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Urbex : Vergangene Industriekultur in den französischen Alpen

Urbex : Vergangene Industriekultur in den französischen Alpen

Frankreich. Eine Reise durch die vergangene Industriekultur des Oisans. Meine „Urban Exploration“-Tour (Urbex) führt mich in die französischen Alpen auf den Spuren der Großindustriellen Keller und Leleux. Diese beiden Unternehmer, ursprünglich aus der Bretagne, siedelten sich um 1900 in der Gegend an.

Einst zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Hochort der Industrie, erinnern heute nur noch einige Gebäude an die vergangene Industrie im Oisans. Ein Streifzug durch die verschneiten Berglandschaften.

Der Postbote liefert schon lange nicht mehr an diese Adresse. Auf Spurensuche im Oisans. (Urbanauth / VG / 2021)

Im Süd-Osten Frankreichs gelegen, befindet sich die Gegend tief in den französischen Alpen. Zwischen den Städten Grenoble und Briancon, den Departements der Isère und den Hauts-Alpes schlummert die Geschichte einer vergangenen Industriekultur. Das Gebiet befindet sich vor allem um den Gebirgsfluss „Romanche„, an welchem sich die wichtigen Wasserkraftwerke zur Erzeugung von Elektrizität befanden. Das Naturgebiet „Parc des Écrins“ beinhaltet ebenfalls einen Teil des Oisans.

Auf winterlicher Urbex Reise durch die vergangene Industriekultur des Oisans

Spurensuche Industriekultur im Oisans. Gar nicht so einfach im Winter! Schnell wird hier nämlich nicht gefahren. Steil ragen die Felshänge ins Tal. Rutschig die Fahrbahn, welche den Gebirgsfluss entlang mich zu den Dörfern führt. (Urbanauth / VG / 2021)

Auf der verschneiten Landstraße, welche an steilen Felshängen gelegen, sich durch die Berge windet, lauern überall verlassene Industrieruinen. Ohne Winterreifen, kein durchkommen möglich. Die Straße ist rutschig und es schneit beständig. Beindruckende Eiszapfen schmücken die milchig-glasigen Felswände. Von Weitem gleitet eine kleine Lawine die steile Hangfläche hinunter.

Ich konzentriere mich auf die Autofahrt, als ich plötzlich aus dem Augenwinkel, erste Überreste vergangener Industriekultur im Oisans entdecke.

Mysteriös ragen diese beiden Rundbögen aus der Felswand. (Urbanauth / VG / 2021)

Meine Reise beginnt in der Gemeinde Séchilienne. Am Straßenrand in den Fels gebaut, ragen zwei mysteriöse Rundbögen in den Berg. Moosbewachsene Steinstufen deuten einen alten Weg an. Auf einem Schild wird die Fläche als Privateigentum ausgewiesen. Ich entscheide mich erstmal der Straße der sechs Täler („Route des Six Vallées“) zu folgen.

Die kleine Gemeinde von Livet-et-Gavet besteht aus drei Dörfern, welche im Sinne der Industriekultur des Oisans verschiedene Aufgaben erfüllten. Die prinzipiellen Sektoren waren Elektrotechnik, Hydroenergie und Metallurgie. Hinzukam außerdem die Papierverarbeitung in Form von Papierfabriken.

Die Straße durch Gavet führt an einer nach wie vor aktiven Fabrik der Ferropem vorbei, welche zur Gewinnung und Verarbeitung von Metall dient. Auf dem von außen sichtbaren Fabrikgelände steht eine elektronische Anzeigetafel. 132 Tage ohne Vorfall, der das Herunterfahren der Maschinen verlangte. Die Fabrik ist der größte Arbeitgeber der 1300-Personen Gemeinde von Livet-et-Gavet. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite entdecke ich die verschneite Form eines Tennisplatzes. Dieser gehört zu einem alten Herrenhaus, welches einst die gehobenen Angestellten beherbergte. Die Wände der Fabrik sind mit wild-bunten Graffiti übersät.

Die Wohnpolitik in Gavet war dabei durch eine riesige Arbeiterkaserne geprägt. Jeder Großindustrielle und Unternehmer entschied über die Gestaltung der kleinen urbanen Siedlungen. Kirchen und Kinos, aber auch erste Sozialversicherungen versprachen den migrierten Arbeitern eine bequeme Zukunft und so erlebte die Gemeinde Livet-et-Gavet einen regen Zuzug. Von einem Ende auf Höhe von Gavet über Rioupéroux im Zentrum und Livet am anderen Ende: Der Mensch hatte sich die Natur zu eigen gemacht.

Urbex durch Rioupéroux: Ein kleines Dorf im Zentrum der vergangenen Industriekultur vom Oisans

Das kleine Dorf besitzt eine Bibliothek und ein Museum über die Industriekultur am Gebirgsfluss Romanche und somit der Gegend vom Oisans beinhaltet. (Urbanauth / VG /2021)

Vor mir erscheint Rioupéroux trist und grau am Horizont. Ich komme am zentralen Dorf der kleinen Kommune von Livet-et-Gavet an. Seinen Wortursprung hat Rioupéroux möglicherweise aus dem lokalen Dialekt, was so viel bedeutet wie steiniger Wildbach.

Am „Place du Musée“ parke ich mein Auto und steige aus. Vor mir befindet sich die örtliche Bibliothek, sowie ein kleines Museum. Perfekt zur Thematik meiner Reise passend, handelt es über die am Gebirgsfluss der Romanche verlaufenden Industriekultur des Oisans. Winter- und Coronabedingt ist das „Musée de la Romanche“ jedoch leider geschlossen.

Der Einfluss der vergangenen Industriekultur ist durch die Planung des Dorfes Rioupéroux hindurch wahrnehmbar. Einzigartig für seine Zeit wurde das Dorf gesellschaftlich „horizontal“ gedacht. Wert wurde dabei auf kleine Häuser mit Garten und Komfort gelegt. Die bequemsten Wohneinheiten wurden dabei an die Belegschaft vergeben, welche am meisten Verantwortung übernahm. So sollte die Mitarbeiterschaft an die Fabriken und das Unternehmen gebunden werden.

Zu seiner Blütezeit befanden sich in dem Dorf mehrere Bäckereien, Läden und Cafés. Diese bildeten die zentralen Austauschorte. Die Aluminium-Fabrik welche das Jahrhundert über Bestand leerte sich ab den 80ern beständig. Ab 1992 werden Teile der Fabriken abgerissen.

Urbex in den französischen Alpen: Die Industriekultur des Oisans lauert den Fluss entlang

Die historische Zentrale „Les Roberts“ ist in Besitz der EDF, „Electricité de France“. (Urbanauth / VG / 2021)

Den Gebirgsfluss der Romanche entlang hatte sich ab 1816 die ersten Industriezweige angesiedelt. Die Nutzung von Wasserkraft spielte in dieser entlegenen Gegend von Frankreich schon lange eine wichtige Rolle.

Um das Dorf Rioupéroux hatte sich zu der Zeit bereits eine Hochofen- und Stahlwerksgesellschaft niedergelassen. Damals noch wenig effizient mit ordinären Mühlen betrieben, revolutionierten Fortschritte in der Hydroenergie die Effektivität. Der wilde Gebirgsfluss bot sich als ideale Energiequelle an. Keine hundert Jahre später, siedeln sich die Industriellen Keller-Leleux, aber auch Henri Gall und Paul Lacroix im Oisans an.

Auf der Suche nach der vergangenen Industriekultur des Oisans. Mittagspause!

Wie ausgestorben. Das Dorf Rioupéroux im Winter. (Urbanauth / VG / 2021)

Es ist Mittag und das Einzige geöffnete Restaurant von Rioupéroux ist der Döner-Laden „Le Libertad“. Irgendwie sympathisch sticht einem der Kopf von Che Guevara am Eingang in die Augen. Das Schnellrestaurant ist im kubanischen-Stil gestaltet. Der Besitzer ist ein großer Fan von Kuba und bereits zweimal dort gewesen.

Ursprünglich, ein algerischer IT-Ingenieur, hat er im Laufe seines Werdeganges, weltweit auf verschiedenen Öl-Bohrplattformen auf dem Meer und in der Wüste gearbeitet. Vor etwa einem halben Jahr hat er sich dazu entschieden, sich hier niederzulassen. Er ist mit dem ländlichen Leben zufrieden. Das Dorfleben hier ist ruhig. Auch, wenn wegen der Corona-Pandemie die Gäste ausbleiben und dies seinen Betrieb belastet.

Ohne Supermarkt ist der Dorfladen von Semir ein wichtiger Austauschort. Ihn kennt hier jeder. Die meisten Bewohner besitzen hier algerische Wurzeln und bilden eine enge Dorfgemeinschaft. Bedingt durch die ehemaligen Fabriken von Keller und Lelieux kannte die Gegend zu seiner Hochzeit einen starken Zuzug aus Italien, Polen, Russland und später dem Maghreb. Die Industrie verschwand im Laufe des 20. Jahrhunderts, doch die Arbeiterfamilien blieben.

Die Felsformation trägt den Namen Kopf von Louis XVI., da der Felsvorsprung der Nase des einstigen Sonnenköniges ähnelt. (Urbanauth / VG / 2021)

Ich begebe mich auf die letzte Etape meiner Urbex Entdeckungsreise der Industriekultur vom Oisans. Am Dorfausgang von Rioupéroux begegnet mir der Kopf des französischen Sonnekönigs Louis XVI. Eine Lokal-Kuriosität! Geschichtlich ist die unweit gelegene Kleinstadt Vizilles, ein wichtiger Ort der Französischen Revolution gewesen. Möglicherweise bekam der Fels damals seinen Namen?

Die letzte Etappe meiner Urbex-Tour durch die vergangene Industriekultur im Oisans führt mich…

Keller und Leleux, zwei bedeutende Figuren der vergangenen Industriekultur im Oisans. (Urbanauth / VG / 2021)

…Zum Wohnsitz der Großindustriellen Keller und Leleux

Die vergangene Industriekultur im Oisans und seine einzigartige Architektur. Das Wohnhaus von Keller-Leleux und deren systemrelevanten Belegschaft. (Urbanauth / VG / 2021)
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(Urbanauth / VG / 2021)

Niemand prägte das Tal vom Oisans so wie der Ingenieur, Erfinder und Großindustrielle Charles-Albert Keller. Über die Dorfeinfahrt von Livet kommt man zum einzigartigen Wohnhaus von Keller-Leleux. Dieses wurde 1912 erbaut. Das Haus, bekannt unter dem Namen „Le Pavillon Keller“ befindet sich zwischen der Landstraße, die das Dorf umgeht und der Romanche. Im Tiefen Winter entfaltet es dabei zwischen fallenden Schneeflocken einen Charme, der an die vergangene Industriekultur erinnert, wie kein anderer.

Als ich an dem Haus ankomme, begegne ich einem älteren Pärchen, welches Fotos macht. Sie sind aus der Region, doch leben nicht in diesem Dorf.

C’est trop glauque„, sagt die blonde Frau mit einem Lachen, bevor die beiden wieder in Ihr Auto steigen und wegfahren. „Glauque“ ist ein besonderes Wort für trist und sinister. Die vergangene Ära einer Industrie, sie lässt nur graue Häuser und leere Gebäude.

Geradezu gespenstisch schwebt das Büro vom Großindustriellen auch hundert Jahre später in mehreren Metern Höhe. Das letzte Stockwerk ragt dabei ein Stück weit, von Betonstelzen getragen in den Garten. Zum Fluss gewandt ermöglichte es die Umgebung zu erblicken. Geschichten zufolge konnte Keller damit den Rauchausstoß seiner Fabriken überwachen. Heute ist das Haus spärlich bewohnt. Eine Besichtigung leider nicht möglich.

Bekannt wurde das Haus in dem Thriller „Die purpurnen Flüsse“ von Mathieu Kassovitz, in welchem der bekannte französische Schauspieler Jean Reno mitspielt. In dem Spielfilm wird der Kommissar Pierre Niémans in die rauen französischen Alpen geschickt, um einen Mord aufzuklären…

Urbex in Frankreich: Die Ruinenromantik der Industriekultur im Oisans

Wer die Landstraße durch Livet nimmt, kann im Vorbeifahren die buntbemalte Fassade dieses Hauses entdecken. Dies könnte dabei möglicherweise den gehobenen Angestellten als Wohnhaus gedient haben. (Urbanauth / VG /2021)

Zu seinen Lebzeiten war die Lebensweise in Livet paternalistisch organisiert mit Charles-Albert Keller als Oberhaupt. Seine Ingenieure lebten mit ihren Familien ebenfalls in dem Haus. Für weitere wichtige Mitarbeiter gab es außerdem zweistöckige Wohnhäuser. Den einfachen Arbeitern blieben nur die Baracken.

Auch gab es Prioritäten-Unterschiede zwischen den Arbeitern, welche im Winter gerne in den Fabriken arbeiteten, doch sich im Sommer lieber der Landwirtschaft hingaben. Die Eigenheiten des Gebirgsflusses führt dabei im Winter weniger Wasser und liefert somit weniger Elektrizität. Im Umkehrschluss war der Sommer lange die Hochsaison für die unternehmerischen Bestreben von Keller und Leleux.

Inzwischen haben andere Menschen, sich dieser verfallenden Gebäude vorgenommen und angeeignet. Ob von den Großstädten Grenoble, Lyon und Briancon kommend oder der Gegend des Oisans. Die Graffiti von Ivory, Yum, ONG und BNT sind überall entlang meines Weges zu finden. Den Spuren zufolge verewigen sich Jahr auf Jahr neue Sprüher an dieser Wohnruine.

Zwischen den verschneiten Baumgipfeln, auf der anderen Seite des Flusses: ehemalige Fabrikeinheiten. (Urbanauth / VG / 2021)

Wer war der Großindustrielle Charles-Albert Keller?

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Portrait des Großindustriellen Charles-Albert Keller (Wikimedia / Romatomio / CC-BY-SA-4.0)

Charles-Albert Keller wurde am 1. Januar 1874 geboren. Nach einem Ingenieursstudium an der Hochschule Arts et Métiers von Angers sowie etwas Zeit bei der französischen Marine, widmet er sich der Entwicklung von Hochöfen. Mit 25-Jahren entwirft er 1889 einen der ersten Lichtbogenöfen zur Stahlweiterverarbeitung (Persee). Seine Erfindungen im Bereich der Stahllegierungen und Veredelungen markieren den Beginn seiner Karriere.

Kurz vor der Jahrhundertwende ist er dabei in Paris als beratender Ingenieur für Metallurgie tätig. Als er den Ingenieur Leleux kennenlernt und dieser um 1900 sein Partner wird, ist dies der Beginn der Keller-Leleux Industriekultur im Oisans. Eine verlassene Fabrik in Livet wird ihr erster Anschlusspunkt in die Gegend. Ab 1908 wird er ebenfalls, als gewählter Repräsentant der Handelskammer von Grenoble und 1930 sogar dessen Vorsitzender werden. Infolgedessen wird er einen bedeutenden Einfluss auf die Gegend nehmen.

1940 verstirbt der Großindustrielle Charles-Albert Keller. Er wird im Friedhof von Livet-et-Gavet begraben. Es markiert eine Wende in der Industriekultur des Oisans. Seine Wasserkraftwerke gehen nach dem Zweiten Weltkrieg in die Hände der EDF („Électricité de France“). Seine Stahl-und Aluminium-Fabriken werden aufgekauft, bis auch sie irgendwann die Lichter dimmen und die Schlüssel unter den Fußabtreter legen.

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Zwischen den Wirren des Ersten Weltkrieges, inauguriert Keller 1918 das erste Wasserkraftwerk von Livet-Les Vernes. Ein besonderes Augenmerk legte Keller dabei auf die architekturelle Gestaltung. Es sollte die Landschaft prägen. Mit seinen zeitgenössischen Ornamenten erinnert das denkmalgeschützte Elektrizitätswerk an die Pracht der vergangenen Industriekultur des Oisans.

Die meisten Überreste der Industriekultur des Oisans sind heutzutage nicht zugänglich. Vor allem Innenaufnahmen von Kraftwerken, als systemkritische Infrastruktur sind verboten. Manche von den Fabriken, wie die der FEROCEM in Gavet, sind nach wie vor aktiv. Andere Gebäude werden ebenfalls zwischengenutzt. Wirtschaftlich hat sich die Gegend jedoch nur schleppend erholt.

Meine Urbex Reise durch die Industriekultur des Oisans endet an der Talsperre von Chambon

Ich steige wieder in mein Auto. Für die Rückfahrt wurde Schnee angesagt. Etwas besorgt beobachte ich, wie die Hänge rauf zur Talsperre vom Lac de Chambon, die Temperaturen stetig sinken. Die kurvenreiche Straße führt den Berghang hinauf. Links von mir fällt der steile Abhang runter ins Tal.

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Der „Barrage du Chambon“, im Deutschen bekannt als die Talsperre von Chambon. Hier endet meine Reise in die vergangene Industriekultur des Oisans. (Urbanauth / VG / 2021)

Einen Tunnel vor der Talsperre schleicht ein Auto vor mir. Als es am Ende des Tunnels an den Straßenrand fährt, entdecke ich, dass es einen Platten an seinem vorderen linken Reifen hat. Zwischen Schneewehen und rutschigen Straßen, halte ich kurz am Parkplatz vom Lac du Chambon, ohne auf die andere Seite der Talsperre zu laufen.

Der Staudamm vom Lac du Chambon wurde 1928-1935 fertiggestellt. Vor der Errichtung des Hoover-Dammes in den Vereinigten Staaten von Amerika, war dies die größte Talsperre der Welt. Das Vorhaben des gigantischen Projektes stammt maßgeblich aus den Unternehmungen von Keller. Da im Winter der Gebirgsfluss nicht genügend Wasser mit sich führte, büßten die Fabriken an Effektivität ein. Dies betraf dabei alle Unternehmer. Durch den Staudamm konnten alle im unteren und mittleren Teil der Romanche angesiedelten Fabriken, die Wasserkraft auch im Winter nutzen.

Der Star-Architekt hinter diesem gigantischen Monstrum ist Edmé Campenon (1872-1962). Auf einer Länge von 294 Metern erstreckt sich diese Beton-Konstruktion. Vom Typ Gewichtsstaumauer besteht sie aus einer Schwergewichtswand. In Form einer Stützwand ist die Talsperre in die schwach geneigten Talflanken des Berges gebaut. Die zum künstlichen See gerichtete Wand verläuft dabei vertikal und hält so die Wassermassen zurück. Am unteren Ende beträgt die Breite der Talsperre aus Beton ganze 70 Meter. Dieser wurde in der umliegenden Umgebung, „vor Ort“ hergestellt. Für die Errichtung des Bauwerkes mussten die Dörfer Chambon, Dauphin und Parizet der Infrastruktur weichen.

Doch das Projekt war nicht ohne Risiko für Leib und Seele. 1923 ereignete sich der Dammbruch von Gleno in Italien. Am Morgen eines Dezembers hatte sich ein 70-Meter Riss in dem Beton gebildet, welcher das Wasser in einem Stausee band. Die freigewordene Flutwelle schwappte dabei apokalyptisch über das Tal von Dezzo. Eine 25 Kilometer lange Schneise der Zerstörung. Darunter fünf Fabriken, mehrere Dörfer und über 600 Tote. Besorgt über die Geschehnisse auf der anderen Seite der Grenze, entsendet Frankreich eine Untersuchungskommission. Die fahrlässigen Fehler im Bau der Talsperre von Gleno werden zur Kenntnis genommen und beim Bau des Staudammes von Chambon vermieden. Dennoch benötigt die Talsperre immer wieder wichtige Instandhaltungsarbeiten.

Industriekultur im Oisans ohne Urbex: Das Musée EDF Hydrélec

Das Museum der französischen Elektrizitätsgesellschaft EDF über Hydroenergie befindet sich „Route du Lac – Le Verney, Vaujany 38114„. Hierzu muss man die Route de l’Oisans (D1091) bis zum Dorf Rochetaillé folgen und anschließend bis ins Dorf Vaujany am anderen Endes des Lac du Verney.

Die Ausstellung geht auf die Beginne der Wasserkraft zum Ende des 19. Jahrhunderts ein. Mit einem Bogen über die Entwicklungen im Folgejahrhundert wird ebenfalls auf die Automatisierung dieser Kraftwerke eingegangen.

Mein Grund für die Entdeckungstour den Gebirgsfluss der Romanche entlang: „Der Pavillon Keller“. (Urbanauth / VG / 2021)

Ebenso entdeckenswert: Das Museum Chasal Lento

Ein weiteres, empfehlenswertes Museum zur Industriekultur im Oisans ist das „Musée Chasal Lento“ im Bergdorf Mont-de-Lans. Die Ausstellungen gehen auf die lokale Kunst und Traditionen der Gegend des Oisans ein. Ein Kernstück der Ausstellung ist dem Bau der Talsperre vom Lac de Chambon gewidmet. Auch soll es ein Archiv an alten Fotografien der vergangenen Industriekultur und Lebensweise beherbergen.

Quellen:
Die Inhalte beziehen sich auf folgende Hauptquellen:
– Artikel auf Persee.fr: „La mise en mémoire de l’aventure industrielle d’une vallée alpine (Isère). Le musée de la Romanche“ von Marie-Christine Bailly-MaîtreLaurence Pissard, erschienen 2005 in der lokalen.ethnologischen Revue: Le Monde alpin et rhodanien. Revue régionale d’ethnologie (Seite 191-200
– Einem ausführlichen Blogbeitrag von Grenoble-cularo auf Overblog (Sehenswert für die Archivphotos!)
– Dem Buch „Un barrage et des hommes – Chambon – Dans l’ombre d’un géant“, welches vom Verein Freyentique veröffentlicht wurde und die Geschichte der Talsperre Chambon dokumentiert. ISBN 978-2-9552142-1-3
– Die Katastrophe vom Staudamm Gleno in Italien und dessen Auswirkungen auf die Talsperre von Chambon. Artikel Persee.fr: „La catastrophe de Gleno (Italie) et le barrage de Chambon (Oisans)“ Raoul Blanchard Revue de Géographie Alpine Année 1924 12-4 Seiten 669-673

Paris: Können diese Maßnahmen die sozialen Ungleichheiten in den nördlichen Vororten dämpfen?

Paris: Können diese Maßnahmen die sozialen Ungleichheiten in den nördlichen Vororten dämpfen?

Am Donnerstag, dem 31. Oktober 2019 gab die französische Regierung in Anwesenheit des Premiers und Innenministers ihren Aktionsplan für das Departement Seine Saint-Denis bekannt. Neben einem Geldumschlag für treue Beamte: verschiedene Ansätze, um den Regierungsbezirk mit der Nummer 93 attraktiver zu gestalten. Die 23 Maßnahmen gruppieren sich dabei um fünf Kernthemen: Attraktivität, Sicherheit, Bildung, Gesundheit sowie Justiz. Die Bilder des Artikels wurden in den Vororten Saint-Denis Pleyel sowie Saint-Ouen aufgenommen.

Ein Aktionsplan mit 23 Maßnahmen soll den Gebiets-spezifischen, gesellschaftlichen Ungleichheiten entgegenwirken

Der Vorort Saint Ouen: Zwischen Wohnblocks aus einer anderen Zeit und ambitionierter neuer Architektur. (Urbanauth / 2020 – 2019)

Mit auf zehn Jahre verteilten Subventionen kommt die französische Regierung der Seine Saint-Denis entgegen. Um der Kriminalität entgegenzuwirken, soll dabei das Polizei-Effektiv ab nächsten September um 100 Polizisten aufgestockt werden. Insgesamt 50 weitere Stellen folgen außerdem bis zum Halbjahr 2021. Die Kommunen La Courneuve und Saint Ouen bekommen dasselbe Effektiv für sich zugewiesen. Die Polizeistationen in Aulnay-sous-bois und Epinay-sur-Seine sollen dabe für 30 Millionen Euro wieder instand gesetzt. Doch auch die Kameraüberwachung in der gesamten Seine Saint-Denis wird weiter ausgebaut werden. Verglichen mit einer Bevölkerungszahl von über eineinhalb Millionen Einwohnern und wiederkehrenden urbanen Unruhen, wissen diese Maßnahmen nicht alle zu überzeugen.

In einem Interview mit France3 befürwortet Patrice Bessac, der Bürgermeister von Montreuil, den Aktionsplan zunächst. Jedoch machte er klar, dass der Kern des Problems die territorialen Ungleichheiten sind. So seien ihm zufolge 70 % der angestellten Lehrer frisch diplomiert, während der nationale Durchschnitt bei 20 % läge. Zum Thema Sicherheit merkte er an, dass der Bevölkerung deutlich weniger Polizisten zur Verfügung stünden, als dem direkt anliegendem 18. Arrondissement von Paris. Dieses ist eines der bevölkerungsdichtesten Viertel der Hauptstadt und grenzt an das Departement der Seine Saint-Denis an. Mit einer mehr als doppelt so großen Fläche, ist es zugleich ein Gebiet mit hohen Kriminalitätsraten.

Ansätze um die Seine Saint-Denis attraktiver zu gestalten

Der Turm Pleyel in der Seine Saint Denis. In der angrenzenden Straße findet sich ein wohn-untaugliches Gebäude. (Urbanauth / 2019)

Um die Attraktivität in dem Gebiet zu erhöhen, sind einige Maßnahmen vorgesehen. Treueprämien von bis zu 10.000 Euro für Beamte und ein erleichterter Zugang zu Wohngeldansprüchen. Der Umzug der Unterpräfektur in eine ehemalige Filiale der Banque de France wird dabei mit in die Maßnahmen einbezogen. Ohne jedoch die Kosten zu nennen.

Um den gebietspezifischen Problemen der „Taudis“ entgegenzutreten, sollen fünf Vollzeitstellen geschaffen werden. Als solche werden im Volksmund Wohneinheiten bezeichnet, welche sich in solch mangelhaften Zustand befinden, dass sie nicht vermietet werden dürften. Diese Angestellten der Stadt sollen sich darum kümmern, gemeldete Gebäude auf ihre Konformität zu überprüfen. Ein Problem das nicht nur die nördlichen Banlieues von Paris betrifft, sondern auch Städte wie Marseille oder Perpignan.

Förderung des Bildungs- und Gesundheitssektor, um den strukturellen Ungleichheiten der nördlichen Vororte längerfristig effektiv entgegenzuwirken?

Der Bildungsbereich stellt mit der Schaffung von 500 Anstellungsversprechen einen besonderen Schwerpunkt dar. Dies gilt für Einsteiger in unterbesetzten Berufsgruppen, wie Lehrer und Ärzte. So sollen hierfür jährlich zwei Millionen Euro Unterstützung fließen. Aber auch im Bereich der Gesundheit greift der französische Staat in die Kasse.

Zehn Millionen Euro pro Jahr sind dabei für besonders fragile Bevölkerungsgruppen eingeplant. Diesen soll der Zugang zu den Gesundheitseinrichtungen erleichtern werden. Die Krankenhäuser in Montreuil, Ville Evrard und Aulnay will man teilweise oder vollständig sanieren bzw. modernisieren. Einrichtungen in Raincy-Montfermeil und Bobigny werden dabei umstrukturiert, um besser auf die Bedürfnisse der Patienten eingehen zu können. Dem folgen ebenfalls Investitionen in technische Ausstattungen, wie zum Beispiel Tomografiegeräte. Eine Besonderheit die dabei auffällt: die Förderung von angehenden Ärzten. So soll die Anzahl der Praktikumstutoren für allgemeinmedizinische Praktika auf 213 verdoppelt werden. Außerdem erklärt sich der französische Staat bereit, die Kosten für die Ansiedlung neuer Arztpraxen in Teilen bis vollständig zu übernehmen.

Der Artikel wurde am 15.03.2020 überarbeitet.
– dies beinhaltet die mobile Optimierung
– sowie ersetzte Artikel Bilder

Die Bilder des Artikels wurden von Vincent / Urbanauth 2019 / 2020 aufgenommen.

Europa: Europan 15 – Im Zeichen der produktiven Stadt

Europa: Europan 15 – Im Zeichen der produktiven Stadt

Das Logo der Europan

Die Europan 15 feierte 2019 ihren dreißigsten Geburtstag. Und mit Ihr, die zeitgenössische Architektur Europas. Der europäische Wettbewerb für junge Architekten unter vierzig Jahren will die Stadt neu denken und gemeinschaftliche Lösungsansätze fördern. Über ein Netzwerk von 250 Städten und 20 Ländern in Europa werden jedes Jahr Flächen und Gelder für innovative Projekte freigegeben. Das diesjährige Leitthema: Die produktive Stadt 2.0.

Damit wiederholt die Europan die Vorgabe von der 14. Edition (2017) und reiht sich in die Bemühen ein, der Stadtentwicklung in seiner Komplexität und gesellschaftlichen Bedeutung gerecht zu werden.

Die Architektur und Quartiere mit der Stadt als Ganzes in Einklang zu bringen und dabei ressourcenschonend vorzugehen, ist eine Herausforderung, der sich die Architekten stellen. Übergangsprozesse spielen dabei genauso eine Rolle wie der ökologischer Häuserbau.

Die Produktive Stadt – eine Kreislaufwirtschaft

In diesem Zusammenhang sollen sich die Bewerber Gedanken zur Syngerie zwischen der Stadt und produktiven Orten machen. Dies kann mit der Neunutzung von Zwischenräumen zwischen Wohnen und Produktion geschehen und beinhaltet Restflächen oder brachliegende urbane Strukturen.

Im Sinne einer Kreislaufwirtschaft sollen Ressourcen dem Kreislauf durch Recycling oder Aufarbeitung wieder zurückgeführt werden. Vorhandenes Material soll dabei im Sinne der Sharing Economy effektiver genutzt werden. Als konkrete Beispiele kann man Car-Sharing-Angebote sowie Werkzeugverleih-Dienste nennen.

Ganz im Sinne der Open Innovation öffnen sich Unternehmen bei der Produktentwicklung einem breiteren Spektrum und ziehen ihre Nutzer mit ein. Das können diese auf lokal-politischer Ebene mit Open Source basisdemokratischen Bürgerplattformen durchführen, wie z.B. Decidim in Barcelona. Darüber hinaus werden dadurch die Mitbestimmung und der Zusammenhalt in der Gesellschaft gestärkt.

Die Beziehung von Funktion und Nutzung und die Stadt als Ökosystem stellen dabei einen Teil der sozialen Überlegungen dar. Das Zusammenspiel von Alt und Neu, den Bürgern und ihrer Umgebung liegen im Blickpunkt der Europan. Die produktive Stadt möchte sich dabei von der dualistischen Sichtweise losgelöst sehen und betrachtet die Stadt von Morgen als einen Ort der Synergien.

Ressourcen, Mobilität und Fairness

Gemeinschaftliche Lösungsansätze: Die Schwerpunkte sind dabei um drei Hauptthematiken gelegt: Ressourcen, Mobilität und Fairness.
Ressourcen: Im Zusammenhang von Effizienz, Verbrauch und Verschmutzung geht es um die Frage, wie mit diesen umgegangen wird und diese verteilt werden.
Nähe im urbanen Raum schaffen, Distanzen zu verkleinern und barrierefreie Orte der produktiven Stadt, sind dabei die gesetzten Ziele um eine größere Mobilität zu ermöglichen. Die Fairness stellt sich der Problemstellung, wie räumliche Gleichheit zur sozialen Gerechtigkeit beitragen kann und beide verbunden werden können. Die Harmonie zwischen urbanen und ländlichen Gebieten, sowie arm und reich, stehen dabei im Fokus.

Die Europan 2019 reiht sich damit zum 15-mal in die progressiven Recherchen nach nachhaltigen Raumansätzen ein und denkt die Stadt von Morgen.

Raumunterteilungen

Die zu entwickelnden Flächen werden wiederum in drei verschiedene Raumgrößen unterteilt: XL, L, S

Die Größe XL bezeichnet den breitesten Handlungsraum, welcher auch Räume zwischen Städten betreffen kann und das Verhältnis Stadt-Land beinhaltet. Es gilt die Beziehungen verschiedener Kreisläufe auf regionaler Ebene zu untersuchen.
Die Größe L betrifft Stadtteile, wobei sich die Gedanken hauptsächlich um städtische Quartiere drehen. Diese sind Flächen, welche sich natürlich von ihrer Umgebung hervorheben.
Die Mikroebene S befasst sich mit den Eingriffen, welche am schnellsten zu verwirklichen sind und ebenso nur temporär wirken.

Die Teilnehmer der diesmaligen EUROPAN

In Zentral-Europa sind ehemalige Industriestädte bei den Europan-Teilnehmern beliebt.

In Frankreich ist Marseille mit seinen maroden Vierteln vorne mit dabei. Und während mit Romainville und Champigny-sur-Marne zwei Banlieues im Pariser Raum teilnehmen, ist mit Auby eine Kleinstadt von 7600 Einwohnern gewählt worden, die zugleich größter Zinkproduzent im Land ist. Auby liegt im strukturschwachen Norden von Frankreich. Und auch das französischsprachige Charlerois in Belgien reiht sich in die ehemals stark industrialisierten Städte ein, die diese Raumentwicklungen begrüßen.

In Deutschland nehmen neben Selb ( Oberfranken) die Städte aus dem Bergischen Land: Hilden, Ratingen, Solingen und Wülfrath gemeinsam teil, um eine „Bergische Siedlung“ zu entwerfen. Dabei werden sowohl Ackerflächen, als auch alte Industriegelände bebaut. Das Besondere: Alle Größen der Raumunterteilungen sind in diesem Projekt vertreten.

Update (18.02.2020, Oliver): Die Gewinner unter den Teilnehmer für die deutschen Standorte lassen sich auf der offiziellen Website einsehen. Neben der Namen sind dort auch die Tafeln mit detaillierten Bebauungsplänen hinterlegt. Für den Standort Selb finden sich die Ergebnisse hier und für den Standort Bergische Kooperation hier.

Von der Kooperation „Zwischen Rhein und Wupper“ wurden die Städte mit ehemals starker Textil- und Metallindustrie nicht umsonst zur Verfügung gestellt. Im Rahmen eines ihrer Pilotprojekte werden zukunftsweisende Quartiersentwicklungen unterstützt. Und die ausgewählten Bereiche liegen in einer Zone, die für den Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel in Betracht gezogen wird.

Der europäische Wettbewerb für junge Architekten ist nicht ohne Grund ein Vorreiter der neuen Architektur. Die Stadt von Morgen denken. Dies hat die produktive Stadt wie kein anderes Konzept integriert: Wohnen und Arbeiten in einer gesunden Umgebung. Aber auch die Wahl der Standorte ist gut durchdacht. Durch die Revitalisierung alter Industriestandorte wird ein echter Mehrwert geschaffen. Heute die Architektur der Zukunft bauen: Das ist die Europan

Artikel und Symbolfotos aus Saint Ouen: Vincent – Fotos von Solingen bereitgestellt durch die Europan Deutschland

Dieser Artikel wurde am 18.02.2020 von Oliver aktualisiert / Update
Dieser Artikel wurde am 01.04.2020 von Vincent aktualisiert / Layout

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