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Dar es Salaam: Urbanes Leben in einer Mega-City

Dar es Salaam: Urbanes Leben in einer Mega-City

Vom kleinen Hafenstädtchen zur Mega-City

Dar es Salaam, Handels- und Zentrum von Tansania wächst. Mit einer geschätzten Einwohnerzahl von 6.701.650, ist es eine der am schnellsten wachsenden Städte in Afrika. Wenn 2030 die Bevölkerungszahl voraussichtlich die 10 Millionen-Grenze überschreitet, wird sich Dar es Salaam mit Lagos (Nigeria), Luanda (Angola) und Kinshasa (Kongo) in die erste Reihe der Mega-Cities in der Subsahara-Region einreihen. 

Blick ins Zentrum Dar es Salaams (Urbanauth / 2020)

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war Dar es Salaam ein kleines Städtchen mit Hafen, gegründet 1862 von dem damaligen Sultan von Sansibar. 1888 verkaufte sein Nachfolger die Stadt an die deutschen Kolonialherren, die 1891 ihren Verwaltungssitz vom Bagamoyo nach Dar es Salaam verlegten. Während der deutschen Kolonialzeit erlebte die Stadt einen wirtschaftlichen Aufschwung. Der Ausbau der Deutsch-Ostafrika-Eisenbahnlinie, die über 1.252 qkm quer durch das Land bis in den Westen nach Kigoma führt, führte zu einem enormen Aufschwung an Handelsaktivitäten.

Dar es Salaam, bedeutendste Stadt Tansanias

Auch heute noch trägt der Hafen zur Bedeutung Dar es Salaams bei. Als zweitgrößter Hafen Ostafrikas läuft ein großer Teil des Handelsverkehrs von dort in die benachbarten Binnenstaaten Malawi, Sambia, Uganda, Burundi, Ruanda und den Ost-Kongo. Tee, Kaffee, Cashewkerne, Zuckerrohr und andere Güter verlassen den Hafen in Richtung Europa, Asien und die USA. Als größte Stadt in Tansania ist Dar es Salaam nicht nur Handelszentrum, sondern auch Sitz von Banken, Versicherungen sowie Unternehmen. Parlament und Regierung sitzen hingegen seit 1974 in der in Zentral-Tansania liegenden Hauptstadt Dodoma. Ebenfalls in Dar, wie die Stadt von den Einheimischen genannt wird, befindet sich die bedeutendste und größte Universität des Landes mit knapp 20.000 Studierenden. 

Für Vertreter von NGOs und internationalen Organisationen sowie Diplomaten ist die Stadt ebenfalls wichtig, finden sich hier die Botschaften vieler Länder. Konferenzzentren und große Hotels mit modernem Standard werden für Tagungen und Kongresse genutzt. Die meisten Touristen, die nach Tansania kommen, nutzen Dar es Salaam allerdings nur als Zwischenstation. Vom Julius Nyerere International Airport geht es weiter mit regionalen Airlines in den Norden und Nordwesten Tanzanias, wo die Kilimandscharo-Region sowie fünf Nationalparks (Serengeti, Tarangire, Lake Manyara, Ngorongoro Krater Gebiet) über eine Fläche von knapp 26.000 qkm, locken. Wer ein paar Tage in der Stadt bleibt, quartiert sich auf der nördlich gelegenen Msasani-Halbinsel mit seinen Stränden, Clubs, Bars und Hotels ein oder nimmt die Fähre nach Sansibar.

Von der kolonialen zur globalen Architektur

Das Zentrum der Stadt mit Hafen, Märkten, Restaurants, Schulen, Kirchen, Krankenhäusern und Bürogebäuden geht auf die alte Stadtgründung zurück. Historische Bauten aus der Kolonialzeit wechseln sich mit modernen Stahlbetonbauten und einfachen, in die Jahre gekommenen Wohn- und Geschäftshäusern ab. Auch das Nationalmuseum Tansanias sowie der Botanische Garten befindet sich hier im Herzen des alten Dar es Salaam.

National Museum Dar es Salaam (Urbanauth / 2020)

Wie lange Gebäude wie der Magistrates Court, 1890 als einer der ersten ‚Normalhäuser‘ von Deutschen gebaut, noch erhalten werden, ist ungewiss. Andere, wie der Court of Appeal, in dem 1959 die englische Autorin Evelyn Waugh lebte und über Dar es Salaam in A Tourist in Africa schrieb, sind längst abgerissen. Gebäude aus den 1930er Jahren, die indische und europäische Bauelemente integrierten, deren Balkonen und Vorbauten, die Hitze abhielten, wurden ersetzt durch Gebäude mit Glasfronten, deren Inneres durch Klimaanlagen kühl gehalten werden muss. Die neuen hohen Gebäude mit ihren Stahlbeton- und Glasfassaden könnten auch in Tokyo, Sydney oder Buenos Aires stehen. Man könnte fast vergessen, in Ostafrika zu sein, wäre da nicht all’ das, was städtisches Leben ausmacht: Frauen und Männer, die auf einen Schwatz zusammenstehen, Verkäufer, die ihre Waren anpreisen und Kinder, die von der Schule nach Hause rennen.

Urbanes Leben in Dar es Salam

Der Mix unterschiedlicher kultureller Einflüsse ist es, der den Charme der Stadt ausmacht.  Unübersehbar sind neben den modernen Bauten die zahllosen Kirchen unterschiedlicher christlicher Glaubensgemeinschaften, Moscheen und Hindu-Tempel. Religiosität ist für die allermeisten Tansanier wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Moslems, Christen und Hindus leben friedlich miteinander. Der offizielle Feiertagskalender kennt sowohl christliche als auch muslimische Feiertage. Jeder Neuankömmling bringt nicht nur seine Religion, sondern auch neue Töne, Farben, Gerüche mit. 

Musik begleitet den Alltag: aus Bars und Restaurants tönt die Musik von Bongo Flava, die tansanische Variante des HipHop, dazu Rap, Jazz, Gospel u.a.m. Beliebt ist ebenfalls Taraab, ein Mix aus arabischen, indischen und afrikanischen Klängen. Aus den Straßenküchen riecht es nach scharfem indischen Curry. Der Duft von Kokos mischt sich mit dem von frischem Fisch, von Ananas, Mango und Papaya. Frauen schälen Kartoffeln und rösten Maiskolben. Männer bieten Zuckerrohr als Süßigkeit an. Und überall stehen Händler mit Wägen, auf denen Wasser in Plastikflaschen zum Verkauf angeboten wird. Neben Nahrungsmitteln, kleinen Mahlzeiten und Getränken werden auf den Straßen Waren und Dienstleistungen aller Art angeboten: Schneider sitzen auf dem Bürgersteig und nähen, Schuhe werden poliert und Haare kunstvoll geflochten.

Die Bürgersteige dienen als eine Art ‚open air‘-Schaufenster für Waren aller Art: Wäsche,  Hosen, Zeitschriften, CDs, Schmuck, Seife. Alles, was sich verkaufen lässt, wird hier angeboten. Nur etwas wohlhabendere Kleinunternehmer können es sich leisten kleine Ladenlokale zu mieten. Eine Grenze zwischen privatem Geschäft und öffentlichem Raum gibt es in der Regel nicht. Läden im westlichen Sinne sind die Ausnahme und finden sich vor allem in den großen Einkaufszentren in den Außenbezirken. 

Hemdenverkauf an der Straße (Urbanauth / 2020)

Den täglichen Einkauf erledigen die Tansanier auf dem Markt. Hier gibt es alles, was man zur Zubereitung der täglichen Mahlzeiten benötigt: neben Gemüse und Früchten lagern Säcke mit Nüssen, Reis und Hülsenfrüchten. Gewürze und Tee findet man genauso auf dem Markt wie Eier, Fisch und Fleisch. Die wenigen Supermärkte im Zentrum erinnern an die bekannten Discounter in Europa. Hier findet man die im Westen üblichen in kleinen Mengen abgepackten Lebensmittel, dazu Hygieneartikel und Getränke. Nur wenige Einheimische können sich leisten, dort Softdrinks, Tee, Kekse und die beliebten ground nuts und cashews zu kaufen. Die Preise liegen im oberen Bereich und sind teilweise auch höher als in Deutschland.

Überall locken Früchte zum Kauf (Urbanauth / 2020)

Aktuelle Herausforderungen dieser jungen Mega-City

Wie wird sich Dar es Salaam weiter entwickeln? Das Wachstum der Stadt in die Fläche und die unkalkulierbare Zunahme der Bevölkerung verschärfen die Probleme, die aufgrund der defizitären Infrastruktur seit langem das Leben für viele Menschen erschweren. Ein neuer Busbahnhof für Schnellbusse, neue Straßen und Brücken bieten nur kurzfristig Entlastung für den Verkehr. Nur ein Bruchteil der Bevölkerung lebt in festen Häusern. Derzeit fehlen mind. 1,2 Millionen Wohnungen. Nach Schätzungen leben 70 Prozent aller Menschen in Dar es Salaam in informal settlements, d.h. in Siedlungen mit provisorischen, selbstgebauten Hütten, ohne Strom, fließendes Wasser, Elektrizität und sanitäre Anlagen und ohne Müllabfuhr. Reguläre Jobs sind rar; viele schlagen sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, versuchen irgendetwas zu verkaufen oder kleine Dienstleistungen anzubieten und sei es die Führung einer Fremden über den Markt. 

Während der Arbeit an diesem Text hat das Coronavirus Ostafrika erreicht und beherrscht auch in Tansania die Schlagzeilen. Die Verbreitung des Virus in Dar es Salaam zu stoppen, ist eine Herausforderung, die zu den genannten aktuell hinzukommt. Wie lassen sich Maßnahmen zum physical distsancing durchführen, wo die Menschen dicht an dicht wohnen? Wie lässt sich die Kurve der Neuansteckungen abflachen in einer Stadt, in der sich das Leben überwiegend auf der Straße abspielt? Wie die Verbreitung des Virus vermindern, wo der Zugang zu sauberem Trinkwasser, geschweige denn zu Desinfektionsmitteln, nicht selbstverständlich ist? Noch ist Tansania nicht dem Vorbild von Ruanda und Kenia gefolgt, die eine shut down-Strategie verfolgen. Noch laden Kirchen zum Gottesdienst ein, Busse und Taxis fahren. Menschen gehen zur Arbeit.

Zum Weiterlesen und für aktuelle Informationen:

https://www.mydaressalaam.com

https://www.cnbcafrica.com

https://africasacountry.com

Berlin: Ein Museum für Urbane Kunst ? Die Radarstation vom Teufelsberg

Berlin: Ein Museum für Urbane Kunst ? Die Radarstation vom Teufelsberg

teufelsberg graffiti frau
Berlin’s Museum für urbane Kunst. Steetart Graffiti von ihrer besten Seite… oder Fläche? (Foto: Urbanauth / VGO / 2018)

Berlins alternatives Museum für Streetart und Graffiti

Die ehemalige Radarstation vom Teufelsberg

In Berlin gibt es ein alternatives Museum für urbane Kunst: die ehemalige Radarstation vom Teufelsberg. Seit mehreren Jahren zieht dieser zuvor Lostplace, Streetart und Graffiti-Künstler an!

Hoch über den Dächern der Stadt kann man die Silhouette des sogenannten Teufelsbergs mit seiner stillgelegten und baufälligen Abhörstation aus dem Kalten Krieg erkennen. Der Berg entstand nicht auf natürliche Weise, sondern durch menschliches Zutun. Bis in die 1940er Jahre befand sich hier die Wehrtechnische Fakultät, eine Einrichtung die im Rahmen des nationalsozialistischen Projektes der Welthauptstadt Germania entstand. Diese wurde nach den Zweiten Weltkrieg gesprengt und das Gelände anschließend als Schutt-Deponie genutzt. Bis 1972 wurde hier eine Schuttmenge von etwa 25. Millionen Kubikmetern abgeladen, was ungefähr einem Drittel der Baumasse aller im Krieg zerbombten Gebäude Berlins entspricht.

Die Außenwände eines alten Verwaltungsgebäudes dienen hervorragend als künstlerische Ausdrucksfläche
(Foto: Urbanauth)

Berlin und sein alternatives Museum für urbane Kunst

Ein Lost Place im Wald – Ort wo sich Streetart und Graffiti Künstler austoben

Anschließend wurde die aufgeschüttete Landschaft mit Sand und Mutterboden gestaltet und mit rund einer Million Bäumen bepflanzt. Abgesehen von der Nutzung als Rodelberg dienten die Hügel auch für die Errichtung einer Abhörstation der Amerikaner im Kalten Krieg. Nach der Wiedervereinigung wurde diese leergeräumt und zu einem Lost Place in Berlin. Heute genießt man auf den Höhen des Teufelsbergs einen großartigen Blick über den Grunewald und die angrenzenden Stadtviertel. Neben diesem Ausblick in circa 120 Metern Höhe lohnt sich auch die Begehung der ehemaligen Abhörstation.   

Links die Haupt-Antennenkuppeln der Radarstation. Rechts ein kleiner Seitenturm.
Foto: Urbanauth

Berlin und sein Museum für urbane Kunst

Von einer Ruine zur Kunstkulisse – Europas größte Graffiti Galerie

Heute bietet sich neben der eindrucksvollen Ruinenromantik eine Mischung aus Abenteuerspielplatz, Müllhalde und Kunstkulisse. Ein zwischenzeitlicher Pächter schuf dort in der Zusammenarbeit mit diversen internationalen Künstlern, ohne ein übergreifendes Konzept, die größte Graffiti-Galerie Europas. Auf einer Fläche von 2400 Quadratmetern haben bekannte Streetart- und Graffiti-Künstler ihre Bilder in grellen, bunten Farben an den Wänden hinterlassen.

Im Jahr 2011 kamen einige Künstler auf den Berg und begannen damit, das Gelände zugänglich zu machen. Sie räumten Schutt weg, setzten Fenster ein und gestalteten das Gebäude künstlerisch. Seit 2015 hat Marvin Schütte, der Sohn von einem der vier Eigentümer, das Gelände gepachtet, um eine Künstlerkolonie für eine nachhaltige Gestaltung des Teufelsbergs zu schaffen. Des Weiteren bietet er dort Führungen an und gelegentlich diente der Ort sogar als Filmkulisse. Zwar arbeitet er mit den Künstlern zusammen, jedoch stehen diese ihm zum Teil kritisch gegenüber. Verträge mit dem Pächter gäbe es keine, aus Angst vor einem Rausschmiss. Im Jahr 2018 wurde das Hauptgebäude des Komplexes aufgrund von Sicherheitsbedenken bei Statik und Brandschutz von der Berliner Bauaufsicht gesperrt. Das betrifft neben den Touristen vor allem den Pächter sowie die dort agierenden Künstler.    

Mit seinem markanten Hundesketch prägt Tobo, Hauskünstler vom Teufelsberg, diesen semi-urbanen Raum. Ob als zwei grimmige Soldaten im Banksy-Cover welche ein rotes Peace-Zeichen an die Wand malen, oder mit einem Buch in der Hand und dem Spruch: „Der Mann der nicht liest, hat keinen Vorteil über den Mann der nicht lesen kann.“ (Foto: Urbanauth)

Finanzierungs- & Behördenprobleme für alternative Kunstorte

Vom ehemaligen Hauptgebäude sind nur noch die drei markanten Antennenkuppel sowie das Betonskelett erhalten. Man braucht Besucher für die Einnahme und ihr Geld um das Gelände instand zu halten. Entsprechend ärgerlich ist ein solcher Rückschlag für den Pächter und die Künstler. Diese zahlen zwar keine Miete, sind aber dennoch auf das Geld für die Instandhaltung angewiesen. Zu den Sicherheitsbedenken meinte Schütte gegenüber der BZ: „Einstürzen wird das Hauptgebäude sicher nicht.“ Man wolle nun weiterhin versuchen mit anderen Ideen, wie z.B. einer Schnitzeljagd oder einer Schatzsuche neue Besucher anzuziehen.“ Außerdem gibt es einen Ausstellungsraum zur Geschichte der Radarstation auf dem Teufelsberg.

Ein Elefant im Wasser. Perfekte Farbharmonie zwischen den Blau-Grau-Orange Tönen.
(Foto: Urbanauth / VGO / 2018)

Von „Denk mal“ zum Denkmal

Neben der Künstlerkolonie engagiert sich das Aktionsbündnis Teufelsberg aus Naturschützern und Anwohnern für den Teufelsberg, die sich von den lauten Partys auf dem Berg zunehmend gestört fühlen. Des Weiteren wollen sie, dass das Gelände öffentlich zugänglich gemacht wird und außerdem die Aufschüttung des Berges, mitsamt der Radarstation, um so den Berg ganz nach der Vorstellung der damaligen Landschaftsarchitekten zu vollenden. So geben Sie auf ihrer Website an: „Nach Teilabriss der Ruinen der Abhörstation soll auf dem heutigen Plateau die 1950 geplante Hügelform durch Aufschüttung mit Baugrubenaushub vollendet werden.“ Auch der Denkmalschutz wünscht sich einen öffentlichen Zugang zum Gelände, hat darüber jedoch keinerlei Entscheidungsgewalt. Seit Oktober 2018 steht der Teufelsberg mitsamt der Station unter Denkmalschutz, womit zumindest die Pläne der Aufschüttung hinfällig sind. Der Pächter befürchtet durch den Denkmalschutz eine Erschwerung seiner Pläne, die neben einem Restaurant bzw. Cafe auch eine Aussichtsplattform sowie ein Museum beinhalten.

Der Goldschatz welcher die Besucher begrüßt, nach dem Sie den Hang zum Hauptgelände hoch gelaufen sind. Mit einer unglaublichen Ästhetik erweckt dieser gigantische Nachtfalter, welcher sich um die Hauptkuppel der Radarstation legt, Bilder einer postapokalyptischen Zeit. Das Spiel mit der Symbolik des Ortes, dieser ehemaligen Abhöranlage der Amerikaner, zu einer Zeit, als der kalte Krieg wie ein Damoklesschwert über Berlin schwebte, wird dabei auf höchst-künstlerische Weise verarbeitet.
(Foto: Urbanauth / VGO / 2018)

In Berlin ist für das alternative Museum für urbane Kunst die Zukunft noch offen

Die beiden Schüttes wollen zusammen mit den Künstlern das Objekt und die Inhalte darin gemeinsam weiterentwickeln und so auch weiterhin durch Führungen, Veranstaltungen und Vermietungen Eintrittsgelder generieren, die weitestgehend dem Projekt selbst zugutekommen sollen. Gleichzeitig versucht der Eigentümer Manfried Schütte den Künstler Wolfram Liebchen mit einer Räumungsklage aus der alten Kantine zu werfen, um dort ein Restaurant zu eröffnen. Ein Konflikt steht an und weitere werden Folgen. Dies sorgt für Nervosität bei den anderen Künstlern. Des Weitern gibt es von Seiten der Politik erste Bestrebungen, das Gelände zurückzukaufen. Die rot-rot-grüne Landesregierung wolle das Gebäude zu einem „Erinnerungsort“ umgestalten. Die CDU-Fraktion befürwortet dagegen eine neue Nutzung als Sportanlage. Der Pächter und die Künstler haben ihre eigenen Pläne. Wie andernorts in Berlin bahnt sich hier ein Konflikt zwischen Politik, Eigentümern und Nutzern des Gebäudes an. Es ist unklar ob und wie sich das inoffizielle Museum für urbane Kunst weiterentwickelt.

Rom: Ein Besuch in den Vatikanischen Museen

Rom: Ein Besuch in den Vatikanischen Museen

Rom glänzt: Es ist das letzte Novemberwochende, sonnig und warm. Die Stadt rüstet sich für die kommende Weihnachtszeit mit Lichterketten und Tannengrün. Maronenverkäufer konkurrieren mit Eiscafés und locken mit winterlicher Dekoration Kundschaft an. Rom gehört für ein paar Wochen seinen Bewohner*innen. Die Touristenströme konzentrieren sich auf die in Reiseführern und einschlägigen Online-Foren genannten Orte: Piazza Navona, Trevi Brunnen, Spanische Treppe. Selbst der Park der Villa Borghese ist trotz angenehmen 20 Grad, fast leer. Nur wenige Bänke sind besetzt und in den entlegeneren Ecken des Parks trifft man nur wenige Menschen. Andere Sehenswürdigkeiten werden geputzt oder restauriert. Selbst der Trevi-Brunnen, um den sich auch im November die Menschenmassen scharren, ist ‚under construction‘.

Der Vatikan: eine Stadt in der Stadt (Urbanauth / AK / Rom / 2019)

Rom im November ist eine gute Zeit, um eines der touristischen Höhepunkte einmal genauer unter die Lupe zu nehmen: die Vatikanischen Museen. Die Bewegung des Stroms der Besucher richtet sich auf die Sixtinische Kapelle, dem kunsthistorischen und spirituellen Zentrum der Museumsanlage und zugleich Symbol der Macht der Kardinäle. Hier findet das Konklave statt, die Wahlversammlung, in der ein neuer Papst bestimmt wird. Dem zweiten Papst Julius II. verdankt die sixtinische Kapelle ihre künstlerische Ausgestaltung. Er war es, der Michelangelo nach Rom holte und ihn beauftragte, die Decke der Sixtinischen Kapelle auszuschmücken. Vier Jahre lang arbeitete Michelangelo an den Fresken, fünf Millionen Menschen besuchen jährlich seine Arbeit, in dessen Zentrum die Darstellung Gottes steht, der dem ersten Menschen Adam über die Berührung mit seinem Zeigefinger das Leben gibt.

Doch bevor die Sixtinische Kapelle erreicht wird, gilt es etliche Wegstrecken zurückzulegen. Der direkteste Weg führt vom Eingang über drei Galerien mit Marmorstatuen, Tapeten und Landkarten. Insbesondere letztere Galerie lohnt, dort etwas zu verweilen. An den Wänden hängen Landkarten mit den Regionen Italiens von Ignazio Danti, der diese 1580-83 gemalt hat. Die detaillierte und sorgfältige, topographische Darstellung lädt zum Staunen ein. Schon hier stauen sich die Besuchergruppen, Guides erläutern die Karten.

Angelangt in der Sixtinischen Kapelle stehen die Menschen dicht an dicht, ein Gewirr aus unterschiedlichsten Stimmen ist zu hören. Ein Priester hält im Gewimmel eine Andacht für eine Gruppe. Fotografieren ist hier nicht mehr erlaubt und es wird um Andacht und Stille gebeten. Ab und an ruft eine Stimme über ein Megaphon silenzio per favore; silence please; silence si vous plait, was kaum jemand zu beeindrucken erscheint. Sich angesichts des Schwarms von Menschen auf die Bilder einzulassen, fällt schwer. Wie die Kapelle wohl wirkt, wenn nur die Kardinäle an den Wänden sitzen oder man allein darin stünde? Was, wenn die Besucher*innen ihre Handys abgeben müssten und es ein Schweigegebot geben würde?

Könnte man nicht die von der Künstlerin Marina Abramović entwickelten Methode, Kunstschätze zu betrachten, anwenden? Wie wäre es, wenn alle Besucher*innen, bevor sie in die Sixtinische Kapelle eintreten, den Übergang vom weltlichen Museum zum Sakralraum auch physisch erleben würden – durch das Ausziehen der Schuhe, die Abgabe von Mobiltelefonen. Wie würde sich die Wahrnehmung der Menschen und die Atmosphäre des Raumes verändern, wenn jede*r ohne zu Reden, ohne Verbindung zu externen Informationen über Apps oder einen Guide, sich für eine Zeit lang mit allen Sinnen in ein Bild, ein Fresko versenken würden. So aber ist jede*r Besucher*in Teil eines summenden Bienenschwarms. Die Wahrnehmung folgt den Regeln des Schwarms. Vielleicht wiegt für den einen oder anderen, der Gedanke an die Möglichkeit, die Bilder im Internet im virtuellen Rundgang nochmals sehen zu können, die Einschränkungen, die Sixtinische Kapelle und ihre Gestaltung zu betrachten, auf.

Von den ‚Stanzen des Raffael‘ über das Etruskische Museum zur zeitgenössischen Kunst

Alt und staubig? Das etruskische Museum im Vatikan (Urbanauth /2019)

Nach dem Besuch warten weitere Museen und Galerien auf die Besucher*innen. Das Spektrum der Sammlungen ist breit, vom Ethnologische Museum zu einem Museum für Kutschen und weiteren Gemäldegalerien.

Ein anderes ‚must see’ ist in wenigen Metern nach der Sixtinischen Kapelle zu erreichen: die sog. „Stanzen des Raffael“. In vier Räumen kann man zentrale Werke der Kunstgeschichte betrachten. Raffael schuf parallel zu Michelangelo Werke, die als wegweisend für die Entwicklung der Malerei gelten, wie die Fresko-Darstellung der „Schule von Athen“. Auch hier ballen sich nochmal die Besucher*innen. Auffällig ist in den Zimmern des Raffael, was in anderen Museen nochmals deutlicher wird: Erläuterungen zu den Bildern sind äußerst knapp gehalten, der Erhalt und die Restaurierung der Sammlung scheint Vorrang vor Überlegungen zu einer zeitgemäßen, die Ausstellungsstücke begleitend-kommentierenden Präsentation zu haben.

Das Etruskische Museum, in das sich im Gegensatz zu Sixtinischer Kapelle und den Stanzen des Raffael nur weniger Besucher*innen verirren, wartet mit einer Fülle von Vitrinen auf. In diesen sind die Fundstücke aus Grabungen im antiken Etrurien eingelagert. Informationen findet man hier kaum. Die Vitrinen machen den Eindruck eines Lagers aus Töpfen, Vasen, Geschirr und anderen Gegenständen. Wie die Fülle der Ausstellungsstücke dorthin gekommen ist, welche Bedeutung sie haben, ist aus den wenigen Informationstafeln nicht zu entnehmen. Nur in Einzelfällen finden sich erläuternde, an die Wand geheftet Papiere, die offenkundig schon seit mehreren Jahrzehnten dort hängen. Auch hier gibt letztlich nur ein mitgebrachter Reiseführer, der Audioguide oder die Internetseite etwas mehr Informationen. Es bleibt der Eindruck eines Sammellagers für antike Gegenstände, deren Einordnung, Bewertung und Auswahl noch aussteht.

Zeitgenössische Kunstwerke in der Vatikanstadt

Robert Almagno: Der Atem der Gedanken / Vatikanische Museen (Urbanauth/ 2019)

Neugierig macht schließlich die Sammlung für zeitgenössische Kunst, das Jüngste der Vatikanischen Museum. Initiiert von Papst Paul VI. soll hier die Auseinandersetzung von zeitgenössischen Künstlern zur Religion befördert werden. Nach welchen Kriterien die Auswahl zustande gekommen ist, bleibt offen.

Die Sammlung beginnt mit Werken aus dem 19. Jahrhundert und endet mit neu angekauften Werken aus dem 21. Jahrhundert. Dass sich jemand dafür interessieren könnte, nehmen die Kurator*innen wohl nicht an; so lieblos wurde noch nie ein Henri Matisse aufgestellt und nirgendwo anders laufen so viele Menschen achtlos an Werken von Gabriele Münter, Paul Klee, Francis Bacon und anderen vorbei. Auch die Wärter scheinen nicht davon auszugehen, dass sich jemand für diese Sammlung interessiert. Eine Stunde vor Schließung wird bereits hinter einzelnen Besucher*innen abgesperrt. Traut man dem kontemplativ-religiösen Wert eines Otto Dix dann doch nicht?

Was bleibt nach dem Besuch? Für mich persönlich, die Wucht der Bilder Michelangelos, denen auch ein vielstimmiger Schwarm aus Menschen nichts anhaben kann, aber auch eine Installation von Robert Almagno von 2017 mit dem Titel: Il respirio del pensiero (The breath of thought), dessen langezogene Wellen aus Stahl bilden geradezu eine Aufforderung: inne zu halten, sich Zeit zu nehmen und mit dem eigenen Auge, ohne die Handykamera, die Dinge zu betrachten. Es bleibt aber auch der Eindruck der mangelnden Sorgfalt im Hinblick auf die Präsentation der Sammlungen in einzelnen Museen. Diese hinterlassen einen schalen Beigeschmack angesichts der offensichtlichen Notwendigkeit, Teile kuratorisch zu überarbeiten und ihre Präsentation dem Wissensstand des 21. Jahrhunderts anzupassen.

Einen Überblick über die Museen findet man auf der offiziellen Seite der Vatikanischen Museen. Die Öffnungszeiten der Vatikanischen Museen und der sixtinischen Kapelle sind hier zu finden.

München: Die Neue Pinakothek schließt bis 2027

München: Die Neue Pinakothek schließt bis 2027

Die neue Pinakothek in München, eine emblematische Institution der süddeutschen Landeshauptstadt, schloss zu Beginn des Jahres seine Türen. Das Museum, in welchem man Werke von Vincent van Gogh, Gustav Klimt und Goya sehen konnte, benötigt dringend eine Renovierung.

So tropft bei starkem Regen Wasser durch das Dach, während die Wände mit Asbest, einem schadstoffhaltigen Werksmittel zur früheren Dämmung, versetzt sind. Und auch die Technik zur Lüftung und Klimatisierung der Räume sei dem Bayerischen Rundfunk zufolge veraltet, weswegen das Gebäude über 2025 hinaus geschlossen bleiben wird. Zum aktuellen Stand wird mit 2027 gerechnet. Die Finanzierung der Baukosten in Höhe von 220 Millionen Euro wurde vom bayerischen Landtag genehmigt.

Neue Pinakothek München: großer Besucherstrom und eine würdige Abschlussführung

Eine riesige Schlange an Menschen wartet am 30. Dezember vor dem Eingang der Neuen Pinakothek, um die Sammlung ein letztes Mal in ihrer ganzen Pracht zu sehen. (Urbanauth / VGO / München / 2019)

Um allen Kultur-Interessierten die Chance zu geben, sich von den Meisterwerken aus dem 19. Jahrhundert zu verabschieden, war der Eintritt vom 17. bis zum 30. Dezember frei. Dies führte zu einem riesigen Besucherstrom, welcher sich bereits um 11 Uhr morgens bis in die Barerstraße ausbreitete. Dieser verlagerte sich dann zum Teil auf die alte Pinakothek und den anderen Kulturräumen im Museumsviertel.

Der fürs Erste letzte Tag der Neuen Pinakothek wurde mit einer groß organisierten Abschiedsführung beendet. So gab zum Beispiel der Generaldirektor Professor Doktor Bernhard Maaz Einführung mit Skulpturen und Klassizismus bis Rodin, während die Kunstvermittlerin Doktor Alina Langer unter dem Motto „Unter der Sonne des Südens. Vincent van Gogh“, Interessierten die Möglichkeit gab, etwas über den Expressionismus zu erfahren.

Doch auf die wichtigsten Werke der Sammlung der Neuen Pinakothek muss nicht vollständig verzichtet werden. So werden einige Werke in der Sammlung Schack sowie im Ostflügel der Alten Pinakothek dem Publikum erhalten bleiben. Die anderen Werke werden voraussichtlich in anderen Museen der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen ausgestellt.

Dieser Artikel ist in Englisch und Französisch verfügbar.

Der Artikel wurde am 28.07.19 aktualisiert. (Eröffnungsjahr und Finanzierung, Quelle SZ)

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