

Am Stärksten betroffen: die Hauptstadt. Die schockierenden Bilder vom Arc de Triomphe im 17. Bezirk, gingen um die Welt. Als Paris brannte…

Und der Bahnhof Saint Lazare sogar kurzzeitig drohte in die Hände der Gilets Jaunes zu fallen.

Paris unter den Gilets Jaunes am 1.Dezember 2018 war im Ausnahmezustand! Doch nicht nur dort fand der Aufstand der Gilets Jaunes statt.

Hunderte Kilometer entfernt wurde zur selben Zeit die Mautstelle La Croix-du-Sud sowie das anliegende Kommissariat der Gendarmerie der südlich-gelegenen Kleinstadt Narbonne in Brand gesteckt.

Doch auch in der Stadt Puys-en-Velay im Departement Auvergnes Rhônes-Alpes kam es zu außergewöhnlichen Unruhen. In dieser Kommune mit einem Einzugsgebiet von 75.000 Einwohnern wurde die Präfektur belagert und schlussendlich teilweise in Brand gesetzt. 70 Menschen wurden verletzt, davon vier Demonstranten schwer, sowie 18 Polizeibeamte.

Ankunft an Madeleine und erster Kontakt mit der Gilets Jaunes Bewegung

Am stärksten wüteten diese urbane Unruhen in der Hauptstadt Frankreichs. Der 1. Dezember 2018 legte die Weichen für die nächsten turbulenten Monate. In den schönen Vierteln des 9. und 17. Arrondissement fanden dabei an diesem Tag die stärksten Unruhen statt. Die Bilder des Arc-de-Triomphe in den Händen der Gelb-Westen brannte sich dabei besonders stark ins kollektive Gedächtnis ein.

Dieser zu Zeiten von Napoleon erbaute Triumphbogen, wurde für einen Tag zum Schauplatz von Straßenschlachten zwischen den Ordnungskräften und Gilets Jaunes. Zwischen Barrikaden und Sachbeschädigungen wurde dabei eines durch sein Wortspiel besonders bekannt: „Les Gilets-Jaunes triompheront“ / „Die Gelb-Westen werden siegen“. Dennoch befanden sich an den Wänden des Monumentes ein weiteres, weniger beachtetes Tagg. Doch nichtsdestotrotz von Bedeutung: „Justice pour Adama“.

2016 starb Adama Traoré in Beaumont-sur-Oise nach einer Polizeikontrolle an seinem 24. Geburtstag durch Erstickung. Seitdem kämpft das Kollektiv Verité pour Adama dafür, dass die zu dem Zeitpunkt anwesenden Polizisten angeklagt werden. Der Kampf von Asa Traoré, der Schwester des Verstorbenen hat inzwischen internationale Bekanntheit erlangt.

Die Gelbwesten-Bewegung nicht rechtsextremen Gruppierungen überlassen: Durch die Mobilisierung der „Quartiers Populaires“ mit den Gilets Jaunes durch das Kollektiv, nahm die Sozialbewegung an diesem Tag einen zusätzlichem Schwung.

Mein erster Eindruck der Gilets Jaunes in Paris: „C’est bordélique (- Es ist chaotisch)

Die Gilets Jaunes liefern sich Straßenschlachten auf dem Boulevard de Malesherbes

Für mich war dieser Tag der Beginn einer halbjährigen Fotographischen Dokumentationsarbeit über die Gilets Jaunes Bewegung in Frankreich und dem Fokus auf Paris.

Es ist ein grauer Nachmittag in der Hauptstadt von Frankreich. Durch Zufall besuche ich meinen ersten französischen Demonstrationsprotest.

Der 1. Dezember 2018, als Paris brannte.

Unter den Pflastersteinen der Strand„: Der 1.Dezember 2018. Die Gilets Jaunes in Paris und ein Relikt der 68er

Paris: Der Boulevard Haussmann brennt. Barrikaden blockieren die Straßen.

Polizeigewalt gegenüber den Gilets Jaunes am 1. Dezember 2018 in Paris und Frankreich

Während der Sozialbewegung der Gilets Jaunes in Frankreich wurden viele Demonstranten, Polizeibeamte, aber auch Passanten verletzt. Doch die Anzahl der Kollateralschäden am 1.Dezember 2018 übertraff alles bisher Gekannte. Ob verletzte Demonstranten, Polizisten oder unschuldigen Beteiligten, von Paris bis nach Marseille. Die sozialen Medien wie Twitter und Facebook halfen dabei eine Vielzahl an Vorfällen bekannt zu machen.

Das Ausmaß der Polizeigewalt wurde dem unabhängigen Journalisten David Dufresne schnell klar. Schockiert von den Geschehnissen beginnt er ein Rechercheprojekt. Mit „Allô Place Beauveau“ archivierte er die Polizeigewalt auf den sozialen Medien während der Sozialbewegung der Gilets Jaunes.

Für den 1. Dezember belegte er 64 weitere Fälle in den verschiedensten Städten Frankreichs.

Polizeigewalt an Gilets Jaunes: Der Vorfall in einem Fast-Food Restaurant

Darunter ein sehr gewalttätiges Video in einem Burger-King Restaurant. Es ist nach Anbruch der Dunkelheit. Die Unruhen seit dem Vormittag voll in Gang. Ein paar Demonstranten suchen Zuflucht in einem Fast-Food Restaurant. Das folgende Video enthält gewalttätige Szenen und wurde Urbanauth zur Verfügung gestellt.

Der Journalist Nicolas Mercier filmt die Szene für sein Medium Hors Zone Press von der Straße aus. Die Anwesenden bekommen Hiebe mit Schlagstöcken und werden übel zugerichtet. Späteren Berichten zufolge wurden die Demonstranten anschließend von am Eingang stehenden Beamten geschlagen.

Nicolas Mercier selbst wird in seinen Aufnahmen von einem Polizeibeamten aufgefordert den Bereich zu verlassen. Nachdem er sich als Journalist zu erkennen gibt und darauf besteht seiner beruflichen Pflicht nachzugehen, bekommt er einen Fußtritt ab.

Der Angriff auf die Pressefreiheit in Form von Einschüchterungen und Gewaltanwendugen durch Polizeibeamte an Journalisten hat während der Gilet Jaunes Bewegung zugenommen.

Gelbes Chaos auf den Straßen. (CC-BY-NC-3.0 / Urbanauth / VG / Paris / 2018)

In unserem Artikel „Paris: Ist die Pressefreiheit in Gefahr?“ gingen wir dieser Frage nach. Dies geschah im Anschluss der Geschehnisse vom 18. Akt der Gilets Jaunes im März an der Place de la République. Während diesem wurde der unabhängige Videojournalist Gaspard Glanz von einer Tränengasgranate getroffen und landete anschließend in der Gefangenensammelstelle.

Ein ähnliches Schicksal erlitt sein Kollege Alexis Kraland. Ihm wurde sein Foto-Equipment beschlagnahmt und er landete ebenfalls kurzzeitig in Haft.

Kurz nach Anbruch der Nacht. Eine Polizeieinheit schützt eine Bank in der Straße, die an den Bahnhof Saint-Lazare angrenzt. Auf der anderen Seite: die teuren Kaufhäuser Le Printemps und Lafayette (CC-BY-NC-3.0 / Urbanauth / VG / Paris / 2018)

Zineb Redouane, das erste Todesopfer der Gilets Jaunes Bewegung

Ungeklärt wird der Tod einer 80-Jährigen Dame in Marseille bleiben. Als Außenstehende hatte sie nicht an der Demonstration teilgenommen. Während die Stimmung in der Straße immer hitziger wurde, war sie bei sich daheim und telefonierte mit ihrer Tochter. Beim Versuch ihre Fensterläden ihrer Wohnung im vierten Stock zu schließen, bekam sie ein verirrtes Tränengasgeschoss ins Gesicht. Mit schweren Brandverletzungen wurde sie ins Krankenhaus eingeliefert, verstarb jedoch wenige Tage danach an ihren Verletzungen. Doch als offizielle Todesursache wurde nur der operative Schock vermerkt.

Einem am 20. Mai 2020 veröffentlichteter Ballistikbericht befreit die Beamten von jeglicher Schuldzuweisung. Den vertraulichen Bericht konnten Journalisten von LeMonde und LeParisien einsehen.

Quellenangaben:
1. Der Angriff auf die Mautstelle La Croix du Sud/ Narbonne 1. Video / 2. Video
2. Der Angriff auf die Präfektur von Puys-en-Velay 1. Quelle / 2. Video
3. Der Angriff auf den Arc de Triomphe CLPress & Tags
4. Einsatz von Tränengas und LBD40 am 1. Dezember Liberation
5. Der Tod von Zineb Redouane Le Mediapresse
6. Zahlen zu den Verletzten von David Dufresne / Allô place Beauveau

Der Artikel wurde zum ersten Mal am 1. Dezember 2020 veröffentlicht. Da diese Geschehnisse vergangen sind, erlauben wir uns den Artikel zurückzudatieren (auf den 1. Dezember 2018)

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