jpg
Rom: Ein Besuch in den Vatikanischen Museen

Rom: Ein Besuch in den Vatikanischen Museen

Rom glänzt: Es ist das letzte Novemberwochende, sonnig und warm. Die Stadt rüstet sich für die kommende Weihnachtszeit mit Lichterketten und Tannengrün. Maronenverkäufer konkurrieren mit Eiscafés und locken mit winterlicher Dekoration Kundschaft an. Rom gehört für ein paar Wochen seinen Bewohner*innen. Die Touristenströme konzentrieren sich auf die in Reiseführern und einschlägigen Online-Foren genannten Orte: Piazza Navona, Trevi Brunnen, Spanische Treppe. Selbst der Park der Villa Borghese ist trotz angenehmen 20 Grad, fast leer. Nur wenige Bänke sind besetzt und in den entlegeneren Ecken des Parks trifft man nur wenige Menschen. Andere Sehenswürdigkeiten werden geputzt oder restauriert. Selbst der Trevi-Brunnen, um den sich auch im November die Menschenmassen scharren, ist ‚under construction‘.

Der Vatikan: eine Stadt in der Stadt (Urbanauth / AK / Rom / 2019)

Rom im November ist eine gute Zeit, um eines der touristischen Höhepunkte einmal genauer unter die Lupe zu nehmen: die Vatikanischen Museen. Die Bewegung des Stroms der Besucher richtet sich auf die Sixtinische Kapelle, dem kunsthistorischen und spirituellen Zentrum der Museumsanlage und zugleich Symbol der Macht der Kardinäle. Hier findet das Konklave statt, die Wahlversammlung, in der ein neuer Papst bestimmt wird. Dem zweiten Papst Julius II. verdankt die sixtinische Kapelle ihre künstlerische Ausgestaltung. Er war es, der Michelangelo nach Rom holte und ihn beauftragte, die Decke der Sixtinischen Kapelle auszuschmücken. Vier Jahre lang arbeitete Michelangelo an den Fresken, fünf Millionen Menschen besuchen jährlich seine Arbeit, in dessen Zentrum die Darstellung Gottes steht, der dem ersten Menschen Adam über die Berührung mit seinem Zeigefinger das Leben gibt.

Doch bevor die Sixtinische Kapelle erreicht wird, gilt es etliche Wegstrecken zurückzulegen. Der direkteste Weg führt vom Eingang über drei Galerien mit Marmorstatuen, Tapeten und Landkarten. Insbesondere letztere Galerie lohnt, dort etwas zu verweilen. An den Wänden hängen Landkarten mit den Regionen Italiens von Ignazio Danti, der diese 1580-83 gemalt hat. Die detaillierte und sorgfältige, topographische Darstellung lädt zum Staunen ein. Schon hier stauen sich die Besuchergruppen, Guides erläutern die Karten.

Angelangt in der Sixtinischen Kapelle stehen die Menschen dicht an dicht, ein Gewirr aus unterschiedlichsten Stimmen ist zu hören. Ein Priester hält im Gewimmel eine Andacht für eine Gruppe. Fotografieren ist hier nicht mehr erlaubt und es wird um Andacht und Stille gebeten. Ab und an ruft eine Stimme über ein Megaphon silenzio per favore; silence please; silence si vous plait, was kaum jemand zu beeindrucken erscheint. Sich angesichts des Schwarms von Menschen auf die Bilder einzulassen, fällt schwer. Wie die Kapelle wohl wirkt, wenn nur die Kardinäle an den Wänden sitzen oder man allein darin stünde? Was, wenn die Besucher*innen ihre Handys abgeben müssten und es ein Schweigegebot geben würde?

Könnte man nicht die von der Künstlerin Marina Abramović entwickelten Methode, Kunstschätze zu betrachten, anwenden? Wie wäre es, wenn alle Besucher*innen, bevor sie in die Sixtinische Kapelle eintreten, den Übergang vom weltlichen Museum zum Sakralraum auch physisch erleben würden – durch das Ausziehen der Schuhe, die Abgabe von Mobiltelefonen. Wie würde sich die Wahrnehmung der Menschen und die Atmosphäre des Raumes verändern, wenn jede*r ohne zu Reden, ohne Verbindung zu externen Informationen über Apps oder einen Guide, sich für eine Zeit lang mit allen Sinnen in ein Bild, ein Fresko versenken würden. So aber ist jede*r Besucher*in Teil eines summenden Bienenschwarms. Die Wahrnehmung folgt den Regeln des Schwarms. Vielleicht wiegt für den einen oder anderen, der Gedanke an die Möglichkeit, die Bilder im Internet im virtuellen Rundgang nochmals sehen zu können, die Einschränkungen, die Sixtinische Kapelle und ihre Gestaltung zu betrachten, auf.

Von den ‚Stanzen des Raffael‘ über das Etruskische Museum zur zeitgenössischen Kunst

Alt und staubig? Das etruskische Museum im Vatikan (Urbanauth /2019)

Nach dem Besuch warten weitere Museen und Galerien auf die Besucher*innen. Das Spektrum der Sammlungen ist breit, vom Ethnologische Museum zu einem Museum für Kutschen und weiteren Gemäldegalerien.

Ein anderes ‚must see’ ist in wenigen Metern nach der Sixtinischen Kapelle zu erreichen: die sog. „Stanzen des Raffael“. In vier Räumen kann man zentrale Werke der Kunstgeschichte betrachten. Raffael schuf parallel zu Michelangelo Werke, die als wegweisend für die Entwicklung der Malerei gelten, wie die Fresko-Darstellung der „Schule von Athen“. Auch hier ballen sich nochmal die Besucher*innen. Auffällig ist in den Zimmern des Raffael, was in anderen Museen nochmals deutlicher wird: Erläuterungen zu den Bildern sind äußerst knapp gehalten, der Erhalt und die Restaurierung der Sammlung scheint Vorrang vor Überlegungen zu einer zeitgemäßen, die Ausstellungsstücke begleitend-kommentierenden Präsentation zu haben.

Das Etruskische Museum, in das sich im Gegensatz zu Sixtinischer Kapelle und den Stanzen des Raffael nur weniger Besucher*innen verirren, wartet mit einer Fülle von Vitrinen auf. In diesen sind die Fundstücke aus Grabungen im antiken Etrurien eingelagert. Informationen findet man hier kaum. Die Vitrinen machen den Eindruck eines Lagers aus Töpfen, Vasen, Geschirr und anderen Gegenständen. Wie die Fülle der Ausstellungsstücke dorthin gekommen ist, welche Bedeutung sie haben, ist aus den wenigen Informationstafeln nicht zu entnehmen. Nur in Einzelfällen finden sich erläuternde, an die Wand geheftet Papiere, die offenkundig schon seit mehreren Jahrzehnten dort hängen. Auch hier gibt letztlich nur ein mitgebrachter Reiseführer, der Audioguide oder die Internetseite etwas mehr Informationen. Es bleibt der Eindruck eines Sammellagers für antike Gegenstände, deren Einordnung, Bewertung und Auswahl noch aussteht.

Zeitgenössische Kunstwerke in der Vatikanstadt

Robert Almagno: Der Atem der Gedanken / Vatikanische Museen (Urbanauth/ 2019)

Neugierig macht schließlich die Sammlung für zeitgenössische Kunst, das Jüngste der Vatikanischen Museum. Initiiert von Papst Paul VI. soll hier die Auseinandersetzung von zeitgenössischen Künstlern zur Religion befördert werden. Nach welchen Kriterien die Auswahl zustande gekommen ist, bleibt offen.

Die Sammlung beginnt mit Werken aus dem 19. Jahrhundert und endet mit neu angekauften Werken aus dem 21. Jahrhundert. Dass sich jemand dafür interessieren könnte, nehmen die Kurator*innen wohl nicht an; so lieblos wurde noch nie ein Henri Matisse aufgestellt und nirgendwo anders laufen so viele Menschen achtlos an Werken von Gabriele Münter, Paul Klee, Francis Bacon und anderen vorbei. Auch die Wärter scheinen nicht davon auszugehen, dass sich jemand für diese Sammlung interessiert. Eine Stunde vor Schließung wird bereits hinter einzelnen Besucher*innen abgesperrt. Traut man dem kontemplativ-religiösen Wert eines Otto Dix dann doch nicht?

Was bleibt nach dem Besuch? Für mich persönlich, die Wucht der Bilder Michelangelos, denen auch ein vielstimmiger Schwarm aus Menschen nichts anhaben kann, aber auch eine Installation von Robert Almagno von 2017 mit dem Titel: Il respirio del pensiero (The breath of thought), dessen langezogene Wellen aus Stahl bilden geradezu eine Aufforderung: inne zu halten, sich Zeit zu nehmen und mit dem eigenen Auge, ohne die Handykamera, die Dinge zu betrachten. Es bleibt aber auch der Eindruck der mangelnden Sorgfalt im Hinblick auf die Präsentation der Sammlungen in einzelnen Museen. Diese hinterlassen einen schalen Beigeschmack angesichts der offensichtlichen Notwendigkeit, Teile kuratorisch zu überarbeiten und ihre Präsentation dem Wissensstand des 21. Jahrhunderts anzupassen.

Einen Überblick über die Museen findet man auf der offiziellen Seite der Vatikanischen Museen. Die Öffnungszeiten der Vatikanischen Museen und der sixtinischen Kapelle sind hier zu finden.

Du sollst das Graffiti-Tag nicht vor dem Abend loben …

Du sollst das Graffiti-Tag nicht vor dem Abend loben …

Bunte Wände in Berlin-Mitte

Ist das Kunst oder kann das weg?

Wir kennen sie alle, wir sehen sie alle. In nahezu jeder Stadt sieht man Wände, Fassaden, Haltestellen oder Straßenschilder, die mit einem oder mehreren Tags bemalt sind. Das englische Wort „tag“ bedeutet soviel wie Markierung oder Etikett mit denen der ausführende „writer“ seine Unterschrift an einem bestimmten Objekt hinterlässt. Gerne auch mit dem Anspruch einer gewissen Präsenz in der jeweiligen Stadt. Dementsprechend verwundert es nicht, wenn man unzählige dieser Schriftzüge an ohnehin schon überladenen Häuserwänden sieht. Oftmals handelt es sich nur um Pseudonyme der Künstler. Doch gelegentlich taucht mal ein Wort, ein Zitat oder ein Spruch auf, der zum Nachdenken anregt. Manchmal sind es nur schlichte Symbole mit tieferer Bedeutung.

Allgegenwärtig und trotzdem schön.

Doch viele Menschen ignorieren diese Art der Kommunikation und sehen darin lediglich eine andere Form von Schmierereien oder Sachbeschädigungen. Ich dagegen sehe in ihnen ein Zeugnis unserer Zeit, in der jeder Menschen mit einem Stift, seine ganz eigene Nachricht für seine Mitmenschen erschaffen kann. Hier will mein Artikel ansetzen und so den Leser dazu einladen, sich einen kurzen Moment Zeit für solche scheinbar alltäglichen und unbedeutenden Texte zu nehmen. Deshalb habe ich fünf meiner persönlichen Favoriten nach meinen eigenen subjektiven Kriterien ausgewählt:

Das „FAKEFACE“ in Mailand

Mailänder Innenstadt

In der Mailänder Innenstadt, einem Ort an dem Menschen aller Altersgruppen vor dem Dom, dem Castello Sforzesco oder den teuren Designer-Läden der Viktor-Emanuel-Passage sich selbst fotografieren oder fotografieren lassen, habe ich in einer kleinen Ecke diesen blauen Schriftzug entdeckt. Es entsteht wohl nicht umsonst der Eindruck einer gewissen Ironie, wenn sich die Aufschrift „FAKEFACE“ eben dort befindet, wo sich diverse Leute für ihre Social-Media-Kanäle ablichten lassen und andere gleichzeitig tausende von Euros für Kleidung, Accessoires oder Schmuck ausgeben. Man könnte zynisch behaupten, dass dort jeder auf seine Weise etwas für sein Fakeface tut. 

Berliner Schnauze

Die zwei folgenden Beispiele stammen aus dem aufstrebenden Berliner Stadtteil Neukölln. Vor ein paar Jahren noch als No-Go-Area verrufen, siedeln sich dort heute zunehmend junge und hippe Menschen an, die sich die Mieten in Friedrichshain oder Kreuzberg nicht mehr leisten können. Es entstehen nach und nach Kieze in denen Migranten, Studenten, Künstler und Arbeiter zusammen leben. Bei so einem aufstrebenden Bezirk wirkt es nicht überraschend, wenn man erfährt, dass über das gesamte Viertel einmal im Sommer ein Kunstfestival namens „48-Stunden-Neukölln“ stattfindet, für welches sich jeder Bewohner bewerben und eigene Projekte vorstellen kann. Der erste Schriftzug stammt von einem der Projekte, wobei jedoch unklar ist ob es eine Idee des Künstlers oder die Aktion eines Schmierfinks unter den Besuchern war.

„Alle wollen zurück zur Natur, nur nicht zu Fuß“

Berlin-Neukölln

In Zeiten wo Bewegungen wie Fridays for Future oder Extinction Rebellion einen radikalen Wandel der Klimapolitik fordern sind Sprüche und Zitate zu diesem Thema stets präsent. Doch nur wenige von ihnen brachten mich bisher so zum schmunzeln und gleichzeitig zum Nachdenken wie dieser hier. Selbstreflexion und Ironie stünden schließlich dem einen oder anderen Berliner auch gut zu Gesicht.

Übung macht den Meister

Berlin-Neukölln

Dieses Motto nahm sich wohl ein Sprayer zu Herzen, der ebenfalls in Neukölln unterwegs war. Hierzu bleibt nicht viel zu sagen, außer, dass Rot auf Gelb immer eine gute Kombination ist.

Der Klassiker

Gubener Vorstadt, Frankfurt/Oder

Mit diesem Beispiel verbinde ich vor allem persönliche Erinnerungen. Es ist das klassische Anarchie-Zeichen. Üblicherweise zu finden an besetzten Häusern, Aufklebern, Punkerjacken oder halt an Stromkästen. Es ist weder außergewöhnlich schön oder noch besonders einfallsreich. Doch es befand sich über acht Jahre an einem Ort der relativ weit von Hausbesetzern entfernt ist. Nämlich in der brandenburgischen Stadt Frankfurt an der Oder in Ostdeutschland. Diese Situation steht stellvertretend für die gigantische Prominenz dieses Smybols. Man kann es an nahezu allen Ecken der Welt entdecken. In der Großstadt oder an der Dorfbushaltestellte und so schließlich auch an der ostdeutschen Grenze zu Polen.

Freiheit für die Freifläche

Magdeburg-Buckau

Das letzte Bild zählt eigentlich nicht zur oben aufgestellten Kategorie von Tags, kann aber in diesem Kontext trotzdem genannt werden. Denn Tags kann man ebenfalls in Form von Stencils, also Schablonen, anbringen. Dieses Stencil mit dem bekannten Spartaner aus dem Film „300“ befindet sich in Sachsen-Anhalt. Genauer gesagt im Magdeburger Stadtteil Buckau. In der deutschen Stadt an der Elbe gibt es zahlreiche Graffitis und Tags. Darunter auch ganz Besondere.

Vor einigen Jahren war die sogenannte „Freifläche“ noch ein Gelände auf dem sich im Wesentlichen Müll, Schutt und ein paar Gräser und Büsche befanden, die regelrecht von Hundehaufen übersät waren. Doch als sich das Viertel, aufgrund der niedrigen Mieten, zunehmend zu einem Kiez für junge Studenten entwickelte und dementsprechend attraktiver für den Wohnungsmarkt wurde, begann die Stadt damit, die Fläche zunehmend zu bebauen. Heute befinden sich darauf mehrere Wohnhäuser, eine Kita und Baustellen für neue Projekte. Ob der letzte Spartaner vielleicht deswegen auf der Freifläche angebracht wurde, um sie so vor der ultimativen Bebauung zu schützen? Wer weiß …

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner