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Paris: Können diese Maßnahmen die sozialen Ungleichheiten in den nördlichen Vororten dämpfen?

Paris: Können diese Maßnahmen die sozialen Ungleichheiten in den nördlichen Vororten dämpfen?

Am Donnerstag, dem 31. Oktober 2019 gab die französische Regierung in Anwesenheit des Premiers und Innenministers ihren Aktionsplan für das Departement Seine Saint-Denis bekannt. Neben einem Geldumschlag für treue Beamte: verschiedene Ansätze, um den Regierungsbezirk mit der Nummer 93 attraktiver zu gestalten. Die 23 Maßnahmen gruppieren sich dabei um fünf Kernthemen: Attraktivität, Sicherheit, Bildung, Gesundheit sowie Justiz. Die Bilder des Artikels wurden in den Vororten Saint-Denis Pleyel sowie Saint-Ouen aufgenommen.

Ein Aktionsplan mit 23 Maßnahmen soll den Gebiets-spezifischen, gesellschaftlichen Ungleichheiten entgegenwirken

Der Vorort Saint Ouen: Zwischen Wohnblocks aus einer anderen Zeit und ambitionierter neuer Architektur. (Urbanauth / 2020 – 2019)

Mit auf zehn Jahre verteilten Subventionen kommt die französische Regierung der Seine Saint-Denis entgegen. Um der Kriminalität entgegenzuwirken, soll dabei das Polizei-Effektiv ab nächsten September um 100 Polizisten aufgestockt werden. Insgesamt 50 weitere Stellen folgen außerdem bis zum Halbjahr 2021. Die Kommunen La Courneuve und Saint Ouen bekommen dasselbe Effektiv für sich zugewiesen. Die Polizeistationen in Aulnay-sous-bois und Epinay-sur-Seine sollen dabe für 30 Millionen Euro wieder instand gesetzt. Doch auch die Kameraüberwachung in der gesamten Seine Saint-Denis wird weiter ausgebaut werden. Verglichen mit einer Bevölkerungszahl von über eineinhalb Millionen Einwohnern und wiederkehrenden urbanen Unruhen, wissen diese Maßnahmen nicht alle zu überzeugen.

In einem Interview mit France3 befürwortet Patrice Bessac, der Bürgermeister von Montreuil, den Aktionsplan zunächst. Jedoch machte er klar, dass der Kern des Problems die territorialen Ungleichheiten sind. So seien ihm zufolge 70 % der angestellten Lehrer frisch diplomiert, während der nationale Durchschnitt bei 20 % läge. Zum Thema Sicherheit merkte er an, dass der Bevölkerung deutlich weniger Polizisten zur Verfügung stünden, als dem direkt anliegendem 18. Arrondissement von Paris. Dieses ist eines der bevölkerungsdichtesten Viertel der Hauptstadt und grenzt an das Departement der Seine Saint-Denis an. Mit einer mehr als doppelt so großen Fläche, ist es zugleich ein Gebiet mit hohen Kriminalitätsraten.

Ansätze um die Seine Saint-Denis attraktiver zu gestalten

Der Turm Pleyel in der Seine Saint Denis. In der angrenzenden Straße findet sich ein wohn-untaugliches Gebäude. (Urbanauth / 2019)

Um die Attraktivität in dem Gebiet zu erhöhen, sind einige Maßnahmen vorgesehen. Treueprämien von bis zu 10.000 Euro für Beamte und ein erleichterter Zugang zu Wohngeldansprüchen. Der Umzug der Unterpräfektur in eine ehemalige Filiale der Banque de France wird dabei mit in die Maßnahmen einbezogen. Ohne jedoch die Kosten zu nennen.

Um den gebietspezifischen Problemen der „Taudis“ entgegenzutreten, sollen fünf Vollzeitstellen geschaffen werden. Als solche werden im Volksmund Wohneinheiten bezeichnet, welche sich in solch mangelhaften Zustand befinden, dass sie nicht vermietet werden dürften. Diese Angestellten der Stadt sollen sich darum kümmern, gemeldete Gebäude auf ihre Konformität zu überprüfen. Ein Problem das nicht nur die nördlichen Banlieues von Paris betrifft, sondern auch Städte wie Marseille oder Perpignan.

Förderung des Bildungs- und Gesundheitssektor, um den strukturellen Ungleichheiten der nördlichen Vororte längerfristig effektiv entgegenzuwirken?

Der Bildungsbereich stellt mit der Schaffung von 500 Anstellungsversprechen einen besonderen Schwerpunkt dar. Dies gilt für Einsteiger in unterbesetzten Berufsgruppen, wie Lehrer und Ärzte. So sollen hierfür jährlich zwei Millionen Euro Unterstützung fließen. Aber auch im Bereich der Gesundheit greift der französische Staat in die Kasse.

Zehn Millionen Euro pro Jahr sind dabei für besonders fragile Bevölkerungsgruppen eingeplant. Diesen soll der Zugang zu den Gesundheitseinrichtungen erleichtern werden. Die Krankenhäuser in Montreuil, Ville Evrard und Aulnay will man teilweise oder vollständig sanieren bzw. modernisieren. Einrichtungen in Raincy-Montfermeil und Bobigny werden dabei umstrukturiert, um besser auf die Bedürfnisse der Patienten eingehen zu können. Dem folgen ebenfalls Investitionen in technische Ausstattungen, wie zum Beispiel Tomografiegeräte. Eine Besonderheit die dabei auffällt: die Förderung von angehenden Ärzten. So soll die Anzahl der Praktikumstutoren für allgemeinmedizinische Praktika auf 213 verdoppelt werden. Außerdem erklärt sich der französische Staat bereit, die Kosten für die Ansiedlung neuer Arztpraxen in Teilen bis vollständig zu übernehmen.

Der Artikel wurde am 15.03.2020 überarbeitet.
– dies beinhaltet die mobile Optimierung
– sowie ersetzte Artikel Bilder

Die Bilder des Artikels wurden von Vincent / Urbanauth 2019 / 2020 aufgenommen.

Städte im Wasserstress

Städte im Wasserstress

Wasserstress ist ein globales Phänomen und betrifft sowohl Städte in Europa als auch in Asien, Afrika oder Amerika. Urbanauth ging diesem urbanen Phänomen auf den Grund.

So wird zum Beispiel die Wasserquelle von Mexiko City immer wieder von Dürreperioden heimgesucht. Folglich kündigte die Regierung der 21 Millionen Metropole an Mitte 2019 die Wasserversorgung in einigen Stadtteilen auszusetzen. Allerdings ist dies eine häufige Situation in einer Stadt, in der mehr als 200 Tausend Menschen nicht einmal einen Anschluss an das hydraulische Netz haben. Auch sind jährliche Überschwemmungen und ein undichtes Leitungsnetz an der Tagesordnung und die Wasserwirtschaft hat bei Politikern Priorität.

Ein ernstes Problem: Wasserstress in Städten

Laut UNO leben heute 55% der Bevölkerung in Städten; bis 2050 wird diese Zahl um ca. 13% steigen, und ihr Wasserbedarf wird voraussichtlich bis 2030 um 40% steigen.

Um den Herausforderungen des städtischen Wachstums und des Klimawandels zu begegnen, hat die UNO 17 internationale Ziele vorgeschlagen, zu deren Erfüllung sich die Länder bis 2030 verpflichtet haben. Sie werden SDGs (the Sustainable Development Goals) genannt und sind ein weltweites Bemühen um die Verbesserung der sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Bedingungen.

Innerhalb der SDGs bezieht sich das 11. Ziel speziell auf nachhaltige Städte und Gemeinden. Ihre Entwicklung umfasst eine Vision von Umwelt, Energieeffizienz, Lebensqualität, Gerechtigkeit und Integration. Im Zusammenhang mit Ziel 11 ist „water management„,das Wassermanagement, eine der größten Herausforderungen für Stadtplaner, sowohl für die Haus- als auch für die Entwässerungssysteme.

Wasserstress : Mehrere Städte mit Wasser-bezogenen Problemen leiden unter diesem Phänomen

  • Kapstadt (Südafrika), die möglicherweise die erste Stadt ist, der das Wasser aufgrund der Dürre ausgeht
  • Moskau (Russland), das über die größte Wasserreserve der Welt verfügt – aber durch industrielle Aktivitäten verschmutzt ist
  • London (UK), das Wasser aus den Flüssen Themse und Lea entnehmen muss; oder
  • Tokyo (Japan), dessen Versorgung hauptsächlich aus endlichen Quellen wie Flüssen, Seen und Schneeschmelze erfolgt (US News)

Einige dieser Städte haben bereits damit begonnen, Maßnahmen zur Verhinderung von Wasserkrisen und zur Reduzierung von Wasserstress zu ergreifen. Ein Beispiel ist das Isla Urbana project in Mexiko City, ein Regenwasser-Sammelsystem, das eine Familie bis zu 8 Monate lang nutzen kann. Das Projekt startete 2009 mit dem Ziel, den Zugang zu Wasser in den Stadtvierteln von Mexiko-City zu ermöglichen, in denen die Versorgung häufig unterbrochen ist. Seitdem haben sie 19 Tausend Einheiten installiert und mehr als 700 Millionen Liter Regenwasser gesammelt, was etwa 114 Tausend Menschen zugutekommt.

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Wasser ist lebenswichtig. Deswegen legen Stadtplaner einen besonderen Wert auf Wassermanagement. Wasserstress hat besonders starke Auswirkungen auf die vom Wassermangel (oder Überfluss) betroffenen Bewohner. (Foto: Urbanauth / VGO / 2019)

Ein weiteres Beispiel ist Rotterdam, das zwar keinen Wassermangel hat, aber Überschwemmungsprobleme. Im Jahr 2013 bauten Benthempleinsie ein rainwater square, das aus drei Esplanaden besteht, die unter dem Straßenniveau liegen. Auf diese Weise hält der Benthemplein das Regenwasser zurück und verhindert, dass es das Stadtgebiet überschwemmt und die Kanalisation überlastet. Darüber hinaus fungiert er auch als öffentlicher Raum an Tagen, an denen es nicht regnet.

Was sonst kann Probleme im Zusammenhang mit Wasserstress lösen?

Es ist wichtig, jetzt zu handeln, durch Strategien, Politik, Systeme und Infrastrukturen, die zur Erhaltung der lebenswichtigen Flüssigkeit und der Lebensqualität beitragen. Tokio beispielsweise investiert in sein Leitungsnetz, um den Abfall zu reduzieren; in den Vereinigten Staaten wurden Wassergärten angelegt, das sind Grünflächen, die den auf den Straßen oder Dächern angesammelten Regen zurückhalten und in den Boden filtern.

Es können mehrere Aktionen durchgeführt werden, wie z.B. Sensibilisierungskampagnen in Schulen oder an öffentlichen Orten, Anreize zur Reduzierung unseres Wasserverbrauchs oder sogar das Pflanzen von Bäumen. Um sich einen Überblick über das Thema zu verschaffen, gibt es Werkzeuge wie das Climate Adaption App. Kurz gesagt ist dies ein Katalog von Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel, der für Stadtplaner, Designer und die Gesellschaft sehr nützlich sein kann. Darüber hinaus können wir uns auch an den Strategien zur Bewältigung der städtischen Wasserkrise beteiligen.

Paris: Hauptstadt der Obdachlosigkeit

Paris: Hauptstadt der Obdachlosigkeit

Avec une couverture au dessus d'un vélo, la personne se abrite dans une entrée de garage, 9ème Arrondissement de la capitale françaises.
Behelfsbehausung mit einem Fahrrad und einer Decke im 9ten Bezirk von Paris (Urbanauth/ 2019)

Bei der jährlich stattfindenden „Nuit de la solidarité“ in Paris zwischen Januar und Februar, strömen Ehrenamtliche für eine Nacht aus, um obdachlose Personen zu zählen und so weit wie möglich zu ihrer Lebenssituation zu befragen. Organisiert durch die Stadt und in Partnerschaft mit verschiedenen großen Vereinen geben die Zahlen vor allem Einblicke in die verschiedenen Profile und Zonen der Obdachlosigkeit.

Am 31. Januar 2020 wurden dabei 3552 obdachlose Menschen auf der Straße gezählt.

Am 25. und 26. März 2021 wurden 2829 obdachlose Personen angetroffen. Eine Abnahme von 21 Prozent im Vergleich zum Jahr vor Corona.

2018 ins Leben gerufen, ist die „nuit de la solidarité“ dabei eine der wenigen Referenzen über Obdachlosigkeit in der französischen Hauptstadt und folgt einer Methodologie. Neben der Zählung wird nämlich auch versucht, die Bedürfnisse und Hintergründe der Betroffenen zu verstehen, sowie deren Unterkünfte geografisch festzulegen. Die APUR, Instanz des Pariser Urbanismuses hat ihre Studie zur 2. Nuit de la solidarité (2019) im Dezember veröffentlicht. Urbanauth hat für euch einen Blick hineingeworfen.

3641 Obdachlose wurden 2019 in einer Nacht gezählt

Dabei wurden nicht nur Personen gezählt, die auf der Straße übernachten, sondern auch Orte miteinbezogen, wie Bahn-stationen, einige Parkings, sowie drei separate Orte. So wurden dieses Jahr die sogenannten grünen Lungen der Hauptstadt, der Bois de Boulogne im Westen, sowie der Bois de Vincennes im Osten miteinbezogen, sowie die „Colline“ im Norden. Die Zahlen sind leider nicht definitiv, da die Zählung nur an einem Tag stattfindet. Die Ergebnisse können deshalb variieren und entsprechen nicht der absoluten Zahl obdachloser Menschen. Vor allem aber konnte nur an zugänglichen Orten gezählt werden. Gebiete der Petite Ceinture oder Parkanlagen, Parkings und stillen Besetzungen sind somit nicht inbegriffen. Ebenfalls fallen aus den Zahlen heraus, alle Personen welche „Couchsurfen“ und durch solidarische Netzwerke beherbergt werden.

Außerdem ist zu beachten, dass von den 3600 Gezählten nur 2000 der Fragebogen angeboten wurde. Davon gaben ungefähr die Hälfte der Befragten eine vollständige oder teilweise Antwort.

Der Obdachlosigkeit auf den Grund gehen

Des pigeons se rassemblent à un mètre de l'abri le long de l'immeuble.
Eine Notbehausung im 17. Arrondissement zwischen einer Wand und einem Stromkasten (Urbanauth/2019)

Die Studie stellt in erster Linie Geschlecht, Altersspannen und ob die Person einzeln oder in einer Gruppe angetroffen wurde. Auch werden Nebenbeobachtungen hinsichtlich Schwangerschaft, Familien, Kindern und tierischen Begleitern getroffen. Bei den Befragten wurde versucht, die Formen der Obdachlosigkeit zu ermitteln und ihre Lebenssituation zu verstehen.

Gründe für die Obdachlosigkeit sei für die Befragten die Ankunft in der Hauptstadt ohne entsprechende Unterkunft, dem folgen Schicksalsschläge, Trennungen und Räumungen. 14% der Angetroffenen waren Frauen, wobei diese am stärksten in den Altersklassen unter 25 sowie über 55 Jahre vertreten sind. Sie sind es auch, welche in Gruppen übernachten, sowie öfters Schlafplätze wechseln und für welche es am gefährlichsten auf der Straße ist.

Insgesamt sind dabei 36 % der erfassten Personen seit weniger als einem Jahr obdachlos. Mit einem Anteil von 10 % an der Gesamtanzahl gehören Jugendliche (>25 Jahre) dabei vor allem zu einer besonders schutzbedürftigen Personengruppe. Es sind zugleich diejenigen, welche die Leistungen der Sozialdienste (Notunterkünfte, Sozialleistungen, Begleitung der Sozialarbeiter) am wenigsten kennen sowie ohne eine Unterkunft in Paris ankamen. Aus dieser resultiert eine temporäre Obdachlosigkeit, wobei im 18. Arrondissement am meisten Jugendliche angetroffen wurden. Sie gehören auch zu denjenigen, welche tendenziell keine Gewohnheits-Schlafplätze haben. Im Gegensatz zu denen, welche seit Längerem auf der Straße wohnen.

Eine starke Konzentrierung im Nordosten

Paris mit seinen 20 Bezirken – Hier zählten die Teilnehmer die Obdachlosigkeit (Karte: APUR / Dezember 2019)

Außer von dem 15. Bezirk im Südwesten, fällt beim Blick auf die geografischen Verteilung der Obdachlosigkeit die Konzentrierung der Obdachlosigkeit auf den Nordosten auf. Am stärksten betroffen ist der 18. Bezirk mit 507 Personen welche auf der Straße angetroffen worden sind, davon 105 Bewohner auf der „Colline, einem berüchtigten Hügel am Autobahnverteiler und bekanntes humanitäres Problem. Das Zeltdorf an der Porte de la Chapelle, wo Refugees und Crack-Abhängige konzentriert auf den Braunstreifen neben der Schnellstraße in Zelten hausen, wird regelmäßig geräumt. Zwecks fehlender Maßnahmen in Form einer Unterkunft und Perspektiven siedeln sich jedoch immer wieder neue Personen an. Die Auflösung des Camps der Crack-Süchtigen Obdachlosen im Herbst 2019 hat dabei zu einer Verteilung dieser auf einem größeren Bereich beigetragen. Diese hat Auswirkungen auf die öffentlichen Orte im Norden wie den Canal de l’Ourcq oder den Jardin d’Éole (19.Arr.). 2017 / 2018 existierte außerdem ein riesiges Zeltlager, welches vom Kanal am Quai Valmy bis in die Vororte von Saint Denis reichte, sowie ein Sinti und Roma Camp auf der Petite Ceinture zwischen der Porte Clignancourt und Porte de la Chapelle. Diese beiden räumlichen Besetzungen wurden zwischenzeitlich geräumt und führte möglicherweise zu einer Umverteilung auf den Pariser Norden sowie die angrenzenden Vororte wie Bobigny, Pantin und La Courneuve.

Im Süden an den 18. Bezirk angrenzend befinden sich der 9. und 10. Arrondissement mit einer Zählung von 110 sowie 359 Personen. Dem Folgen der 19. (466), 11. (176), 20. (156) und endet mit dem 12. Bezirk, welches 369 Personen auf der Straße verzeichnete. Letzterer weist dabei 167 zusätzliche Obdachlose vor, welche im Wald von Vincennes eine Unterkunft aufgeschlagen haben. Die Konzentration eines hohen Teiles der Obdachlosigkeit korreliert dabei mit den sogenannten populären Vierteln, welche eine hohe kulturelle Diversität aufweisen, aber auch einen hohen Teil an Sozialwohnungen und Armut. Im Vergleich zum Vorjahr ist eine Abwanderung aus dem 9. und 10. Bezirk in den Norden zu beobachten.

So nahmen in diesen Vierteln die gezählten Obdachlosen ab, während im 18. und 19. ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen ist. In diesem Bereich wurden vermehrt Gruppen Jugendlicher gezählt, welche in den beiden Gebieten am stärksten repräsentiert sind. Über das Zentrum zum Südwesten nimmt die Masse obdachloser Menschen ab und weist ein gemischtes Personenprofil auf. Das 16. Arrondissement, welches als ein sehr bourgeoiser Bezirk gilt und an den ebenfalls reichen Vorort Boulogne angrenzt. So wurden einige Obdachlose in dem Wald von Boulogne gezählt, wobei diese verglichen zur „Colline“ oder dem Wald von Vincennes jedoch bei weitem geringer ist. Letzterer befindet sich im Osten und grenzt an das 13. Arrondissement an, welches ebenfalls eine gewisse Odachlosigkeit.

Die Achse Nord-Süd zum Westen und dem Gürtel im Zentrum vom 2. bis zum 8. Bezirk fallen dabei durch eine geringe Obdachlosenzahl auf. Diese sind auch sogenannte „Beaux Quartiers“ / die schönen und teuren Viertel. Dies geschieht nicht ohne Beihilfe und so war Urbanauth 2017 Zeuge wie eine Sinti und Roma Unterkunft auf einer ungenutzten Gleisstrecke auf Höhe des Pont Cardinet (17.Arr.) geräumt wurde.

Die Nacht der Solidarität fand am 30. Januar 2020 statt. Man kann sich hier als Freiwilliger anmelden.

04.03.2020 Der Artikel wurde mit den Zahlen von 2020 ergänzt. (FranceBleu)
18.11.2021 Dieser Artikel wurde mit den Zahlen von 2021 ergänzt. (APUR)

Marseille: Häusereinsturz fordert acht Tote

Marseille: Häusereinsturz fordert acht Tote

„Es ist ein Wunder, dass es nicht jeden Tag Unfälle in Marseille gibt“, sagt ein anonymer Experte des TGI (Tribunal de grande instance de Marseille) unter Anderem in Bezug auf die Vorkommnisse am 05. November 2018 im Stadtteil Noailles, Marseille gegenüber dem belgischen Nachrichtenmedium Le Vif. Dort waren am Vormittag zwei marode Häuser eingestürzt, und hatten acht Menschen in den Trümmern unter sich begraben. Die Türen des ersten Hauses, welches bereits seit 2008 als baufällig eingestuft wird, waren zwar verriegelt oder zugemauert, doch von Nachbarn wird vermutet, dass sich Hausbesetzer dennoch einen Zugang verschafft haben. Im zweiten eingestürzten Haus, aus dem schon im September diesen Jahres Brocken der Fassade herausgebrochen waren, befanden sich neun Wohnungen, bewohnt von Paaren und Familien. Doch diese Häuser sind bei Weitem nicht die Einzigen, die sich in einem bedenklichen Zustand befinden. Eine staatliche Untersuchung des Jahres 2015 hat ergeben, dass 40‘000 Häuser (was circa 100‘000 Bewohner betrifft) „ein Risiko für die Gesundheit oder die Sicherheit“ darstellen. Im Stadtteil Noailles gelten gar 48 Prozent des Baubestandes als heruntergekommen und menschenunwürdig.

Der Zorn der Bewohner nimmt zu, berichtet Stuttgarter Nachrichten. Einerseits auf die Hausbesitzer, die selbst bei längst überfälligen Sanierungsarbeiten nur das Allernötigste zu tun pflegen; andererseits auf die Stadtverwaltung, die bei Renovierungsarbeiten der Häuser sowie auch beim Sozialwohnungsbau keinen Finger rührt. Wie francetinfo.tv schreibt, haben am 14. November 2018 bei einem Protestmarsch mit etwa 8000 Demonstranten Bürger, soziale Organisationen und Interessenverbände der Opfer gedacht. 

Der Mangel an Sozialwohnungen sei es auch, was viele Menschen dazu zwänge, in baufällige Häuser zu ziehen, meint Florent Houdmon gegenüber Le Vif, der sich für die Stiftung Abbé Pierre im Grossraum Marseille gegen Armut und Wohnungsnot einsetzt. Solche Zustände gäbe es nirgendwo sonst in Frankreich. Dass ausgerechnet die Häuser der Armen einstürzen, sei kein Zufall, dessen ist sich auch der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon von France Insoumise sicher, wenn er die Gedanken zahlreicher Bewohner Marseilles ausspricht.

Eine technische Erklärung für die Einstürze könnten die Tage zuvor aufgetretenen Regenfälle sein, welche auch für die Risse in den Wänden und eine nicht mehr in den Rahmen passende Haustür verantwortlich gemacht werden. Dennoch erklärt dies nicht die fehlende Umsetzung des bereits 20 Jahre zuvor beschlossenen Grundsatzes zur Sanierung, wie Patrick Lacoste von der Bürgerinitiative „Ein Stadtzentrum für alle“ gegenüber Le Vif klar stellt. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung. Jean-Claude Gaudin, seit 1995 Bürgermeister von Marseille, der aufgrund der Vorkommnisse stark kritisiert wurde, gab am Sonntag danach erstmals zu, nicht genug getan zu haben im Kampf gegen die heruntergekommenen Wohnverhältnisse. Einsicht als erster Schritt zur Besserung? Es wird sich zeigen. Bleibt zu hoffen, dass dieser Vorfall ein einmaliges Exempel bleibt, welches die Stadtverwaltung zum Handeln bringt.

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