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USA: Flint’s Wasserkrise und das Blei im Trinkwasser

USA: Flint’s Wasserkrise und das Blei im Trinkwasser

USA. In Michigan führte Flint’s Wasserkrise zu einem der größten Umweltskandale der USA. Der fahrlässige Umgang mit dem Wassermanagement, Austeritätsvorgaben und ein ungesunder Fluss, führten zu einer Wasserkrise. Durch den fahrlässigen Umgang mit dem Fluss als Trinkwasserquelle wurde die Bevölkerung der Stadt Flint jahrelang erhöhten Bleiwerten ausgesetzt. Nun erhalten die Betroffenen eine Entschädigung.

Der Skandal wurde von unabhängigen Forschern, Medien und lokalen Vereinigungen sowie Personen aus der Zivilgesellschaft aufgedeckt. Das Medium Frontline veröffentlichte unter anderem eine Dokumentation der Geschehnisse. ProPublica, TheGuardian und CNN berichteten ebenfalls ausführlich über Flint’s-Wasserkrise. Blei ist schwer gesundheitsschädigend. Außerdem wurde ein Anstieg an Fällen von Legionärskrankheit festgestellt. Das langsame Handeln der Behörden hat die Krise dabei nur verschlimmert. Inzwischen ist die Akte Flint nahezu aufgearbeitet, doch die Spaltung in der Gesellschaft bleibt. Urbanauth gibt euch eine Zusammenfassung von Flint’s Wasserkrise.

Flint’s Wasserkrise: Von Stadtflucht zu Krisenmanagement

Flint's Wasserkrise, Aufnahme von Flint River 2010 mit Brücke in der Innenstadt von Flint, Michigan, USA.
Eine Brücke in Flint führt über den Fluss. Sein Wasser hat zur Korrosion der Wasserleitungen und den anschließenden Bleivergiftungen geführt. Zum Zeitpunkt des Fotos in 2010 bahnte sich die Wasserkrise bereits langsam an. (Foto: Andrew Jameson / Wikimedia / 2010)

Der Bundesstaat Michigan liegt im Norden der Vereinigten Staaten von Amerika. Eingeschlossen zwischen den Seen Lake Michigan und Lake Huron grenzt es im Norden an Kanada sowie im Süden an die Bundesstaaten Indiana und Ohio. Knapp 10 Millionen Menschen leben dort. Michigan war der Geburtsort der amerikanischen Automobilindustrie. Heute ist es ein beliebtes Ausflugsziel. Mit einer hauptsächlich weißen Bevölkerung und einem Drittel der Bevölkerung mit einem Bachelor-Abschluss sind nur 13 % der Bevölkerung von Armut betroffen.

Die Stadt Flint liegt am gleichnamigen Fluss des Bundesstaates. Heutzutage wohnen dort ungefähr 90.000 Menschen. Während nahezu 40% der Bewohner in Armut leben, hat über die Hälfte der Bevölkerung dem Zensus der amerikanischen Regierung zufolge afro-amerikanische Wurzeln. Neben der Metropole Detroit war Flint ebenfalls ein wichtiger Standort der amerikanischen Automobilindustrie. Ab den späten 70er Jahren ging es jedoch wirtschaftlich bergab. Als es 1973 zur Ölkrise kam, brach die Industrie ein oder konzentrierte sich auf andere Standorte. Die anschließende Deindustrialisierung führte zu Arbeitslosigkeit, Leerstand und zum Verfall des Stadtbildes.

Das Phänomen des „White Flights“ verschlimmerte die wirtschaftliche Lage von Flint. Eine weiße, wohlhabende Mittelschicht verließ die Innenstadt und ließ sich in den Vororten nieder oder zog in andere Städte. Die Stadtflucht dauert bis heute an.

In Folge kam es zu einer Entwertung der Immobilienwerte von Häusern und Grundstücken. Wegen mangelnden Unternehmen und einer geringen Kaufkraft der Bewohner fielen wichtige Einnahmen durch Gewerbe- und Einkommenssteuer weg. Dies versetzte die bereits verschuldeten Stadt in eine größere, finanzielle Notlage. Im Nachzug der Finanzkrise von 2008 wurde die Stadt drei Jahre später wegen seiner Schulden entvollmachtet und unter die Kontrolle eines Krisenmanagers gestellt. Die daraus resultierenden Entscheidungen bezüglich des Wassermanagements sollten katastrophale Auswirkungen haben.

Die Folgen der Wasserkrise für die Bewohner von Flint

Die fatale Entscheidung in 2011 von der Wasserversorgung aus Detroit, auf die des Flint-Flusses zurückzugreifen, hatte weitreichende Auswirkungen. Während die alte Kläranlage der Stadt wieder in Betrieb genommen wird, fehlen an anderer Stelle die Mittel. Das ungenügend behandelte Wasser führte dabei zu einer Korrosion der Wasserrohre, welche aus Blei und Eisen sind. Die Folgen waren erhöhte Bleiwerte im Trinkwasser.

Die gesundheitlichen Folgen von Blei für Menschen sind immens. Bleiexposition im Kindesalter wird mit psychischen Gesundheitsproblemen und Verhaltensauffälligkeiten sowie einem Anstieg von Kriminalität und Gewalt in Verbindung gebracht. Laut dem Bericht leiden ältere Kinder unter schwerwiegenden Folgen, wie beispielsweise einem höheren Risiko für Nierenschäden und Herz-Kreislauf-Erkrankungen im späteren Leben. Der Warnwert der Vereinten Nationen liegt bei 5 Mikrogramm Blei pro Deziliter Blut (µg / dl). Die Richtwerte in Nordamerika sind dabei etwas strenger. Jedoch bleibt jede Aufnahme von Blei in den Körper immer gesundheitsschädlich.

Für Richard Fuller, Präsident von Pure Earth steht fest:Die Menschen können über die Gefahren von Blei aufgeklärt werden, damit sie sich selbst und ihre Kinder schützen können. Die Investitionen zahlen sich aus: eine bessere Gesundheit, höhere Produktivität, höhere Intelligenzquotienten, weniger Gewalt und eine bessere Zukunft für Millionen von Kindern auf der ganzen Welt.

Flint's Wasserkrise, Ein Schild zeigt zu einer Water Pick Up Station, Parkplatz, USA Michigan Flint, Krisenmanagement Wasserstreß
Da das Trinkwasser aus der Leitung gesundheitsgefährdend ist, musste das Wasser in Flaschen an die Bewohner von Flint verteilt werden. Ein Schild zeigt in die Richtung einer „Water Pick-up“-Station. (Foto: US Department of Agriculture / Public Domain / 2016)

US-amerikanische Segregation: Wie die sozialen Ungleichheiten die Wasserkrise verschärften

Der Niedergang von Flint’s Industrie hat die ökonomischen und sozialen Ungleichheiten verschärft. Die erneute Austeritätspolitik unter Krisenmanagern ab 2011, anschließenden Fehlentscheidungen und verzögerte Maßnahmen, führten zur Umweltkatastrophe.

Umweltrassismus beschreibt jede Politik, Praxis oder Richtlinie, die Menschen (Einzelpersonen, Gruppen oder Gemeinschaften) in unterschiedlicher Weise aufgrund ihrer Rasse oder Hautfarbe benachteiligt (ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt). In der Wasserkrise von Flint drückt sich dies dadurch aus, dass einige Städte den Luxus haben, ihre Einwohner mit sauberem Wasser zu versorgen – während andere um eine anständige Versorgung zu kämpfen haben.

Im Kontrast steht der Ort Burton, eine angrenzende Kleinstadt von Flint, welche hauptsächlich weiß und wohlhabend ist. Da sie ihr Trinkwasser über Detroit bezieht, war sie nicht von Flint’s Wasserkrise betroffen. Aber ebenso können die Vororte von Grand Blanc City, Swart Creek City und Flushing City genannt werden. Nahezu alle umliegenden Vorstädte haben dabei eine niedrigere Armutsrate als der Bundesdurchschnitt. Mit Ausnahme von Flint welche die Armut anzuziehen scheint. Mit 38 % nähert sich der Anteil der als arm geltenden Bevölkerung der 50 %-Marke.

Die Michigan Civil Rights Commission ging in ihrem Bericht „The Flint Water Crisis: Systemic Racism Through the Lens of Flint“ aus 2016 auf die sozialen Ungleichheiten und den historischen Rassismus ein. Durch den Prozess räumlicher Segregation: Wohn-subventionen für Weiße und Wohnverbot für Afroamerikaner wurden die Bürger im 20. Jahrhundert nach ihrer Hautfarbe getrennt. Beschlossene Maßnahmen zur Flächennutzungs-, Wohnungs-, Kredit- und Verkehrspolitik zur Segregation von farbigen und armen Menschen schufen soziale Ungleichheiten, welche bis heute andauern. So kritisiert die Kommission eine mangelnde Bereitschaft unter den verschiedenen Kommunen, Probleme gemeinsam anzugehen.

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Zum Höhepunkt von Flint’s Wasserkrise wurde Trinkwasser in Plastikflaschen an die Bevölkerung verteilt. (Foto: US Department of Agriculture / Public Domain / 2016)

Die Chronologie von Flint’s Wasserkrise:

  • 2002-2004: Mit 30 Millionen Dollar Schulden ist die Stadt Flint finanziell schwer überlastet. Der damalige Gouverneur John Engler entzieht der Stadt die Entscheidungsmacht und entsendet einen Krisenmanager. Seine Aufgabe: Die Kosten kürzen und das Budget rekalibrieren. Dieser wird durch verschiedene Austeritätsmaßnahmen die Schulden auf mehr als die Hälfte kürzen.
  • 2011: Eine achtköpfige Kommission befindet, dass sich Flint in einer finanziellen Notlage befindet. Der Bundesstaat Michigan übernimmt wieder die Entscheidungsmacht über die Finanzen und entsendet abermals einen Krisenmanager. Um Kosten zu sparen, wird der Wasserzugang von Detroit und dem „Lake Huron„-See zum Flint-Fluss und seiner veralteten Kläranlage gewechselt. Eine Studie ergibt, dass die Zusammensetzung des Wassers aus dem Fluss eine zersetzende Wirkung auf die Wasserrohre aus Blei ausübt. Die zusätzliche Behandlung würde dem Staat 100$ pro Tag kosten.
  • 2014: Der Wechsel des Wasserzuganges ist beendet. Ab jetzt liefert der Fluss von Flint, das Trink- und Nutzwasser an die Stadt. Zweifel an der Sinnhaftigkeit und den gesundheitlichen Folgen treten auf. Um die Ängste der Bevölkerung zu beruhigen, trinken gewählte Volksvertreter öffentlich ein Glas Wasser aus dem Fluss. Währenddessen beklagen sich im Laufe des Jahres immer mehr Bürger über braunes Wasser aus den Leitungen, welches einen schlechten Geschmack und Geruch besitzt.
  • 2015: Die Umweltministerien, EPA und DEQ, die jeweiligen Instanzen auf nationaler und regionaler Ebene sprechen das erste Mal über erhöhte Bleiwerte im Wasser. Ein unabhängiges Forscherteam wird dies ein halbes Jahr später bestätigen. Währenddessen stellt eine Ärztin erhöhte Bleiwerte im Blut ihrer Patienten fest. Beides wird anschließend von unterschiedlichen Beamten bestritten und die Bedenken in den Wind geschlagen.
  • 2015: Ab Oktober macht die Stadt eine Kehrtwende und erschließt erneut den Wasserzugang über Detroit und den Lake Huron. Doch der Schaden ist bereits da. Das unbehandelte Wasser hat die Wasserleitungen angegriffen. Zudem sind die Hälfte der Rohre aus Blei, welche nun ins Trinkwasser gelangt. Rost in Form von braunem Wasser ist nur eine der Erscheinungen. Der Verantwortliche der DEQ, dem Department of Environnemental Quality gesteht schwerwiegende Fehler im Wassermanagement. Wenige Monate später tritt er von seinem Amt zurück. Zum Ende des Jahres wird eine erste Sammelklage eingereicht.
  • 2016: Zum Beginn des neuen Jahres ist der Ernst der Lage nicht mehr zu verschweigen. Der Gouverneur Rick Snyder schaltet die FEMA (Federal Emergency Management Agency) ein. Wenige Wochen später entschuldigt er sich öffentlich und verspricht Wiedergutmachung. Die Nationalgarde wird zur Verteilung von Trinkwasser eingesetzt. Die Stadt verteilt Wasserfilter und versucht zu beruhigen. Doch das Blei in den Rohren ist nur die Spitze des Eisbergs. Während die Bleiwerte in den Leitungen wieder sinken, treten vermehrte Fälle von Legionärskrankheit auf. Das Flusswasser hatte Eisenrohre zum Rosten gebracht und das Desinfektionsmittel gegen Bakterien neutralisiert.
  • 2016: Auf 216 Millionen Dollar werden die Infrastrukturkosten geschätzt. Darunter 55 Millionen Dollar für die Ersetzung der Bleirohre. Im Laufe des Jahres wird gegen mehrere Beamte Anklage erhoben. Ab November entscheidet ein Richter, dass einige Bewohner von Flint Wasser aus Plastikbehältern erhalten, bis die Stadt gewährleistet, dass die Wasserfilter verteilt sind und funktionieren.
  • 2017: Die Bleiwerte im Wasser der Stadt haben sich wieder normalisiert. Währenddessen werden schwere Vorwürfe laut. Die Civil Rights Commission von Michigan hat einen Bericht veröffentlicht, welcher den Behörden historischen und institutionellen Rassismus vorwirft. Der Beginn der Arbeiten zur Ersetzung der Wasserrohre startet in Eiltempo. Bis zum Ende des Jahres werden 10.000 Leitungen ersetzt.
  • 2018: Die Behörden entnehmen Trinkwasserproben an den Schulen von Flint. Zugleich wird das kostenlose Verteilen von Wasserflaschen eingestellt. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wächst und im April verschafften sich Demonstranten kurzzeitig Zutritt ins State Capitol. Im Laufe des Jahres kritisiert der Generalinspekteur der EPA die Behörden auf nationaler und regionaler Ebene für ihr Versagen. Schulen greifen inzwischen auf Ultraviolett-Filter für die Behandlung von Trinkwasserbrunnen.
  • 2019: Die Verarbeitung der Geschehnisse, welche zur Wasserkrise von Flint führten, schreitet voran. Endlich werden die ersten Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen. Elektronische Geräte und Datenträger vom Gouverneur Snyder werden beschlagnahmt und untersucht. Bis zu 65 weitere Beamte und ehemalige Angestellte sind von den Durchsuchungen betroffen. Zum Ende des Jahres wird eine erste Anklage jedoch fallen gelassen und neu aufgesetzt.
  • 2020: Ein Richter beschließt, dass alle Wasserrohre der Stadt untersucht werden müssen. 20.000 weitere Haushalte erhalten so das Recht, den Zustand ihrer Leitungen kostenfrei untersuchen zu lassen. Der eingeforderte Schadenersatz der Sammelklage kommt auf rekordverdächtige 641 Millionen Dollar.

2021 wurde eine der größten Sammelklagen des Bundesstaates Michigan entschieden. Die Opfer der Flint-Wasserkrise erhalten bis zu 626 Millionen Dollar Entschädigung. Das definitive Gerichtsurteil wurde Anfang 2022 abermals bekräftigt, wie nbcnews berichtete. Außerdem laufen weitere Gerichtsverhandlungen gegen den ehemaligen Gouverneur von Michigan Rick Snyder, sowie den Baudezernenten von Flint Howard Croft. Wie berichtet, werden sie in jeweils zwei Fällen der vorsätzlichen Amtspflichtverletzung angeklagt – im Zusammenhang mit ihrer Beteiligung an der Wasserkrise in Flint. Zusätzlich wurden bisher weitere acht Beamte für ihr schweres Fehlverhalten verurteilt.

Besorgniserregend an Flint’s Wasserkrise ist das Ausmaß an umwelt- historischen und institutionellen Rassismus. Dies beeinflusste Entscheidungen zum Nachteil der Bewohner. Ebenso gilt dies, für die eingesetzten Krisenmanager, welche durch eine zweifelhafte Austeritätspolitik an den falschen Stellen sparten. Doch vor allem das verzögerte Eingreifen der nationalen und regionalen Umwelt- und Gesundheitsbehörden wirft Zweifel auf. Dies ging vor allem zulasten der Gesundheit der Bevölkerung. Der Infrastrukturplan, welcher von Präsident Joe Biden verabschiedet wurde, legt dabei einen Fokus auf die Erneuerung der Wasserleitungen und den Kampf gegen Blei- sowie anderen Umweltverschmutzungen. Nichtsdestotrotz stellt sich die Frage, wie mit solchen zukünftigen Problemen umgegangen wird. Auch mögen die Opfer von Flint’s Wasserkrise Gerechtigkeit und Entschädigung erhalten haben, doch die gesundheitlichen Schäden in der Bevölkerung bleiben.

Mehr solcher Parkwanderwege! Der Grüngürtel René-Dumont inmitten von Paris

Mehr solcher Parkwanderwege! Der Grüngürtel René-Dumont inmitten von Paris

Entdecke den Grüngürtel und Parkwanderweg der „Coulée verte René-Dumont“ von Paris. Stell dir vor, du begibst dich auf eine Expedition und durchquerst den zwölften Bezirk der französischen Hauptstadt. Eine Reise durch die Stadt.

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Der Parkwanderweg der Coulée verte Renée Dumont ist eine einzigartige städtebauliche Schöpfung in Europa. Dieser wurde auf einer ehemaligen Eisenbahnlinie gebaut und ist Teil des Eisenbahnerbes der Stadt Paris. (Urbanauth / Douib Monia / 2020)

Der Grüngürtel René-Dumont von Paris
: Ein wiederbelebtes
Eisenbahnerbe als Parkwanderweg

In den 1970er Jahren begann der Umbau. Viele Architekten arbeiteten an diesem Projekt zusammen, wie zum Beispiel Philippe Mathieux, Andréas Christo-Foroux, Patrick Berger, Pierre Colloc, Vladimir Mitronoff, sowie dem Landschaftsarchitekt Jacques Vergely.

1983 wurde im Rahmen der Neugestaltung des Pariser Ostens eine bepflanzte Promenade angelegt. Mit der Coulée verte Renée Dumont genießen die Bürger der Stadt einen ganz besonderen Erholungsort. Der Parkwanderweg wurde sieben Meter über dem Boden entworfen. Diese Höhe erlaubt es den Besuchern, die Pariser Architektur zu betrachten, während sie spazieren gehen und einen Panoramablick über Paris genießen.

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Zum Europatag gab der Pariser Stadtrat bei dem Künstler Nicolas Scauri, alias Skio, ein Streetart-Werk in Auftrag. Nach den Malern Paul Veronese, Tizian und Giambattista Tiepolo interpretierte Skio seinerseits den griechischen Mythos der Entführung Europas. Europa ist eine phönizische Prinzessin, der sich Zeus näherte und sie verführte, indem er sich in einen Stier verwandelte.
(Urbanauth / Douib Monia / Paris / 2020)

Wo befindet sich der Grüngürtel der Coulée verte René-Dumont in Paris?

Der Parkwanderweg von Paris durchquert den zwölften Bezirk, von der Place de la Bastille bis zur Porte de Vincennes. Diese ehemalige öffentliche Verkehrslinie aus dem Jahr 1859 verband Paris mit Straßburg und endete an Bastille. Im Wettbewerb mit der RER A-Zuglinie brach diese ein Jahrhundert später zusammen.

Die Coulée verte René-Dumont kann über Stege, Treppen oder Aufzüge erreicht werden. Die Besucher können dann unter kleinen Tunneln hindurchgehen und den Weg der Gärten Hector Malot oder Charles Peguy sowie den Reuilly-Rasen überqueren. So ermöglichen der Fußgängerübergang und der Radweg, sowohl ein Publikum als Familie als auch Sportler zu empfangen.

Aufgeteilt in insgesamt drei verschiedene Teile bietet die Coulée verte einen Parkwanderweg von etwa 4,5 Kilometern Länge. Dieser Bereich besteht hauptsächlich aus der „Viaduc des Arts„, die sich zwischen der Bastille und dem Garten von Reuilly-Paul Pernin befindet und besteht aus zwei weiteren Parzellen in Form von durchgehenden Gärten und Grünflächen.

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Grüner Rasen und eine Fußgängerbrücke: der Grüngürtel René-Dumont in Paris. (Urbanauth / Douib Monia / Paris / 2020)

Der Grüngürtel René-Dumont in Paris erfindet sich selbst

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Streetart und urbane Kunst. Der Grüngürtel liegt inmitten einer hoch urbanisierten Zone. Da darf Kunst natürlich nicht fehlen! Der französische Künstler Stéphane Nedellec, alias Ned, hat ein Fresko „Soleils d’énergie“ (Sonnenernergie) mit Schablonen auf die Wand in der Rue du Sahel 36 gemalt. Zusammen mit Stéphane Carricondo und Jerk45 gründete er das Kollektiv 9e Concept. Sein künstlerisches Universum ist reich, wimmelnd und bewegend. Alltägliche Gegenstände treffen auf eine fantastische, märchenhafte Welt voller imaginärer Figuren „nedelleyens„. Bretonischer Herkunft assoziiert er keltische Symbole mit Stammeszeichen. Er ist ein bildender Künstler, der fotografiert, zeichnet und malt. Seine Figuren bewegen sich zwischen Realismus und Abstraktion. Inspiriert vom Mittelalter baut er Medaillons und malt Ornamente, verschränkt Flammen, Arabesken und Friese und formt neue Wappen. Er verschmilzt Motive mit Bannern, Luftschlangen, Transparenten und magischen Siegeln. (Urbanauth / Douib Monia / Paris / 2020)

Heute erfindet sich der Parkwanderweg neu. Die lokale Biodiversität wird respektiert. Einige Teile des inneren Gürtels sind Reservoirs von Flora und Fauna. Die coulée verte René-Dumont liegt in der Nähe von Wäldern, großen Parks, der Seine und Kanälen. Letztere ist Teil eines ökologischen Netzwerks. Spaziergänger durchstreifen dieses Gebiet, sowohl Eisenbahn- als auch Stadtgebiet, um zu flanieren, zu laufen, sich zu entspannen oder zu erholen. Seit 2017 arbeiten die Pariserinnen und Pariser gemeinsam daran, die Zukunft des Ortes neu zu definieren und sein Potenzial weiterzuentwickeln.

Generell prägt der Grüngürtel René-Dumont, als eine erholsame neue Grünfläche von Paris. In der Tat eröffnet diese Stadtlandschaft neue Perspektiven für die Pariser Bürger, die von einer qualitativ hochwertigeren Fläche träumen. Die Aufwertung des Ortes ermöglicht eine untypische Erfahrung in einer städtischen Umgebung, in der sich Menschen treffen, die leidenschaftlich an Bedeutung interessiert sind. Dieses Konzept eines grünen Stadtpanoramas ist eine Quelle der Inspiration für fremde Länder. In den 1990er Jahren schufen die Amerikaner zum Beispiel den New Yorker High-Line Park nach einem ähnlichen Ansatz wie den Grüngürtel in Paris.

Ein Parkwanderweg und öffentlicher Erholungsort inmitten von Paris

Die Stadt Paris hat einen partizipativen Haushalt geschaffen, der den Pariser Bürgern vorschlägt, über die Verwendung von 5% des Investitionsbudgets zwischen 2014 und 2020, d.h. einer halben Milliarde Euro zu entscheiden. Nach der Phase der Projekteinreichung und -abstimmung werden die Kandidaten zu Co-Konstruktions-Workshops eingeladen, um ihre Ideen in realisierbare Projekte zu verwandeln.

Im Jahr 2017 wurde mit 886 Stimmen und einem Budget von 100.000 Euro ein Projekt zum „René-Dumont Green Casting“ ausgewählt. Das Hauptziel bestand darin, gemeinsam über die Zukunft von Paris nachzudenken, genauer gesagt, in diesem Beispiel des Grüngürtelabschnittes René-Dumont.

Ziel dieses spezifischen Projekts war die Modernisierung der Grünfläche in ihrer Nutzung für Veranstaltungen sowie ihrer landschaftlichen und ökologischen Vorzüge, indem einerseits permanente Hängesysteme geschaffen wurden, die die Nutzung bei Veranstaltungen begleiten, die Tunnelbeleuchtung verbessern und das Mobiliar an den Komfort der Benutzer und den landschaftlichen Aspekt der Grünfläche anpassen.

Der Original-Artikel ist von Monia Douib in Französisch, 2019 erschienen. Die Übersetzung ist von Vincent Göhlich.

So gefährlich ist Blei in der Umwelt: eins von drei Kindern weltweit betroffen

So gefährlich ist Blei in der Umwelt: eins von drei Kindern weltweit betroffen

Blei in der Umwelt. In ihrem Bericht „The toxic truth“ aus 2020 stellt UNICEF in Zusammenarbeit mit der Organisation „Pure Earth“ fest, dass eines von drei Kindern weltweit an den Erscheinungen von Bleivergiftungen leidet. Vor allem Entwicklungsländern sind betroffen. Bleibelastung kann zu lebenslangen neurologischen, kognitiven und physischen Beeinträchtigungen führen. Für die Umweltverschmutzung verantwortlich sind neben der Industrie, das unsachgemäße Recycling von Autobatterien, sowie verseuchte Böden. Kulturelle Ursachen finden sich unter anderem in verunreinigten Gewürzen, traditionelle Töpfereien und Kosmetik. Doch auch Industrieländer wie die Vereinigten Staaten von Amerika sind betroffen: Blei im Trinkwasser erfordert dort die Erneuerung der Wasserleitungen.

Blei in der Umwelt: So gefährlich ist es für den Menschen

Die gesundheitlichen Folgen für die Gesellschaft von Blei sind immens. Die Aussetzung von Blei im Kindesalter wird mit psychischen Gesundheitsproblemen und Verhaltensauffälligkeiten sowie einem Anstieg von Kriminalität und Gewalt in Verbindung gebracht. Jede Aufnahme von Blei in den Körper ist gesundheitsschädlich. Weitere schwerwiegenden Folgen für die Gesundheit sind ein höheres Risiko für Nierenschäden und Herz-Kreislauf-Erkrankungen im späteren Leben. Der Warnwert der Vereinten Nationen liegt bei 5 Mikrogramm Blei pro Deziliter Blut (µg / dl). Ab diesem Wert tritt bereits ein Verlust des Intelligenzquotienten ein. Bei höheren Bleibelastungen (>90µg / dl) treten UNICEF zufolge Funktionsstörungen im Gehirn auf. Wobei ab Werten von 150 µg / dl der Tod durch Bleivergiftung eintritt.

Industrie Blei Umwelt Umweltverschmutzung Verlassen Verfallen Umweltbelastung
Verseuchte Industriebrachen können ebenfalls verantwortlich für Blei in der Umwelt sein. (Symbolfoto / Pixabay / CC0))

Die Menschen können über die Gefahren von Blei aufgeklärt werden, damit sie sich selbst und ihre Kinder schützen können. Die Investitionen zahlen sich aus: eine bessere Gesundheit, höhere Produktivität, höhere Intelligenzquotienten, weniger Gewalt und eine bessere Zukunft für Millionen von Kindern auf der ganzen Welt.

Richard Fuller – NGO Pure Earth

Blei in der Umwelt schadet der gesamten Gesellschaft. Neben dem Verlust an Produktivität entstehen Kosten für das Gesundheitssystem und können somit ein ganzes Land belasten. In ihrem Bericht schätzt UNICEF, dass weltweit 815 Millionen Kinder von Bleivergiftungen betroffen sind. Diese sind jedoch weltweit ungleich verteilt. Am stärksten betroffen sind der asiatische und afrikanische Kontinent. Länder mit niedrigem bis mittleren Einkommen tragen dabei die größte Last. In der Karte von Pure Earth kann dies Land für Land nachverfolgt werden:

Blei in der Umwelt. Neben der Industrie ist auch das unsachgemäße Recycling von Autobatterien für erhöhte Bleiwerte verantwortlich. (Symbolfoto / Pixabay / CC0)

Bleivergiftung einer Stadt: Der Fall von Bajos de Haina

In der Provinz San Cristobal der Dominikanischen Republik gelegen, stellt die Gemeinde Bajos de Haina das industrielle Herz des Inselstaates dar. Die Fabriken, sowie Raffinerien sind wichtige Arbeitgeber für die ansässige Bevölkerung. Mit dem Wachstum der Industrie verschlimmerten sich jedoch auch die Auswirkungen auf die Umwelt. Die Bewohner dieser 120.000 Einwohner-Gemeinde sind besonders von industrieller Verschmutzung betroffen. 2006 erntete die Stadt den unrühmlichen Namen „Dominikanisches Tschernobyl. Bei über 90% der getesteten Bewohner von Bajos de Haina wurden dabei erhöhte Bleiwerte im Blut festgestellt.

Im Jahr 2000 erklärte der dominikanische Minister für Umwelt Haina zu einem nationalen Hotspot von erheblichem Interesse. Wenige Jahre zuvor wurden 146 Kinder auf Bleivergiftung getestet. Mit durchschnittlichen 79 µg / dl wiesen ihre Blutwerte eine extrem hohe Bleibelastung auf. Vor allem eine verlassene Recyclingstelle für Bleisäure-Batterien im Teil Paraiso de Dios der Gemeinde sorgte für Aufmerksamkeit. Diejenigen, welche es sich leisten konnten, zogen weg. Ab 2008 wurden dann wichtige Arbeiten unternommen, um das Gelände zu säubern. Doch an anderer Stelle machte bereits der nächste Umweltsünder auf.

Diese Umweltverschmutzung bringt uns hier um. Je mehr die Fabriken wachsen, desto mehr werden wir krank.“

Elizabeth Mota im Interview mit Aljazeera / 2021 / „No safe place: Lead poisoning in the dominican republic

In ihrem Artikel „No safe place: Lead poisoning in the dominican republic“ deckt Aljaazera in dem Viertel Los Desamparados von Haina weitere Umweltverschmutzungen durch Blei auf. Unter neuem Namen siedelte sich in der Industriezone von Bajos de Haina das Unternehmen VERI an – und fuhr mit dem Recycling von Batterien fort. Ab 2018 wurden erhöhte Bleiwerte in der Luft und ein Jahr später im Blut der anliegenden Bewohner festgestellt. Später wurde in einem Umweltaudit aus 2020 eine unsachgemäße Entsorgung von verunreinigtem Regenwasser auf dem Gelände festgestellt. Eine positive Veränderung ist für die Bewohner von Los Desamparados und Bajos de Haina nicht in Sicht.

Demnächst: Die Wasserkrise der USA im Fokus

In den Vereinigten Staaten von Amerika erzeugte keine andere, mensch-erzeugte Umweltkrise in den USA so viel Aufmerksamkeit wie die von Flint, Michigan. Ende 2020 wurde außerdem eine der größten Sammelklagen des Bundesstaates Michigan entschieden. Die Opfer der Flint-Wasserkrise erhalten bis zu 626 Millionen Dollar Entschädigung. Ein ineffizientes Wassermanagement und Blei-belastete Trinkwasserleitungen führten zu einem Umweltskandal. Doch nicht nur Flint ist betroffen.

Die veraltete Infrastruktur betrifft vor allem strukturschwache Städte. Durch den Infrastrukturplan von Präsident Joe Biden soll sich das jetzt ändern. Mit 55 Milliarden Euro werden unter anderem die alten Wasserleitungen modernisiert. Die genaue Chronologie der „urbanistischen Wasserkrise“ gibt es in zwei Folgeartikeln zu entdecken. More to follow soon – stay tuned!

Gesellschaftskritik im Streetart in Frankreich

Gesellschaftskritik im Streetart in Frankreich

Gesellschaftskritik im Streetart in Frankreich. Verschiedene Künstler trafen 2019 zusammen, um gesellschaftskritisches Streetart zum Kontext der Gilets Jaunes zu gestalten. Die Bewegung der französischen Gelbwesten hat 2018 das Land überrumpelt und eine Fraktur in der Gesellschaft zutage gebracht. Ein Jahr später nutzte die Graffiti und Streetart-Szene die Gelegenheit, „der Straße eine Stimme zu verleihen„. Und so war der Andrang groß, als das Black-Lines Kollektiv im Mai des darauffolgenden Jahres zur Jam einlud. Die entstandenen Straßenkunstwerke – inzwischen lange vergangen – gingen auf die Probleme in der französischen Gesellschaft ein. Urbanauth hat für euch in diesem Kontext eine Perle gesellschaftskritischer urbanen Kunst analysiert.

Spätestens ab den urbanen Unruhen vom 1. Dezember 2018, solidarisierte sich ein Teil der französischen Bürger mit der Sozialbewegung. Benzinsteuer, Bürgerreferenden, Überwachung, Polizeigewalt und französische Medienlandschaft: zu kritisieren gab es genug. Raumaneignung und Graswurzel-Protest war die Antwort. Die Raumaneignungsprozesse waren vielfältig. Sei es bei unangemeldeten Demos mit bunten Schildern, Verkleidungen und Schriftzügen auf den gelben Westen – oder Taggs an den Wänden und brennendem Mobiliar auf dem Boulevard.

Die Zusammenkunft der Künstler aus der Graffiti- und Streetart-Szene fand im Mai 2019 statt. Auf der 300 Metern langen Graffiti Hall of Fame von Paris an der Rue Ordener wurde ordentlich gemalt! Urbanauth gibt euch eine Interpretation der (bereits vergangenen) Straßenkunstwerke!

Gesellschaftskritik im Streetart: „Black Lines“ interpretiert die Gilets Jaunes Bewegung

Gesellschaftskritik Streetart, Bild Mikrowelle mit Möhren, Schriftzug "Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Info, kein Gerücht!" Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
Eine Frau läuft mit ihren Einkäufen die Graffiti Hall of Fame von Paris an der Rue Ordener entlang. Auf der Mikrowelle ist es 13:12 Uhr. Möhren mit Namen der großen kommerziellen schmoren, während der Schriftzug besagt: „Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Information und kein Gerücht!“ (Foto: Urbanauth / VGO / 2019)

Zu Beginn des Jahres hatte Black Lines bereits eine erste lange Wand mit verschiedenen Künstlern gestaltet. Damals war das Leitthema „Hiver jaune„, welches gelber Winter bedeutet. Jedoch reagierte die Verwaltung des 19. Bezirks der Stadt schnell und ließ die Wand grau überstreichen. Eines der Bilder, welches damals Polemik schürte, war die Freske des Boxers Christophe Dettinger, das von dem Künstler Skalp realisiert wurde. Dettinger hatte auf einer Brücke in Paris die Polizei mit Fausthieben zurückgedrängt.

Das aussprechen, was Graffiti nicht schreibt: Gesellschaftskritik im Streetart

Wer wird sich hier verbünden? Das Streetart-Werk erinnert von der Komposition an die Öl-Malerei des letzten Abendmahles. (Foto: Urbanauth / VGO / 2021)

Die Handlung von der Stadt wurde von den Kunstschaffenden als Zensur wahrgenommen. Klar, dass sich dies die Künstler nicht gefallen ließen. In der Freske von Monsieur Plume /RC/OTM versammeln sich schwarz verhüllte Gestalten um einen Tisch, auf welchem ein rotes Buch liegt, nach dem eine Person zu greifen scheint. Die Gruppierung schwarz vermummter Gestalten geben den Anschein, als ob eine Verschwörung im Gange ist. Zum linken Rand liegt eine vereinzelte Sprühdose auf dem Tisch, während auf der anderen Seite ein Vermummter mit Schläger neben einer stehenden Person sitzt, die das Wort ergreift. Worüber diese Personen diskutieren ist nicht zu erfahren.

Das Straßenkunstwerk erinnert von der Komposition sehr an das letzte Abendmahl. Konspirativ und mysteriös schweigen diese Gestalten und sind seitdem auch schon vergangen, von unzähligen neuen Graffitis überdeckt. Dafür hebt sich ein leitendes Thema der Black-Lines Edition deutlich ab: Zensur und Meinungsfreiheit. Im folgenden mit dabei: Slyz, Bricedu, Torpe und Vince

Gesellschaftskritik im Streetart: Die Medienkritik

  • Gesellschaftskritik Streetart, Kind posiert vor Straßenkunstwerk "Autozensur" von Vince, Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart, Zwei Hände, Rotes Schild, Schriftzug "Autozensur", Medienkritik, Hall of Fame Rue Ordener Vince, zehn Meter lang Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart Weitaufnahme Streetart-Werk von Vince "Autozensur" "Garantiert ohne Barbara Streisand Effekt" Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart, Bild Mikrowelle mit Möhren, Schriftzug "Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Info, kein Gerücht!" Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart Schriftzug ""Möge die Macht mit den nächsten Generationen sein" Künstler Barth le Sablier, Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart, Fernsehkritik, Shriftzug "Gesehen im Fernsehen", "Fabrik des Konsens" "dreimal effektiver", Rand der Freske Autozensur von Künstler Vince Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,

In dem Meisterwerk des Pariser Sprühers Vince halten auf einer zehn Meter langen Fläche zwei Hände ein rotes Schild, auf dem „Autozensur“ geschrieben steht. Der Satz darunter besagt: „Diesmal wird es die Stadtverwaltung nicht wegmachen…„. Und spielt damit wohl auf die Aktion der Stadtverwaltung an, als die letzte Black Lines Zusammenkunft grau übermalt wurde. Unten rechts liest sich sarkastisch:Angereichert an sozialer Kontrolle„. In der Bildserie ist die vollständige Größe der Freske zu sehen. Oben steht dabei: „Garantiert ohne Barbara Streisand Effekt„.

Beim Barbara Streisand Effekt handelt es sich um eine unerwünschte Information, deren Vertuschungsversuche nur dazu führen, dass die Information umso bekannter wird. Dieses Effekts bedarf es dabei bei diesem Kunstwerk nicht, denn: die Passanten reagierten alles andere als gleichgültig. Sie nutzten die Gelegenheiten, mit dem Straßenkunstwerk ein Selfie zu machen.

Straße mit Passanten an der Graffiti Hall of Fame von Paris / Rue Ordener, im Norden der Hauptstadt, 18. Bezirk, HipHopcity, 1SEAt Graffiti, MDC Graffiti, VO Graffiti,
So sieht die Graffiti Hall of Fame von Paris an der Rue Ordener normalerweise aus: viele Blockbuster-Graffiti und Alteingesessene. Denn auch wenn an der Hall of Fame Rue Ordener das Sprühen erlaubt ist, so sind die Flächen in erster Linie den alten Crews (TPK, KO, UV, ABC, CKT) vorbehalten. (Foto: Urbanauth / VGO / 2021)

Das Verhalten der Medien gegenüber der Sozialbewegung wurde mehrmals kritisiert. Zwischen Sensations-Journalismus und kommerziellen Interessen. Der französische Mediewatchblog Acrimed bringt jedes Jahr in Zusammenarbeit mit der Zeitung „Le Monde diplomatique“ eine Karte der Medien heraus. Darin klären sie über die Inhaberschaften und Vernetzungen der Medienhäuser auf.

„Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Info, kein Gerücht!“

„Les Medias vivent quand la rue meurt. C’est une info, pas une rumeur !“ – gesellschaftskritische Streetart-Freske Black-Lines Jam 2019

Gesellschaftskritik im Streetart: die französische Medienlandschaft

Gesellschaftskritik Streetart, Bild Mikrowelle mit Möhren, Schriftzug "Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Info, kein Gerücht!" Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
Eine Frau läuft mit ihren Einkäufen die Graffiti Hall of Fame von Paris an Rue Ordener entlang. Auf der Mikrowelle ist es 13:12 Uhr. Möhren mit Namen der großen kommerziellen schmoren, während der Schriftzug besagt: „Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Information und kein Gerücht!“ (Foto: Urbanauth / VGO / 2019)

Gesellschaftskritik im Streetart: Medienkritik. Die Frau auf dem Bild läuft an einem in dünnen schwarzen Linien gesprühten Fernseher vorbei. Ein Timer zeigt die Ziffern 13:12 an, während Drähte an der seitlichen Schale zu Dynamitstangen führen. Im Gerät liegen drei Karotten mit Namensschildern darunter: Eine für TF1, welche der Gruppe Bouygues gehört; eine andere für CNEWS, die in Verbindung zur Gruppe Bolloré steht; und die letzte geht an BFM(-TV). Diese drei Fernsehsender gehören privaten Investoren. Mit darunter versammelt die Crème de la Crème der französischen Wirtschaftselite: Vincent Bolloré, Martin Bouygues

Nicht umsonst skandiert ein Schriftzug auf der oberen Seite: „Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Info. Kein Gerücht!„. Denn an den Krawall-Samstagen des 1., 8. Dezember 2018 und 16. März 2019 gingen die Zuschauerzahlen bei den Fernsendern durch die Decke. Es gilt anzumerken, dass dabei nicht alle Medien gleich unbeliebt sind. So haben die Gilets Jaunes Respekt vor unabhängigen Journalisten und Formaten. Die Sozialbewegung zeigte sich immer wieder solidarisch mit Journalisten, welche von staatlicher Seite eingeschüchtert wurden. Wir berichteten darüber.

Gesellschaftskritik im Streetart in Frankreich, Black Lines stellt die Frage: Was wird aus der Meinungs- und Pressefreiheit?

Das Straßenschild „Platz der Meinungsfreiheit„, einem aufgeklebten Poster, ist auf dem linken Bild von Stacheldraht umgeben. Zwei Überwachungskameras deuten dabei sinnbildlich auf das Schild. Währenddessen hält ein kleiner, schelmisch lächelnder Bär darunter sitzend eine Granate in der Hand. Wann diese wohl in die Luft geht?

Bei der Guillotine, einer Erfindung aus den Zeiten der Französischen Revolution, handelt es sich um ein Fallbeil, mit dem unter anderem der König Ludwig XVI geköpft wurden. Dieses ist im linken Bild auf einen Bleistift gerichtet, auf dem der Name des veranstaltenden Vereins steht. Während die erste Graffiti-Jam unter dem Motto: „Gelber Winter“ von der Stadtverwaltung grau überstrichen wurde, liegt der Fokus dieser Jam auf der Meinungsfreiheit.

Die Künstler wurden in ihrer Ehre angegriffen – doch nicht nur vonseiten der Graffiti-Szene ist die Unzufriedenheit spürbar. In einem offenen Brief Anfang Mai 2019 rief das Kollektiv YellowSubmarine dazu auf, sich mit sozialen Protestbewegungen der Gilets Jaunes zu solidarisieren und nicht vor den Gewalttaten wegzuschauen. Das Kollektiv besteht aus Künstlern verschiedener Disziplinen. Ihre Petition verzeichnete über 27.000 Unterschriften.

Gesellschaftskritik im Streetart: Gilets Jaunes und Polizeigewalt

„Die Sprüher holen die Farbdosen – Der Staat den Kärcher“

„Les graffeurs sortent les bombes – l’état sort le Karcher.“ by Slyz, Black-Lines Jam 2019

Der Künstler Slyze (rechts) spricht mit seinem Bild unter der Vorlage von Bsaz, die Polizeigewalt an. Auf diesem Straßenkunstwerk an der Hall of Fame ist ein Polizist zu sehen, welcher mit einem Knüppel auf einen Demonstranten einzuschlagen scheint. „Resistance“ steht auf seinem Rücken geschrieben. Die rote Banderole im Hintergrund, welche sich vor schwarzen Rauchschwaden emporhebt, sagt aus: „Die Sprüher holen die Farbdosen raus“ – Ein Aufruf, die Stadt in Farbe zu tauchen, und zivilen Ungehorsam zu zeigen? Auf dem unteren Schriftzug steht: „Der Staat holt den Kärcher raus„.

Fakt ist, dass Putzkolonnen in den Stunden nach den Großdemonstrationen den öffentlichen Raum aufräumen. Am nächsten Tag verschwinden dabei bereits die ersten Taggs von den Wänden und Holzabschirmungen der Geschäfte und bilden Flickenmuster. Manche Straßenzüge werden dabei so sauber gehalten, dass binnen einiger Tage bereits alle Spuren ausdruckshafter Raumaneignungen verschwinden. Den Kärcher konnte Urbanauth dabei am Sonntag nach dem 16. März in Aktion sehen, als Arbeiterkolonnen die Schäden an den Champs-Elysees im Eiltempo zu reparieren versuchten.

Gesellschaftskritik im Streetart: Die Debatte über Gewalt

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Gesellschaftskritik im Streetart: Eine Frau mit einer Fahne wird von Journalisten belästigt, die wissen wollen, ob sie die Gewalt im Zusammenhang mit der Gelbwestenbewegung kritisiert. Die Frau stellt die Ikone „Marianne“ dar, dem französischen Symbol der Revolution.

Auf dem linken Bild ist das Abbild einer Marianne zu sehen, welches von dem Künstler Torpe gestaltet wurde. Die Marianne ist eine Symbolfigur der Französischen Revolution. Das Gesicht grimmig, in einer Hand die französische Flagge und in der anderen ein Gewehr haltend, findet sie sich von Journalisten umringt. Geradezu verurteilend scheinen sie, wie sie fragen: „Die Gewaltausschreitungen, Verurteilen Sie sie?“ „Also die Gewalten, verurteilen sie die?„Verurteilen Sie die Gewalt„.

Dieses gesellschaftskritische Werk kann auch als Interpretation des öffentlichen Druckes auf die Demonstranten verstanden werden. Die freiheitsliebende Marianne gerät in Bedrängnis und hat sich vor den Medien für die Gewalt zu rechtfertigen. So kommt ihrer Meinung nach die schwerste Gewalt vom Staat selbst, in Form von physischer Gewalt: während den Demos oder in den Vororten, aber auch in psychischer Form: Wie etwa bei Kürzungen von Sozialhilfen, der Rente oder der Schließung von öffentlichen Institutionen und privaten Unternehmen. Dies führt zu der Wahrnehmung des „Ungehöhrt-Seins“ vonseiten der Politik.

Gewalt während der Sozialbewegung der Gilets-Jaunes: Eine kleine Fotoserie

Die all samstäglich wiederkehrende Gewalt auf den Demonstrationszügen ist ein großes Thema unter den Anhängern der Gilets-Jaunes-Bewegung. Um im Folgenden einen besseren Einblick in die gesellschaftskritischen Kunstwerke erhalten, eine kleine Fotoserie:

Die Gewalt, welche sich auf beiden Seiten abspielte, zeigt eine tiefe Fraktur in der französischen Gesellschaft.

Der unabhängige Journalist David Dufresne, welcher Zeugenaussagen und Videomaterial zur Polizeigewalt seit dem Beginn der Gilets-Jaunes Bewegung sammelt, kommt Ende Mai 2019 auf nicht weniger als 803 Verstöße. Und seitdem kamen immer wieder neue Fälle hinzu. Ende 2019 wird der französische Staat von 2500 verletzten Demonstranten während den Unruhen der Sozialbewegung sprechen.

Da ist aber jemand wütend: 600 Milliliter Neongelb ins Gesicht.(Urbanauth / 2019)

Und auch der Künstler, bei dem es sich möglicherweise um Koz1 handelt, scheint die Geduld mit dem Staat verloren zu haben. So stopft in Hip-Hop Kleidung sein wütender Affe einem karikaturesken Präsidenten eine 600- Milliliter High Pression-Sprühdose in den Mund. Natürlich in Neongelb. Das fetzige GJ„-Graffiti im Hintergrund, die Initialen der Bewegung. Auf der vom malträtierten Staatsmann weg-wehenden Krawatte steht: „Kunst ist öffentlich. Marsch zurück. Das „En marche arrière“ nimmt dabei Gegenstellung zum Namen der regierenden Partei: „La République en marche“ (/LREM), welches näherungsweise mit „Die Republik in Bewegung“ übersetzt werden kann. Eine Ansage, die möglicherweise in Bezug zu den Kürzungen im Budget von Bildung und Kultur, sowie einer Degradierung der Arbeitsbedingungen in verschiedenen Arbeitssektoren zu tun hat.

Aber…

Jemand hat noch ein Wort mitzusprühen

Graffiti? Gilets Jaunes? – Okay

Aber hier? – Falsche Adresse

TPK, unter anderem bekannt als „The Poor Kids“ oder „The Psychopath Killers“ – eine der berüchtigtsten Graffiti-Crews der französischen Hauptstadt, waren nicht so ganz einverstanden mit Black Lines. Die Crewmitglieder: „Relax, Craze, Eby, Keas, Blod, eyone, Knyze, casos“vzeigten das wenige Tage später nach der Veranstaltung. Die Hall of Fame an der rue Ordener ist dafür bekannt, den alteingesessen Sprüher-crews zu gehören. Greenhorns und Fremde sind unerwünscht. Auch, wenn die Graffiti-Szene der Gilets-Jaunes Bewegung Nahesteht. Und die Stadt für sie samstäglich zum Spielplatz wurde, so sind die Wände an der Rue Ordener von hoher Bedeutung für die eingesessenen Crews. Thematisch passend wird dabei im ersten Bild in Gelb und nachlässigem Buchstabenstil über das Werk gesprüht. Die verschonte Botschaft besagt: „Die Revolution ist die Offenbarung eines Horizonts“.

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Auf dem zweiten Bild ist die Aussage des Künstlers Adam Yuul ebenfalls erspart geblieben. In roter Schrift warnt er vor drei Epidemien: Castagnitis, Rugyole und Penicose. Die erste ist auf Christophe Castagner, seines Zeichens Innenminister und Parteivorsitzender der LREM bezogen, während mit Francois de Rugy der Umweltminister und Muriel Pénicaud die Arbeitsministerin bezeichnet werden. Im Zusammenhang mit den Forderungen: Inneres – man denke an die Polizeigewalt und provisorischen Gewahrsame sowie Überwachung. Ökologie – welche Macron in seinem Wahlprogramm bewarb, ohne Erfolge vorzuweisen. Arbeit – eines der Grundmotive für die Entstehung der Gilets Jaunes ist die sinkende Kaufkraft in Verbindung mit den Löhnen und großen strukturellen Unterschieden im Land. Die Freske kann dabei als Kritik an den politischen Entscheidungen mancher Amtsträger verstanden werden, weswegen der Künstler abschließend warnt, nicht ohne die gelbe Weste aus dem Haus zu gehen.

Mit einem tollen Endergebnis hat das Black-Lines Kollektiv Gesellschaftskritik im Streetart bewiesen. Die Sozialbewegung der Gilets-Jaunes (2018-2019) offenbarte eine tiefe Fraktur in der Gesellschaft, welche die verschiedenen Künstler auf schöner Weise interpretiert haben. Black-Lines hat im Anschluss zu der Jam an der Graffiti Hall of Fame von Paris, Rue Ordener weitergemacht. Doch was sie noch zu sagen haben, gibt es wann anders zu erfahren.

Anmerkung: Die Schriftzüge und Zitate auf den Wänden wurden frei übersetzt und an das Deutsche angepasst. Die Bildinterpretation ist nur eine von mehreren möglichen Betrachtungswinkeln.

Essay: Das Grand-Paris der Zukunft und die Stadt von Morgen

Essay: Das Grand-Paris der Zukunft und die Stadt von Morgen

Willkommen in der einzigartigen Stadt der Zukunft

Ein Essay zum Grand-Paris

Wir schreiben das Jahr 2026 und schauen auf den turbulenten Beginn der Zwanziger Jahre zurück.

2026 hat sich unsere urbane Lebenswelt weiterentwickelt. Die Bedeutung von Automatisierungsprozessen, der Einsatz von „Nichen- Künstliche Intelligenzen“ in unserem Alltag, wie z.B. Smart-Homes / -Cities, sowie im digitalen Raum führt zu starken Debatten. Das Zeitalter der Kommunikation, welche mit dem Internet anbrach, revolutionierte auch unsere städtische Organisierung. Kommunikation ermöglicht Partizipation. Mit holistischen Ansätzen in der Prozessgestaltung wird umso mehr versucht, so viele Bevölkerungsgruppen wie möglich zu erreichen und in die Stadtgestaltung miteinzubeziehen. Die Digitalität hat ihren Anschluss zur Urbanität erfolgreich gemeistert.

Rückblickend auf 2021 hat die Corona-Pandemie unsere globale Gesellschaft verändert und die Digitalisierung vorangetrieben. Homeoffice wurde schlagartig normalisiert. Lustigerweise geschah dies in Frankreich mit einem Monat Vorsprung. Da dort 2019 Dezember-Januar Generalstreike stattfanden, welche starke Auswirkungen auf die Mobilität der Bürger ausübten, machten viele Bürger bereits die Erfahrung vom „Télétravail“, dem französischen Homeoffice. Die anschließenden Lockdown-Restriktionen blieben jedoch allen Bürgern lange in Erinnerung.

Doch schlussendlich überwogen die längerfristigen Entwicklungstrends mit dem Grand-Paris, seinem Grand-Paris Express und den Écoquartiers, nachhaltigen Stadtvierteln.

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Willkommen im Grand Paris von Morgen! Wie könnte dieser Ort nördlich von Paris in fünf Jahren aussehen? (Urbanauth / VGO / 2021)

Wird das Grand Paris der Zukunft und Stadt von Morgen von der Corona-Pandemie lernen?

Die Nebeneffekte der Pandemie (2019-2021) haben zu neuen Erkenntnissen geführt und Innovation vorangetrieben. Auch wenn die Regierungen weiterhin ihren Klimazielen hinterhinken, Umweltkatastrophen seitdem in regelmäßigen Zyklen ganze Regionen der Erde verwüsten und Energie, sowie Ressourcen-Politik im Vordergrund steht; so beginnt der nachhaltige Städtebau der letzten Jahrzehnte Früchte zu tragen.

Den größten urbanen Wandel kennt dabei der Ballungsraum von Paris in der kleinen Krone von Paris. Das Grand-Paris besteht aus den Departements Paris (75) im Zentrum, den Hauts-de-Seine (92), der Seine Saint-Denis (93) im Norden und dem Val de Marne (94) im Norden. Diese wird als „Petite Couronne“ („kleine Krone“) bezeichnet. Die „Grande Couronne“ welche sich wie ein Gürtel um die kleine Krone legt, besteht aus den Departements Seine et Marne (77), den Yvelines (78), der Essonne (91) und dem Val-d’Oise (95).

Vor zwei Jahren fanden die Olympischen Spiele 2024 (JO2024) statt. Urbanistisch betrachtet, dienten die Spiele dabei vor allem dazu, die ungebrochene Anziehungskraft und stadtentwicklerischen Errungenschaften von Frankreich zu demonstrieren und… das (nahezu) fertiggestellte Grand-Paris der Welt vorzustellen!

Der Grand-Paris-Express und die neue Mobilität in der Stadt von Morgen

Grand Paris Stadt von Morgen Vorort Saint-Ouen 93 Departement  Seine-Saint Denis mit neuer Bahnhifhaltestelle "Gare de Saint-Ouen", Eingang zur Haltestelle Grand Paris Express Ubahn Linie 14
Ein Zugang zum neuen Bahnhof von Saint-Ouen. (Urbanauth / VGo / 2021)

Der Bau des Grand-Paris-Express hat die Mobilität sowohl zur, als auch um die Hauptstadt schlagartig erhöht. Das Haussmannische Paris wurde unter der Bürgermeisterin Anne Hidalgo zum großen Paris. Der Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel in Form von Straßenbahnen, U-Bahnen, Bussen und Sharing-Konzepten, wie im Falle von Fahrrädern und Rollern, hat eine gleichmäßigere Verteilung der Mobilität ermöglicht. Mit der Erweiterung der Linie 14 wurde unter anderem ein Beitrag zur Verringerung der gesellschaftlichen Ungleichheiten geleistet. Zugleich erfolgte jedoch auch eine Gentrifizierung und Vertreibung von ärmeren Bevölkerungsschichten. Diese mussten sich bis tief in die „neuen Städte“ (nouveaux villes), wie Cergy-Pontoise (95), zurückziehen. Und auch die veraltenden Wohnanlagen von Grigny-2 (91) haben sich nicht verändert.

Die sozialen Ungleichheiten bleiben dabei nach wie vor ein wichtiges Gesellschaftsproblem. Dennoch lässt sich bereits ein erster Trickle-Down-Effekt beobachten. Die Mobilität leistet dabei einen wichtigen Beitrag zur Reduzierung der Ungleichheiten. Durch die Dezentralisierung der Verkehrsadern von Paris eröffnen sich neue Arbeitsmöglichkeiten. Die neuen Wohngebäude und Grünflächen haben für einen Großteil der Bevölkerung den Lebensstandard erhöht. Auch konnten vor allem im Norden von Paris Erfolge gegen die Jugendarbeitslosigkeit erreicht werden. Die Förderprogramme für Ärzte in der Seine-Saint-Denis führten in den letzten fünf Jahren zu einem Zuzug an benötigten Fachkräften im Gesundheitssektor.

2026 wird man wohl noch nicht an eine „Grande-Île de Paris“ denken

Dennoch werden erste Stimmen laut, das Grand-Paris auch auf die äußere Krone der Île-de-France auszuweiten. Hinsichtlich der gigantischen Verschuldung für die Erneuerung und Erweiterung von Paris, bleibt dies jedoch wohl in weiter Ferne. Die Immobilienspekulationen, welche ab 2012 mit der Konkretisierung der Infrastrukturpläne für das Grand-Paris begann, nimmt gefährliche Ausmaße an. Dennoch konnten einige große Erfolge in der nachhaltigen Stadtentwicklung erreicht und die Modernisierung der Stadt vorangetrieben werden.

Das Grand-Paris zählt dabei ungefähr 130 limitrophen Kommunen und umfasst über sieben Millionen Einwohner.

Auf den Spuren der Baukultur des Grand Paris und der Entwicklung eines Ballungsraumes

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Relikte aus einer anderen Zeit. Wird dieses Gebäude die Stadt der Zukunft in Form des Grand-Paris miterleben? … Wahrscheinlich nicht (Urbanauth / VGO / 2021)

Mit großer Freude plane ich, das Écoquartier Clichy-Batignolles zu besichtigen. 2020 hatte ich einen Artikel zu diesem nachhaltigen Stadtviertel auf Französisch geschrieben und dies fotografisch dokumentiert. In wenigen Jahren entstand hier ein Viertel, welches die Konzepte der „Produktiven Stadt“ und Nachhaltigkeit verbindet. Ein Mischangebot von Wohnen, Arbeiten und Erholung wurde dabei erfolgreich auf dieser ehemaligen Industriebrache umgesetzt. Die Arbeiten begannen mit dem Martin-Luther King Park im Zentrum des Stadtteils. Die grüne Lunge des Viertels!

Den Bau hatte ich über mehrere Jahre hinweg beobachten können und nach dessen Fertigstellung begann eine Phase der Einlebung und Formung vom Viertelleben. 2026 ist es hier grün und belebt. Das Écoquartier beherbergt Menschen aus allen sozialen Klassen und Alters. Durch die Smart-City Konzepte mit ihren Sensoren und der Quantifizierung der Stadt, hat sich über die letzten fünf Jahre ein wichtiger Datenschatz ergeben, der inzwischen analysiert werden kann. Verkehrsberuhigte Zonen in Verbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln und Ladenpassagen auf den Erdgeschossebenen schufen in diesem hochkompakten Vierteln eine kleine Welt für sich.

Im Grand Paris von 2026 hat sich Saint-Ouen am meisten zur Stadt der Zukunft gebildet

Ähnliche Ansätze lassen sich im angrenzenden Vorort Saint-Ouen und dem Giga-Projekt „Saint-Ouen Les Docks“ beobachten, welche pünktlich zu den Olympischen Spielen 2024 fertiggestellt wurden. Die neuen Häuserbauten haben das Stadtbild komplett verändert! Aufwändige Ornamente an den Fassaden wurden gegen glatte Oberflächen eingetauscht. Dennoch wird in den französischen Umsetzungen auf eine Variation des Stadtgewebes geachtet. Kein Hochhaus gleicht dem Anderen und auch einige Backstein- und haussmannische Gebäude aus dem vorangegangenen Jahrhundert konnten erhalten werden. Die Diversität der Architektur wird durch die Gestaltung des Raums ergänzt, wie im Falle der Platzierung von kleinen Grün- und öffentlichen Flächen, aber auch der öffentlichen Kunst (Skulpturen und urbane Kunst).

Auch wenn die kürzliche Fertigstellung der riesigen Tour Triangle im 13. Bezirk von Paris auf beeindruckende Weise das Stadtbild prägt, so wird der Wandel vor allem im Norden der Stadt in den 17. und 18. Bezirken ersichtlich, sowie den angrenzenden Vororten Clichy, Gennevilliers und Asnieres-sur Seine. Ein Fokus der Stadtentwicklung lag dabei 2020 auf den Banlieues von Saint-Ouen, , Saint-Denis, Aubervilliers, welche u.a. im interkommunalen Bebauungsplan als Saint-Denis La Plaine bezeichnet werden. Diese Zone welche sich 2021 noch in der Aufwertung von Gebäuden, Erschließung von Bauflächen befand und seitdem einer ewigen Baustelle glich, findet inzwischen zu einem normalen Alltagsleben. Vor allem die dortigen Geschäftsniederlassungen von großen Firmen, wie EDF und Bosch, profitieren von einem Wohnangebot für ihre Fachkräfte. Die Universitäten und Kulturräume sowie – institutionen unterstützen die kulturelle Entwicklung und ermöglichen eine florierende, urbane Kultur.

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Urbane Kultur gibt es hier zu genüge! Graffiti von der Sprüherin Nake auf einer Baubrache in Saint-Ouen. (Urbanauth / VGO / 2021)

Das Grand-Paris und die Stadt der Zukunft. Fokus auf den Norden von Paris

Stadtentwicklung von Saint Ouen im Grand Paris, der Stadt der Zukunft in Europa. Verlassene Garage aus Backstein, umwuchert von Grünpflanzen, Urbanismus, Architektur, Infrastrukturprojekte, Stadtbild, Stadtlandschaft, industriell geürägte Banlieue Vorort Frankreich Ile de France
Im Norden von Paris verliert der Vorort Saint-Ouen Stück für Stück seinen industriellen Charakter und vollzieht die Eingliederung in die Stadt der Zukunft Frankreichs mit dem Grand-Paris. (Urbanauth / VGO / 2021)

Im Norden von Paris hat dabei ein Teil des zentralistischen Geist der französischen Stadtplanung mit der Eröffnung des neuen Justizpalasts überdauert. Der von Renzo Piano entworfene, an der Porte de Clichy gelegene Wolkenkratzer mit seinen 160 Metern Höhe, thront seit 2019 über dem 17. Bezirk und die angrenzende Ringautobahn, welche den Beginn der Vororte markiert. Unter anderem grenzt der Turm an das Écoquartier Clichy-Batignolles und die Batignolles. Seine Eröffnung hatte enorme Auswirkungen auf die Zusammensetzungen der Stadtgesellschaft und Umgebung. Die unsichtbare Grenze der Avenue de Clichy, welche das gentrifizierte Viertel der „Batignolles“ von den populären „Epinettes“ trennte, ist verschwunden. Doch das Verschwimmen von Grenzen hört nicht in Paris auf. Durch die Fertigstellung des Grand-Paris verschwimmt die stärkste physische Grenze der französischen Hauptstadt: dem Périphérique, der Ringautobahn. Der Schatten vom neuen Justizpalast zieht sich bis in die Vororte. Durch das Freiwerden von weiteren Wohn- und Arbeitsflächen nach den Olympischen Spielen von 2024, dem vorangegangenen Bauwahn und Immobilienverkäufen treten erste Spannungen auf.

Und auch wenn sich die gentrifizierten Vororte Clichy und Saint-Ouen durch Quoten an Sozialwohnungen einen populären Geist bewahren, hat der Fortzug der mittelbürgerlichen Schichten aus dem Stadtkern an den Rand vom Grand-Paris Auswirkungen auf das Stadtleben und die Zusammensetzung der Gesellschaft. Die kontinuierliche Nachfrage sieht sich in den nächsten Jahren möglicherweise mit der Tendenz einer aufkommenden Immobilienblase konfrontiert. In den kommenden Wahlen wird sich dabei entscheiden, ob sich auf kommunaler Ebene der Wandel der Politiklandschaft fortsetzt. War 2021 das Ende der „Couronne rouge“ („Rote Krone“) eine Befürchtung, so festigte sich dieser Prozess mit dem Zuzug anderer Bevölkerungsschichten. Die einst kommunistisch geprägte „Krone“, welche sich um Paris legte, weicht ökologisch und pro-europäisch orientierten Werten.

Auch wenn einige alte, graue Plattenbauten aus brutalistischen Zeiten dem Wandel zu trotzen wissen… So scheinen die bisherigen Aktionspläne gegen soziale Ungleichheiten, abgesehen von der gestiegenen Mobilität, dem Gesundheitssektor und der Instandsetzung der Polizeikommissariate von Aulnay-sous-Bois und Epinay-sur-Seine, noch keine konkreten Ergebnisse zu liefern. So mag zwar der Lehrermangel an den Bildungseinrichtungen im 93 gesunken sein, doch andere Spannungen bleiben bestehen.

Ganz in der Analogie zu Haussmanns Restrukturierung von Paris, den damaligen politischen Unruhen und dem Ruf nach mehr Hygiene, steht das Grand-Paris Haussmann’s Ambitionen in keinster Weise nach. Doch wer kennt schon die Zukunft, welche auf die goldenen Zwanziger folgt?

[Ende der Fiktion]

Grand-Paris: Wo wohnen Gold ist, sind Miethaie nicht weit

Grand-Paris: Wo wohnen Gold ist, sind Miethaie nicht weit

Vom Zentrum von Paris ausgehend, zum angrenzenden, reichen Neuilly-sur-Seine im Westen und dem armen Departement der Seine Saint-Denis im Norden, sowie der berüchtigten Wohnanlage Grigny 2 im Süden. Das Grand-Paris ist ein Sammelbecken für skrupellose Miethaie.

Der wichtigste Ballungsraum von Frankreich mit seinem Wohnungsmangel und Bevölkerungszuzug bietet den Nährboden für dubiose Geschäftspraktiken. Und auch wenn die französische Regierung sich des Problems seit langem bewusst ist, bleibt es nur schwer in den Griff zu kriegen.

Der Ballungsraum des Grand-Paris ist ein Sammelbecken für Miethaie

Eine würdevolle Unterkunft für seine Bewohner ist wichtiger Bestandteil einer gerechten Stadt. Dass dies nicht immer der Fall ist, wird vor allem in den Metropolen und Hauptstädten sichtbar. Während Miethaie in Deutschland vor allem in Form von großen Immobilienkonzernen bekannt sind, so nehmen sie im Ausland bisweilen andere Erscheinungsformen an. Ob Irlands Miethaie in Dublin, welche als „Slumlords“ bekannt sind oder den „Marchands de sommeil“ in Frankreich: „Wo Wohnen Gold ist, sind die Miethaie nicht weit“.

Gentrifizierung und räumliche Segregationsprozesse knüpfen dabei an den wirtschaftlichen Motor der Hauptstadt. Die Arbeitsplätze im Zentrum, Flughäfen und dem Geflecht an Industrie und Handel führen zu einer starken Anfrage an billigen Arbeitskräften. Dies hat Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt. Die durch die Nachfrage hohen Mietpreise ermöglichen dabei lukrative Mieteinkünfte auf Kosten des Wohlergehens der Vermieter.

Und den Miethaien mangelt es nicht an kriminellem Einfallsreichtum. Ob alternde, nicht instandgehaltene Häuser, wie im Fall der eingestürzten Häuser in Marseille; Hausmädchenzimmern in Paris oder der Aufteilung einer Wohnung in mehrere separate Wohneinheiten wie im Fall der Banlieues: das Übel hat viele Gesichter.

Was genau ist ein französischer Miethai?

Die „Plaine Saint Denis“ beinhaltet die Kommunen Saint-Denis, Auberviliers und Saint-Ouen. In dieser Zone sind besonders viele Miethaie zu finden. Dieses baufällige Haus steht in der Nähe des Turmes Pleyels, einem gigantischen Stahlkoloss. (Urbanauth / VGO / 2019)

Die französischen Miethaie werden im Sprachgebrauch als „Marchands de sommeil“ bezeichnet. Wortwörtlich übersetzt bedeutet dies „Schlafhändler„. Der Begriff hat dabei keine juristische Bedeutung. So kann er sich auf Einzelpersonen oder Gruppen beziehen. Um einer Kontrolle zu umgehen, ziehen die Miethaie Barzahlungen vor.

Wenn Sie Blut riechen, kommen Sie angeschwommen. Die Miethaie im Grand-Paris. Von den „Chambres de bonnes“ in Montmarte zu den „Taudis“ der Vororte. Man kennt Sie als die „Marchands de sommeil“. Diejenigen, welche nichts weniger als Schlaf verkaufen.

Beschreibung eines französischen Miethaies

Dabei muss zwischen den Motiven der Miethaie unterschieden werden. Die „professionnellen Miethaie„, Besitzer mehrerer Mietobjekte zu überzogenen Quadratmeter-Preisen. Die Räumlichkeiten befinden sich oft in einem gesundheitsschädlichen bis lebensgefährlichen Zustand. In manchen Fällen wird sogar nicht davor zurückgeschreckt, Matratzen stückweise zu vermieten. Diese Sorte erinnert an die Miethaie aus Dublin, den „Slumlords“.

Auf der anderen Seite betrifft dies aber auch prekäre Eigentümer. Oft im Besitz von wenigen Wohneinheiten im selben Wohnhaus, führen die teuren Hauskosten zu unerwartet hohen Kosten. Die Räume werden oft an Menschen aus demselben kulturellen Hintergrund oder mit irregulärem Aufenthaltsstatus vermietet. Solche Fälle können im größeren Ausmaße aber ebenso Netzwerken von Menschenschmuggel dienen. Zum Beispiel in Form von Hinterhof- und Wohnateliers für Schwarzarbeit.

Was sind die Faktoren im Grand-Paris, welche das Aufkommen von Miethaien fördern?

Faktoren, die das Aufkommen von Miethaien fördern, sind vielfältig:

  • Die exorbitanten Mietpreise in Paris fördern die Untervermietung von Hausmädchenzimmern. Diese befinden sich in den letzten Etagen der Gebäude und weisen oft mangelnde Wohnfläche, sowie Sanitäranlagen auf.
  • Die wirtschaftliche Bedeutung vom Grand-Paris als „Jobmotor“ führt zu einer hohen Anfrage auf dem Wohnungsmarkt. Industrie, aber auch die Flughäfen, sowie der Warenumschlagsplatz Rungis benötigen ein hohes Maß an billigen Arbeitskräften. Aber auch Universitäten und Ausbildungsplätze führen zu einer Anfrage vonseiten von Studenten.
  • Prekarität: Die Betroffenen haben oft keine andere Möglichkeit, als auf das Angebot der Miethaie zurückzugreifen. Geringverdiener, Studenten, Familien und Personen mit einem irregulären Aufenthaltsstatus sind besonders betroffen.
  • Mangelnde Kontrolle: Skrupellose Vermieter, welche sich ihre Mieteinnahmen in Bar aushändigen lassen, sind oft schwer zurückzuverfolgen. Im Falle eines Gerichtsurteils kann es passieren, dass der Angeklagte weder auftaucht noch vertreten wird. Das Kontrollieren der Wohneinheiten kann sich außerdem als schwierig erweisen. Oft stehen die Betroffenen in einer misstrauischen Beziehung zu den Behörden. Außerdem ist die sofortige Bereitstellung einer würdevollen Unterkunft eine Belastung für die Kommunen.
  • Gebiete mit alten baufälligen Gebäuden: Sie bieten den Nährboden für die Miethaie. Oft in abgelegenen Orten vom letzten Stock im Zentrum der Stadt zu verwahrlosten Einzelhäusern und Plattenbauten in den Siedlungen der Peripherie.
  • Bevölkerungsdichte ärmere Kommunen: Sie ermöglichen es den Miethaien unentdeckt zu agieren. Oft deckt sich die Nachfrage mit den Profil- und Gebietstypen. Den einkommensschwachen Kommunen fehlen dabei oft die Gelder, um die Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben zu überwachen.

Das Grand-Paris und der Wohnungsbedarf

Elendswohnung oder Mietobjekt? Miethaie vermieten alles

Der unsachgemäße Zustand einer Wohneinheit kann vielfältige Formen annehmen.

  • Gesundheit und Sicherheit des Gebäudes (Struktur, Brandschutz, Verkabelung, Abdichtung und Wärmedämmung)
  • Spezifische Gesundheits- und Sicherheitsrisiken (Blei-, Asbest-, Strom- oder Gasnetz…)
  • Gebietsspezifische Verortung (ungeeignete Lage in z.B. der Nähe von Industrie- und Lärmzonen, sowie Abfalldeponien, verseuchte Grundböden, kann jedoch auch die Lage im letzten Stockwerk ohne Aufzug betreffen)
  • Gemeinschaftliche Ausstattung (Abfall- und Abwasser-Evakuierungssysteme und -Verbindungen, aber auch z.B. funktionierende Fahrstühle)
  • Nutzung und Instandhaltung der Räumlichkeiten (schädliche Aktivitäten, Sauberkeit, leichte Instandhaltung, Anwesenheit von Insekten, Nagetieren, aber auch Pilzen und anderen gesundheitsschädlichen Verunreinigungen)
  • Kein aufgeführter Eigentümer (stille Besetzungen sowie Übernahmen von leerstehenden Wohnungen zu kommerziellen Zwecken)
Eine Straßenkreuzung am Hang des Montmartre im 18. Bezirk von Paris. Keine 200 Meter entfernt, versteckt im letzten Stockwerk eines haussmannischen Gebäudes, mehrere Elendswohnungen. Die Betroffenen, oft nur temporäre Stadtbewohner: Studenten und Wanderarbeiter schweigen. Die teuren Preise und geringe Wohnfläche werden in Kauf genommen. Der allgemeine Mangel an erschwinglichem und würdevollen Wohnraum verstärkt die Gewinnrendite mit den Bedienstetenzimmern für Miethaie. (Urbanauth / VGO / 2020)

Räumliche Unterscheidungen: In welchen Gewässern schwimmen die Miethaie des Grand-Paris?

Um das Problem der französischen Miethaie in seiner Gesamtheit zu verstehen, gilt es sich der verschiedenen räumlichen Gegebenheiten bewusst zu werden. Elendswohnungen manifestieren sich in Clustern und besitzen eine ihrer Umgebung angepasste Erscheinungsform. Diese können sein:

  • Der Nischenwohnungsmarkt mit den Hausmädchenzimmern: Bekannt unter dem Namen „Chambres de bonnes“ sind diese ehemaligen Bedienstetenzimmer zu einer Goldgrube für skrupellose Vermieter geworden. Dies betrifft vor allem extrem bevölkerungsdichte Zonen mit alten hochstöckigen Gebäuden. Ohne Sanitäranlagen und auf engstem Raum teilen sich die Bewohner die Toiletten auf dem Flur. Dies betrifft vor allem Studenten und Wanderarbeiter.
  • Baufällige Einzelhäuser: Diese werden oft in mehrere Wohneinheiten aufgeteilt und gestückelt vermietet. In einem schlechten Bauzustand und aufgrund mangelnder Instandhaltung stellen sie eine Gefahr für das Wohlergehen der Bewohner dar. Sie können auch die Form von Räumen einnehmen, in denen Matratzen auf 24-Stunden Basis vermietet werden.
  • Aufteilung von Wohnungseinheiten: In gewissen Wohnanlagen mit hohen Hauskosten und einer starken Prekarität, werden Wohnungen in mehrere z.B.15 Quadratmeter große Flächen aufgeteilt und zu überteuerten Preisen vermietet.
Hinter dem Autobahnring an der „Porte de la Villette“ im 19. Bezirk von Paris, liegt der Vorort Aubervilliers. Mit seiner veralteten Infrastruktur, ehemaligen Industriezonen und baufälligen Gebäuden, versprechen Elendswohnungen Nähe zur Hauptstadt. (Urbanauth / VGO / 2020)

Potenzielle Problemzonen ausmachen

Wenn du einen Miethai im Grand-Paris jagen würdest; wo würdest du dich auf die Lauer legen?

Dort wo es eine Elendswohnung gibt, liegt die Nächste schon um die Ecke. Denn Miethaie kommen nicht allein und sie investieren lokal. Schnell können sich dabei ganze Straßen und sogar Stadtviertel in Clustern an Elendswohnungen verwandeln (vgl. Weekly Urbanauth / Stadtviertel Saint-Jacques in Perpignan). Um Problemzonen in Siedlungen auszumachen werden folgende Kriterien genutzt:

  • eine hohe Zahl potenziell baufälliger Einfamilienhäuser,
  • eine große Zahl von Wohneinheiten, die im Zuge der Umstrukturierung bestehender Gebäude entstanden sind
  • ein Transaktionspreis für Einfamilienhäuser, der unter dem Durchschnitt des Departements liegt.

Welche Maßnahmen gegen unwürdige Wohnungen?

In Frankreich wurde mit den Gesetzen der „Loi Carrez“ und „Loi Boutin“ versucht den Mietmarkt zu regulieren. Mindesthöhe von 1,80 Meter und einer festgelegten Minimumwohnfläche. Diese beträgt 8 Quadratmeter. Treppenstufen, Fenstersimse und Kellerräume werden aber nicht mitgezählt. Jahre später sieht die Situation nicht besser aus. Der Markt mit den Mini-Zimmern floriert anhand von Airbnb und Kleinanzeigen.

In manchen Kommunen von Frankreich wurde ein „Vermieter-Führerschein“ eingeführt, um den Mietmarkt besser beaufsichtigen zu können. Darunter: Aubervilliers, Saint-Ouen und Saint-Denis. Aber auch Marseille mit seinen alten Wohnhäusern hat sich dieser Initiative angeschlossen. Außerdem wurden in dem Aktionsplan gegen die territorialen Ungleichheiten der nördlichen Banlieues von Paris 2019 mehr Mittel zur Kontrolle von Mietobjekten versprochen.

Auch der Bedarf einer Genehmigung zum Ausbau oder der Teilung einer Wohnfläche, soll helfen das Phänomen zu unterbinden. Ohne Kontrolle erweisen sich diese Maßnahmen jedoch als mangelhaft.

Oft bleibt es den Bürgermeistern der Kommunen überlassen mit dem Problem fertig zu werden. Doch auch die Kontaktaufnahme zu den Miethaien gestaltet sich als problematisch. Als letztes Mittel können die Beamten jedoch ein Gerichtsverfahren anstreben. Den Miethaien drohen dabei empfindliche Geld- und Gefängnisstrafen. Das Problem verweilt jedoch bei der Gerichtsbarkeit, Durchsetzung und Mieterschutz.

Im Grand-Paris, da schwimmen die Miethaie zu Hunderten

Saint-Ouen ist eine nördlich an Paris grenzende Kommune. Bekannt und beliebt für seinen „marché-aux-puces“, einem originellen Flohmarkt am Rande der Ringautobahn. Zwischen sozialen Brennpunkten und alternden Häusern: skrupellose Vermieter schaffen es oft unter der Hand zu vermieten. In dieser Banlieue und ehemaligen Industrieort, wo es viele Arbeiterbaracken gab, finden sich gute Bedingungen für Miethaie. Dies kann bisweilen katastrophale Auswirkungen haben, wie regelmäßige Brände aber auch Häusereinstürze aufzeigen. (Urbanauth / VGO / 2020)

Unsere Jagd beginnt in der Hauptstadt selbst

Würdest du für diese Aussicht in einem sechs Quadratmeter Zimmer wohnen? Der Blick aus einer Elendswohnung von Montmartre im 18. Bezirk von Paris. Die klassischen Häuserdächer im Vordergrund grenzen sich in der Dämmerung von Wohnhaustürmen der Cité Riquet im 19. Bezirk ab. Das im Norden von Paris gelegene Montmarte, besitzt einen hohen, potenziellen Bestand an Elendswohnugen. (Urbanauth / VGO / 2019)

Der zwielichtige Wohnungsmarkt mit den „chambres de bonnes“, den Hausmädchenzimmern in den letzten Stockwerken der Gebäude, hat eine eigene Nische an Vermietung geschaffen.

Urbanauth konnte einen solchen Bestand an Wohnungen im 16. und 18. Bezirk von Paris feststellen. Auf der Schattenseite des Sacre Coeurs und den Hängen von Montmartre verbergen die Bedienstetenzimmer prekäre Lebenszustände. Mit weniger als sechs Quadratmetern Wohnfläche bleibt als einziges oft nur der Ausblick aus dem Fenster. Für alles andere müssen Einbußen in Kauf genommen werden.

Der Skandal von Neuilly-sur-Seine:
Gierige
Miethaie und die Bedienstetenzimmer

In einem ähnlichen Kontext deckte die Zeitung Liberation Anfang 2020 ein riesiges Netzwerk von 120 Bedienstetenzimmern in den letzten Stockwerken, der größten privaten Wohnungseigentumsanlage von Neuilly-sur-Seine auf. Diese sehr betuchte Banlieue im Westen von Paris, ist dafür bekannt auf kommunaler Ebene Strafgelder zu zahlen, um die Quotas des sozialen Wohnungsbaus zu umgehen. In direkter Nähe zum Finanzsektor von La Defense, die reichste Stadt Frankreichs.

Auch im reichen Vorort von Neuilly Sur Seine findet man Miethaie. (Foto: Urbanauth / VGO / 2019)

Das Grand-Paris und seine Miethaie: Egal ob in armen oder reichen Kommunen. Sie sind überall.

Zweifelhaften Vermietungen der Zimmer im siebten Stock der Residenz Saint-James führten dabei zu Spannungen. Die illegale Anbringung von zusätzlichen Sanitäranlagen hatten zu einem Wasserschaden bei den Besitzern der unteren Wohnung geführt. Die Journalisten deckten dabei hinter den Türen des gepflegten Flures unmenschliche Zustände auf.

So hatte ein Mieter 2019 vor Gericht einen Mietvertrag eingeklagt, nachdem er bereits seit 18 Jahren unangemeldet in dem Zimmer gewohnt hatte. Eine andere Szene erweckte den Eindruck von Zeiten der beginnenden Industrialisierung, mit Personen welche sich schichtweise Räume teilten.

Die Bewohner haben meistens nicht die Wahl umzuziehen. Sie sind auf die niedrigen Mieten angewiesen, die zwischen 190 und 600 € angesiedelt sind. Solche Miethaie, welche aus Profitgier jeden Quadratmeter rentabilisieren, tragen als Vermieter einen wichtigen Teil zur Prekarisierung einer Bevölkerungsschicht bei, der die finanziellen Mittel fehlen, sich einen zum Leben angemessenen Wohnraum leisten zu können.

Vor der Existenz des Grand-Paris gab es bereits Miethaie in Grigny

Grigny2 das urbanistische Monster aus der Essonne (91)

Es ist das Jahr 2007. Zwei Jahre vor der Bekanntgabe der Pläne des Grand-Paris, doch die Miethaie hatten bereits in Grigny und Umgebung Fuß gefasst. (Foto: Poudou99 / CC-BY-SA-3.0 / via Wikimedia Commons)

Grigny ist eine der ärmsten Kommunen von Frankreich. Mit fünf Quadratkilometern Fläche und einer Bevölkerungsdichte von 5000 Einwohner pro km², beherbergt diese Kommune des Departements der Essonne (91) ein urbanistisches Monster.

Grigny2 ist der Name einer privaten Wohnanlage im Zentrum von Grigny. Das ebenfalls prekarisierte Viertel der „Grand Borne“ grenzt direkt an. Mit seinen 17.000 Bewohnern ist Grigny2; ein extrem kompakter Wohnraum.

1969 aus dem Boden gestampft, sollten die 5000 Wohnungen für die gehobenen Bediensteten der Flughäfen und -gesellschaften dienen. Die Pläne für eine der größten privaten Wohnanlagen schlug fehl. Als Privateigentumsanlage gedacht, begannen ärmere Bevölkerungsteile Wohnungen zu kaufen und Miteigentümer zu werden.

Doch die hohen Hauskosten begannen den Eigentümern schnell zur Last zu fallen. Die unbezahlten Beiträge und Mietrückstände einer fragilen Bevölkerung führten dabei zu einer hohen Verschuldung der Wohnanlage. Mietausfälle führten zur Aufgabe von Immobilien und Leerstand. Die Instandhaltung stagnierte und führte zur Verwahrlosung der umliegenden öffentlichen und privaten Flächen. Grigny 2 befand sich im freien Fall.

Der Wandel vollzog sich der Zeitung LeParisien zufolge dabei in mehreren Etappen. Eine erste Prekarisierung des Wohnviertels geschah mit dem Verkauf der Wohnungen in 1980. Knapp zehn Jahre nach seiner Fertigstellung.

Das Grand-Paris und seine Miethaie: am untersten Teil der Leiter angekommen

Stadtviertel La Grande Borne in Grigny. Der Ort ist der Platz de la Treile. Blauer Himme. Alte Aufnahme.
Diese Aufnahme aus 2007 – Place de la Treille im Stadtviertel der Grande Borne. Dieses grenzt direkt an Grigny-Centre. Die Häuser haben sich im Vergleich zu aktuellen Google Streetview Aufnahmen nicht wesentlich verändert. (Foto: Nioux / CC-BY-SA-3.0 / via Wikimedia Commons)

In den Jahren nach dem Millennium berichtet die Zeitung Libération von einem ersten Auftreten des Phänomens der Miethaie. Die Anlage verwahrlost. Zu groß, beginnen Teile leer zustehen. Sie ereilt damit ein ähnliches Schicksal wie Bauten in Hannover oder Neapel. Stille Besetzungen und Wohnungsübernahmen führten zum Beginn eines unregulierten Schattenwohnmarktes.

Dem letzten Bericht des französischen Rechnungshofes zufolge ist Grigny eine der ärmsten Kommunen von Frankreich. In 2015, betrug die Arbeitslosigkeit dort 24 %. Der Prozentsatz der Bevölkerung welche in Armut lebt, lag dabei bei 45 %. Allein erziehende Eltern mit einem schwachen Steueraufkommen finden sich dabei einer strukturell benachteiligten Umgebung ausgesetzt.

2007 folgte dann eine weitere Destabilisierung der Lage durch die Wirtschaftskrise. Der Nährboden für skrupellose Miethaie konnte nicht fruchtbarer sein. Zumal 2005 die urbanen Ausschreitungen den Blick auf andere gesellschaftliche Probleme ausrichteten.

Das staatliche Medium France 3 hatte zu Beginn von 2019 den Bürgermeister Philippe Rio (PCF) in der Wohnanlage angetroffen. Dieser schätzte den Anteil der von den Miethaien besessenen Elendswohnungen auf zehn Prozent. Obwohl exakte Zahlen schwierig zu nennen sind, betrifft dies potenziell 500 Wohneinheiten von Grigny 2. Der Bürgermeister heißt dabei das administrative Werkzeug des „Vermieter-Führerscheins“ willkommen. Auch die Gerichte von Evry-Courcouronnes, Bobigny und Cergy nehmen sich immer mehr Fälle von Miethaien an.

Ein Jahr nach dem Interview wurde ein Ingenieur aus Grenoble zu einer einjährigen Haft- und 30.000 Euro Geldstrafe in Abwesenheit verurteilt. Er hat eine Wohnung in zwei 15 Quadratmeter-Einheiten geteilt und an bedürftige Frauen vermietet. Dies berichtete die Nachrichtenseite ActuEsonne.

Wenige Monate zuvor wurde eine Frau verurteilt. Tätig im Finanzbereich, hatte sie eine Wohnung halbiert und in zehn Quadratmeter Stücke geteilt. Für Preise zwischen 400 und 500 Euro pro Monat, erhoffte sie sich gute Einnahmen.

Das Grand-Paris und seine französischen Miethaie unterscheiden sich von denen in Berlin

Was für Unterschiede gibt es zu Deutschland?

Auch wenn das Phänomen der Miethaie sich in Deutschland hauptsächlich auf Immobiliengroßkonzerne und deren Geschäftspraktiken bezieht (in gewissem Maße „Corporate Miethaie), gibt es auch in Deutschland Einzelpersonen, welche aus dem Wohnungsmarkt Rendite schlagen wollen.

Ein wichtiger Unterschied zwischen „Corporate Miethai“ und „Elends-Mithai“ liegt in seiner Beziehung zur Gentrifizierung. Die Corporate-Deutung des Begriffes macht den Miethai für ebendiesen Vorgang verantwortlich. Er steht auch deutlich mehr in Verbindung zum Thema Wohnraum als ein finanzielles Wertobjekt. Die Projektion der Miethaie in Städten wie Berlin vollzieht sich auf die Großkonzerne: Deutsche Wohnen, Vonovia, aber auch die Samwer-Brüder.

Ihnen wird vorgeworfen, wahlweise durch Leerstand oder Renovierungsmaßnahmen die Mietpreise in die Höhe zu treiben. Thematiken wie der Erhalt der sozialen Vielfalt des Stadtviertels mit Milieuschutzgebieten und die Infragestellung des gesellschaftlichen Platzes der Immobilienkonzerne, spielen eine zunehmende Rolle. Außerdem werden regelmäßig Forderungen zur Ausübung des städtischen Vorkaufrechtes durch die Stadt laut gemacht.

Grand-Paris: Miethaie tun der Gesellschaft keinen Gefallen

Im behandelten Fall von Frankreich ist es umgekehrt. Im Grand-Paris ist der Miethai eine Begleiterscheinung der aktuellen Gentrifizierung und bestehenden, urbanen Segregation. Er schwimmt sozusagen mit den exorbitanten Wohnkosten und antwortet auf die Nachfrage spezifischer Zielgruppen.

Der treibende Faktor von den französischen (und deutschen) Miethaien ist somit der erhitzte Wohnungsmarkt. Dieser verspricht Renditen. Doch die Umsetzung geschieht auf gänzlich andere Weise. Während die Gentrifizierung von Stadtteilen in Paris die Preise der Bedienstetenzimmer steigen lässt, führt die urbane Segregation zu einer Verdichtung an Prekarität in der urbanen Peripherie.

Diese Art von Miethaien unterscheidet sich also von der zurzeit gängigen, deutschen Bedeutung. Ein möglicher Grund für das Fehlen der Begriffsdefinition, ist aus urbanistischer Sicht, im Nachkriegsdeutschland zu finden. Durch den Wiederaufbau wurden die Gebäude nach moderneren Standards errichtet. Deutsche Häuser sind somit in ihrer Bausubstanz zumeist jünger und in besserem Zustand. Auch fällt die Fraktur, welche durch das Mobilitätsangebot diktiert wird, deutlich geringer in Berlin als im Großraum vom Grand-Paris aus.

Die urbane Segregation mit den Banlieues sowie der ländlichen Peripherie von Frankreich unterscheidet sich ebenfalls stark von seinem deutschen Nachbarn. In Deutschland sind Städte sozial differenzierter. Sozialwohnungen befinden sich im Besitz der Städte und werden über diese verteilt. Dies trifft auf die französische Realität der zurückgelassenen und ausgegrenzten Plattenbausiedlungen. Dennoch, durch die Gentrifizierung der Großstädte vorangetrieben, verbreiten sich auch in Deutschland zwielichtige Praktiken auf dem Wohnungsmarkt. Plattformen wie AirBnb und Kleinanzeigen mit verheißungsvoll niedrigen Mieten kursieren auch bei uns.

Nicht im Grand-Paris: das Wahrzeichen von Köln, der Kölner Dom. Auch hier gibt es skrupellose Miethaie. (Foto: Urbanauth / VGO ( 2020)

Nicht nur im Grand-Paris gibt es Miethaie

Kölsche Anekdote: Auch im Rhein schwimmen (Miet-) Haie

Eine kleine Anekdote zu meiner Zeit in Köln: Damals auf Wohnungssuche besichtigte ich eine „Wohngemeinschaft“ im angesagten Agnesviertel. Im Süden von Köln an der links-rheinischen Seite gelegen, zieht dieses Stadtviertel viele Schauspieler an. Unweit, auf der anderen Seite des Flusses gelegen, in Deutz thront der Hauptsitz der Mediengruppe RTL neben den Ausstellungshallen der Messe von Köln.

An der Straße angekommen, vorbei an den charmanten Bars, wo Personen Sprizz und Weißweinschorlen trinken, hin zu einem unscheinbaren Hauseingang. Du wirst von deiner „Mitbewohnerin“ und ihrer Mutter empfangen. Am Ende eines kleinen Flurs des Wohnungseinganges erwarten dich die Küche und das Bad. Du wirst in ein großes Zimmer geführt. Es ist das Zimmer deiner Mitbewohnerin. Überraschung: deines grenzt direkt daneben an, ohne separaten Zugang. Mit acht Quadratmetern, einem kleinen Fenster und stolzen 400 Euro Miete.
Auch in Deutschland gibt es Sie. Denn wo Wohnen Gold ist, da sind die Miethaie nicht weit. Damals war ich mit fassungslosem Gesichtsausdruck schneller aus der Wohnung verschwunden, als die Personen mir ihr Leben erzählen konnten. Ich hatte zum Glück die Möglichkeit Nein zu sagen. Dennoch habe ich mich immer gefragt, ob jemand auf dieses Angebot eingegangen ist.

Wie waren deine Erfahrungen mit Vermietern und dubiosen Wohnangeboten? Schreib deine Meinung in die Kommentare

Anmerkung: Das Phänomen der Miethaie im Sinne von kriminellen Einzelpersonen ist im frankofonen und anglofonen Sprachbereich verbreitet. Die sinngemäße Übersetzung von einigen Wörtern ist nur schwer möglich, da sie an andere Konzepte knüpfen (Randerscheinung der Gentrifizierung, während dies in Deutschland treibende Kräfte ebendieser sind).

Original-WortAproximitatife ÜbersetzungBeschreibung
Marchands de sommeilMiethaieWortwörtlich übersetzt: „Schlafhändler“. Als solche werden die Vermieter des dubiosen Wohnangebots bezeichnet. Oft ist es schwierig diese zur Rechenschaft zu ziehen.
Grand-ParisGrand-ParisDas Grand-Paris beschreibt den Ballungsraum von Paris, sowie den angrezenden Departements („La petite couronne“). Man spricht von ungefähr sieben Millionen Menschen, welche in diesem Einzugsgebiet wohnen.
DepartementDepartementSie entsprechen deutschen Bundesländern, sind jedoch in ihrer Anzahl deutlich mehr.
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