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Urbex : Vergangene Industriekultur in den französischen Alpen

Urbex : Vergangene Industriekultur in den französischen Alpen

Frankreich. Eine Reise durch die vergangene Industriekultur des Oisans. Meine „Urban Exploration“-Tour (Urbex) führt mich in die französischen Alpen auf den Spuren der Großindustriellen Keller und Leleux. Diese beiden Unternehmer, ursprünglich aus der Bretagne, siedelten sich um 1900 in der Gegend an.

Einst zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Hochort der Industrie, erinnern heute nur noch einige Gebäude an die vergangene Industrie im Oisans. Ein Streifzug durch die verschneiten Berglandschaften.

Der Postbote liefert schon lange nicht mehr an diese Adresse. Auf Spurensuche im Oisans. (Urbanauth / VG / 2021)

Im Süd-Osten Frankreichs gelegen, befindet sich die Gegend tief in den französischen Alpen. Zwischen den Städten Grenoble und Briancon, den Departements der Isère und den Hauts-Alpes schlummert die Geschichte einer vergangenen Industriekultur. Das Gebiet befindet sich vor allem um den Gebirgsfluss „Romanche„, an welchem sich die wichtigen Wasserkraftwerke zur Erzeugung von Elektrizität befanden. Das Naturgebiet „Parc des Écrins“ beinhaltet ebenfalls einen Teil des Oisans.

Auf winterlicher Urbex Reise durch die vergangene Industriekultur des Oisans

Spurensuche Industriekultur im Oisans. Gar nicht so einfach im Winter! Schnell wird hier nämlich nicht gefahren. Steil ragen die Felshänge ins Tal. Rutschig die Fahrbahn, welche den Gebirgsfluss entlang mich zu den Dörfern führt. (Urbanauth / VG / 2021)

Auf der verschneiten Landstraße, welche an steilen Felshängen gelegen, sich durch die Berge windet, lauern überall verlassene Industrieruinen. Ohne Winterreifen, kein durchkommen möglich. Die Straße ist rutschig und es schneit beständig. Beindruckende Eiszapfen schmücken die milchig-glasigen Felswände. Von Weitem gleitet eine kleine Lawine die steile Hangfläche hinunter.

Ich konzentriere mich auf die Autofahrt, als ich plötzlich aus dem Augenwinkel, erste Überreste vergangener Industriekultur im Oisans entdecke.

Mysteriös ragen diese beiden Rundbögen aus der Felswand. (Urbanauth / VG / 2021)

Meine Reise beginnt in der Gemeinde Séchilienne. Am Straßenrand in den Fels gebaut, ragen zwei mysteriöse Rundbögen in den Berg. Moosbewachsene Steinstufen deuten einen alten Weg an. Auf einem Schild wird die Fläche als Privateigentum ausgewiesen. Ich entscheide mich erstmal der Straße der sechs Täler („Route des Six Vallées“) zu folgen.

Die kleine Gemeinde von Livet-et-Gavet besteht aus drei Dörfern, welche im Sinne der Industriekultur des Oisans verschiedene Aufgaben erfüllten. Die prinzipiellen Sektoren waren Elektrotechnik, Hydroenergie und Metallurgie. Hinzukam außerdem die Papierverarbeitung in Form von Papierfabriken.

Die Straße durch Gavet führt an einer nach wie vor aktiven Fabrik der Ferropem vorbei, welche zur Gewinnung und Verarbeitung von Metall dient. Auf dem von außen sichtbaren Fabrikgelände steht eine elektronische Anzeigetafel. 132 Tage ohne Vorfall, der das Herunterfahren der Maschinen verlangte. Die Fabrik ist der größte Arbeitgeber der 1300-Personen Gemeinde von Livet-et-Gavet. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite entdecke ich die verschneite Form eines Tennisplatzes. Dieser gehört zu einem alten Herrenhaus, welches einst die gehobenen Angestellten beherbergte. Die Wände der Fabrik sind mit wild-bunten Graffiti übersät.

Die Wohnpolitik in Gavet war dabei durch eine riesige Arbeiterkaserne geprägt. Jeder Großindustrielle und Unternehmer entschied über die Gestaltung der kleinen urbanen Siedlungen. Kirchen und Kinos, aber auch erste Sozialversicherungen versprachen den migrierten Arbeitern eine bequeme Zukunft und so erlebte die Gemeinde Livet-et-Gavet einen regen Zuzug. Von einem Ende auf Höhe von Gavet über Rioupéroux im Zentrum und Livet am anderen Ende: Der Mensch hatte sich die Natur zu eigen gemacht.

Urbex durch Rioupéroux: Ein kleines Dorf im Zentrum der vergangenen Industriekultur vom Oisans

Das kleine Dorf besitzt eine Bibliothek und ein Museum über die Industriekultur am Gebirgsfluss Romanche und somit der Gegend vom Oisans beinhaltet. (Urbanauth / VG /2021)

Vor mir erscheint Rioupéroux trist und grau am Horizont. Ich komme am zentralen Dorf der kleinen Kommune von Livet-et-Gavet an. Seinen Wortursprung hat Rioupéroux möglicherweise aus dem lokalen Dialekt, was so viel bedeutet wie steiniger Wildbach.

Am „Place du Musée“ parke ich mein Auto und steige aus. Vor mir befindet sich die örtliche Bibliothek, sowie ein kleines Museum. Perfekt zur Thematik meiner Reise passend, handelt es über die am Gebirgsfluss der Romanche verlaufenden Industriekultur des Oisans. Winter- und Coronabedingt ist das „Musée de la Romanche“ jedoch leider geschlossen.

Der Einfluss der vergangenen Industriekultur ist durch die Planung des Dorfes Rioupéroux hindurch wahrnehmbar. Einzigartig für seine Zeit wurde das Dorf gesellschaftlich „horizontal“ gedacht. Wert wurde dabei auf kleine Häuser mit Garten und Komfort gelegt. Die bequemsten Wohneinheiten wurden dabei an die Belegschaft vergeben, welche am meisten Verantwortung übernahm. So sollte die Mitarbeiterschaft an die Fabriken und das Unternehmen gebunden werden.

Zu seiner Blütezeit befanden sich in dem Dorf mehrere Bäckereien, Läden und Cafés. Diese bildeten die zentralen Austauschorte. Die Aluminium-Fabrik welche das Jahrhundert über Bestand leerte sich ab den 80ern beständig. Ab 1992 werden Teile der Fabriken abgerissen.

Urbex in den französischen Alpen: Die Industriekultur des Oisans lauert den Fluss entlang

Die historische Zentrale „Les Roberts“ ist in Besitz der EDF, „Electricité de France“. (Urbanauth / VG / 2021)

Den Gebirgsfluss der Romanche entlang hatte sich ab 1816 die ersten Industriezweige angesiedelt. Die Nutzung von Wasserkraft spielte in dieser entlegenen Gegend von Frankreich schon lange eine wichtige Rolle.

Um das Dorf Rioupéroux hatte sich zu der Zeit bereits eine Hochofen- und Stahlwerksgesellschaft niedergelassen. Damals noch wenig effizient mit ordinären Mühlen betrieben, revolutionierten Fortschritte in der Hydroenergie die Effektivität. Der wilde Gebirgsfluss bot sich als ideale Energiequelle an. Keine hundert Jahre später, siedeln sich die Industriellen Keller-Leleux, aber auch Henri Gall und Paul Lacroix im Oisans an.

Auf der Suche nach der vergangenen Industriekultur des Oisans. Mittagspause!

Wie ausgestorben. Das Dorf Rioupéroux im Winter. (Urbanauth / VG / 2021)

Es ist Mittag und das Einzige geöffnete Restaurant von Rioupéroux ist der Döner-Laden „Le Libertad“. Irgendwie sympathisch sticht einem der Kopf von Che Guevara am Eingang in die Augen. Das Schnellrestaurant ist im kubanischen-Stil gestaltet. Der Besitzer ist ein großer Fan von Kuba und bereits zweimal dort gewesen.

Ursprünglich, ein algerischer IT-Ingenieur, hat er im Laufe seines Werdeganges, weltweit auf verschiedenen Öl-Bohrplattformen auf dem Meer und in der Wüste gearbeitet. Vor etwa einem halben Jahr hat er sich dazu entschieden, sich hier niederzulassen. Er ist mit dem ländlichen Leben zufrieden. Das Dorfleben hier ist ruhig. Auch, wenn wegen der Corona-Pandemie die Gäste ausbleiben und dies seinen Betrieb belastet.

Ohne Supermarkt ist der Dorfladen von Semir ein wichtiger Austauschort. Ihn kennt hier jeder. Die meisten Bewohner besitzen hier algerische Wurzeln und bilden eine enge Dorfgemeinschaft. Bedingt durch die ehemaligen Fabriken von Keller und Lelieux kannte die Gegend zu seiner Hochzeit einen starken Zuzug aus Italien, Polen, Russland und später dem Maghreb. Die Industrie verschwand im Laufe des 20. Jahrhunderts, doch die Arbeiterfamilien blieben.

Die Felsformation trägt den Namen Kopf von Louis XVI., da der Felsvorsprung der Nase des einstigen Sonnenköniges ähnelt. (Urbanauth / VG / 2021)

Ich begebe mich auf die letzte Etape meiner Urbex Entdeckungsreise der Industriekultur vom Oisans. Am Dorfausgang von Rioupéroux begegnet mir der Kopf des französischen Sonnekönigs Louis XVI. Eine Lokal-Kuriosität! Geschichtlich ist die unweit gelegene Kleinstadt Vizilles, ein wichtiger Ort der Französischen Revolution gewesen. Möglicherweise bekam der Fels damals seinen Namen?

Die letzte Etappe meiner Urbex-Tour durch die vergangene Industriekultur im Oisans führt mich…

Keller und Leleux, zwei bedeutende Figuren der vergangenen Industriekultur im Oisans. (Urbanauth / VG / 2021)

…Zum Wohnsitz der Großindustriellen Keller und Leleux

Die vergangene Industriekultur im Oisans und seine einzigartige Architektur. Das Wohnhaus von Keller-Leleux und deren systemrelevanten Belegschaft. (Urbanauth / VG / 2021)
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(Urbanauth / VG / 2021)

Niemand prägte das Tal vom Oisans so wie der Ingenieur, Erfinder und Großindustrielle Charles-Albert Keller. Über die Dorfeinfahrt von Livet kommt man zum einzigartigen Wohnhaus von Keller-Leleux. Dieses wurde 1912 erbaut. Das Haus, bekannt unter dem Namen „Le Pavillon Keller“ befindet sich zwischen der Landstraße, die das Dorf umgeht und der Romanche. Im Tiefen Winter entfaltet es dabei zwischen fallenden Schneeflocken einen Charme, der an die vergangene Industriekultur erinnert, wie kein anderer.

Als ich an dem Haus ankomme, begegne ich einem älteren Pärchen, welches Fotos macht. Sie sind aus der Region, doch leben nicht in diesem Dorf.

C’est trop glauque„, sagt die blonde Frau mit einem Lachen, bevor die beiden wieder in Ihr Auto steigen und wegfahren. „Glauque“ ist ein besonderes Wort für trist und sinister. Die vergangene Ära einer Industrie, sie lässt nur graue Häuser und leere Gebäude.

Geradezu gespenstisch schwebt das Büro vom Großindustriellen auch hundert Jahre später in mehreren Metern Höhe. Das letzte Stockwerk ragt dabei ein Stück weit, von Betonstelzen getragen in den Garten. Zum Fluss gewandt ermöglichte es die Umgebung zu erblicken. Geschichten zufolge konnte Keller damit den Rauchausstoß seiner Fabriken überwachen. Heute ist das Haus spärlich bewohnt. Eine Besichtigung leider nicht möglich.

Bekannt wurde das Haus in dem Thriller „Die purpurnen Flüsse“ von Mathieu Kassovitz, in welchem der bekannte französische Schauspieler Jean Reno mitspielt. In dem Spielfilm wird der Kommissar Pierre Niémans in die rauen französischen Alpen geschickt, um einen Mord aufzuklären…

Urbex in Frankreich: Die Ruinenromantik der Industriekultur im Oisans

Wer die Landstraße durch Livet nimmt, kann im Vorbeifahren die buntbemalte Fassade dieses Hauses entdecken. Dies könnte dabei möglicherweise den gehobenen Angestellten als Wohnhaus gedient haben. (Urbanauth / VG /2021)

Zu seinen Lebzeiten war die Lebensweise in Livet paternalistisch organisiert mit Charles-Albert Keller als Oberhaupt. Seine Ingenieure lebten mit ihren Familien ebenfalls in dem Haus. Für weitere wichtige Mitarbeiter gab es außerdem zweistöckige Wohnhäuser. Den einfachen Arbeitern blieben nur die Baracken.

Auch gab es Prioritäten-Unterschiede zwischen den Arbeitern, welche im Winter gerne in den Fabriken arbeiteten, doch sich im Sommer lieber der Landwirtschaft hingaben. Die Eigenheiten des Gebirgsflusses führt dabei im Winter weniger Wasser und liefert somit weniger Elektrizität. Im Umkehrschluss war der Sommer lange die Hochsaison für die unternehmerischen Bestreben von Keller und Leleux.

Inzwischen haben andere Menschen, sich dieser verfallenden Gebäude vorgenommen und angeeignet. Ob von den Großstädten Grenoble, Lyon und Briancon kommend oder der Gegend des Oisans. Die Graffiti von Ivory, Yum, ONG und BNT sind überall entlang meines Weges zu finden. Den Spuren zufolge verewigen sich Jahr auf Jahr neue Sprüher an dieser Wohnruine.

Zwischen den verschneiten Baumgipfeln, auf der anderen Seite des Flusses: ehemalige Fabrikeinheiten. (Urbanauth / VG / 2021)

Wer war der Großindustrielle Charles-Albert Keller?

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Portrait des Großindustriellen Charles-Albert Keller (Wikimedia / Romatomio / CC-BY-SA-4.0)

Charles-Albert Keller wurde am 1. Januar 1874 geboren. Nach einem Ingenieursstudium an der Hochschule Arts et Métiers von Angers sowie etwas Zeit bei der französischen Marine, widmet er sich der Entwicklung von Hochöfen. Mit 25-Jahren entwirft er 1889 einen der ersten Lichtbogenöfen zur Stahlweiterverarbeitung (Persee). Seine Erfindungen im Bereich der Stahllegierungen und Veredelungen markieren den Beginn seiner Karriere.

Kurz vor der Jahrhundertwende ist er dabei in Paris als beratender Ingenieur für Metallurgie tätig. Als er den Ingenieur Leleux kennenlernt und dieser um 1900 sein Partner wird, ist dies der Beginn der Keller-Leleux Industriekultur im Oisans. Eine verlassene Fabrik in Livet wird ihr erster Anschlusspunkt in die Gegend. Ab 1908 wird er ebenfalls, als gewählter Repräsentant der Handelskammer von Grenoble und 1930 sogar dessen Vorsitzender werden. Infolgedessen wird er einen bedeutenden Einfluss auf die Gegend nehmen.

1940 verstirbt der Großindustrielle Charles-Albert Keller. Er wird im Friedhof von Livet-et-Gavet begraben. Es markiert eine Wende in der Industriekultur des Oisans. Seine Wasserkraftwerke gehen nach dem Zweiten Weltkrieg in die Hände der EDF („Électricité de France“). Seine Stahl-und Aluminium-Fabriken werden aufgekauft, bis auch sie irgendwann die Lichter dimmen und die Schlüssel unter den Fußabtreter legen.

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Zwischen den Wirren des Ersten Weltkrieges, inauguriert Keller 1918 das erste Wasserkraftwerk von Livet-Les Vernes. Ein besonderes Augenmerk legte Keller dabei auf die architekturelle Gestaltung. Es sollte die Landschaft prägen. Mit seinen zeitgenössischen Ornamenten erinnert das denkmalgeschützte Elektrizitätswerk an die Pracht der vergangenen Industriekultur des Oisans.

Die meisten Überreste der Industriekultur des Oisans sind heutzutage nicht zugänglich. Vor allem Innenaufnahmen von Kraftwerken, als systemkritische Infrastruktur sind verboten. Manche von den Fabriken, wie die der FEROCEM in Gavet, sind nach wie vor aktiv. Andere Gebäude werden ebenfalls zwischengenutzt. Wirtschaftlich hat sich die Gegend jedoch nur schleppend erholt.

Meine Urbex Reise durch die Industriekultur des Oisans endet an der Talsperre von Chambon

Ich steige wieder in mein Auto. Für die Rückfahrt wurde Schnee angesagt. Etwas besorgt beobachte ich, wie die Hänge rauf zur Talsperre vom Lac de Chambon, die Temperaturen stetig sinken. Die kurvenreiche Straße führt den Berghang hinauf. Links von mir fällt der steile Abhang runter ins Tal.

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Der „Barrage du Chambon“, im Deutschen bekannt als die Talsperre von Chambon. Hier endet meine Reise in die vergangene Industriekultur des Oisans. (Urbanauth / VG / 2021)

Einen Tunnel vor der Talsperre schleicht ein Auto vor mir. Als es am Ende des Tunnels an den Straßenrand fährt, entdecke ich, dass es einen Platten an seinem vorderen linken Reifen hat. Zwischen Schneewehen und rutschigen Straßen, halte ich kurz am Parkplatz vom Lac du Chambon, ohne auf die andere Seite der Talsperre zu laufen.

Der Staudamm vom Lac du Chambon wurde 1928-1935 fertiggestellt. Vor der Errichtung des Hoover-Dammes in den Vereinigten Staaten von Amerika, war dies die größte Talsperre der Welt. Das Vorhaben des gigantischen Projektes stammt maßgeblich aus den Unternehmungen von Keller. Da im Winter der Gebirgsfluss nicht genügend Wasser mit sich führte, büßten die Fabriken an Effektivität ein. Dies betraf dabei alle Unternehmer. Durch den Staudamm konnten alle im unteren und mittleren Teil der Romanche angesiedelten Fabriken, die Wasserkraft auch im Winter nutzen.

Der Star-Architekt hinter diesem gigantischen Monstrum ist Edmé Campenon (1872-1962). Auf einer Länge von 294 Metern erstreckt sich diese Beton-Konstruktion. Vom Typ Gewichtsstaumauer besteht sie aus einer Schwergewichtswand. In Form einer Stützwand ist die Talsperre in die schwach geneigten Talflanken des Berges gebaut. Die zum künstlichen See gerichtete Wand verläuft dabei vertikal und hält so die Wassermassen zurück. Am unteren Ende beträgt die Breite der Talsperre aus Beton ganze 70 Meter. Dieser wurde in der umliegenden Umgebung, „vor Ort“ hergestellt. Für die Errichtung des Bauwerkes mussten die Dörfer Chambon, Dauphin und Parizet der Infrastruktur weichen.

Doch das Projekt war nicht ohne Risiko für Leib und Seele. 1923 ereignete sich der Dammbruch von Gleno in Italien. Am Morgen eines Dezembers hatte sich ein 70-Meter Riss in dem Beton gebildet, welcher das Wasser in einem Stausee band. Die freigewordene Flutwelle schwappte dabei apokalyptisch über das Tal von Dezzo. Eine 25 Kilometer lange Schneise der Zerstörung. Darunter fünf Fabriken, mehrere Dörfer und über 600 Tote. Besorgt über die Geschehnisse auf der anderen Seite der Grenze, entsendet Frankreich eine Untersuchungskommission. Die fahrlässigen Fehler im Bau der Talsperre von Gleno werden zur Kenntnis genommen und beim Bau des Staudammes von Chambon vermieden. Dennoch benötigt die Talsperre immer wieder wichtige Instandhaltungsarbeiten.

Industriekultur im Oisans ohne Urbex: Das Musée EDF Hydrélec

Das Museum der französischen Elektrizitätsgesellschaft EDF über Hydroenergie befindet sich „Route du Lac – Le Verney, Vaujany 38114„. Hierzu muss man die Route de l’Oisans (D1091) bis zum Dorf Rochetaillé folgen und anschließend bis ins Dorf Vaujany am anderen Endes des Lac du Verney.

Die Ausstellung geht auf die Beginne der Wasserkraft zum Ende des 19. Jahrhunderts ein. Mit einem Bogen über die Entwicklungen im Folgejahrhundert wird ebenfalls auf die Automatisierung dieser Kraftwerke eingegangen.

Mein Grund für die Entdeckungstour den Gebirgsfluss der Romanche entlang: „Der Pavillon Keller“. (Urbanauth / VG / 2021)

Ebenso entdeckenswert: Das Museum Chasal Lento

Ein weiteres, empfehlenswertes Museum zur Industriekultur im Oisans ist das „Musée Chasal Lento“ im Bergdorf Mont-de-Lans. Die Ausstellungen gehen auf die lokale Kunst und Traditionen der Gegend des Oisans ein. Ein Kernstück der Ausstellung ist dem Bau der Talsperre vom Lac de Chambon gewidmet. Auch soll es ein Archiv an alten Fotografien der vergangenen Industriekultur und Lebensweise beherbergen.

Quellen:
Die Inhalte beziehen sich auf folgende Hauptquellen:
– Artikel auf Persee.fr: „La mise en mémoire de l’aventure industrielle d’une vallée alpine (Isère). Le musée de la Romanche“ von Marie-Christine Bailly-MaîtreLaurence Pissard, erschienen 2005 in der lokalen.ethnologischen Revue: Le Monde alpin et rhodanien. Revue régionale d’ethnologie (Seite 191-200
– Einem ausführlichen Blogbeitrag von Grenoble-cularo auf Overblog (Sehenswert für die Archivphotos!)
– Dem Buch „Un barrage et des hommes – Chambon – Dans l’ombre d’un géant“, welches vom Verein Freyentique veröffentlicht wurde und die Geschichte der Talsperre Chambon dokumentiert. ISBN 978-2-9552142-1-3
– Die Katastrophe vom Staudamm Gleno in Italien und dessen Auswirkungen auf die Talsperre von Chambon. Artikel Persee.fr: „La catastrophe de Gleno (Italie) et le barrage de Chambon (Oisans)“ Raoul Blanchard Revue de Géographie Alpine Année 1924 12-4 Seiten 669-673

Paris: Können diese Maßnahmen die sozialen Ungleichheiten in den nördlichen Vororten dämpfen?

Paris: Können diese Maßnahmen die sozialen Ungleichheiten in den nördlichen Vororten dämpfen?

Am Donnerstag, dem 31. Oktober 2019 gab die französische Regierung in Anwesenheit des Premiers und Innenministers ihren Aktionsplan für das Departement Seine Saint-Denis bekannt. Neben einem Geldumschlag für treue Beamte: verschiedene Ansätze, um den Regierungsbezirk mit der Nummer 93 attraktiver zu gestalten. Die 23 Maßnahmen gruppieren sich dabei um fünf Kernthemen: Attraktivität, Sicherheit, Bildung, Gesundheit sowie Justiz. Die Bilder des Artikels wurden in den Vororten Saint-Denis Pleyel sowie Saint-Ouen aufgenommen.

Ein Aktionsplan mit 23 Maßnahmen soll den Gebiets-spezifischen, gesellschaftlichen Ungleichheiten entgegenwirken

Der Vorort Saint Ouen: Zwischen Wohnblocks aus einer anderen Zeit und ambitionierter neuer Architektur. (Urbanauth / 2020 – 2019)

Mit auf zehn Jahre verteilten Subventionen kommt die französische Regierung der Seine Saint-Denis entgegen. Um der Kriminalität entgegenzuwirken, soll dabei das Polizei-Effektiv ab nächsten September um 100 Polizisten aufgestockt werden. Insgesamt 50 weitere Stellen folgen außerdem bis zum Halbjahr 2021. Die Kommunen La Courneuve und Saint Ouen bekommen dasselbe Effektiv für sich zugewiesen. Die Polizeistationen in Aulnay-sous-bois und Epinay-sur-Seine sollen dabe für 30 Millionen Euro wieder instand gesetzt. Doch auch die Kameraüberwachung in der gesamten Seine Saint-Denis wird weiter ausgebaut werden. Verglichen mit einer Bevölkerungszahl von über eineinhalb Millionen Einwohnern und wiederkehrenden urbanen Unruhen, wissen diese Maßnahmen nicht alle zu überzeugen.

In einem Interview mit France3 befürwortet Patrice Bessac, der Bürgermeister von Montreuil, den Aktionsplan zunächst. Jedoch machte er klar, dass der Kern des Problems die territorialen Ungleichheiten sind. So seien ihm zufolge 70 % der angestellten Lehrer frisch diplomiert, während der nationale Durchschnitt bei 20 % läge. Zum Thema Sicherheit merkte er an, dass der Bevölkerung deutlich weniger Polizisten zur Verfügung stünden, als dem direkt anliegendem 18. Arrondissement von Paris. Dieses ist eines der bevölkerungsdichtesten Viertel der Hauptstadt und grenzt an das Departement der Seine Saint-Denis an. Mit einer mehr als doppelt so großen Fläche, ist es zugleich ein Gebiet mit hohen Kriminalitätsraten.

Ansätze um die Seine Saint-Denis attraktiver zu gestalten

Der Turm Pleyel in der Seine Saint Denis. In der angrenzenden Straße findet sich ein wohn-untaugliches Gebäude. (Urbanauth / 2019)

Um die Attraktivität in dem Gebiet zu erhöhen, sind einige Maßnahmen vorgesehen. Treueprämien von bis zu 10.000 Euro für Beamte und ein erleichterter Zugang zu Wohngeldansprüchen. Der Umzug der Unterpräfektur in eine ehemalige Filiale der Banque de France wird dabei mit in die Maßnahmen einbezogen. Ohne jedoch die Kosten zu nennen.

Um den gebietspezifischen Problemen der „Taudis“ entgegenzutreten, sollen fünf Vollzeitstellen geschaffen werden. Als solche werden im Volksmund Wohneinheiten bezeichnet, welche sich in solch mangelhaften Zustand befinden, dass sie nicht vermietet werden dürften. Diese Angestellten der Stadt sollen sich darum kümmern, gemeldete Gebäude auf ihre Konformität zu überprüfen. Ein Problem das nicht nur die nördlichen Banlieues von Paris betrifft, sondern auch Städte wie Marseille oder Perpignan.

Förderung des Bildungs- und Gesundheitssektor, um den strukturellen Ungleichheiten der nördlichen Vororte längerfristig effektiv entgegenzuwirken?

Der Bildungsbereich stellt mit der Schaffung von 500 Anstellungsversprechen einen besonderen Schwerpunkt dar. Dies gilt für Einsteiger in unterbesetzten Berufsgruppen, wie Lehrer und Ärzte. So sollen hierfür jährlich zwei Millionen Euro Unterstützung fließen. Aber auch im Bereich der Gesundheit greift der französische Staat in die Kasse.

Zehn Millionen Euro pro Jahr sind dabei für besonders fragile Bevölkerungsgruppen eingeplant. Diesen soll der Zugang zu den Gesundheitseinrichtungen erleichtern werden. Die Krankenhäuser in Montreuil, Ville Evrard und Aulnay will man teilweise oder vollständig sanieren bzw. modernisieren. Einrichtungen in Raincy-Montfermeil und Bobigny werden dabei umstrukturiert, um besser auf die Bedürfnisse der Patienten eingehen zu können. Dem folgen ebenfalls Investitionen in technische Ausstattungen, wie zum Beispiel Tomografiegeräte. Eine Besonderheit die dabei auffällt: die Förderung von angehenden Ärzten. So soll die Anzahl der Praktikumstutoren für allgemeinmedizinische Praktika auf 213 verdoppelt werden. Außerdem erklärt sich der französische Staat bereit, die Kosten für die Ansiedlung neuer Arztpraxen in Teilen bis vollständig zu übernehmen.

Der Artikel wurde am 15.03.2020 überarbeitet.
– dies beinhaltet die mobile Optimierung
– sowie ersetzte Artikel Bilder

Die Bilder des Artikels wurden von Vincent / Urbanauth 2019 / 2020 aufgenommen.

Städte im Wasserstress

Städte im Wasserstress

Wasserstress ist ein globales Phänomen und betrifft sowohl Städte in Europa als auch in Asien, Afrika oder Amerika. Urbanauth ging diesem urbanen Phänomen auf den Grund.

So wird zum Beispiel die Wasserquelle von Mexiko City immer wieder von Dürreperioden heimgesucht. Folglich kündigte die Regierung der 21 Millionen Metropole an Mitte 2019 die Wasserversorgung in einigen Stadtteilen auszusetzen. Allerdings ist dies eine häufige Situation in einer Stadt, in der mehr als 200 Tausend Menschen nicht einmal einen Anschluss an das hydraulische Netz haben. Auch sind jährliche Überschwemmungen und ein undichtes Leitungsnetz an der Tagesordnung und die Wasserwirtschaft hat bei Politikern Priorität.

Ein ernstes Problem: Wasserstress in Städten

Laut UNO leben heute 55% der Bevölkerung in Städten; bis 2050 wird diese Zahl um ca. 13% steigen, und ihr Wasserbedarf wird voraussichtlich bis 2030 um 40% steigen.

Um den Herausforderungen des städtischen Wachstums und des Klimawandels zu begegnen, hat die UNO 17 internationale Ziele vorgeschlagen, zu deren Erfüllung sich die Länder bis 2030 verpflichtet haben. Sie werden SDGs (the Sustainable Development Goals) genannt und sind ein weltweites Bemühen um die Verbesserung der sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Bedingungen.

Innerhalb der SDGs bezieht sich das 11. Ziel speziell auf nachhaltige Städte und Gemeinden. Ihre Entwicklung umfasst eine Vision von Umwelt, Energieeffizienz, Lebensqualität, Gerechtigkeit und Integration. Im Zusammenhang mit Ziel 11 ist „water management„,das Wassermanagement, eine der größten Herausforderungen für Stadtplaner, sowohl für die Haus- als auch für die Entwässerungssysteme.

Wasserstress : Mehrere Städte mit Wasser-bezogenen Problemen leiden unter diesem Phänomen

  • Kapstadt (Südafrika), die möglicherweise die erste Stadt ist, der das Wasser aufgrund der Dürre ausgeht
  • Moskau (Russland), das über die größte Wasserreserve der Welt verfügt – aber durch industrielle Aktivitäten verschmutzt ist
  • London (UK), das Wasser aus den Flüssen Themse und Lea entnehmen muss; oder
  • Tokyo (Japan), dessen Versorgung hauptsächlich aus endlichen Quellen wie Flüssen, Seen und Schneeschmelze erfolgt (US News)

Einige dieser Städte haben bereits damit begonnen, Maßnahmen zur Verhinderung von Wasserkrisen und zur Reduzierung von Wasserstress zu ergreifen. Ein Beispiel ist das Isla Urbana project in Mexiko City, ein Regenwasser-Sammelsystem, das eine Familie bis zu 8 Monate lang nutzen kann. Das Projekt startete 2009 mit dem Ziel, den Zugang zu Wasser in den Stadtvierteln von Mexiko-City zu ermöglichen, in denen die Versorgung häufig unterbrochen ist. Seitdem haben sie 19 Tausend Einheiten installiert und mehr als 700 Millionen Liter Regenwasser gesammelt, was etwa 114 Tausend Menschen zugutekommt.

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Wasser ist lebenswichtig. Deswegen legen Stadtplaner einen besonderen Wert auf Wassermanagement. Wasserstress hat besonders starke Auswirkungen auf die vom Wassermangel (oder Überfluss) betroffenen Bewohner. (Foto: Urbanauth / VGO / 2019)

Ein weiteres Beispiel ist Rotterdam, das zwar keinen Wassermangel hat, aber Überschwemmungsprobleme. Im Jahr 2013 bauten Benthempleinsie ein rainwater square, das aus drei Esplanaden besteht, die unter dem Straßenniveau liegen. Auf diese Weise hält der Benthemplein das Regenwasser zurück und verhindert, dass es das Stadtgebiet überschwemmt und die Kanalisation überlastet. Darüber hinaus fungiert er auch als öffentlicher Raum an Tagen, an denen es nicht regnet.

Was sonst kann Probleme im Zusammenhang mit Wasserstress lösen?

Es ist wichtig, jetzt zu handeln, durch Strategien, Politik, Systeme und Infrastrukturen, die zur Erhaltung der lebenswichtigen Flüssigkeit und der Lebensqualität beitragen. Tokio beispielsweise investiert in sein Leitungsnetz, um den Abfall zu reduzieren; in den Vereinigten Staaten wurden Wassergärten angelegt, das sind Grünflächen, die den auf den Straßen oder Dächern angesammelten Regen zurückhalten und in den Boden filtern.

Es können mehrere Aktionen durchgeführt werden, wie z.B. Sensibilisierungskampagnen in Schulen oder an öffentlichen Orten, Anreize zur Reduzierung unseres Wasserverbrauchs oder sogar das Pflanzen von Bäumen. Um sich einen Überblick über das Thema zu verschaffen, gibt es Werkzeuge wie das Climate Adaption App. Kurz gesagt ist dies ein Katalog von Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel, der für Stadtplaner, Designer und die Gesellschaft sehr nützlich sein kann. Darüber hinaus können wir uns auch an den Strategien zur Bewältigung der städtischen Wasserkrise beteiligen.

Berlin: Ein Museum für Urbane Kunst ? Die Radarstation vom Teufelsberg

Berlin: Ein Museum für Urbane Kunst ? Die Radarstation vom Teufelsberg

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Berlin’s Museum für urbane Kunst. Steetart Graffiti von ihrer besten Seite… oder Fläche? (Foto: Urbanauth / VGO / 2018)

Berlins alternatives Museum für Streetart und Graffiti

Die ehemalige Radarstation vom Teufelsberg

In Berlin gibt es ein alternatives Museum für urbane Kunst: die ehemalige Radarstation vom Teufelsberg. Seit mehreren Jahren zieht dieser zuvor Lostplace, Streetart und Graffiti-Künstler an!

Hoch über den Dächern der Stadt kann man die Silhouette des sogenannten Teufelsbergs mit seiner stillgelegten und baufälligen Abhörstation aus dem Kalten Krieg erkennen. Der Berg entstand nicht auf natürliche Weise, sondern durch menschliches Zutun. Bis in die 1940er Jahre befand sich hier die Wehrtechnische Fakultät, eine Einrichtung die im Rahmen des nationalsozialistischen Projektes der Welthauptstadt Germania entstand. Diese wurde nach den Zweiten Weltkrieg gesprengt und das Gelände anschließend als Schutt-Deponie genutzt. Bis 1972 wurde hier eine Schuttmenge von etwa 25. Millionen Kubikmetern abgeladen, was ungefähr einem Drittel der Baumasse aller im Krieg zerbombten Gebäude Berlins entspricht.

Die Außenwände eines alten Verwaltungsgebäudes dienen hervorragend als künstlerische Ausdrucksfläche
(Foto: Urbanauth)

Berlin und sein alternatives Museum für urbane Kunst

Ein Lost Place im Wald – Ort wo sich Streetart und Graffiti Künstler austoben

Anschließend wurde die aufgeschüttete Landschaft mit Sand und Mutterboden gestaltet und mit rund einer Million Bäumen bepflanzt. Abgesehen von der Nutzung als Rodelberg dienten die Hügel auch für die Errichtung einer Abhörstation der Amerikaner im Kalten Krieg. Nach der Wiedervereinigung wurde diese leergeräumt und zu einem Lost Place in Berlin. Heute genießt man auf den Höhen des Teufelsbergs einen großartigen Blick über den Grunewald und die angrenzenden Stadtviertel. Neben diesem Ausblick in circa 120 Metern Höhe lohnt sich auch die Begehung der ehemaligen Abhörstation.   

Links die Haupt-Antennenkuppeln der Radarstation. Rechts ein kleiner Seitenturm.
Foto: Urbanauth

Berlin und sein Museum für urbane Kunst

Von einer Ruine zur Kunstkulisse – Europas größte Graffiti Galerie

Heute bietet sich neben der eindrucksvollen Ruinenromantik eine Mischung aus Abenteuerspielplatz, Müllhalde und Kunstkulisse. Ein zwischenzeitlicher Pächter schuf dort in der Zusammenarbeit mit diversen internationalen Künstlern, ohne ein übergreifendes Konzept, die größte Graffiti-Galerie Europas. Auf einer Fläche von 2400 Quadratmetern haben bekannte Streetart- und Graffiti-Künstler ihre Bilder in grellen, bunten Farben an den Wänden hinterlassen.

Im Jahr 2011 kamen einige Künstler auf den Berg und begannen damit, das Gelände zugänglich zu machen. Sie räumten Schutt weg, setzten Fenster ein und gestalteten das Gebäude künstlerisch. Seit 2015 hat Marvin Schütte, der Sohn von einem der vier Eigentümer, das Gelände gepachtet, um eine Künstlerkolonie für eine nachhaltige Gestaltung des Teufelsbergs zu schaffen. Des Weiteren bietet er dort Führungen an und gelegentlich diente der Ort sogar als Filmkulisse. Zwar arbeitet er mit den Künstlern zusammen, jedoch stehen diese ihm zum Teil kritisch gegenüber. Verträge mit dem Pächter gäbe es keine, aus Angst vor einem Rausschmiss. Im Jahr 2018 wurde das Hauptgebäude des Komplexes aufgrund von Sicherheitsbedenken bei Statik und Brandschutz von der Berliner Bauaufsicht gesperrt. Das betrifft neben den Touristen vor allem den Pächter sowie die dort agierenden Künstler.    

Mit seinem markanten Hundesketch prägt Tobo, Hauskünstler vom Teufelsberg, diesen semi-urbanen Raum. Ob als zwei grimmige Soldaten im Banksy-Cover welche ein rotes Peace-Zeichen an die Wand malen, oder mit einem Buch in der Hand und dem Spruch: „Der Mann der nicht liest, hat keinen Vorteil über den Mann der nicht lesen kann.“ (Foto: Urbanauth)

Finanzierungs- & Behördenprobleme für alternative Kunstorte

Vom ehemaligen Hauptgebäude sind nur noch die drei markanten Antennenkuppel sowie das Betonskelett erhalten. Man braucht Besucher für die Einnahme und ihr Geld um das Gelände instand zu halten. Entsprechend ärgerlich ist ein solcher Rückschlag für den Pächter und die Künstler. Diese zahlen zwar keine Miete, sind aber dennoch auf das Geld für die Instandhaltung angewiesen. Zu den Sicherheitsbedenken meinte Schütte gegenüber der BZ: „Einstürzen wird das Hauptgebäude sicher nicht.“ Man wolle nun weiterhin versuchen mit anderen Ideen, wie z.B. einer Schnitzeljagd oder einer Schatzsuche neue Besucher anzuziehen.“ Außerdem gibt es einen Ausstellungsraum zur Geschichte der Radarstation auf dem Teufelsberg.

Ein Elefant im Wasser. Perfekte Farbharmonie zwischen den Blau-Grau-Orange Tönen.
(Foto: Urbanauth / VGO / 2018)

Von „Denk mal“ zum Denkmal

Neben der Künstlerkolonie engagiert sich das Aktionsbündnis Teufelsberg aus Naturschützern und Anwohnern für den Teufelsberg, die sich von den lauten Partys auf dem Berg zunehmend gestört fühlen. Des Weiteren wollen sie, dass das Gelände öffentlich zugänglich gemacht wird und außerdem die Aufschüttung des Berges, mitsamt der Radarstation, um so den Berg ganz nach der Vorstellung der damaligen Landschaftsarchitekten zu vollenden. So geben Sie auf ihrer Website an: „Nach Teilabriss der Ruinen der Abhörstation soll auf dem heutigen Plateau die 1950 geplante Hügelform durch Aufschüttung mit Baugrubenaushub vollendet werden.“ Auch der Denkmalschutz wünscht sich einen öffentlichen Zugang zum Gelände, hat darüber jedoch keinerlei Entscheidungsgewalt. Seit Oktober 2018 steht der Teufelsberg mitsamt der Station unter Denkmalschutz, womit zumindest die Pläne der Aufschüttung hinfällig sind. Der Pächter befürchtet durch den Denkmalschutz eine Erschwerung seiner Pläne, die neben einem Restaurant bzw. Cafe auch eine Aussichtsplattform sowie ein Museum beinhalten.

Der Goldschatz welcher die Besucher begrüßt, nach dem Sie den Hang zum Hauptgelände hoch gelaufen sind. Mit einer unglaublichen Ästhetik erweckt dieser gigantische Nachtfalter, welcher sich um die Hauptkuppel der Radarstation legt, Bilder einer postapokalyptischen Zeit. Das Spiel mit der Symbolik des Ortes, dieser ehemaligen Abhöranlage der Amerikaner, zu einer Zeit, als der kalte Krieg wie ein Damoklesschwert über Berlin schwebte, wird dabei auf höchst-künstlerische Weise verarbeitet.
(Foto: Urbanauth / VGO / 2018)

In Berlin ist für das alternative Museum für urbane Kunst die Zukunft noch offen

Die beiden Schüttes wollen zusammen mit den Künstlern das Objekt und die Inhalte darin gemeinsam weiterentwickeln und so auch weiterhin durch Führungen, Veranstaltungen und Vermietungen Eintrittsgelder generieren, die weitestgehend dem Projekt selbst zugutekommen sollen. Gleichzeitig versucht der Eigentümer Manfried Schütte den Künstler Wolfram Liebchen mit einer Räumungsklage aus der alten Kantine zu werfen, um dort ein Restaurant zu eröffnen. Ein Konflikt steht an und weitere werden Folgen. Dies sorgt für Nervosität bei den anderen Künstlern. Des Weitern gibt es von Seiten der Politik erste Bestrebungen, das Gelände zurückzukaufen. Die rot-rot-grüne Landesregierung wolle das Gebäude zu einem „Erinnerungsort“ umgestalten. Die CDU-Fraktion befürwortet dagegen eine neue Nutzung als Sportanlage. Der Pächter und die Künstler haben ihre eigenen Pläne. Wie andernorts in Berlin bahnt sich hier ein Konflikt zwischen Politik, Eigentümern und Nutzern des Gebäudes an. Es ist unklar ob und wie sich das inoffizielle Museum für urbane Kunst weiterentwickelt.

Lausitz: Der Kampf um die Grube – Klimaaktivismus

Lausitz: Der Kampf um die Grube – Klimaaktivismus

Neben anderen Energieträgern zur Stromproduktion zählt die Braunkohle in Deutschland zu den wichtigsten. Sie macht, laut den Angaben des deutschen Bundeswirtschaftsministeriums, ungefähr ein Viertel des Gesamtanteils der Stromversorgung aus. Der Wirtschaftswoche zufolge hängen in Deutschland ungefähr 70.000 Arbeitsplätze an dem Abbau und der Verstromung von Braunkohle. Gleichzeitig hat ihr Abbau aber auch verheerende Folgen für die Natur. Am 30.11.2019 setzten sich in Deutschland tausende Klima-Aktivisten gegen eben diesen Braunkohleabbau und für erneuerbare Energien ein.
Das Protestbündnis „Ende Gelände“ rief dazu auf, mehrere Tagebaue im Osten Deutschland mittels Massenprotesten zu blockieren. Die Organisation ist laut eigenen Angaben „ein europaweites Bündnis von Menschen aus vielen verschiedenen sozialen Bewegungen“, das seit dem Jahr 2015 Massenaktionen in deutschen Braunkohlegebieten organisiert.

"EXIT COAL - ENTER FUTURE" steht auf einem ausgerollten Transparent der Klima-Aktivisten.
„EXIT COAL – ENTER FUTURE“ steht auf einem ausgerollten Transparent der Klima-Aktivisten.
Foto: Ende Gelände

Neben einem Tagebau in der Nähe von Leipzig (Sachsen), lagen zwei der Protestschwerpunkte in der südbrandenburgischen Provinz, genauer gesagt in der Lausitz. Sie liegt an der östlichen Grenze Deutschlands zu Polen, entlang der Neiße, einem deutsch-polnischer Grenzfluss, zwischen Berlin und Dresden. Im Fokus der Proteste standen einmal der Tagebau Jänschwalde sowie der Tagebau Welzow-Süd. Die Lausitz ist im Allgemeinen eine strukturschwache Gegend, in der über die letzten Jahrzehnte immer mehr junge Menschen in die Großstadt ziehen, um dort zu studieren oder ihr berufliches Glück zu finden. Man könnte sagen, dass die Region langsam aber sicher ausblutet. So sehen das zumindest viele Menschen die in der Lausitz wohnen. Da beide Tagebaue von der LEAG (Lausitz Energie Bergbau AG) betrieben werden und diese somit einen Großteil der regionalen Arbeitsplätze stellt, haben viele Anwohner kein Verständnis für die Proteste gegen die Braunkohle. Die Protestler dagegen stammen zwar zum Teil auch aus der Region, aber reisten zu großen Gruppen aus anderen Orten, vor allem aus den nahegelegenen Großstädten Berlin, Dresden und Leipzig, an.

Bereits im Vorfeld gab es Spannungen

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Schon vor den eigentlichen Protesten gab es eine virale Berichterstattung. Erst mobilisierten Fans des nahegelegenen Fußballvereins FC Energie Cottbus mit Transparenten gegen das Protestbündnis „Ende Gelände“, wie der Tagesspiegel berichtete. Cottbus ist mit 100.000 Einwohnern die größte Stadt in der Lausitz, die ebenfalls mit den besagten Problemen zu kämpfen hat. Die Fans des Regionalligavereins (4. Liga) sind in der Vergangenheit mehrfach durch rechtsextreme Vorfälle aufgefallen. Mit Sprüchen wie: „Wann Ende im Gelände ist entscheidet nicht ihr! Unsere Heimat – Unsere Zukunft“ oder „Ende Gelände zerschlagen!“ taten die Fans ihren Unmut gegen die Klima-Aktivisten kund.

Außerdem kursierte ein Bild durch die Medien, bei dem eine Polizeieinheit vor einer bemalten Wand posierte, auf der „Stoppt Ende Gelände“ geschrieben stand. Dies sorgte für eine mehrfache Erwähnung dieses Vorfalls in diversen Tageszeitungen sowie auf den Social-Media-Plattformen, bei dem man der Polizei berechtigterweise einen Verstoß gegen das Neutralitätsgebot vorwarf. Anschließend wurde die Einheit vom Einsatz abgezogen, ein Disziplinarverfahren eingeleitet und die Wand übermalt.

Laut dem RBB, reichte offenbar die Farbe für das Übermalen nicht und so blieben einige Reste des Schriftzugs an der Wand gut sichtbar. Darunter auch der Hummer, dem Wappen der nahe gelegenen Stadt Cottbus, sowie die Buchstaben „DC“. Dies sorgte erneut für Aufsehen, da dieses Kürzel in lokalen rechtsextremen Kreisen als Abkürzung für „Defend Cottbus“ und zusammen mit dem besagten Wappen als Sticker-Motiv für eine klare Positionierung gegen Ausländer und Asylanten genutzt wird.

Der frühe Vogel besetzt die Grube

Dementsprechend angespannt, aber auch motiviert waren die zahlreichen Demonstranten, die bereits zum frühen Morgen mit ihren ersten Aktionen begannen. Mit dem Konzept einzelner Finger, also verschiedener Gruppen von Aktivisten, versuchte man logistisch wichtige Punkte für den Betrieb der Tagebaue zu blockieren. Wie die TAZ berichtete, stand schon um acht Uhr die erste Blockade, nachdem ungefähr 500 Aktivisten in weißen Maleranzügen die Abhänge in den Tagebau Jänschwalde herunter rutschten, um die Grube zu besetzen.

Eine Gruppe von Klima-Aktivisten läuft den steilen Abhang in die Kohlegrube hinunter.
Eine Gruppe von Klima-Aktivisten läuft den steilen Abhang in die Kohlegrube hinunter.
Foto: Jens Voller

Eine Gruppe namens „Anti-Kohle-Kids“ blockierte gemeinsam mit weiteren Personen, darunter geheingeschränkten Menschen, eine Schienenverbindung zum selben Tagebau. Weitere Gleise zum Kraftwerk Jänschwalde wurden ebenfalls von den Klima-Aktivisten blockiert. Circa 400 Menschen vom grünen Finger besetzten dagegen die Grube vom Tagebau Welzow Süd. Diese und andere Aktionen führten dazu, dass die Aktivität des Kraftwerks Jänschwalde runtergefahren werden mussten und Kohlezüge mit verringerter Geschwindigkeit unterwegs waren.

Friedliche Gleisblockade mit körperlich eingeschränkten Menschen.
Friedliche Gleisblockade mit körperlich eingeschränkten Menschen.
Foto: Pay Numrich

Auch Kohle-Befürworter organisierten Veranstaltungen

Laut dem RBB organisierten einige Befürworter der Tagebaue, darunter das Bündnis „Pro Lausitzer Braunkohle“, ebenfalls Veranstaltungen. Bereits am Freitag fand in dem brandenburger Kraftwerk Schwarze-Pumpe ein Familienfest statt. Ebenfalls am Freitag griff die Polizei, Berichten der TAZ zufolge, acht Personen, vermutlich aus dem rechtsextremen Spektrum, in der Nähe einer Mahnwache von „Ende Gelände“ auf. Sie trugen Axtstiele und Quarzsandhandschuhe mit sich. Einige von ihren waren bereits wegen rechter Straftaten polizeibekannt. In Jänschwalde hielt man am Samstag eine Mahnwache für den Erhalt der Kraftwerke ab, in schwarzen  Maleranzügen als Antwort auf die weißen und bunten Anzüge der Aktivisten. Auf einem ihrer Transparente stand unter anderem: „Wir lassen die Lausitz nicht ausradieren“.

Klima-Aktivisten mit weißen Maleranzügen und einem Transparent mit der Aufschrift: "Ob Lausitz oder Rojava, Klimaschutz heißt Antifa!" in der Tagebaugrube.
Klima-Aktivisten mit weißen Maleranzügen und einem Transparent mit der Aufschrift: „Ob Lausitz oder Rojava, Klimaschutz heißt Antifa!“ in der Tagebaugrube.
Foto: Jens Voller

Die Klima-Aktivisten hatten jedoch durchaus Verständnis für die Ängste der Ortsansässigen. So äußerte sich Kaya Fiedel von „Ende Gelände“ während einer Gleisblockade gegenüber dem RBB: „Ich verstehe Menschen in der Lausitz, die Angst um ihre berufliche Zukunft haben und auch die Wut. Ich glaube aber, die Wut richtet sich doch eigentlich eher gegen die Politik, die es Jahrzehnte verschlafen hat, den Strukturwandel ordentlich einzuleiten“.

Mediales Tauziehen

Sowohl in den verschiedenen Nachrichtenportalen als auch in den sozialen Medien kam es vor, während und nach den Protesten zu einem medialen Tauziehen um die Inhalte und Ereignisse des Aktionstages. Der Tagesschau zufolge, sorgte eine Blockade der Gleise unmittelbar vor dem Kraftwerk für entsprechende Aufmerksamkeit, da die LEAG auf Twitter von einem Versuch der Demonstranten sprach, das Kraftwerk zu stürmen.

Die Deutsche-Presse-Agentur sprach davon, dass ungefähr 200 Aktivisten versucht hätten, auf das Gelände des Kraftwerks zu gelangen. Parlamentarische Beobachter von der Linkspartei und den Grünen, die vor Ort waren, wiedersprachen den Darstellungen und versicherten, dass eine Stürmung des Kraftwerks zu keinem Zeitpunkt geplant war. Auch die LEAG stellte am Sonntag nochmal klar, dass sie wohl lediglich der Eindruck der Demonstranten dazu veranlasste, ihre Twitter-Meldung zu verfassen.

Proteste verliefen weitestgehend friedlich

Klima-Aktivisten bemalen sich friedlich die Gesichter.
Klima-Aktivisten bemalen sich friedlich die Gesichter.
Foto: Pay Numrich

Trotz der angespannten Lage in Sachsen und der Lausitz, den politisch gegensätzlichen Standpunkten, den 41 angemeldeten Versammlungen mit bis zu 4000 Teilnehmern und des massiven Polizeiaufgebots von 2700 Beamten verliefen die Proteste weitestgehend friedlich. Zum Abend hin beendeten die Klima-Aktivisten ihre Aktionen. Penibel sammelten die Demonstranten ihren Müll auf, der während den Blockaden entstand. Anschließend reiste man mit Bussen und Zügen wieder ab.

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In einer Pressemitteilung von „Ende Gelände“ spricht man von erfolgreichen Massenaktionen gegen die Klimakriese und für den Kohleausstieg. Der Bündnissprecher Nike Mahlhaus meinte: „Wir sind zufrieden mit der erfolgreichen Aktion und glücklich, dass wir heute ein so starkes Zeichen für Klimagerechtigkeit setzen konnten. 4000 Klimaaktivisten und Aktivistinnen haben heute gemeinsam Kohleinfrastruktur blockiert„ und kommentiert außerdem: „Wenn politisch Verantwortliche dabei versagen, das Klima und unsere Lebensgrundlagen zu schützen, dann setzen wir den Kohleausstieg selbst um.“.

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