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Paris: der verhüllte Triumphbogen von Christo

Paris: der verhüllte Triumphbogen von Christo

Frankreich. Der verhüllte Triumphbogen von Paris. Im posthumen Projekt von Christo und Jeanne-Claude, wurde der lebenslange Traum des Verhüllungskünstlers und seiner Frau verwirklicht und der Arc de Triomphe verhüllt. Urbanauth war für euch vor Ort!

Der verhüllte Triumphbogen von Christo: Über das Bauwerk

Gefürchtet von Autofahrern, geliebt von Touristen. In der Mitte eines riesigen, mehrspurigen Kreisverkehrs steht der Arc de Triomphe.

Der Arc de Triomphe ist ein Monument in Paris. 1806 begann unter Napoleon den 1. die Bauarbeiten. Die Fertigstellung sollte dabei über 30 Jahre dauern. Der Architekt Jean-Francois Chalgrin erdachte dieses Meisterwerk von ungefähr 50 Metern Höhe, 45 Metern Länge und 22 Metern Breite. Doch zu seinem Tode erstreckte es sich erst auf fünf Meter. Zwischenzeitlich musste die Baustelle auf Eis gelegt werden. Schlussendlich wurde der Triumphbogen 1836 fertiggestellt. In den urbanistischen Bedenken von Haussmann wurde der Triumphbogen zu einem zentralen Ort, zu welchem manche der ikonischsten Boulevards der französischen Hauptstadt führen.

Ursprünglich als Siegestor für die gewonnene Schlacht von Austerlitz konzipiert, wird der Arc de Triomphe inzwischen dazu genutzt, den Sieg im 1. Weltkrieg zu kommemorieren. 1920 wurde das „Grab des unbekannten Soldat“ eingeweiht. Ab 1923 wird dort die „Flamme du Souvenir“ („Flamme des Erinnerns“) entzündet. Der Arc de Triomphe ist ein Wahrzeichen des französischen Nationalstolzes. Während den Ausschreitungen in 2018 der Gilets-Jaunes-Bewegung kam es zu Bauschäden am Monument. Nun, 2021 wurde das Monument komplett verhüllt!

Das posthume Projekt von Christo: der verhüllte Triumphbogen

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Christo welcher am 31. Mai 2020 in seiner Wohnung in New York City verstarb, hatte mit seiner Frau Jeanne-Claude einen letzten Traum. Den Arc de Triomphe von Paris zu verhüllen. Diese Idee kam ihnen bereits 1961 und wurde kontinuierlich fortgeführt. 2019 erhielt Christo sogar vom französischen Präsidenten Macron grünes Licht für die Umsetzung. In dem posthumen Projekt wird der Wunsch des Künstlers vom 18. September bis zum 3. Oktober 2021 realisiert. Für Christo und Jeanne-Claude war es immer wichtig, ihre Kunst frei und für alle zugänglich zu machen. Dies ist ihnen mit ihrem posthumen Projekt gelungen.

Der Arc de Triomphe wurde in 25.000 m² recycelbarem blau-silbernem Polypropylengewebe gehüllt. Die Kosten des Projektes wurden dabei ausschließlich durch Eigenfinanzierung und ohne öffentliche Gelder finanziert. Hierzu wurden unter anderem Werke von Christo verkauft. Die Gesamtkosten belaufen sich auf 14 Millionen Euro und ungefähr 1000 Menschen waren in der Umsetzung involviert. Nichtsdestotrotz bleibt die Aktion dennoch umstritten.

Federführend hinter der Umsetzung des posthumen Projektes ist Vladimir Yavachev. Für ihn ist
das Herzstück von Christos und Jeanne-Claude’s Arbeit, eine, die der „reine Ausdruck ihrer Freiheit“ ist. Das Projekt wurde mithilfe der Stadt von Paris und dem Centre Pompidou umgesetzt.

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Der verhüllte Triumphbogen von Paris by Christo und Jeanne-Claude (Foto: Urbanauth / VGO / 2021)

Christo’s Vorstellung vom verhüllten Triumphbogen beschrieb er wie folgt:Es wird wie ein lebendiges Objekt sein, das sich im Wind bewegt und das Licht reflektiert. Die Falten werden sich bewegen und die Oberfläche des Denkmals wird sinnlich werden. Die Menschen werden den Arc de Triomphe anfassen wollen.

Für die regierende Bürgermeisterin von Paris Anne Hidalgo ist das Werk eine Hommage an den kreativen Prozess und an die künstlerische Freiheit, die die traditionellen Grenzen der Bildhauerei und der Architektur überschreiten, um ein lebendiges Kunstwerk zu schaffen, das für jeden zugänglich ist.

„Das Projekt ist zu Ende!“: Christo’s und Jeanne-Claude’s posthumes Projekt ist zu Ende. Die letzten Installationen wurden entfernt und der Triumphbogen ist wieder gänzlich enthüllt. (Foto: Urbanauth / VGO / 2021)

Wirken und Schaffen von Christo und Jeanne-Claude

Der Künstler Christo ist 1935 in Gabrovo, Bulgarien geboren. Sein Leben ist von Reisen geprägt. So brachte ihn sein Weg unter anderem nach Prag, Wien, Genf, Paris und schlussendlich New York. In Paris lernte er seine Frau Jeanne-Claude Denat de Guillebon kennen. 2009 verstorben, spielte sie eine wichtige Rolle im Leben und Schaffen von Christo.

Die Verhüllung von Objekten, als Form urbaner Kunst. Christos Projekte wollten das Monumentale verdecken. Wenn auch nur zeitlich begrenzt, aber das Große musste sich dem Blick entziehen. Seine erste Installation mit seiner Frau Jeanne-Claude verwirklichte er 1961 in Köln („Dockside Packages“ & „Stacked Oil Barrels„). Eine seiner ersten Arbeiten, welche Aufmerksamkeit erlangte war die „Wall of Oil Barrels – The iron curtain“ in der Rue Visconti in Paris (1961-1962). Nach erfolglosem Versuch eine Genehmigung von den Behörden zu erhalten, wird das Projekt illegal durchgeführt. Mit Öltonnen errichtet Christo eine Barrikade auf einer Straße. Nachfolgend eine Liste der wichtigsten Werke von Christo und Jeanne-Claude:

  • „Wrapped Coast“ in der Nähe von Sydney (1968-1969)
  • Alley Curtain“ in Colorado (1970–72)
  • Running Fence“ in California (1972–76)
  • Surrounded Islands“ in Miami (1980–83)
  • The Pont Neuf Wrapped“ in Paris (1975–85)
  • The Umbrellas“ in Japan and California (1984–91)
  • Wrapped Reichstag“ in Berlin (1972–95)
  • The Gates“ im Central-Park von New York City (1979–2005)
  • The Floating Piers“ in Italien Iseo-See (2014–16)
  • The London Mastaba“ auf dem „Sepertinne“ von London (2016–18)
Rom: Ein Besuch in den Vatikanischen Museen

Rom: Ein Besuch in den Vatikanischen Museen

Rom glänzt: Es ist das letzte Novemberwochende, sonnig und warm. Die Stadt rüstet sich für die kommende Weihnachtszeit mit Lichterketten und Tannengrün. Maronenverkäufer konkurrieren mit Eiscafés und locken mit winterlicher Dekoration Kundschaft an. Rom gehört für ein paar Wochen seinen Bewohner*innen. Die Touristenströme konzentrieren sich auf die in Reiseführern und einschlägigen Online-Foren genannten Orte: Piazza Navona, Trevi Brunnen, Spanische Treppe. Selbst der Park der Villa Borghese ist trotz angenehmen 20 Grad, fast leer. Nur wenige Bänke sind besetzt und in den entlegeneren Ecken des Parks trifft man nur wenige Menschen. Andere Sehenswürdigkeiten werden geputzt oder restauriert. Selbst der Trevi-Brunnen, um den sich auch im November die Menschenmassen scharren, ist ‚under construction‘.

Der Vatikan: eine Stadt in der Stadt (Urbanauth / AK / Rom / 2019)

Rom im November ist eine gute Zeit, um eines der touristischen Höhepunkte einmal genauer unter die Lupe zu nehmen: die Vatikanischen Museen. Die Bewegung des Stroms der Besucher richtet sich auf die Sixtinische Kapelle, dem kunsthistorischen und spirituellen Zentrum der Museumsanlage und zugleich Symbol der Macht der Kardinäle. Hier findet das Konklave statt, die Wahlversammlung, in der ein neuer Papst bestimmt wird. Dem zweiten Papst Julius II. verdankt die sixtinische Kapelle ihre künstlerische Ausgestaltung. Er war es, der Michelangelo nach Rom holte und ihn beauftragte, die Decke der Sixtinischen Kapelle auszuschmücken. Vier Jahre lang arbeitete Michelangelo an den Fresken, fünf Millionen Menschen besuchen jährlich seine Arbeit, in dessen Zentrum die Darstellung Gottes steht, der dem ersten Menschen Adam über die Berührung mit seinem Zeigefinger das Leben gibt.

Doch bevor die Sixtinische Kapelle erreicht wird, gilt es etliche Wegstrecken zurückzulegen. Der direkteste Weg führt vom Eingang über drei Galerien mit Marmorstatuen, Tapeten und Landkarten. Insbesondere letztere Galerie lohnt, dort etwas zu verweilen. An den Wänden hängen Landkarten mit den Regionen Italiens von Ignazio Danti, der diese 1580-83 gemalt hat. Die detaillierte und sorgfältige, topographische Darstellung lädt zum Staunen ein. Schon hier stauen sich die Besuchergruppen, Guides erläutern die Karten.

Angelangt in der Sixtinischen Kapelle stehen die Menschen dicht an dicht, ein Gewirr aus unterschiedlichsten Stimmen ist zu hören. Ein Priester hält im Gewimmel eine Andacht für eine Gruppe. Fotografieren ist hier nicht mehr erlaubt und es wird um Andacht und Stille gebeten. Ab und an ruft eine Stimme über ein Megaphon silenzio per favore; silence please; silence si vous plait, was kaum jemand zu beeindrucken erscheint. Sich angesichts des Schwarms von Menschen auf die Bilder einzulassen, fällt schwer. Wie die Kapelle wohl wirkt, wenn nur die Kardinäle an den Wänden sitzen oder man allein darin stünde? Was, wenn die Besucher*innen ihre Handys abgeben müssten und es ein Schweigegebot geben würde?

Könnte man nicht die von der Künstlerin Marina Abramović entwickelten Methode, Kunstschätze zu betrachten, anwenden? Wie wäre es, wenn alle Besucher*innen, bevor sie in die Sixtinische Kapelle eintreten, den Übergang vom weltlichen Museum zum Sakralraum auch physisch erleben würden – durch das Ausziehen der Schuhe, die Abgabe von Mobiltelefonen. Wie würde sich die Wahrnehmung der Menschen und die Atmosphäre des Raumes verändern, wenn jede*r ohne zu Reden, ohne Verbindung zu externen Informationen über Apps oder einen Guide, sich für eine Zeit lang mit allen Sinnen in ein Bild, ein Fresko versenken würden. So aber ist jede*r Besucher*in Teil eines summenden Bienenschwarms. Die Wahrnehmung folgt den Regeln des Schwarms. Vielleicht wiegt für den einen oder anderen, der Gedanke an die Möglichkeit, die Bilder im Internet im virtuellen Rundgang nochmals sehen zu können, die Einschränkungen, die Sixtinische Kapelle und ihre Gestaltung zu betrachten, auf.

Von den ‚Stanzen des Raffael‘ über das Etruskische Museum zur zeitgenössischen Kunst

Alt und staubig? Das etruskische Museum im Vatikan (Urbanauth /2019)

Nach dem Besuch warten weitere Museen und Galerien auf die Besucher*innen. Das Spektrum der Sammlungen ist breit, vom Ethnologische Museum zu einem Museum für Kutschen und weiteren Gemäldegalerien.

Ein anderes ‚must see’ ist in wenigen Metern nach der Sixtinischen Kapelle zu erreichen: die sog. „Stanzen des Raffael“. In vier Räumen kann man zentrale Werke der Kunstgeschichte betrachten. Raffael schuf parallel zu Michelangelo Werke, die als wegweisend für die Entwicklung der Malerei gelten, wie die Fresko-Darstellung der „Schule von Athen“. Auch hier ballen sich nochmal die Besucher*innen. Auffällig ist in den Zimmern des Raffael, was in anderen Museen nochmals deutlicher wird: Erläuterungen zu den Bildern sind äußerst knapp gehalten, der Erhalt und die Restaurierung der Sammlung scheint Vorrang vor Überlegungen zu einer zeitgemäßen, die Ausstellungsstücke begleitend-kommentierenden Präsentation zu haben.

Das Etruskische Museum, in das sich im Gegensatz zu Sixtinischer Kapelle und den Stanzen des Raffael nur weniger Besucher*innen verirren, wartet mit einer Fülle von Vitrinen auf. In diesen sind die Fundstücke aus Grabungen im antiken Etrurien eingelagert. Informationen findet man hier kaum. Die Vitrinen machen den Eindruck eines Lagers aus Töpfen, Vasen, Geschirr und anderen Gegenständen. Wie die Fülle der Ausstellungsstücke dorthin gekommen ist, welche Bedeutung sie haben, ist aus den wenigen Informationstafeln nicht zu entnehmen. Nur in Einzelfällen finden sich erläuternde, an die Wand geheftet Papiere, die offenkundig schon seit mehreren Jahrzehnten dort hängen. Auch hier gibt letztlich nur ein mitgebrachter Reiseführer, der Audioguide oder die Internetseite etwas mehr Informationen. Es bleibt der Eindruck eines Sammellagers für antike Gegenstände, deren Einordnung, Bewertung und Auswahl noch aussteht.

Zeitgenössische Kunstwerke in der Vatikanstadt

Robert Almagno: Der Atem der Gedanken / Vatikanische Museen (Urbanauth/ 2019)

Neugierig macht schließlich die Sammlung für zeitgenössische Kunst, das Jüngste der Vatikanischen Museum. Initiiert von Papst Paul VI. soll hier die Auseinandersetzung von zeitgenössischen Künstlern zur Religion befördert werden. Nach welchen Kriterien die Auswahl zustande gekommen ist, bleibt offen.

Die Sammlung beginnt mit Werken aus dem 19. Jahrhundert und endet mit neu angekauften Werken aus dem 21. Jahrhundert. Dass sich jemand dafür interessieren könnte, nehmen die Kurator*innen wohl nicht an; so lieblos wurde noch nie ein Henri Matisse aufgestellt und nirgendwo anders laufen so viele Menschen achtlos an Werken von Gabriele Münter, Paul Klee, Francis Bacon und anderen vorbei. Auch die Wärter scheinen nicht davon auszugehen, dass sich jemand für diese Sammlung interessiert. Eine Stunde vor Schließung wird bereits hinter einzelnen Besucher*innen abgesperrt. Traut man dem kontemplativ-religiösen Wert eines Otto Dix dann doch nicht?

Was bleibt nach dem Besuch? Für mich persönlich, die Wucht der Bilder Michelangelos, denen auch ein vielstimmiger Schwarm aus Menschen nichts anhaben kann, aber auch eine Installation von Robert Almagno von 2017 mit dem Titel: Il respirio del pensiero (The breath of thought), dessen langezogene Wellen aus Stahl bilden geradezu eine Aufforderung: inne zu halten, sich Zeit zu nehmen und mit dem eigenen Auge, ohne die Handykamera, die Dinge zu betrachten. Es bleibt aber auch der Eindruck der mangelnden Sorgfalt im Hinblick auf die Präsentation der Sammlungen in einzelnen Museen. Diese hinterlassen einen schalen Beigeschmack angesichts der offensichtlichen Notwendigkeit, Teile kuratorisch zu überarbeiten und ihre Präsentation dem Wissensstand des 21. Jahrhunderts anzupassen.

Einen Überblick über die Museen findet man auf der offiziellen Seite der Vatikanischen Museen. Die Öffnungszeiten der Vatikanischen Museen und der sixtinischen Kapelle sind hier zu finden.

Die Gilets-Jaunes in Paris am 1. Dezember 2018

Die Gilets-Jaunes in Paris am 1. Dezember 2018

Der 1. Dezember 2018 wird der französischen Bevölkerung lange in Erinnerung bleiben. Inmitten des dritten Aktes der Gelbwesten-Bewegung, kam es in ganz Frankreich zu schweren Unruhen. Von zerstörten Mautstellen auf der Autobahn zu einer angezündeten Gendarmerie und der kurzzeitigen Übernahme des Arc de Triomphe. Überall in Frankreich brachen an diesem Tag heftige Aufstände aus.

Urbanauth hat die Gelbwesten Bewegung vom 1. Dezember 2018 bis zum 1. Mai 2019 während einem halben Jahr dokumentiert und fotografisch festgehalten. Die Dokumentationsarbeit fand in Paris statt. Dieser Artikel gibt einen Rückblick auf den 1. Dezember 2018, als es in ganz Frankreich zu schweren urbanen Unruhen kam.

Foto: Urbanauth (CC-BY-NC-3.0 / Urbanauth / VG / Paris / 2018)

Der 1. Dezember 2018 als Paris unter den Gilets Jaunes brannte: In allen großen Ballungsräumen Frankreichs, insbesondere in Paris, brachen zeitgleich schwere Unruhen aus. Vor allem das 8. und 9. Arrondissement waren zeitweise gänzlich in der Hand der Protestierenden.

1. Dezember 2018: Zum dritten Akt der Gilets Jaunes Bewegung urbane Unruhen in ganz Frankreich

Erste 1. Dezember 2018 Gilets Jaunes Bewegung in Paris. Eine schwarze Silhoeutte steht vor einer brennenden Barrikade. Urbanauth 2018

Am Stärksten betroffen: die Hauptstadt. Die schockierenden Bilder vom Arc de Triomphe im 17. Bezirk, gingen um die Welt. Als Paris brannte…

Und der Bahnhof Saint Lazare sogar kurzzeitig drohte in die Hände der Gilets Jaunes zu fallen.

Paris unter den Gilets Jaunes am 1.Dezember 2018 war im Ausnahmezustand! Doch nicht nur dort fand der Aufstand der Gilets Jaunes statt.

Hunderte Kilometer entfernt wurde zur selben Zeit die Mautstelle La Croix-du-Sud sowie das anliegende Kommissariat der Gendarmerie der südlich-gelegenen Kleinstadt Narbonne in Brand gesteckt.

Doch auch in der Stadt Puys-en-Velay im Departement Auvergnes Rhônes-Alpes kam es zu außergewöhnlichen Unruhen. In dieser Kommune mit einem Einzugsgebiet von 75.000 Einwohnern wurde die Präfektur belagert und schlussendlich teilweise in Brand gesetzt. 70 Menschen wurden verletzt, davon vier Demonstranten schwer, sowie 18 Polizeibeamte.

Ankunft an Madeleine und erster Kontakt mit der Gilets Jaunes Bewegung

Am stärksten wüteten diese urbane Unruhen in der Hauptstadt Frankreichs. Der 1. Dezember 2018 legte die Weichen für die nächsten turbulenten Monate. In den schönen Vierteln des 9. und 17. Arrondissement fanden dabei an diesem Tag die stärksten Unruhen statt. Die Bilder des Arc-de-Triomphe in den Händen der Gelb-Westen brannte sich dabei besonders stark ins kollektive Gedächtnis ein.

Dieser zu Zeiten von Napoleon erbaute Triumphbogen, wurde für einen Tag zum Schauplatz von Straßenschlachten zwischen den Ordnungskräften und Gilets Jaunes. Zwischen Barrikaden und Sachbeschädigungen wurde dabei eines durch sein Wortspiel besonders bekannt: „Les Gilets-Jaunes triompheront“ / „Die Gelb-Westen werden siegen“. Dennoch befanden sich an den Wänden des Monumentes ein weiteres, weniger beachtetes Tagg. Doch nichtsdestotrotz von Bedeutung: „Justice pour Adama“.

2016 starb Adama Traoré in Beaumont-sur-Oise nach einer Polizeikontrolle an seinem 24. Geburtstag durch Erstickung. Seitdem kämpft das Kollektiv Verité pour Adama dafür, dass die zu dem Zeitpunkt anwesenden Polizisten angeklagt werden. Der Kampf von Asa Traoré, der Schwester des Verstorbenen hat inzwischen internationale Bekanntheit erlangt.

Die Gelbwesten-Bewegung nicht rechtsextremen Gruppierungen überlassen: Durch die Mobilisierung der „Quartiers Populaires“ mit den Gilets Jaunes durch das Kollektiv, nahm die Sozialbewegung an diesem Tag einen zusätzlichem Schwung.

Mein erster Eindruck der Gilets Jaunes in Paris: „C’est bordélique (- Es ist chaotisch)

Die Gilets Jaunes liefern sich Straßenschlachten auf dem Boulevard de Malesherbes

Für mich war dieser Tag der Beginn einer halbjährigen Fotographischen Dokumentationsarbeit über die Gilets Jaunes Bewegung in Frankreich und dem Fokus auf Paris.

Es ist ein grauer Nachmittag in der Hauptstadt von Frankreich. Durch Zufall besuche ich meinen ersten französischen Demonstrationsprotest.

Der 1. Dezember 2018, als Paris brannte.

Unter den Pflastersteinen der Strand„: Der 1.Dezember 2018. Die Gilets Jaunes in Paris und ein Relikt der 68er

Paris: Der Boulevard Haussmann brennt. Barrikaden blockieren die Straßen.

Polizeigewalt gegenüber den Gilets Jaunes am 1. Dezember 2018 in Paris und Frankreich

Während der Sozialbewegung der Gilets Jaunes in Frankreich wurden viele Demonstranten, Polizeibeamte, aber auch Passanten verletzt. Doch die Anzahl der Kollateralschäden am 1.Dezember 2018 übertraff alles bisher Gekannte. Ob verletzte Demonstranten, Polizisten oder unschuldigen Beteiligten, von Paris bis nach Marseille. Die sozialen Medien wie Twitter und Facebook halfen dabei eine Vielzahl an Vorfällen bekannt zu machen.

Das Ausmaß der Polizeigewalt wurde dem unabhängigen Journalisten David Dufresne schnell klar. Schockiert von den Geschehnissen beginnt er ein Rechercheprojekt. Mit „Allô Place Beauveau“ archivierte er die Polizeigewalt auf den sozialen Medien während der Sozialbewegung der Gilets Jaunes.

Für den 1. Dezember belegte er 64 weitere Fälle in den verschiedensten Städten Frankreichs.

Polizeigewalt an Gilets Jaunes: Der Vorfall in einem Fast-Food Restaurant

Darunter ein sehr gewalttätiges Video in einem Burger-King Restaurant. Es ist nach Anbruch der Dunkelheit. Die Unruhen seit dem Vormittag voll in Gang. Ein paar Demonstranten suchen Zuflucht in einem Fast-Food Restaurant. Das folgende Video enthält gewalttätige Szenen und wurde Urbanauth zur Verfügung gestellt.

Der Journalist Nicolas Mercier filmt die Szene für sein Medium Hors Zone Press von der Straße aus. Die Anwesenden bekommen Hiebe mit Schlagstöcken und werden übel zugerichtet. Späteren Berichten zufolge wurden die Demonstranten anschließend von am Eingang stehenden Beamten geschlagen.

Nicolas Mercier selbst wird in seinen Aufnahmen von einem Polizeibeamten aufgefordert den Bereich zu verlassen. Nachdem er sich als Journalist zu erkennen gibt und darauf besteht seiner beruflichen Pflicht nachzugehen, bekommt er einen Fußtritt ab.

Der Angriff auf die Pressefreiheit in Form von Einschüchterungen und Gewaltanwendugen durch Polizeibeamte an Journalisten hat während der Gilet Jaunes Bewegung zugenommen.

Gelbes Chaos auf den Straßen. (CC-BY-NC-3.0 / Urbanauth / VG / Paris / 2018)

In unserem Artikel „Paris: Ist die Pressefreiheit in Gefahr?“ gingen wir dieser Frage nach. Dies geschah im Anschluss der Geschehnisse vom 18. Akt der Gilets Jaunes im März an der Place de la République. Während diesem wurde der unabhängige Videojournalist Gaspard Glanz von einer Tränengasgranate getroffen und landete anschließend in der Gefangenensammelstelle.

Ein ähnliches Schicksal erlitt sein Kollege Alexis Kraland. Ihm wurde sein Foto-Equipment beschlagnahmt und er landete ebenfalls kurzzeitig in Haft.

Kurz nach Anbruch der Nacht. Eine Polizeieinheit schützt eine Bank in der Straße, die an den Bahnhof Saint-Lazare angrenzt. Auf der anderen Seite: die teuren Kaufhäuser Le Printemps und Lafayette (CC-BY-NC-3.0 / Urbanauth / VG / Paris / 2018)

Zineb Redouane, das erste Todesopfer der Gilets Jaunes Bewegung

Ungeklärt wird der Tod einer 80-Jährigen Dame in Marseille bleiben. Als Außenstehende hatte sie nicht an der Demonstration teilgenommen. Während die Stimmung in der Straße immer hitziger wurde, war sie bei sich daheim und telefonierte mit ihrer Tochter. Beim Versuch ihre Fensterläden ihrer Wohnung im vierten Stock zu schließen, bekam sie ein verirrtes Tränengasgeschoss ins Gesicht. Mit schweren Brandverletzungen wurde sie ins Krankenhaus eingeliefert, verstarb jedoch wenige Tage danach an ihren Verletzungen. Doch als offizielle Todesursache wurde nur der operative Schock vermerkt.

Einem am 20. Mai 2020 veröffentlichteter Ballistikbericht befreit die Beamten von jeglicher Schuldzuweisung. Den vertraulichen Bericht konnten Journalisten von LeMonde und LeParisien einsehen.

Quellenangaben:
1. Der Angriff auf die Mautstelle La Croix du Sud/ Narbonne 1. Video / 2. Video
2. Der Angriff auf die Präfektur von Puys-en-Velay 1. Quelle / 2. Video
3. Der Angriff auf den Arc de Triomphe CLPress & Tags
4. Einsatz von Tränengas und LBD40 am 1. Dezember Liberation
5. Der Tod von Zineb Redouane Le Mediapresse
6. Zahlen zu den Verletzten von David Dufresne / Allô place Beauveau

Der Artikel wurde zum ersten Mal am 1. Dezember 2020 veröffentlicht. Da diese Geschehnisse vergangen sind, erlauben wir uns den Artikel zurückzudatieren (auf den 1. Dezember 2018)

Indien: die weltgrößte Statue steht jetzt in Gujarat

Indien: die weltgrößte Statue steht jetzt in Gujarat

Ein Koloss für die Einheit: die weltgrößte Statue in Indien

In Gujarat, einem westlichen Bundesstaat von Indien, wurde diese Woche die „Statue of Unity“ zum Tag der indischen Einheit am 31. Oktober eingeweiht. Das 182 Meter hohe Monument zeigt den indischen Gründungsvater Sardar Vallabhbhai Patel. Dieser wurde für seinen Einsatz für den Hinduismus von der hindu-nationalistischen Partei BJP geehrt, von der die Initiative zur Errichtung dieses Kolosses ausging. Die Eröffnungszeremonie, welche am Nationalfeiertag stattfand, markierte sowohl den Tag der Einheit, als sowohl auch Patels 143. Geburtstag.

In dem Video der Eröffnungsfeierlichkeiten sieht man Indiens Premierminister Narendra Modi (BJP) Blumenblüten auf die Zehen der Statue streuen. Von einem Männerchor begleitet führte er die Zeremonie  Rashtrapan Hetu Puja („Kult des Nationalismus“) durch.

Die weltgrößten Statuen im Vergleich. (v.l.) Statue der Einheit, Frühlingstempel-Buhdda, Freiheitsstatue, Mutter-Heimat-Statue, Cristo Redentor, Davids-statue (Foto by Anna Frodesiak CC-BY-SA 3.0)

Ohne Sockel ist das fertige Monument doppelt so groß wie die „Statue of Liberty“ in New York und überragt die zuvor weltgrößte Statue, den Frühlingstempel-Bhudda um 54 Meter. Diese steht in China und benötigte elf Jahre Bauzeit, im Gegensatz zur indischen, welche es in nur acht Jahren vom Konzept zur Realisierung schaffte. Dieses prestigeträchtige Bauwerk, wird von der New York Times mit einem Kostenpunkt von 400 Millionen US Dollar beziffert. Indien sendet damit ein klares Signal an seinen konkurrierenden Nachbarn China. Denn Indiens Nationalstolz ist über die letzten Jahre keineswegs kleiner geworden.

Die Statue wurde vom 93. jährigen Bildhauer Ram V. Sutar geschaffen und krönt seine 40-jährige Karriere, in welcher er ungefähr 50 monumentale Statuen entworfen hat.

Dazu zählen auch eine vier-Meter hohe Büste von Mahatma Gandhi in Bangalore, sowie das knapp drei Meter hohe Gandhi-Standbild am Parliament Square in London. Die Statue der Einheit sein herausragendstes Werk, stellt seine bisherigen Werke in den Schatten. Wie der Nachrichtendienst ndtv berichtet, wurden für die Fertigstellung 1700 Tonnen Bronze – davon 850 Tonnen für die Verkleidung – benötigt. So kam es, dass Sutar auf eine Gießerei in China ausweichen musste, um mit diesen Mengen fertig zu werden.

Die Kontroverse Patel/Nehru und Indiens Heldenkult 

In dem Bild (vor 1950) ist links Jawaharlal Nehru und rechts Sardar Patel zu sehen. Beide sind Gründungsväter des heutigen Indiens. (Foto by:  FlickrrWarrior, via Wikimedia Commons).

Als Indien seine Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht in 1949 erlangte, gab es neben Mahatma Gandhi der 1948 verstarb und Sadar Patel, eine weitere federführende Persönlichkeit. Jawaharlal Nehru dem ersten Ministerpräsident von Indien und im Volksmund als „Onkel Nehru“ bekannt. Er vertrat einen modernen Sozialismus und befürwortete den Bau von Industrie, Schulen und Krankenhäuser, gegenüber den von Tempeln. Außerdem setzte er sich dafür ein, dass religiöse Minderheiten vor der hinduistischen Mehrheitsbevölkerung einen ausreichenden Schutz erhielten. Bei der breiten Bevölkerung war Nehru sehr beliebt und wird als ein Gründervater Indiens angesehen. Die Kontroverse zwischen Patel und Nehru begann mit den Hindu Code Bills, welche Nehru unterstützte und Patel rigoros ablehnte. Diese Gesetzespakete wurden 1952 und 1956 in Kraft gesetzt und richteten sich nicht nur an Hindus, sondern betraffen auch Sikhis, Jainisten und Buddhisten. Die Hindu Code Bills sprachen Frauen ein Scheidungsrecht und Recht auf Eigentum zu.

Die Entscheidung von 2010 diese extravagante Statue zu errichten, löste Unstimmigkeiten über die Deutungshoheit der BJP-Partei über Patel aus.  Diese und allen voran Narendra Modi, die treibenden Bauherren hinter diesem Prestige-Projekt, wählten nicht ohne Grund „den eisernen Mann“ als Abbild der imposanten Statue. Zumal Patel damals dafür bekannt war, die indische Einheit gegenüber Briten und Fürsten mit eiserner Härte voranzutreiben.

Denn die BJP, bekannt als Befürworter rechtskonservativer, hindu-nationalistischer Werte strebt eine Bevorzugung von Hindus und ihren Traditionen gegenüber religiösen Minderheiten an. Diese Position erinnert an eine verwandte Position die Patel zu Lebzeiten vertrat. Jedoch wird sie von der Partei umgedeutet und Patels Abbild in einen nationalen Heldenkult gezwängt. In dieser Hinsicht verlangt der Kommentar Shri Narendra Modis Beachtung, welcher auf der „Statue of Unity“-Seite zu finden ist:

„The Statue will stand high, not just in meters and feet, but much more in terms of academic, historical, national and spiritual values. My vision is to develop the place as a source of inspiration for ages to come.

Das Ausmaß des kurzen Zitates sollte angesichts der bedeutungsvollen Ehrung Patels durch einen rechts-konservativen Hindu-Nationalisten nicht unterschätzt werden. Denn die Errichtung eines solch überdimensionierten Standbildes prägt nicht nur die umgebende Landschaft, sondern beeinflusst ihn erster Linie auch das Werteverständnis einer Gesellschaft. Nicht umsonst betont er die Nationalen und Spirituellen Werte, die der Bedeutung der Statue zuzurechnen sind.

Mit der Vollendung der Statue der Einheit wartet auch schon das nächste Prestige-Objekt auf seine Fertigstellung. Dabei handelt es sich um das Reiterstandbild zu Ehren Chhatrapati Shivaji Maharaj, Kriegsfürst der Marathen. Dieser setzte sich im 17. Jahrhundert kämpferisch gegen die muslimische Mogulherrschaft und zunehmenden britischen Einflussnahme zur Wehr.  Von hindu-nationalistischen Parteien und Bewegungen wird er seit den 1980er Jahren als ein Vorkämpfer des Hinduismus idealisiert, der seinen Glauben gegenüber anderen Religionen verteidigte.

Dieses Monument, dessen Grundstein im Dezember 2016 gelegt wurde, soll bis 2024 fertiggestellt werden. Am 24. Oktober wurde, nach zwei Jahren Konzipierung der Beginn der Arbeiten verkündet. Die Statue, welche 212 Meter Höhe messen soll, wird auf einer künstlichen Insel an der südlichen Spitze von Bombay errichtet und ist ein weiteres ehrgeiziges Projekt von Modi. Angesichts der hindu-nationalen Agenda, welche die BJP-Partei vertritt, lässt dies nichts Gutes für Angehörige anderer gesellschaftlicher und religiöser Minderheiten erahnen. Und auch in Zeiten eines wirtschaftlich angeschlagenen Indiens – stellt sich die Frage, ob die Bevölkerung von dieser Art von Heldenkult profitieren wird, oder ihr ein weißer Elefant aufgebunden wird?

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