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Gesellschaftskritik im Streetart in Frankreich

Gesellschaftskritik im Streetart in Frankreich

Gesellschaftskritik im Streetart in Frankreich. Verschiedene Künstler trafen 2019 zusammen, um gesellschaftskritisches Streetart zum Kontext der Gilets Jaunes zu gestalten. Die Bewegung der französischen Gelbwesten hat 2018 das Land überrumpelt und eine Fraktur in der Gesellschaft zutage gebracht. Ein Jahr später nutzte die Graffiti und Streetart-Szene die Gelegenheit, „der Straße eine Stimme zu verleihen„. Und so war der Andrang groß, als das Black-Lines Kollektiv im Mai des darauffolgenden Jahres zur Jam einlud. Die entstandenen Straßenkunstwerke – inzwischen lange vergangen – gingen auf die Probleme in der französischen Gesellschaft ein. Urbanauth hat für euch in diesem Kontext eine Perle gesellschaftskritischer urbanen Kunst analysiert.

Spätestens ab den urbanen Unruhen vom 1. Dezember 2018, solidarisierte sich ein Teil der französischen Bürger mit der Sozialbewegung. Benzinsteuer, Bürgerreferenden, Überwachung, Polizeigewalt und französische Medienlandschaft: zu kritisieren gab es genug. Raumaneignung und Graswurzel-Protest war die Antwort. Die Raumaneignungsprozesse waren vielfältig. Sei es bei unangemeldeten Demos mit bunten Schildern, Verkleidungen und Schriftzügen auf den gelben Westen – oder Taggs an den Wänden und brennendem Mobiliar auf dem Boulevard.

Die Zusammenkunft der Künstler aus der Graffiti- und Streetart-Szene fand im Mai 2019 statt. Auf der 300 Metern langen Graffiti Hall of Fame von Paris an der Rue Ordener wurde ordentlich gemalt! Urbanauth gibt euch eine Interpretation der (bereits vergangenen) Straßenkunstwerke!

Gesellschaftskritik im Streetart: „Black Lines“ interpretiert die Gilets Jaunes Bewegung

Gesellschaftskritik Streetart, Bild Mikrowelle mit Möhren, Schriftzug "Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Info, kein Gerücht!" Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
Eine Frau läuft mit ihren Einkäufen die Graffiti Hall of Fame von Paris an der Rue Ordener entlang. Auf der Mikrowelle ist es 13:12 Uhr. Möhren mit Namen der großen kommerziellen schmoren, während der Schriftzug besagt: „Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Information und kein Gerücht!“ (Foto: Urbanauth / VGO / 2019)

Zu Beginn des Jahres hatte Black Lines bereits eine erste lange Wand mit verschiedenen Künstlern gestaltet. Damals war das Leitthema „Hiver jaune„, welches gelber Winter bedeutet. Jedoch reagierte die Verwaltung des 19. Bezirks der Stadt schnell und ließ die Wand grau überstreichen. Eines der Bilder, welches damals Polemik schürte, war die Freske des Boxers Christophe Dettinger, das von dem Künstler Skalp realisiert wurde. Dettinger hatte auf einer Brücke in Paris die Polizei mit Fausthieben zurückgedrängt.

Das aussprechen, was Graffiti nicht schreibt: Gesellschaftskritik im Streetart

Wer wird sich hier verbünden? Das Streetart-Werk erinnert von der Komposition an die Öl-Malerei des letzten Abendmahles. (Foto: Urbanauth / VGO / 2021)

Die Handlung von der Stadt wurde von den Kunstschaffenden als Zensur wahrgenommen. Klar, dass sich dies die Künstler nicht gefallen ließen. In der Freske von Monsieur Plume /RC/OTM versammeln sich schwarz verhüllte Gestalten um einen Tisch, auf welchem ein rotes Buch liegt, nach dem eine Person zu greifen scheint. Die Gruppierung schwarz vermummter Gestalten geben den Anschein, als ob eine Verschwörung im Gange ist. Zum linken Rand liegt eine vereinzelte Sprühdose auf dem Tisch, während auf der anderen Seite ein Vermummter mit Schläger neben einer stehenden Person sitzt, die das Wort ergreift. Worüber diese Personen diskutieren ist nicht zu erfahren.

Das Straßenkunstwerk erinnert von der Komposition sehr an das letzte Abendmahl. Konspirativ und mysteriös schweigen diese Gestalten und sind seitdem auch schon vergangen, von unzähligen neuen Graffitis überdeckt. Dafür hebt sich ein leitendes Thema der Black-Lines Edition deutlich ab: Zensur und Meinungsfreiheit. Im folgenden mit dabei: Slyz, Bricedu, Torpe und Vince

Gesellschaftskritik im Streetart: Die Medienkritik

  • Gesellschaftskritik Streetart, Kind posiert vor Straßenkunstwerk "Autozensur" von Vince, Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart, Zwei Hände, Rotes Schild, Schriftzug "Autozensur", Medienkritik, Hall of Fame Rue Ordener Vince, zehn Meter lang Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart Weitaufnahme Streetart-Werk von Vince "Autozensur" "Garantiert ohne Barbara Streisand Effekt" Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart, Bild Mikrowelle mit Möhren, Schriftzug "Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Info, kein Gerücht!" Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart Schriftzug ""Möge die Macht mit den nächsten Generationen sein" Künstler Barth le Sablier, Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart, Fernsehkritik, Shriftzug "Gesehen im Fernsehen", "Fabrik des Konsens" "dreimal effektiver", Rand der Freske Autozensur von Künstler Vince Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,

In dem Meisterwerk des Pariser Sprühers Vince halten auf einer zehn Meter langen Fläche zwei Hände ein rotes Schild, auf dem „Autozensur“ geschrieben steht. Der Satz darunter besagt: „Diesmal wird es die Stadtverwaltung nicht wegmachen…„. Und spielt damit wohl auf die Aktion der Stadtverwaltung an, als die letzte Black Lines Zusammenkunft grau übermalt wurde. Unten rechts liest sich sarkastisch:Angereichert an sozialer Kontrolle„. In der Bildserie ist die vollständige Größe der Freske zu sehen. Oben steht dabei: „Garantiert ohne Barbara Streisand Effekt„.

Beim Barbara Streisand Effekt handelt es sich um eine unerwünschte Information, deren Vertuschungsversuche nur dazu führen, dass die Information umso bekannter wird. Dieses Effekts bedarf es dabei bei diesem Kunstwerk nicht, denn: die Passanten reagierten alles andere als gleichgültig. Sie nutzten die Gelegenheiten, mit dem Straßenkunstwerk ein Selfie zu machen.

Straße mit Passanten an der Graffiti Hall of Fame von Paris / Rue Ordener, im Norden der Hauptstadt, 18. Bezirk, HipHopcity, 1SEAt Graffiti, MDC Graffiti, VO Graffiti,
So sieht die Graffiti Hall of Fame von Paris an der Rue Ordener normalerweise aus: viele Blockbuster-Graffiti und Alteingesessene. Denn auch wenn an der Hall of Fame Rue Ordener das Sprühen erlaubt ist, so sind die Flächen in erster Linie den alten Crews (TPK, KO, UV, ABC, CKT) vorbehalten. (Foto: Urbanauth / VGO / 2021)

Das Verhalten der Medien gegenüber der Sozialbewegung wurde mehrmals kritisiert. Zwischen Sensations-Journalismus und kommerziellen Interessen. Der französische Mediewatchblog Acrimed bringt jedes Jahr in Zusammenarbeit mit der Zeitung „Le Monde diplomatique“ eine Karte der Medien heraus. Darin klären sie über die Inhaberschaften und Vernetzungen der Medienhäuser auf.

„Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Info, kein Gerücht!“

„Les Medias vivent quand la rue meurt. C’est une info, pas une rumeur !“ – gesellschaftskritische Streetart-Freske Black-Lines Jam 2019

Gesellschaftskritik im Streetart: die französische Medienlandschaft

Gesellschaftskritik Streetart, Bild Mikrowelle mit Möhren, Schriftzug "Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Info, kein Gerücht!" Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
Eine Frau läuft mit ihren Einkäufen die Graffiti Hall of Fame von Paris an Rue Ordener entlang. Auf der Mikrowelle ist es 13:12 Uhr. Möhren mit Namen der großen kommerziellen schmoren, während der Schriftzug besagt: „Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Information und kein Gerücht!“ (Foto: Urbanauth / VGO / 2019)

Gesellschaftskritik im Streetart: Medienkritik. Die Frau auf dem Bild läuft an einem in dünnen schwarzen Linien gesprühten Fernseher vorbei. Ein Timer zeigt die Ziffern 13:12 an, während Drähte an der seitlichen Schale zu Dynamitstangen führen. Im Gerät liegen drei Karotten mit Namensschildern darunter: Eine für TF1, welche der Gruppe Bouygues gehört; eine andere für CNEWS, die in Verbindung zur Gruppe Bolloré steht; und die letzte geht an BFM(-TV). Diese drei Fernsehsender gehören privaten Investoren. Mit darunter versammelt die Crème de la Crème der französischen Wirtschaftselite: Vincent Bolloré, Martin Bouygues

Nicht umsonst skandiert ein Schriftzug auf der oberen Seite: „Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Info. Kein Gerücht!„. Denn an den Krawall-Samstagen des 1., 8. Dezember 2018 und 16. März 2019 gingen die Zuschauerzahlen bei den Fernsendern durch die Decke. Es gilt anzumerken, dass dabei nicht alle Medien gleich unbeliebt sind. So haben die Gilets Jaunes Respekt vor unabhängigen Journalisten und Formaten. Die Sozialbewegung zeigte sich immer wieder solidarisch mit Journalisten, welche von staatlicher Seite eingeschüchtert wurden. Wir berichteten darüber.

Gesellschaftskritik im Streetart in Frankreich, Black Lines stellt die Frage: Was wird aus der Meinungs- und Pressefreiheit?

Das Straßenschild „Platz der Meinungsfreiheit„, einem aufgeklebten Poster, ist auf dem linken Bild von Stacheldraht umgeben. Zwei Überwachungskameras deuten dabei sinnbildlich auf das Schild. Währenddessen hält ein kleiner, schelmisch lächelnder Bär darunter sitzend eine Granate in der Hand. Wann diese wohl in die Luft geht?

Bei der Guillotine, einer Erfindung aus den Zeiten der Französischen Revolution, handelt es sich um ein Fallbeil, mit dem unter anderem der König Ludwig XVI geköpft wurden. Dieses ist im linken Bild auf einen Bleistift gerichtet, auf dem der Name des veranstaltenden Vereins steht. Während die erste Graffiti-Jam unter dem Motto: „Gelber Winter“ von der Stadtverwaltung grau überstrichen wurde, liegt der Fokus dieser Jam auf der Meinungsfreiheit.

Die Künstler wurden in ihrer Ehre angegriffen – doch nicht nur vonseiten der Graffiti-Szene ist die Unzufriedenheit spürbar. In einem offenen Brief Anfang Mai 2019 rief das Kollektiv YellowSubmarine dazu auf, sich mit sozialen Protestbewegungen der Gilets Jaunes zu solidarisieren und nicht vor den Gewalttaten wegzuschauen. Das Kollektiv besteht aus Künstlern verschiedener Disziplinen. Ihre Petition verzeichnete über 27.000 Unterschriften.

Gesellschaftskritik im Streetart: Gilets Jaunes und Polizeigewalt

„Die Sprüher holen die Farbdosen – Der Staat den Kärcher“

„Les graffeurs sortent les bombes – l’état sort le Karcher.“ by Slyz, Black-Lines Jam 2019

Der Künstler Slyze (rechts) spricht mit seinem Bild unter der Vorlage von Bsaz, die Polizeigewalt an. Auf diesem Straßenkunstwerk an der Hall of Fame ist ein Polizist zu sehen, welcher mit einem Knüppel auf einen Demonstranten einzuschlagen scheint. „Resistance“ steht auf seinem Rücken geschrieben. Die rote Banderole im Hintergrund, welche sich vor schwarzen Rauchschwaden emporhebt, sagt aus: „Die Sprüher holen die Farbdosen raus“ – Ein Aufruf, die Stadt in Farbe zu tauchen, und zivilen Ungehorsam zu zeigen? Auf dem unteren Schriftzug steht: „Der Staat holt den Kärcher raus„.

Fakt ist, dass Putzkolonnen in den Stunden nach den Großdemonstrationen den öffentlichen Raum aufräumen. Am nächsten Tag verschwinden dabei bereits die ersten Taggs von den Wänden und Holzabschirmungen der Geschäfte und bilden Flickenmuster. Manche Straßenzüge werden dabei so sauber gehalten, dass binnen einiger Tage bereits alle Spuren ausdruckshafter Raumaneignungen verschwinden. Den Kärcher konnte Urbanauth dabei am Sonntag nach dem 16. März in Aktion sehen, als Arbeiterkolonnen die Schäden an den Champs-Elysees im Eiltempo zu reparieren versuchten.

Gesellschaftskritik im Streetart: Die Debatte über Gewalt

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Gesellschaftskritik im Streetart: Eine Frau mit einer Fahne wird von Journalisten belästigt, die wissen wollen, ob sie die Gewalt im Zusammenhang mit der Gelbwestenbewegung kritisiert. Die Frau stellt die Ikone „Marianne“ dar, dem französischen Symbol der Revolution.

Auf dem linken Bild ist das Abbild einer Marianne zu sehen, welches von dem Künstler Torpe gestaltet wurde. Die Marianne ist eine Symbolfigur der Französischen Revolution. Das Gesicht grimmig, in einer Hand die französische Flagge und in der anderen ein Gewehr haltend, findet sie sich von Journalisten umringt. Geradezu verurteilend scheinen sie, wie sie fragen: „Die Gewaltausschreitungen, Verurteilen Sie sie?“ „Also die Gewalten, verurteilen sie die?„Verurteilen Sie die Gewalt„.

Dieses gesellschaftskritische Werk kann auch als Interpretation des öffentlichen Druckes auf die Demonstranten verstanden werden. Die freiheitsliebende Marianne gerät in Bedrängnis und hat sich vor den Medien für die Gewalt zu rechtfertigen. So kommt ihrer Meinung nach die schwerste Gewalt vom Staat selbst, in Form von physischer Gewalt: während den Demos oder in den Vororten, aber auch in psychischer Form: Wie etwa bei Kürzungen von Sozialhilfen, der Rente oder der Schließung von öffentlichen Institutionen und privaten Unternehmen. Dies führt zu der Wahrnehmung des „Ungehöhrt-Seins“ vonseiten der Politik.

Gewalt während der Sozialbewegung der Gilets-Jaunes: Eine kleine Fotoserie

Die all samstäglich wiederkehrende Gewalt auf den Demonstrationszügen ist ein großes Thema unter den Anhängern der Gilets-Jaunes-Bewegung. Um im Folgenden einen besseren Einblick in die gesellschaftskritischen Kunstwerke erhalten, eine kleine Fotoserie:

Die Gewalt, welche sich auf beiden Seiten abspielte, zeigt eine tiefe Fraktur in der französischen Gesellschaft.

Der unabhängige Journalist David Dufresne, welcher Zeugenaussagen und Videomaterial zur Polizeigewalt seit dem Beginn der Gilets-Jaunes Bewegung sammelt, kommt Ende Mai 2019 auf nicht weniger als 803 Verstöße. Und seitdem kamen immer wieder neue Fälle hinzu. Ende 2019 wird der französische Staat von 2500 verletzten Demonstranten während den Unruhen der Sozialbewegung sprechen.

Da ist aber jemand wütend: 600 Milliliter Neongelb ins Gesicht.(Urbanauth / 2019)

Und auch der Künstler, bei dem es sich möglicherweise um Koz1 handelt, scheint die Geduld mit dem Staat verloren zu haben. So stopft in Hip-Hop Kleidung sein wütender Affe einem karikaturesken Präsidenten eine 600- Milliliter High Pression-Sprühdose in den Mund. Natürlich in Neongelb. Das fetzige GJ„-Graffiti im Hintergrund, die Initialen der Bewegung. Auf der vom malträtierten Staatsmann weg-wehenden Krawatte steht: „Kunst ist öffentlich. Marsch zurück. Das „En marche arrière“ nimmt dabei Gegenstellung zum Namen der regierenden Partei: „La République en marche“ (/LREM), welches näherungsweise mit „Die Republik in Bewegung“ übersetzt werden kann. Eine Ansage, die möglicherweise in Bezug zu den Kürzungen im Budget von Bildung und Kultur, sowie einer Degradierung der Arbeitsbedingungen in verschiedenen Arbeitssektoren zu tun hat.

Aber…

Jemand hat noch ein Wort mitzusprühen

Graffiti? Gilets Jaunes? – Okay

Aber hier? – Falsche Adresse

TPK, unter anderem bekannt als „The Poor Kids“ oder „The Psychopath Killers“ – eine der berüchtigtsten Graffiti-Crews der französischen Hauptstadt, waren nicht so ganz einverstanden mit Black Lines. Die Crewmitglieder: „Relax, Craze, Eby, Keas, Blod, eyone, Knyze, casos“vzeigten das wenige Tage später nach der Veranstaltung. Die Hall of Fame an der rue Ordener ist dafür bekannt, den alteingesessen Sprüher-crews zu gehören. Greenhorns und Fremde sind unerwünscht. Auch, wenn die Graffiti-Szene der Gilets-Jaunes Bewegung Nahesteht. Und die Stadt für sie samstäglich zum Spielplatz wurde, so sind die Wände an der Rue Ordener von hoher Bedeutung für die eingesessenen Crews. Thematisch passend wird dabei im ersten Bild in Gelb und nachlässigem Buchstabenstil über das Werk gesprüht. Die verschonte Botschaft besagt: „Die Revolution ist die Offenbarung eines Horizonts“.

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  • Gesellschaftskritik Streetart vollgetaggt mit Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart, Fernsehkritik, Shriftzug "Gesehen im Fernsehen", "Fabrik des Konsens" "dreimal effektiver", Rand der Freske Autozensur von Künstler Vince Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,

Auf dem zweiten Bild ist die Aussage des Künstlers Adam Yuul ebenfalls erspart geblieben. In roter Schrift warnt er vor drei Epidemien: Castagnitis, Rugyole und Penicose. Die erste ist auf Christophe Castagner, seines Zeichens Innenminister und Parteivorsitzender der LREM bezogen, während mit Francois de Rugy der Umweltminister und Muriel Pénicaud die Arbeitsministerin bezeichnet werden. Im Zusammenhang mit den Forderungen: Inneres – man denke an die Polizeigewalt und provisorischen Gewahrsame sowie Überwachung. Ökologie – welche Macron in seinem Wahlprogramm bewarb, ohne Erfolge vorzuweisen. Arbeit – eines der Grundmotive für die Entstehung der Gilets Jaunes ist die sinkende Kaufkraft in Verbindung mit den Löhnen und großen strukturellen Unterschieden im Land. Die Freske kann dabei als Kritik an den politischen Entscheidungen mancher Amtsträger verstanden werden, weswegen der Künstler abschließend warnt, nicht ohne die gelbe Weste aus dem Haus zu gehen.

Mit einem tollen Endergebnis hat das Black-Lines Kollektiv Gesellschaftskritik im Streetart bewiesen. Die Sozialbewegung der Gilets-Jaunes (2018-2019) offenbarte eine tiefe Fraktur in der Gesellschaft, welche die verschiedenen Künstler auf schöner Weise interpretiert haben. Black-Lines hat im Anschluss zu der Jam an der Graffiti Hall of Fame von Paris, Rue Ordener weitergemacht. Doch was sie noch zu sagen haben, gibt es wann anders zu erfahren.

Anmerkung: Die Schriftzüge und Zitate auf den Wänden wurden frei übersetzt und an das Deutsche angepasst. Die Bildinterpretation ist nur eine von mehreren möglichen Betrachtungswinkeln.

Berlin: Von der Mohrenstraße zur Glinkastraße

Berlin: Von der Mohrenstraße zur Glinkastraße

Berlin. Letzte Woche schien es offiziell: aus der U-Bahn-Haltestelle Mohrenstraße soll die Glinkastraße werden. Das beschlossen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG)  und verkündeten am 3. Juli 2020 auf Twitter die Umbenennung der Haltestelle Mohrenstraße in Glinkastraße.

Die Begründung liefert die BVG in der Pressemitteilung. Dort heißt es: „Als weltoffenes Unternehmen und einer der größten Arbeitgeber der Hauptstadt lehnt die BVG jegliche Form von Rassismus oder sonstiger Diskriminierung ab.

Die GRÜNEN im Berliner Abgeordnetenhaus begrüßten die Einscheidung, da sich die Fraktion schon lange für eine Umbenennung eingesetzte. Schlussendlich liegt die Entscheidungsbefugnis alleine bei der BVG. Allerdings sitzen zwei Grüne Senatorinnen im Aufsichtsrat:  Ramona Pop (Wirtschaft) und Regine Günther (Verkehr). Ramona Pop twitterte am 3. Juli nach der Entscheidung: „Mit der Umbennung des U-Bahnhofs Mohrenstraße in Glinkastraße setzt die #BVG ein klares Zeichen gegen Diskriminierung, genau richtig in unserer internationalen und vielfältigen Metropole #Berlin.

Berlin und die umstrittene Glinkastraße. Wer war Michail Iwanowitsch Glinka?

BVG Ubahn oberirdisch Wrangelkiez Berlin
Namensänderungen von Haltestationen der BVG – da kann man lange warten (Urbanauth / 2019 / Berlin-Wrangelkiez)

Wer sich darauf hin die Augen rieb, dass der russische Komponist Michail Iwanowitsch Glinka das verkörpern soll, für das die Mohrenstraße nicht steht, nämlich bedingungslosen Humanismus, Anerkennung von Differenz und Integration, war auf der richtigen Spur. 

Rasch verbreitete sich ein Artikel aus der Jüdischen Allgemeinen, die dem Komponisten Antisemistismus nachweist. Glinka gehörte zum Kreis der russischen Komponisten, die sich für die Erneuerung der Musik als russische Nationalmusik einsetzte. Alle fremden Elemente, wie eben auch jüdische, sollten herausgehalten wurden. Identität und Einheit des russischen Volkes wollten die Komponisten mit reiner russischer Musik stärken.

Hatte die BVG nicht ausreichend recherchiert? War dies die einfachste Lösung, mit der man auch Gegner*innen der Umbenennung zufrieden stellen konnte? Warum wurden alle Initiativen ignoriert, die seit Jahren konkrete Vorschläge zur Umbenennung gemacht haben.

Anton Wilhelm Amo als Namensgeber: der erste Philosoph afrikanischer Herkunft in Deutschland

Was sprach gegen den Vorschlag des Bündnisses Decolonize Berlin e.V., dem eine Vielfalt von Organisationen angehören, u.a. Initiative Schwarze Menschen in Deutschland ISD-Bund e.V., NARUD e.V., AfricAvenir, Berlin Postkolonial e.V. und der Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag (BER)? War es lediglich der fehlende direkte örtliche Bezug? Decolonize Berlin e.V. setzt sich seit mehreren Jahren dafür ein, die Mohrenstraße und die gleichnamige Haltestelle nach dem ersten Philosophen afrikanischer Herkunft Anton Wilhelm Amo zu benennen. Amo, der ca. 1703 in Guinea, dem heutigen Ghana geboren wurde, wurde im Alter von vier Jahren Herzog Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel als ‚Geschenk‘ an den Hof gebracht. Ob der Herzog ihn selbst förderte ist nicht bekannt. Der erste Nachweis seiner Bildung findet sich im Immatrikulationsregister der Universität Halle. Dort findet man im Register von 1727 seine eigene Eintragung: „Ab Axiom in Guinea Africana“ (Anton Wilhelm Amo aus Axim im afrikanischen Guinea). Nach Studium und Promotion lehrt er in Halle und Jena und verließ Europa 1747/48. Vermutlich kehrte er nach Axim zurück. 

In Berlin hat Amo nicht gelehrt und gelebt, der direkte örtliche Bezug ist also nicht vorhanden, so mag mancher argumentieren. Jedoch: Amo steht als Person symbolisch für alles das, was dem ‚Mohren‘ abgesprochen wird: Bildung, Intellekt, Mehrsprachigkeit, Humanismus, Kultur. Decolonize Berlin e.V. schreibt zu der BVG-Entscheidung am 4. Juli 2020: Mit der Umbenennung in Glinkastraße „würde die BVG den kolonialhistorischen Bezug des Ortes auslöschen und ihre Chance für die Ehrung einer Persönlichkeit afrikanischer Herkunft im Berliner Stadtbild bewusst ausschlagen.

Richtungsänderung? Doch keine Haltestelle Glinkastraße

Inzwischen sind die Stimmen der Kritiker*innen bei der BVG angekommen. Und so postet die BVG am 7. Juli, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen sei und man offen über andere Namen sprechen könne. Eine Einschränkung gibt es; „Wir müssen uns bei den Stationsnamen an den örtlichen Gegebenheiten orientieren und können uns nicht einfach einen Namen ausdenken.“ 

Auch die grüne Wirtschaftssenatorin rudert zurück: eine Umbenennung sei grundsätzlich positiv zu sehen. Auf den Namen wolle sie sich nicht festlegen, wird Ramona Pop in der Berliner Morgenpost zitiert. 

Martin Dibobe – ein Kameruner in Berlin

Bild der U-Bahnstation Afrikanische Strasse. Am Ubahngleis aufgenommen. BVG Berlin Wedding
Der Berliner Wedding ist für sein afrikanisches Viertel bekannt. Doch auch dort ist so mancher Straßenname umstritten. Symbolbild (Urbanauth / 2020 / Berlin-Wedding)

Es bleibt ein Dilemma: Wenn die Mohrenstraße bereits in Anton Wilhelm Amo-Straße umbenannt wäre, wäre die Bedingung der ‚örtlichen Gegebenheiten‘ auf die bei der Umbenennung der Haltestelle Bezug genommen werden muss, erfüllt. Hier wäre die Bezirksverordnetenversammlung von Berlin-Mitte zuständig. Solange sich deren Abgeordnete nicht für eine Umbenennung entscheiden, bleibt die Umbenennung der Haltestelle Mohrenstraße ein Balanceakt. 

Dennoch bleibt zu hoffen, dass die BVG ihre Entscheidung rasch überdenkt, sodass eine Umbenennung nicht wieder jahrelang verschleppt wird. Ein neuer Name für die Haltestelle Mohrenstraße wäre ein wichtiges Signal, dafür, dass es die BVG ernst meint, ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen.

Ein Alternativvorschlag: Haltestelle Martin Dibobe

Einen Vorschlag zur Umbenennung, mit dem ein direkter Bezug zu Berlin hergestellt wird, lieferte die Jüdische Allgemeine in ihrem Artikel gleich mit: Warum benennt Ihr den Bahnhof nicht nach Martin Dibobe, den von 1902 bis 1919 erste Berliner Zugführer afrikanischer Herkunft?

Dibobe wurde 1876 in Bonapriso (Kamerun) geboren. Nach Berlin kam er 1896 als ‚Ausstellungsstück‘ zur Berliner Gewerbeausstellung. Im Treptower Park wollte man damals den weißen Berlinern das Leben in den Kolonien näher bringen. Menschen aus den Kolonien wurden wie Tiere im Zoo den Besuchern vorgeführt.

Dibobe blieb in Berlin, wurde Schlosser, heiratete eine Berlinerin und wurde schließlich Zugführer bei der Berliner Hochbahn. Nachdem Deutschland nach dem 1. Weltkrieg seine Kolonien abgeben musste und Kamerun an Frankreich zurückfiel, wollte Dibobe zurück in sein Geburtsland. Die Reise dorthin hat er angetreten, kam aber nie dort an. Man vermutet, er ist in Liberia gestorben. Eine Umbenennung der Haltestelle könnte der kolonialen Geschichte Deutschlands ein Gesicht geben und uns mahnen, ihre Auswirkungen auf das Zusammenleben der Berliner*innen heute nicht zu vergessen.

Lausitz: Der Kampf um die Grube – Klimaaktivismus

Lausitz: Der Kampf um die Grube – Klimaaktivismus

Neben anderen Energieträgern zur Stromproduktion zählt die Braunkohle in Deutschland zu den wichtigsten. Sie macht, laut den Angaben des deutschen Bundeswirtschaftsministeriums, ungefähr ein Viertel des Gesamtanteils der Stromversorgung aus. Der Wirtschaftswoche zufolge hängen in Deutschland ungefähr 70.000 Arbeitsplätze an dem Abbau und der Verstromung von Braunkohle. Gleichzeitig hat ihr Abbau aber auch verheerende Folgen für die Natur. Am 30.11.2019 setzten sich in Deutschland tausende Klima-Aktivisten gegen eben diesen Braunkohleabbau und für erneuerbare Energien ein.
Das Protestbündnis „Ende Gelände“ rief dazu auf, mehrere Tagebaue im Osten Deutschland mittels Massenprotesten zu blockieren. Die Organisation ist laut eigenen Angaben „ein europaweites Bündnis von Menschen aus vielen verschiedenen sozialen Bewegungen“, das seit dem Jahr 2015 Massenaktionen in deutschen Braunkohlegebieten organisiert.

"EXIT COAL - ENTER FUTURE" steht auf einem ausgerollten Transparent der Klima-Aktivisten.
„EXIT COAL – ENTER FUTURE“ steht auf einem ausgerollten Transparent der Klima-Aktivisten.
Foto: Ende Gelände

Neben einem Tagebau in der Nähe von Leipzig (Sachsen), lagen zwei der Protestschwerpunkte in der südbrandenburgischen Provinz, genauer gesagt in der Lausitz. Sie liegt an der östlichen Grenze Deutschlands zu Polen, entlang der Neiße, einem deutsch-polnischer Grenzfluss, zwischen Berlin und Dresden. Im Fokus der Proteste standen einmal der Tagebau Jänschwalde sowie der Tagebau Welzow-Süd. Die Lausitz ist im Allgemeinen eine strukturschwache Gegend, in der über die letzten Jahrzehnte immer mehr junge Menschen in die Großstadt ziehen, um dort zu studieren oder ihr berufliches Glück zu finden. Man könnte sagen, dass die Region langsam aber sicher ausblutet. So sehen das zumindest viele Menschen die in der Lausitz wohnen. Da beide Tagebaue von der LEAG (Lausitz Energie Bergbau AG) betrieben werden und diese somit einen Großteil der regionalen Arbeitsplätze stellt, haben viele Anwohner kein Verständnis für die Proteste gegen die Braunkohle. Die Protestler dagegen stammen zwar zum Teil auch aus der Region, aber reisten zu großen Gruppen aus anderen Orten, vor allem aus den nahegelegenen Großstädten Berlin, Dresden und Leipzig, an.

Bereits im Vorfeld gab es Spannungen

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Schon vor den eigentlichen Protesten gab es eine virale Berichterstattung. Erst mobilisierten Fans des nahegelegenen Fußballvereins FC Energie Cottbus mit Transparenten gegen das Protestbündnis „Ende Gelände“, wie der Tagesspiegel berichtete. Cottbus ist mit 100.000 Einwohnern die größte Stadt in der Lausitz, die ebenfalls mit den besagten Problemen zu kämpfen hat. Die Fans des Regionalligavereins (4. Liga) sind in der Vergangenheit mehrfach durch rechtsextreme Vorfälle aufgefallen. Mit Sprüchen wie: „Wann Ende im Gelände ist entscheidet nicht ihr! Unsere Heimat – Unsere Zukunft“ oder „Ende Gelände zerschlagen!“ taten die Fans ihren Unmut gegen die Klima-Aktivisten kund.

Außerdem kursierte ein Bild durch die Medien, bei dem eine Polizeieinheit vor einer bemalten Wand posierte, auf der „Stoppt Ende Gelände“ geschrieben stand. Dies sorgte für eine mehrfache Erwähnung dieses Vorfalls in diversen Tageszeitungen sowie auf den Social-Media-Plattformen, bei dem man der Polizei berechtigterweise einen Verstoß gegen das Neutralitätsgebot vorwarf. Anschließend wurde die Einheit vom Einsatz abgezogen, ein Disziplinarverfahren eingeleitet und die Wand übermalt.

Laut dem RBB, reichte offenbar die Farbe für das Übermalen nicht und so blieben einige Reste des Schriftzugs an der Wand gut sichtbar. Darunter auch der Hummer, dem Wappen der nahe gelegenen Stadt Cottbus, sowie die Buchstaben „DC“. Dies sorgte erneut für Aufsehen, da dieses Kürzel in lokalen rechtsextremen Kreisen als Abkürzung für „Defend Cottbus“ und zusammen mit dem besagten Wappen als Sticker-Motiv für eine klare Positionierung gegen Ausländer und Asylanten genutzt wird.

Der frühe Vogel besetzt die Grube

Dementsprechend angespannt, aber auch motiviert waren die zahlreichen Demonstranten, die bereits zum frühen Morgen mit ihren ersten Aktionen begannen. Mit dem Konzept einzelner Finger, also verschiedener Gruppen von Aktivisten, versuchte man logistisch wichtige Punkte für den Betrieb der Tagebaue zu blockieren. Wie die TAZ berichtete, stand schon um acht Uhr die erste Blockade, nachdem ungefähr 500 Aktivisten in weißen Maleranzügen die Abhänge in den Tagebau Jänschwalde herunter rutschten, um die Grube zu besetzen.

Eine Gruppe von Klima-Aktivisten läuft den steilen Abhang in die Kohlegrube hinunter.
Eine Gruppe von Klima-Aktivisten läuft den steilen Abhang in die Kohlegrube hinunter.
Foto: Jens Voller

Eine Gruppe namens „Anti-Kohle-Kids“ blockierte gemeinsam mit weiteren Personen, darunter geheingeschränkten Menschen, eine Schienenverbindung zum selben Tagebau. Weitere Gleise zum Kraftwerk Jänschwalde wurden ebenfalls von den Klima-Aktivisten blockiert. Circa 400 Menschen vom grünen Finger besetzten dagegen die Grube vom Tagebau Welzow Süd. Diese und andere Aktionen führten dazu, dass die Aktivität des Kraftwerks Jänschwalde runtergefahren werden mussten und Kohlezüge mit verringerter Geschwindigkeit unterwegs waren.

Friedliche Gleisblockade mit körperlich eingeschränkten Menschen.
Friedliche Gleisblockade mit körperlich eingeschränkten Menschen.
Foto: Pay Numrich

Auch Kohle-Befürworter organisierten Veranstaltungen

Laut dem RBB organisierten einige Befürworter der Tagebaue, darunter das Bündnis „Pro Lausitzer Braunkohle“, ebenfalls Veranstaltungen. Bereits am Freitag fand in dem brandenburger Kraftwerk Schwarze-Pumpe ein Familienfest statt. Ebenfalls am Freitag griff die Polizei, Berichten der TAZ zufolge, acht Personen, vermutlich aus dem rechtsextremen Spektrum, in der Nähe einer Mahnwache von „Ende Gelände“ auf. Sie trugen Axtstiele und Quarzsandhandschuhe mit sich. Einige von ihren waren bereits wegen rechter Straftaten polizeibekannt. In Jänschwalde hielt man am Samstag eine Mahnwache für den Erhalt der Kraftwerke ab, in schwarzen  Maleranzügen als Antwort auf die weißen und bunten Anzüge der Aktivisten. Auf einem ihrer Transparente stand unter anderem: „Wir lassen die Lausitz nicht ausradieren“.

Klima-Aktivisten mit weißen Maleranzügen und einem Transparent mit der Aufschrift: "Ob Lausitz oder Rojava, Klimaschutz heißt Antifa!" in der Tagebaugrube.
Klima-Aktivisten mit weißen Maleranzügen und einem Transparent mit der Aufschrift: „Ob Lausitz oder Rojava, Klimaschutz heißt Antifa!“ in der Tagebaugrube.
Foto: Jens Voller

Die Klima-Aktivisten hatten jedoch durchaus Verständnis für die Ängste der Ortsansässigen. So äußerte sich Kaya Fiedel von „Ende Gelände“ während einer Gleisblockade gegenüber dem RBB: „Ich verstehe Menschen in der Lausitz, die Angst um ihre berufliche Zukunft haben und auch die Wut. Ich glaube aber, die Wut richtet sich doch eigentlich eher gegen die Politik, die es Jahrzehnte verschlafen hat, den Strukturwandel ordentlich einzuleiten“.

Mediales Tauziehen

Sowohl in den verschiedenen Nachrichtenportalen als auch in den sozialen Medien kam es vor, während und nach den Protesten zu einem medialen Tauziehen um die Inhalte und Ereignisse des Aktionstages. Der Tagesschau zufolge, sorgte eine Blockade der Gleise unmittelbar vor dem Kraftwerk für entsprechende Aufmerksamkeit, da die LEAG auf Twitter von einem Versuch der Demonstranten sprach, das Kraftwerk zu stürmen.

Die Deutsche-Presse-Agentur sprach davon, dass ungefähr 200 Aktivisten versucht hätten, auf das Gelände des Kraftwerks zu gelangen. Parlamentarische Beobachter von der Linkspartei und den Grünen, die vor Ort waren, wiedersprachen den Darstellungen und versicherten, dass eine Stürmung des Kraftwerks zu keinem Zeitpunkt geplant war. Auch die LEAG stellte am Sonntag nochmal klar, dass sie wohl lediglich der Eindruck der Demonstranten dazu veranlasste, ihre Twitter-Meldung zu verfassen.

Proteste verliefen weitestgehend friedlich

Klima-Aktivisten bemalen sich friedlich die Gesichter.
Klima-Aktivisten bemalen sich friedlich die Gesichter.
Foto: Pay Numrich

Trotz der angespannten Lage in Sachsen und der Lausitz, den politisch gegensätzlichen Standpunkten, den 41 angemeldeten Versammlungen mit bis zu 4000 Teilnehmern und des massiven Polizeiaufgebots von 2700 Beamten verliefen die Proteste weitestgehend friedlich. Zum Abend hin beendeten die Klima-Aktivisten ihre Aktionen. Penibel sammelten die Demonstranten ihren Müll auf, der während den Blockaden entstand. Anschließend reiste man mit Bussen und Zügen wieder ab.

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In einer Pressemitteilung von „Ende Gelände“ spricht man von erfolgreichen Massenaktionen gegen die Klimakriese und für den Kohleausstieg. Der Bündnissprecher Nike Mahlhaus meinte: „Wir sind zufrieden mit der erfolgreichen Aktion und glücklich, dass wir heute ein so starkes Zeichen für Klimagerechtigkeit setzen konnten. 4000 Klimaaktivisten und Aktivistinnen haben heute gemeinsam Kohleinfrastruktur blockiert„ und kommentiert außerdem: „Wenn politisch Verantwortliche dabei versagen, das Klima und unsere Lebensgrundlagen zu schützen, dann setzen wir den Kohleausstieg selbst um.“.

Weekly Urbanauth 42: Londons Crossrail Projekt und weiterhin Unruhen in Hongkong

Weekly Urbanauth 42: Londons Crossrail Projekt und weiterhin Unruhen in Hongkong

Die wichtigsten News auf einen Blick mit unserer halbmonatlichen Presserevue. Diese Woche (KW42): Von Japans Tempelschätzen über den Riba Stirling Preis und der Verzögerung des Londoner Crossrail-Projektes bis zur Entscheidung der USA Hongkong mit einem Gesetz zur Erhaltung der Autonomie zu helfen. Die wichtigsten, urbanen Nachrichten halbmonatlich im Weekly Urbanauth.

Einblicke in Japans Tempelschätze

Wer nach Japan reist und keine Lust auf große Menschenansammlungen à la Metropolregion Tokyo hat, dem bieten sich selbst in heutiger Zeit ruhigere Alternativen: Die englische Onlinezeitung BBC beschreibt, wie auf den Spuren des legendären Mönches Kukai jahrhundertealte Pilgerwege beschritten und Tempel besucht werden können, die schon seit dem 9. Jahrhundert Stätten spiritueller Erfahrungen waren. Den Ort, den Kukai ursprünglich als Zentrum auserkoren hatte, ist heute Teil eines 307 km langen Pilgerwegnetzes und liegt in der Präfektur Wakayama beim Koya-san (Berg Koya). Koya-san ist zwar kein Geheimtipp, beherbergt der Ort doch jährlich 2 Millionen Gäste. Doch fühlt es sich vor allem auf dem Okunoin, der größten Grabstätte Japans, wie ein Schritt zurück in vergangene Zeiten an. Wer dem Touristenstrom entkommen will, dem wird ein nächtlicher Besuch empfohlen. Dann erhellen nämlich tausende von Kerzen die tinten-schwarze Dunkelheit.

Vom Unterschied einer Schule in der Banlieue zu einer im Zentrum von Paris…

Wenn das Henri-IV wäre, würde es nicht so ablaufen.“ – So beginnt der provokante Titel des Artikels von FranceInfo, welcher sich mit dem Lycee Romain-Rolland in der Pariser Banlieue von Ivry-Sur-Seine befasst. Die Schule wurde vorübergehend von den Schülern blockiert, nachdem ein Video einer Polizeikontrolle in der Nähe der Einrichtung auf Twitter von dem Collectif Romain Rolland veröffentlicht wurde. Die Referenz an das Lycée Henri-IV innerhalb von Paris macht den Vorwurf einer ungleichen Behandlung in einem Wertesystem, welches Gleichheit propagiert.

Regelmäßige Polizeikontrollen auf dem Weg zur Schule sind dabei ein Phänomen, welches besonders Vororte von französischen Metropolen betrifft. Die Realitäten zwischen Schülern aus den Vororten und denen aus den wohlhabenden Teilen unterscheiden sich dabei stark. Genauso wie die Behandlung und Betreuung.

So reichte 2017 eine Lehrerin aus dem Bundesgebiet Seine Saint Denis (93) eine Klage ein, da bei der Rückkehr von einem Schulausflug drei ihrer Schüler im Nordbahnhof kontrolliert wurden. Auch die Bilder aus Mantes-la-Jolie von 2018 sind noch frisch. An einem Dezembertag mussten sich die Schüler der Schule Saint-Exupéry wie Gefangene mit hinter den Köpfen verschränkten Armen, vor der Polizei auf den Boden knien. An dem Tag war es in dem Sektor zu Ausschreitungen gekommen, während denen unter anderem zwei Fahrzeuge angezündet worden waren. Die Kluft über den unterschiedlichen Umgang der Polizei mit Bewohnern aus Vororten vertieft sich beständig. Angesichts der schwerwiegenden Fragen über die Einhaltung der Gleichheit und dem Recht auf Entfaltung in einer sicheren Umgebung für Schüler, insbesondere da dies schutzbedürftige, minderjährige Personen im schulpflichtigen Alter betrifft, ist eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Thematik von Wichtigkeit.

Diesjähriger Riba Stirling Preis geht an Sozialbau-Siedlung in Norwich

Der diesjährige britische Riba Stirling Preis geht an die Gemeinde von Norwich im Osten Großbritanniens. Die englischsprachige BBC berichtete über den Preis, der einmal im Jahr vom Royal Institute of British Architects vergeben wird. Geehrt für ihre herausragende Arbeit wurde das Architektenbüro Mikhail Riches. Die Siedlung mit dem Namen Goldsmith Street beherbergt 100 Wohneinheiten und besteht hauptsächlich aus zweistöckigen Reihenhäusern und größeren Modellen, welche Wohnungen beinhalten. Mit dem Passivhaus-Siegel versehen, steht die Siedlung für energieschonenden Umgang mit Ressourcen und zugleich hohem Komfort für die Ortsansässigen. Als Materialien wurden cremefarbene Ziegel sowie schwarz-glänzende Dachpfannen benutzt. Über ein passives Solarsystem, welche die Sonnenenergie in Bauelementen wie den Ziegeln speichert, sollen die Kosten für Energie 70 % niedriger sein als der Durchschnitt.

London: Milliardenschweres Crossrail-Projekt verzögert sich

Mit bereits 130 Millionen investierten Arbeitsstunden handelt es sich beim Londoner Crossrail-Projekt um das derzeit europaweit grösste Infrastrukturprojekt, wie das englische Onlinemedium CNN berichtet. Besonders an der neuen Strecke ist, dass die auf einer Linie befindlichen Stationen alle durch dasselbe Verkehrsmittel miteinander verbunden sind; dies war bisher nicht der Fall. So werden neu 10 Minuten eingespart, um vom Flughafen Heathrow ins Zentrum Londons, der Tottenham Court Road, zu gelangen. Der 2009 angefangene Bau der Elizabeth Line sollte ursprünglich im Dezember 2018 fertig sein. Doch sorgten laut Judith Ward, Betriebsleiterin der Institution Railway Signal Engineers (IRSE, der internationalen Organisation für Fachleute, die in der Eisenbahnsignaltechnik und -kommunikation tätig sind), einerseits die enorme physische Grösse des Projekts, andererseits aber auch die grossen Mengen an Technik, die darin steckt, für Verzögerungen. Nebst den 42 km neuer Tunnelstrecke, kommen 70 neue Züge hinzu, welche an drei verschiedenen Signalanlagen arbeiten, 50 km Kommunikationskabel sowie 41 neue und modernisierte Bahnhöfe. Nun soll die Strecke, welche erheblich zur Entlastung der Londoner U-Bahn beitragen wird, bis Ende 2020 / Anfang 2021 fertiggestellt werden.

17.2 Milliarden Euro hätte das Ganze kosten sollen; mit der Verspätung sind die Zahlen nach oben geschossen. Mittlerweile liegt der Kostenpunkt bei 20.5 Milliarden Euro, was von Politikern, Regulationsbehörden und Londonern gleichermassen mit Frustration aufgenommen wurde. Des Weiteren hat das riesige Bauprojekt sichtbare Spuren in der Stadt hinterlassen. Dies vor allem um die Tottenham Court Road und Soho herum, wo das berühmte Astoria Theater für einen neuen Bahnhof abgerissen wurde.

Howard Smith, Betriebsleiter bei Transport for London (TfL), meint jedoch, dass es keinen Sinn ergäbe, die Linie zu eröffnen, wenn sie noch nicht ganz fertig und getestet sei. Es brauche eben Zeit. Auch ist er sich sicher, dass die überwältigenden Vorteile der Elizabeth Line dafür sorgen würden, dass die Verzögerungen vergessen werden.

Geht die Rechnung mit dem neuen Flughafen Berlins auf?

Wenn alles klappt, wie es klappen sollte, dann geht der Flughafen Berlin BER in einem Jahr in Betrieb. Wenn das der Fall ist, dann haben Berlins Steuerzahler insgesamt 1.08 Milliarden Euro für den Bau ausgegeben, so der Tagesspiegel.

Beim grössten Bauskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte gibt es augenscheinlich trotz allem ein paar gute Neuigkeiten. Als erstes sei die Botschaft zu nennen, dass im Businessplan der Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg steht, dass ab 2024 mit positiven Jahresüberschüssen zu rechnen sei. Ebenfalls müssen die Steuerpflichtigen voraussichtlich ab nächstem Jahr nicht mehr in ihre eigenen Taschen greifen. Wenn alles gut geht.

Das erste Finanzierungskonzept von 2004 sah Kosten von lediglich 1.983 Milliarden Euro vor – die Umplanung und Erweiterung des BER-Terminals sowie die auftretenden Probleme mit der Brandschutzanlage und Verkabelung machten dem Plan jedoch einen Strich durch die Rechnung. Laufend verschobene Eröffnungstermine, Bauprobleme sowie das teure Schallschutzprogramm taten ihr Übriges. Insgesamt belaufen sich die Kosten inzwischen auf 5,932 Milliarden Euro.

Hongkong: Entspannung der Lage durch Gesetz der USA in Sicht?

Das Repräsentantenhaus der USA verabschiedete am 15.10.19 ein Gesetz zum Schutz der Menschenrechte und der Demokratie in Hongkong.
Das Gesetz soll verhindern, das China international anerkanntes Menschenrecht in Hongkong missachtet. So sollen laut des Gesetzesentwurfes die Vereinigten Staaten jährlich überprüfen, ob Hongkong seinen Sonderstatus -wie in deren Grundgesetz festgelegt- noch innehat oder China zu sehr in die Geschicke des Landes eingreift. Falls die Autonomie in Hongkong zu sehr untergraben wird, schreibt das Gesetz wirtschaftliche Sanktionen seitens der USA gegenüber China vor. Der Senat und Präsident Donald Trump müssen dem Gesetz noch zustimmen, bevor es rechtskräftig wird.

Chinas Regierungssprecher Geng Shuang kündigte Widerstand gegen das Gesetz zur Kontrolle der Demokratie an. Mit diesem Vorgehen ernten die USA großen Zuspruch unter den Demonstrierenden in Hongkong, da das genau die Hilfe ist, die sie sich erhofft hatten. Die Beziehung zu China und den Handelskrieg der beiden Großmächte dürfte es jedoch kaum entspannen.

Proteste eskalieren weiterhin

Auch vergangenes Wochenende ist es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstrierenden gekommen. Die Behörden benutzten Wasserwerfer mit spezieller Farbe, um Menschen für spätere Festnahmen zu markieren. Die Protestler trugen oftmals -trotz Vermummungsverbot- Masken und attackierten eine Polizeiwache mit selbstgebauten Benzinbomben.

Die pro demokratische Bewegung ist wütend über Angriffe auf deren Sympathisanten bei vergangenen Demonstrationen. So wurde ein Mann von mehreren mit Hammern bewaffneten Individuen überfallen und ein Anhänger mit einem Messer attackiert.

Wenn die Polizei mit Tränengas… auf die Feuerwehr schießt

Am 15. Oktober kam es zu grotesken Szenen in Paris, als Angehörige der Polizei der Compagnie Republicaine de Sécurité Tränengasgranaten und Wasserwerfer gegen protestierende Feuerwehrleute benutzten. Diese kamen in der Nähe von Nation, im Osten von Paris zum Einsatz, sowie während dem Versuch der Demonstrierenden die Ring-Autobahn, den Périphérique zu blockieren. In dem Video von CLPresse sieht man den Einsatz von pyrotechnischem Material und den Bau einer Barrikade durch die Feuerwehr während dem Demonstrationszug von République bis Nation. Der Einsatz von Tränengas und Wasserwerfer durch die Polizei wirkt skurril, da diese beiden Berufsstände normalerweise eng zusammenarbeiten. Ein Feuerwehrmann aus der Essonne (91) nennt im Interview mit einem Videojournalisten dabei Grigny 1 und Grigny 2 als Referenz, wo während urbanen Unruhen die Feuerwehr Seite an Seite mit den Polizeikräften stand. 

Nebst mehr Mitteln fordert der Berufsstand eine Revalorisierung der Brand-Prämie, welche sich seit 1990 nicht mehr bewegt hat. Die große Demonstration in Paris folgt auf Monate des Streiks in gewissen Regionen wie im südlichen Tarn oder dem östlichen Doubs, die von Ende Juni bis ungefähr September andauerten.

Dieser Artikel ist in Englisch und Französisch verfügbar.

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Weekly Urbanauth 40: Exportgut französische Kultur, Unruhen in Hong Kong und weltweite Klimaproteste

Weekly Urbanauth 40: Exportgut französische Kultur, Unruhen in Hong Kong und weltweite Klimaproteste

Die wichtigsten News auf einen Blick – Unsere halbmonatliche Presserevue der Kalenderwoche 40. Diese Woche: Viel urbane Kultur aus Frankreich und ein Interview mit dem Stadtplaner Richard Sennet. Außerdem Nestkampf auf Kölns Schälsick-Seite, Extinction Rebellion in den Schlagzeilen und eine Zusammenfassung der Ereignisse in Hongkong der letzten Woche. Die wichtigsten, urbanen Nachrichten der Woche im Weekly Urbanauth.

Stadt und Mensch

Wie muss Stadtplanung sein?

In einem Interview mit Mediapart sprach der Stadtplaner, Philosoph und Soziologe Richard Sennett über die Hürden des Städtebaus, damals wie heute. Sein neustes Buch untersucht die Beziehung zwischen Stadt und Leben um zu verstehen, ob Stadtplanung die Gesellschaft so darstellen soll, wie sie ist, oder ob sie diese ändern soll, und wenn ja, wie. In der Frage, inwiefern sozialer, bescheidener Städtebau im Dialog mit den Bewohnern bei gleichzeitiger Berücksichtigung des globalen Kapitalismus möglich ist, findet sich ein zentraler Punkt des Gesprächs. Er stellt fest, dass es, berücksichtigt man die Absichten der Stadtplaner, von der Planung zur Realität stets einen langen Weg gegeben habe. So ist es ein Paradoxon, dass ausgerechnet der reaktionärste der „Großen Generation“, Baron Haussmann, Straßen und öffentliche Räume schuf, die sozial gut funktionierten. Über die Jahrhunderte macht Sennett eine gemeinsame Beobachtung: Die Form einer Stadt bestimmt nicht die Lebensformen, die sie annimmt. Am deutlichsten ist dies bei der in den 1950er Jahren gebauten brasilianischen Hauptstadt Brasilia ersichtlich. Um die geplante Form herum entstand eine größere, ärmere, chaotischere aber auch sozialere und wirtschaftlich intensivere Stadt.

Zum Projekt Gare du Nord in Paris merkt Sennet an, dass es einerseits ein Symbol für die Kluft zwischen Stadtplanung und der Art und Weise, wie Menschen tatsächlich leben, darstellt. Andererseits sei es aber auch symptomatisch für die ständig wachsende Bedeutung des Kapitalismus und des Grosskapitals für den heutigen Städtebau. Das Projekt ist viel zu groß und passt nicht in die Nachbarschaft.

Exportgut Centre Pompidou – Made in France now in Shanghai

Wie die englischen Onlinemagazine TheArtNewspaper und deezen berichteten eröffnet zum 8. November in Shanghai eine Zweigstelle des Centre Georges-Pompidou. Im Xuihui-Distrikt mit seinen zwölf Vierteln zieht das Museum an die Wasserseite vom Huangpu-Fluss. Mit der lokalen Verwaltung und der West Bund Group entwickelt, kam die französische Kooperation zum ersten Mal 2007 zur Sprache. Das Gebäude, welches ein Seitenflügel des West Bund Museums ist, wurde von dem Architekten David Chopperfield entworfen. Bis 2025 sollen sich zeitgenössische westliche und asiatische Kunst im Centre Pompidou x West Bund Museum treffen.

Das ursprüngliche Centre Georges-Pompidou in Paris wurde 1977 im Herzen des Viertels „Le Marais“ eröffnet und von den Architekten Renzo Piano und Richard Rogers entworfen. Das Museum welches nach dem französischen Präsidenten Georges Pompidou (1969 – 1974) benannt ist, beherbergt neben TMOMA in New York und Tate in London die weltweit wichtigsten und größten zeitgenössischen Kunstsammlungen. Die Zweigstellen bieten dabei eine hervorragende Möglichkeit, die ansonsten nur zwischen-gelagerten Meisterwerke der Öffentlichkeit zu zeigen. In 2010 eröffnete in Metz ein erster Ableger, welchem 2015 dann der Nächste in Malaga, Spanien folgte. Neben dem Centre Pompidou x West Bund Museum wird 2020 ein weiterer Ableger in einer ehemaligen Automobil-Garage in Brüssel entstehen.

Die Banlieues von Paris zeigen ihre Kunstschätze!

Trésors des Banlieues“ – Schätze der Vororte, so heißt die Kunstaustellung welche am 4. Oktober im Vorort Gennevilliers, von Frankreichs Hauptstadt stattfindet. Bis zum 30. November werden 260 Kunstwerke aus über 50 Vororten von Paris ausgestellt. Der Öffentlichkeit werden die Werke in der Halles des Grésillons präsentiert. Von einer Vielzahl an Expressionisten wie Chagall zu zeitgenößischem Street Art mit Miss Tic, die Banlieues haben einiges zu zeigen. Auf zeitgenößische Kunst gerichtet, werden Werke von Ende 19. Jahrhundert bis in modernere Zeit ausgestellt. Um das Kernthema der industrialisierten Stadt wird dabei die Geschichte von Gennevilliers angesprochen. Die einst landwirtschaftliche, später dann von prekären Armutsvierteln geprägte Banlieue, kannte einen rasanten Wandel und steht heute kurz vor dem Zusammenschluss zum Grand Paris.

Die künstlerischen Strömungen von Vergangenheit und Gegenwart zu durchqueren, um zu versuchen, eine Antwort auf das zu skizzieren, was die Banlieues so einzigartig macht.

Noel Corret – Hauptkuratorin der Ausstellung „Trésors de Banlieues“

Die Instandsetzung der 1980 gebauten und leerstehenden Markthalle im Viertel „Les Grésillons“ oblag dem französischen Architekten Patrick Bouchain. Dieses Jahr mit dem Grand Prix d’Urbanisme für sein Lebensschaffen ausgezeichnet, ist der 1945 geborene eine Ikone der französischen Architektur. Neben seiner Teilnahme bei der Gründung der École nationale supérieure de Création industrielle (ENSCI-Les Ateliers) Anfang der 80er Jahre, ist er vor allem für seine menschennahe Herangehensweise bekannt, welche die Bewohner in den Prozess der Erneuerung von urbanen Räumen versucht miteinzubeziehen. Für die Gestaltung des Innenbereiches war das Kollektiv „Au fond à gauche“ verantwortlich, welche durch ihre Wahl von Schifffahrts-Containern an die Geschichte der Hafenstadt anknüpfen.

Nestkampf auf Kölns Schälsick-Seite: Dieselstraße 15

Nach den TuMalWat-Tagen in Berlin geht der Nestkampf weiter. Vom Osten Deutschlands in den Westen nach Köln-Kalk. Ein seit Jahren leerstehendes Haus auf der Schäl Sick-Seite Kölns wurde am dritten Oktober für zwei Tage besetzt. Die politische Besetzung der Dieselstraße 15 welche nach zwei Tagen von der Polizei geräumt wurde, ging von der Initiative „Nestkampf“ aus. Diese hatte Anfang Mai bereits zwei leerstehende Gebäude in der Loestraße mit Bannern behängt, um auf Gentrifizierung aufmerksam zu machen. Den Aktivisten zufolge stünden dort 120 Wohnungen leer. Während der Räumung der Dieselstraße 15 wurden 22 Personen in dem Gebäude von der Polizei angetroffen. Drei davon wurden anschließend auf eine Polizeiwache gebracht.

Hongkong – Ein Vermummungsverbot schürt die Wut

Vergangenen Samstag kam es wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit brennenden Barrikaden und Verwüstungen von sowohl Metro-Stationen als auch Geschäften. Aus diesem Grund waren einige Supermärkte geschlossen und die Metro für einen Tag außer Betrieb genommen worden.

Carrie Lam, Regierungschefin der Sonderverwaltungszone Hongkong, griff auf das Notstandsgesetz aus der Kolonialzeit zurück und sprach ein Vermummungsverbot aus. Dieses verbietet das Tragen von Masken bei Demonstrationen. Das von der Regierungschefin erlassene Gesetz wurde ohne Zustimmung des Parlaments erlassen. Carrie Lam kann mithilfe der Notstandsverordnung „Vorschriften jeder Art erlassen, die sie im öffentlichen Interesse für wünschenswert hält“.

Die pro demokratische Gruppierung in Hongkong hat das Gesetz zum Vermummungsverbot angegriffen und bewirkt, dass es gegen Ende dieses Monats vom Supreme Court richterlich überprüft wird. Demonstranten nutzen Masken, um zum einen unerkannt zu bleiben und sich zum anderen vor Tränengas zu schützen.

Die Regierung von Peking unterstützt Carrie Lam’s Vorgehen. Die seit über 4 Monaten andauernden Proteste finden aufgrund eines sehr umstrittenen Auslieferungsgesetzes statt und nehmen an Intensität immer weiter zu. So droht Carrie Lam inzwischen mit einem Einschreiten des chinesischen Militärs, sollte sich die Lage nicht bald entspannen.

Extinction Rebellion

Extinction Rebellion (kurz XR; englisch ‚Rebellion gegen das Aussterben’) ist eine weltweite, Klima-Bewegung, die sich mit Mitteln des zivilen Ungehorsams[1] gegen das Massenaussterben von Tieren und Pflanzen und
das mögliche Aussterben der Menschheit als Folge der Klimakrise und der Vernichtung von Lebensraum einsetzt.“

Ursprünglich kommt die Bewegung aus Großbritannien, hat allerdings aktive Ableger in vielen größeren europäischen Städten, sowie den USA, Canada und Australien. Mehrere hundert Umweltaktivisten von Extinction Rebellion haben am Samstag, den 05.10.2019 eine Shopping-Mall im Südosten von Paris besetzt, sie wollen damit auf die Untätigkeit der Regierung in Sachen Klimakrise aufmerksam machen. Das Einkaufszentrum „Italie 2“ im 13. Arrondissement solle so lange wie möglich besetzt werden, teilte Extinction Rebellion in Frankreich auf Twitter mit. Nach 18 Stunden wurde die Besetzung des Einkaufszentrums wieder abgebrochen. Die Besetzung fand gemeinsam mit der Bürgerbewegung „Verité pour Adama“ und Gilets Jaunes statt.

Am Samstag, den 05.10.2019 wurde in Berlin vor dem Kanzleramt ein Klimacamp errichtet. Dort sind tausende Menschen zusammengekommen. Es werden Vorträge, Workshops, Berichte von Betroffenen und Filmvorführungen gezeigt. Ab Montag wurde auch der Verkehr in der deutschen Hauptstadt behindert. Extinction Rebellion rief dazu auf, das Auto stehenzulassen. Forderungen der Gruppe sind unter anderem die Ausrufung des Klimanotstandes und die Reduzierung des CO2-Ausstoßes bis 2025 auf null.

Dies scheint jedoch nur ein Auftakt zu sein, denn ab dem 7. Oktober wurde weltweit zu zwei weiteren Protestwochen aufgerufen.

Dieser Artikel ist in Englisch und Französisch verfügbar.

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