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Gesellschaftskritik im Streetart in Frankreich

Gesellschaftskritik im Streetart in Frankreich

Gesellschaftskritik im Streetart in Frankreich. Verschiedene Künstler trafen 2019 zusammen, um gesellschaftskritisches Streetart zum Kontext der Gilets Jaunes zu gestalten. Die Bewegung der französischen Gelbwesten hat 2018 das Land überrumpelt und eine Fraktur in der Gesellschaft zutage gebracht. Ein Jahr später nutzte die Graffiti und Streetart-Szene die Gelegenheit, „der Straße eine Stimme zu verleihen„. Und so war der Andrang groß, als das Black-Lines Kollektiv im Mai des darauffolgenden Jahres zur Jam einlud. Die entstandenen Straßenkunstwerke – inzwischen lange vergangen – gingen auf die Probleme in der französischen Gesellschaft ein. Urbanauth hat für euch in diesem Kontext eine Perle gesellschaftskritischer urbanen Kunst analysiert.

Spätestens ab den urbanen Unruhen vom 1. Dezember 2018, solidarisierte sich ein Teil der französischen Bürger mit der Sozialbewegung. Benzinsteuer, Bürgerreferenden, Überwachung, Polizeigewalt und französische Medienlandschaft: zu kritisieren gab es genug. Raumaneignung und Graswurzel-Protest war die Antwort. Die Raumaneignungsprozesse waren vielfältig. Sei es bei unangemeldeten Demos mit bunten Schildern, Verkleidungen und Schriftzügen auf den gelben Westen – oder Taggs an den Wänden und brennendem Mobiliar auf dem Boulevard.

Die Zusammenkunft der Künstler aus der Graffiti- und Streetart-Szene fand im Mai 2019 statt. Auf der 300 Metern langen Graffiti Hall of Fame von Paris an der Rue Ordener wurde ordentlich gemalt! Urbanauth gibt euch eine Interpretation der (bereits vergangenen) Straßenkunstwerke!

Gesellschaftskritik im Streetart: „Black Lines“ interpretiert die Gilets Jaunes Bewegung

Gesellschaftskritik Streetart, Bild Mikrowelle mit Möhren, Schriftzug "Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Info, kein Gerücht!" Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
Eine Frau läuft mit ihren Einkäufen die Graffiti Hall of Fame von Paris an der Rue Ordener entlang. Auf der Mikrowelle ist es 13:12 Uhr. Möhren mit Namen der großen kommerziellen schmoren, während der Schriftzug besagt: „Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Information und kein Gerücht!“ (Foto: Urbanauth / VGO / 2019)

Zu Beginn des Jahres hatte Black Lines bereits eine erste lange Wand mit verschiedenen Künstlern gestaltet. Damals war das Leitthema „Hiver jaune„, welches gelber Winter bedeutet. Jedoch reagierte die Verwaltung des 19. Bezirks der Stadt schnell und ließ die Wand grau überstreichen. Eines der Bilder, welches damals Polemik schürte, war die Freske des Boxers Christophe Dettinger, das von dem Künstler Skalp realisiert wurde. Dettinger hatte auf einer Brücke in Paris die Polizei mit Fausthieben zurückgedrängt.

Das aussprechen, was Graffiti nicht schreibt: Gesellschaftskritik im Streetart

Wer wird sich hier verbünden? Das Streetart-Werk erinnert von der Komposition an die Öl-Malerei des letzten Abendmahles. (Foto: Urbanauth / VGO / 2021)

Die Handlung von der Stadt wurde von den Kunstschaffenden als Zensur wahrgenommen. Klar, dass sich dies die Künstler nicht gefallen ließen. In der Freske von Monsieur Plume /RC/OTM versammeln sich schwarz verhüllte Gestalten um einen Tisch, auf welchem ein rotes Buch liegt, nach dem eine Person zu greifen scheint. Die Gruppierung schwarz vermummter Gestalten geben den Anschein, als ob eine Verschwörung im Gange ist. Zum linken Rand liegt eine vereinzelte Sprühdose auf dem Tisch, während auf der anderen Seite ein Vermummter mit Schläger neben einer stehenden Person sitzt, die das Wort ergreift. Worüber diese Personen diskutieren ist nicht zu erfahren.

Das Straßenkunstwerk erinnert von der Komposition sehr an das letzte Abendmahl. Konspirativ und mysteriös schweigen diese Gestalten und sind seitdem auch schon vergangen, von unzähligen neuen Graffitis überdeckt. Dafür hebt sich ein leitendes Thema der Black-Lines Edition deutlich ab: Zensur und Meinungsfreiheit. Im folgenden mit dabei: Slyz, Bricedu, Torpe und Vince

Gesellschaftskritik im Streetart: Die Medienkritik

  • Gesellschaftskritik Streetart, Kind posiert vor Straßenkunstwerk "Autozensur" von Vince, Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart, Zwei Hände, Rotes Schild, Schriftzug "Autozensur", Medienkritik, Hall of Fame Rue Ordener Vince, zehn Meter lang Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart Weitaufnahme Streetart-Werk von Vince "Autozensur" "Garantiert ohne Barbara Streisand Effekt" Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart, Bild Mikrowelle mit Möhren, Schriftzug "Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Info, kein Gerücht!" Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart Schriftzug ""Möge die Macht mit den nächsten Generationen sein" Künstler Barth le Sablier, Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart, Fernsehkritik, Shriftzug "Gesehen im Fernsehen", "Fabrik des Konsens" "dreimal effektiver", Rand der Freske Autozensur von Künstler Vince Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,

In dem Meisterwerk des Pariser Sprühers Vince halten auf einer zehn Meter langen Fläche zwei Hände ein rotes Schild, auf dem „Autozensur“ geschrieben steht. Der Satz darunter besagt: „Diesmal wird es die Stadtverwaltung nicht wegmachen…„. Und spielt damit wohl auf die Aktion der Stadtverwaltung an, als die letzte Black Lines Zusammenkunft grau übermalt wurde. Unten rechts liest sich sarkastisch:Angereichert an sozialer Kontrolle„. In der Bildserie ist die vollständige Größe der Freske zu sehen. Oben steht dabei: „Garantiert ohne Barbara Streisand Effekt„.

Beim Barbara Streisand Effekt handelt es sich um eine unerwünschte Information, deren Vertuschungsversuche nur dazu führen, dass die Information umso bekannter wird. Dieses Effekts bedarf es dabei bei diesem Kunstwerk nicht, denn: die Passanten reagierten alles andere als gleichgültig. Sie nutzten die Gelegenheiten, mit dem Straßenkunstwerk ein Selfie zu machen.

Straße mit Passanten an der Graffiti Hall of Fame von Paris / Rue Ordener, im Norden der Hauptstadt, 18. Bezirk, HipHopcity, 1SEAt Graffiti, MDC Graffiti, VO Graffiti,
So sieht die Graffiti Hall of Fame von Paris an der Rue Ordener normalerweise aus: viele Blockbuster-Graffiti und Alteingesessene. Denn auch wenn an der Hall of Fame Rue Ordener das Sprühen erlaubt ist, so sind die Flächen in erster Linie den alten Crews (TPK, KO, UV, ABC, CKT) vorbehalten. (Foto: Urbanauth / VGO / 2021)

Das Verhalten der Medien gegenüber der Sozialbewegung wurde mehrmals kritisiert. Zwischen Sensations-Journalismus und kommerziellen Interessen. Der französische Mediewatchblog Acrimed bringt jedes Jahr in Zusammenarbeit mit der Zeitung „Le Monde diplomatique“ eine Karte der Medien heraus. Darin klären sie über die Inhaberschaften und Vernetzungen der Medienhäuser auf.

„Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Info, kein Gerücht!“

„Les Medias vivent quand la rue meurt. C’est une info, pas une rumeur !“ – gesellschaftskritische Streetart-Freske Black-Lines Jam 2019

Gesellschaftskritik im Streetart: die französische Medienlandschaft

Gesellschaftskritik Streetart, Bild Mikrowelle mit Möhren, Schriftzug "Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Info, kein Gerücht!" Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
Eine Frau läuft mit ihren Einkäufen die Graffiti Hall of Fame von Paris an Rue Ordener entlang. Auf der Mikrowelle ist es 13:12 Uhr. Möhren mit Namen der großen kommerziellen schmoren, während der Schriftzug besagt: „Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Information und kein Gerücht!“ (Foto: Urbanauth / VGO / 2019)

Gesellschaftskritik im Streetart: Medienkritik. Die Frau auf dem Bild läuft an einem in dünnen schwarzen Linien gesprühten Fernseher vorbei. Ein Timer zeigt die Ziffern 13:12 an, während Drähte an der seitlichen Schale zu Dynamitstangen führen. Im Gerät liegen drei Karotten mit Namensschildern darunter: Eine für TF1, welche der Gruppe Bouygues gehört; eine andere für CNEWS, die in Verbindung zur Gruppe Bolloré steht; und die letzte geht an BFM(-TV). Diese drei Fernsehsender gehören privaten Investoren. Mit darunter versammelt die Crème de la Crème der französischen Wirtschaftselite: Vincent Bolloré, Martin Bouygues

Nicht umsonst skandiert ein Schriftzug auf der oberen Seite: „Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Info. Kein Gerücht!„. Denn an den Krawall-Samstagen des 1., 8. Dezember 2018 und 16. März 2019 gingen die Zuschauerzahlen bei den Fernsendern durch die Decke. Es gilt anzumerken, dass dabei nicht alle Medien gleich unbeliebt sind. So haben die Gilets Jaunes Respekt vor unabhängigen Journalisten und Formaten. Die Sozialbewegung zeigte sich immer wieder solidarisch mit Journalisten, welche von staatlicher Seite eingeschüchtert wurden. Wir berichteten darüber.

Gesellschaftskritik im Streetart in Frankreich, Black Lines stellt die Frage: Was wird aus der Meinungs- und Pressefreiheit?

Das Straßenschild „Platz der Meinungsfreiheit„, einem aufgeklebten Poster, ist auf dem linken Bild von Stacheldraht umgeben. Zwei Überwachungskameras deuten dabei sinnbildlich auf das Schild. Währenddessen hält ein kleiner, schelmisch lächelnder Bär darunter sitzend eine Granate in der Hand. Wann diese wohl in die Luft geht?

Bei der Guillotine, einer Erfindung aus den Zeiten der Französischen Revolution, handelt es sich um ein Fallbeil, mit dem unter anderem der König Ludwig XVI geköpft wurden. Dieses ist im linken Bild auf einen Bleistift gerichtet, auf dem der Name des veranstaltenden Vereins steht. Während die erste Graffiti-Jam unter dem Motto: „Gelber Winter“ von der Stadtverwaltung grau überstrichen wurde, liegt der Fokus dieser Jam auf der Meinungsfreiheit.

Die Künstler wurden in ihrer Ehre angegriffen – doch nicht nur vonseiten der Graffiti-Szene ist die Unzufriedenheit spürbar. In einem offenen Brief Anfang Mai 2019 rief das Kollektiv YellowSubmarine dazu auf, sich mit sozialen Protestbewegungen der Gilets Jaunes zu solidarisieren und nicht vor den Gewalttaten wegzuschauen. Das Kollektiv besteht aus Künstlern verschiedener Disziplinen. Ihre Petition verzeichnete über 27.000 Unterschriften.

Gesellschaftskritik im Streetart: Gilets Jaunes und Polizeigewalt

„Die Sprüher holen die Farbdosen – Der Staat den Kärcher“

„Les graffeurs sortent les bombes – l’état sort le Karcher.“ by Slyz, Black-Lines Jam 2019

Der Künstler Slyze (rechts) spricht mit seinem Bild unter der Vorlage von Bsaz, die Polizeigewalt an. Auf diesem Straßenkunstwerk an der Hall of Fame ist ein Polizist zu sehen, welcher mit einem Knüppel auf einen Demonstranten einzuschlagen scheint. „Resistance“ steht auf seinem Rücken geschrieben. Die rote Banderole im Hintergrund, welche sich vor schwarzen Rauchschwaden emporhebt, sagt aus: „Die Sprüher holen die Farbdosen raus“ – Ein Aufruf, die Stadt in Farbe zu tauchen, und zivilen Ungehorsam zu zeigen? Auf dem unteren Schriftzug steht: „Der Staat holt den Kärcher raus„.

Fakt ist, dass Putzkolonnen in den Stunden nach den Großdemonstrationen den öffentlichen Raum aufräumen. Am nächsten Tag verschwinden dabei bereits die ersten Taggs von den Wänden und Holzabschirmungen der Geschäfte und bilden Flickenmuster. Manche Straßenzüge werden dabei so sauber gehalten, dass binnen einiger Tage bereits alle Spuren ausdruckshafter Raumaneignungen verschwinden. Den Kärcher konnte Urbanauth dabei am Sonntag nach dem 16. März in Aktion sehen, als Arbeiterkolonnen die Schäden an den Champs-Elysees im Eiltempo zu reparieren versuchten.

Gesellschaftskritik im Streetart: Die Debatte über Gewalt

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Gesellschaftskritik im Streetart: Eine Frau mit einer Fahne wird von Journalisten belästigt, die wissen wollen, ob sie die Gewalt im Zusammenhang mit der Gelbwestenbewegung kritisiert. Die Frau stellt die Ikone „Marianne“ dar, dem französischen Symbol der Revolution.

Auf dem linken Bild ist das Abbild einer Marianne zu sehen, welches von dem Künstler Torpe gestaltet wurde. Die Marianne ist eine Symbolfigur der Französischen Revolution. Das Gesicht grimmig, in einer Hand die französische Flagge und in der anderen ein Gewehr haltend, findet sie sich von Journalisten umringt. Geradezu verurteilend scheinen sie, wie sie fragen: „Die Gewaltausschreitungen, Verurteilen Sie sie?“ „Also die Gewalten, verurteilen sie die?„Verurteilen Sie die Gewalt„.

Dieses gesellschaftskritische Werk kann auch als Interpretation des öffentlichen Druckes auf die Demonstranten verstanden werden. Die freiheitsliebende Marianne gerät in Bedrängnis und hat sich vor den Medien für die Gewalt zu rechtfertigen. So kommt ihrer Meinung nach die schwerste Gewalt vom Staat selbst, in Form von physischer Gewalt: während den Demos oder in den Vororten, aber auch in psychischer Form: Wie etwa bei Kürzungen von Sozialhilfen, der Rente oder der Schließung von öffentlichen Institutionen und privaten Unternehmen. Dies führt zu der Wahrnehmung des „Ungehöhrt-Seins“ vonseiten der Politik.

Gewalt während der Sozialbewegung der Gilets-Jaunes: Eine kleine Fotoserie

Die all samstäglich wiederkehrende Gewalt auf den Demonstrationszügen ist ein großes Thema unter den Anhängern der Gilets-Jaunes-Bewegung. Um im Folgenden einen besseren Einblick in die gesellschaftskritischen Kunstwerke erhalten, eine kleine Fotoserie:

Die Gewalt, welche sich auf beiden Seiten abspielte, zeigt eine tiefe Fraktur in der französischen Gesellschaft.

Der unabhängige Journalist David Dufresne, welcher Zeugenaussagen und Videomaterial zur Polizeigewalt seit dem Beginn der Gilets-Jaunes Bewegung sammelt, kommt Ende Mai 2019 auf nicht weniger als 803 Verstöße. Und seitdem kamen immer wieder neue Fälle hinzu. Ende 2019 wird der französische Staat von 2500 verletzten Demonstranten während den Unruhen der Sozialbewegung sprechen.

Da ist aber jemand wütend: 600 Milliliter Neongelb ins Gesicht.(Urbanauth / 2019)

Und auch der Künstler, bei dem es sich möglicherweise um Koz1 handelt, scheint die Geduld mit dem Staat verloren zu haben. So stopft in Hip-Hop Kleidung sein wütender Affe einem karikaturesken Präsidenten eine 600- Milliliter High Pression-Sprühdose in den Mund. Natürlich in Neongelb. Das fetzige GJ„-Graffiti im Hintergrund, die Initialen der Bewegung. Auf der vom malträtierten Staatsmann weg-wehenden Krawatte steht: „Kunst ist öffentlich. Marsch zurück. Das „En marche arrière“ nimmt dabei Gegenstellung zum Namen der regierenden Partei: „La République en marche“ (/LREM), welches näherungsweise mit „Die Republik in Bewegung“ übersetzt werden kann. Eine Ansage, die möglicherweise in Bezug zu den Kürzungen im Budget von Bildung und Kultur, sowie einer Degradierung der Arbeitsbedingungen in verschiedenen Arbeitssektoren zu tun hat.

Aber…

Jemand hat noch ein Wort mitzusprühen

Graffiti? Gilets Jaunes? – Okay

Aber hier? – Falsche Adresse

TPK, unter anderem bekannt als „The Poor Kids“ oder „The Psychopath Killers“ – eine der berüchtigtsten Graffiti-Crews der französischen Hauptstadt, waren nicht so ganz einverstanden mit Black Lines. Die Crewmitglieder: „Relax, Craze, Eby, Keas, Blod, eyone, Knyze, casos“vzeigten das wenige Tage später nach der Veranstaltung. Die Hall of Fame an der rue Ordener ist dafür bekannt, den alteingesessen Sprüher-crews zu gehören. Greenhorns und Fremde sind unerwünscht. Auch, wenn die Graffiti-Szene der Gilets-Jaunes Bewegung Nahesteht. Und die Stadt für sie samstäglich zum Spielplatz wurde, so sind die Wände an der Rue Ordener von hoher Bedeutung für die eingesessenen Crews. Thematisch passend wird dabei im ersten Bild in Gelb und nachlässigem Buchstabenstil über das Werk gesprüht. Die verschonte Botschaft besagt: „Die Revolution ist die Offenbarung eines Horizonts“.

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  • Gesellschaftskritik Streetart vollgetaggt mit Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart, Fernsehkritik, Shriftzug "Gesehen im Fernsehen", "Fabrik des Konsens" "dreimal effektiver", Rand der Freske Autozensur von Künstler Vince Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,

Auf dem zweiten Bild ist die Aussage des Künstlers Adam Yuul ebenfalls erspart geblieben. In roter Schrift warnt er vor drei Epidemien: Castagnitis, Rugyole und Penicose. Die erste ist auf Christophe Castagner, seines Zeichens Innenminister und Parteivorsitzender der LREM bezogen, während mit Francois de Rugy der Umweltminister und Muriel Pénicaud die Arbeitsministerin bezeichnet werden. Im Zusammenhang mit den Forderungen: Inneres – man denke an die Polizeigewalt und provisorischen Gewahrsame sowie Überwachung. Ökologie – welche Macron in seinem Wahlprogramm bewarb, ohne Erfolge vorzuweisen. Arbeit – eines der Grundmotive für die Entstehung der Gilets Jaunes ist die sinkende Kaufkraft in Verbindung mit den Löhnen und großen strukturellen Unterschieden im Land. Die Freske kann dabei als Kritik an den politischen Entscheidungen mancher Amtsträger verstanden werden, weswegen der Künstler abschließend warnt, nicht ohne die gelbe Weste aus dem Haus zu gehen.

Mit einem tollen Endergebnis hat das Black-Lines Kollektiv Gesellschaftskritik im Streetart bewiesen. Die Sozialbewegung der Gilets-Jaunes (2018-2019) offenbarte eine tiefe Fraktur in der Gesellschaft, welche die verschiedenen Künstler auf schöner Weise interpretiert haben. Black-Lines hat im Anschluss zu der Jam an der Graffiti Hall of Fame von Paris, Rue Ordener weitergemacht. Doch was sie noch zu sagen haben, gibt es wann anders zu erfahren.

Anmerkung: Die Schriftzüge und Zitate auf den Wänden wurden frei übersetzt und an das Deutsche angepasst. Die Bildinterpretation ist nur eine von mehreren möglichen Betrachtungswinkeln.

Grand-Paris: Wo wohnen Gold ist, sind Miethaie nicht weit

Grand-Paris: Wo wohnen Gold ist, sind Miethaie nicht weit

Vom Zentrum von Paris ausgehend, zum angrenzenden, reichen Neuilly-sur-Seine im Westen und dem armen Departement der Seine Saint-Denis im Norden, sowie der berüchtigten Wohnanlage Grigny 2 im Süden. Das Grand-Paris ist ein Sammelbecken für skrupellose Miethaie.

Der wichtigste Ballungsraum von Frankreich mit seinem Wohnungsmangel und Bevölkerungszuzug bietet den Nährboden für dubiose Geschäftspraktiken. Und auch wenn die französische Regierung sich des Problems seit langem bewusst ist, bleibt es nur schwer in den Griff zu kriegen.

Der Ballungsraum des Grand-Paris ist ein Sammelbecken für Miethaie

Eine würdevolle Unterkunft für seine Bewohner ist wichtiger Bestandteil einer gerechten Stadt. Dass dies nicht immer der Fall ist, wird vor allem in den Metropolen und Hauptstädten sichtbar. Während Miethaie in Deutschland vor allem in Form von großen Immobilienkonzernen bekannt sind, so nehmen sie im Ausland bisweilen andere Erscheinungsformen an. Ob Irlands Miethaie in Dublin, welche als „Slumlords“ bekannt sind oder den „Marchands de sommeil“ in Frankreich: „Wo Wohnen Gold ist, sind die Miethaie nicht weit“.

Gentrifizierung und räumliche Segregationsprozesse knüpfen dabei an den wirtschaftlichen Motor der Hauptstadt. Die Arbeitsplätze im Zentrum, Flughäfen und dem Geflecht an Industrie und Handel führen zu einer starken Anfrage an billigen Arbeitskräften. Dies hat Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt. Die durch die Nachfrage hohen Mietpreise ermöglichen dabei lukrative Mieteinkünfte auf Kosten des Wohlergehens der Vermieter.

Und den Miethaien mangelt es nicht an kriminellem Einfallsreichtum. Ob alternde, nicht instandgehaltene Häuser, wie im Fall der eingestürzten Häuser in Marseille; Hausmädchenzimmern in Paris oder der Aufteilung einer Wohnung in mehrere separate Wohneinheiten wie im Fall der Banlieues: das Übel hat viele Gesichter.

Was genau ist ein französischer Miethai?

Die „Plaine Saint Denis“ beinhaltet die Kommunen Saint-Denis, Auberviliers und Saint-Ouen. In dieser Zone sind besonders viele Miethaie zu finden. Dieses baufällige Haus steht in der Nähe des Turmes Pleyels, einem gigantischen Stahlkoloss. (Urbanauth / VGO / 2019)

Die französischen Miethaie werden im Sprachgebrauch als „Marchands de sommeil“ bezeichnet. Wortwörtlich übersetzt bedeutet dies „Schlafhändler„. Der Begriff hat dabei keine juristische Bedeutung. So kann er sich auf Einzelpersonen oder Gruppen beziehen. Um einer Kontrolle zu umgehen, ziehen die Miethaie Barzahlungen vor.

Wenn Sie Blut riechen, kommen Sie angeschwommen. Die Miethaie im Grand-Paris. Von den „Chambres de bonnes“ in Montmarte zu den „Taudis“ der Vororte. Man kennt Sie als die „Marchands de sommeil“. Diejenigen, welche nichts weniger als Schlaf verkaufen.

Beschreibung eines französischen Miethaies

Dabei muss zwischen den Motiven der Miethaie unterschieden werden. Die „professionnellen Miethaie„, Besitzer mehrerer Mietobjekte zu überzogenen Quadratmeter-Preisen. Die Räumlichkeiten befinden sich oft in einem gesundheitsschädlichen bis lebensgefährlichen Zustand. In manchen Fällen wird sogar nicht davor zurückgeschreckt, Matratzen stückweise zu vermieten. Diese Sorte erinnert an die Miethaie aus Dublin, den „Slumlords“.

Auf der anderen Seite betrifft dies aber auch prekäre Eigentümer. Oft im Besitz von wenigen Wohneinheiten im selben Wohnhaus, führen die teuren Hauskosten zu unerwartet hohen Kosten. Die Räume werden oft an Menschen aus demselben kulturellen Hintergrund oder mit irregulärem Aufenthaltsstatus vermietet. Solche Fälle können im größeren Ausmaße aber ebenso Netzwerken von Menschenschmuggel dienen. Zum Beispiel in Form von Hinterhof- und Wohnateliers für Schwarzarbeit.

Was sind die Faktoren im Grand-Paris, welche das Aufkommen von Miethaien fördern?

Faktoren, die das Aufkommen von Miethaien fördern, sind vielfältig:

  • Die exorbitanten Mietpreise in Paris fördern die Untervermietung von Hausmädchenzimmern. Diese befinden sich in den letzten Etagen der Gebäude und weisen oft mangelnde Wohnfläche, sowie Sanitäranlagen auf.
  • Die wirtschaftliche Bedeutung vom Grand-Paris als „Jobmotor“ führt zu einer hohen Anfrage auf dem Wohnungsmarkt. Industrie, aber auch die Flughäfen, sowie der Warenumschlagsplatz Rungis benötigen ein hohes Maß an billigen Arbeitskräften. Aber auch Universitäten und Ausbildungsplätze führen zu einer Anfrage vonseiten von Studenten.
  • Prekarität: Die Betroffenen haben oft keine andere Möglichkeit, als auf das Angebot der Miethaie zurückzugreifen. Geringverdiener, Studenten, Familien und Personen mit einem irregulären Aufenthaltsstatus sind besonders betroffen.
  • Mangelnde Kontrolle: Skrupellose Vermieter, welche sich ihre Mieteinnahmen in Bar aushändigen lassen, sind oft schwer zurückzuverfolgen. Im Falle eines Gerichtsurteils kann es passieren, dass der Angeklagte weder auftaucht noch vertreten wird. Das Kontrollieren der Wohneinheiten kann sich außerdem als schwierig erweisen. Oft stehen die Betroffenen in einer misstrauischen Beziehung zu den Behörden. Außerdem ist die sofortige Bereitstellung einer würdevollen Unterkunft eine Belastung für die Kommunen.
  • Gebiete mit alten baufälligen Gebäuden: Sie bieten den Nährboden für die Miethaie. Oft in abgelegenen Orten vom letzten Stock im Zentrum der Stadt zu verwahrlosten Einzelhäusern und Plattenbauten in den Siedlungen der Peripherie.
  • Bevölkerungsdichte ärmere Kommunen: Sie ermöglichen es den Miethaien unentdeckt zu agieren. Oft deckt sich die Nachfrage mit den Profil- und Gebietstypen. Den einkommensschwachen Kommunen fehlen dabei oft die Gelder, um die Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben zu überwachen.

Das Grand-Paris und der Wohnungsbedarf

Elendswohnung oder Mietobjekt? Miethaie vermieten alles

Der unsachgemäße Zustand einer Wohneinheit kann vielfältige Formen annehmen.

  • Gesundheit und Sicherheit des Gebäudes (Struktur, Brandschutz, Verkabelung, Abdichtung und Wärmedämmung)
  • Spezifische Gesundheits- und Sicherheitsrisiken (Blei-, Asbest-, Strom- oder Gasnetz…)
  • Gebietsspezifische Verortung (ungeeignete Lage in z.B. der Nähe von Industrie- und Lärmzonen, sowie Abfalldeponien, verseuchte Grundböden, kann jedoch auch die Lage im letzten Stockwerk ohne Aufzug betreffen)
  • Gemeinschaftliche Ausstattung (Abfall- und Abwasser-Evakuierungssysteme und -Verbindungen, aber auch z.B. funktionierende Fahrstühle)
  • Nutzung und Instandhaltung der Räumlichkeiten (schädliche Aktivitäten, Sauberkeit, leichte Instandhaltung, Anwesenheit von Insekten, Nagetieren, aber auch Pilzen und anderen gesundheitsschädlichen Verunreinigungen)
  • Kein aufgeführter Eigentümer (stille Besetzungen sowie Übernahmen von leerstehenden Wohnungen zu kommerziellen Zwecken)
Eine Straßenkreuzung am Hang des Montmartre im 18. Bezirk von Paris. Keine 200 Meter entfernt, versteckt im letzten Stockwerk eines haussmannischen Gebäudes, mehrere Elendswohnungen. Die Betroffenen, oft nur temporäre Stadtbewohner: Studenten und Wanderarbeiter schweigen. Die teuren Preise und geringe Wohnfläche werden in Kauf genommen. Der allgemeine Mangel an erschwinglichem und würdevollen Wohnraum verstärkt die Gewinnrendite mit den Bedienstetenzimmern für Miethaie. (Urbanauth / VGO / 2020)

Räumliche Unterscheidungen: In welchen Gewässern schwimmen die Miethaie des Grand-Paris?

Um das Problem der französischen Miethaie in seiner Gesamtheit zu verstehen, gilt es sich der verschiedenen räumlichen Gegebenheiten bewusst zu werden. Elendswohnungen manifestieren sich in Clustern und besitzen eine ihrer Umgebung angepasste Erscheinungsform. Diese können sein:

  • Der Nischenwohnungsmarkt mit den Hausmädchenzimmern: Bekannt unter dem Namen „Chambres de bonnes“ sind diese ehemaligen Bedienstetenzimmer zu einer Goldgrube für skrupellose Vermieter geworden. Dies betrifft vor allem extrem bevölkerungsdichte Zonen mit alten hochstöckigen Gebäuden. Ohne Sanitäranlagen und auf engstem Raum teilen sich die Bewohner die Toiletten auf dem Flur. Dies betrifft vor allem Studenten und Wanderarbeiter.
  • Baufällige Einzelhäuser: Diese werden oft in mehrere Wohneinheiten aufgeteilt und gestückelt vermietet. In einem schlechten Bauzustand und aufgrund mangelnder Instandhaltung stellen sie eine Gefahr für das Wohlergehen der Bewohner dar. Sie können auch die Form von Räumen einnehmen, in denen Matratzen auf 24-Stunden Basis vermietet werden.
  • Aufteilung von Wohnungseinheiten: In gewissen Wohnanlagen mit hohen Hauskosten und einer starken Prekarität, werden Wohnungen in mehrere z.B.15 Quadratmeter große Flächen aufgeteilt und zu überteuerten Preisen vermietet.
Hinter dem Autobahnring an der „Porte de la Villette“ im 19. Bezirk von Paris, liegt der Vorort Aubervilliers. Mit seiner veralteten Infrastruktur, ehemaligen Industriezonen und baufälligen Gebäuden, versprechen Elendswohnungen Nähe zur Hauptstadt. (Urbanauth / VGO / 2020)

Potenzielle Problemzonen ausmachen

Wenn du einen Miethai im Grand-Paris jagen würdest; wo würdest du dich auf die Lauer legen?

Dort wo es eine Elendswohnung gibt, liegt die Nächste schon um die Ecke. Denn Miethaie kommen nicht allein und sie investieren lokal. Schnell können sich dabei ganze Straßen und sogar Stadtviertel in Clustern an Elendswohnungen verwandeln (vgl. Weekly Urbanauth / Stadtviertel Saint-Jacques in Perpignan). Um Problemzonen in Siedlungen auszumachen werden folgende Kriterien genutzt:

  • eine hohe Zahl potenziell baufälliger Einfamilienhäuser,
  • eine große Zahl von Wohneinheiten, die im Zuge der Umstrukturierung bestehender Gebäude entstanden sind
  • ein Transaktionspreis für Einfamilienhäuser, der unter dem Durchschnitt des Departements liegt.

Welche Maßnahmen gegen unwürdige Wohnungen?

In Frankreich wurde mit den Gesetzen der „Loi Carrez“ und „Loi Boutin“ versucht den Mietmarkt zu regulieren. Mindesthöhe von 1,80 Meter und einer festgelegten Minimumwohnfläche. Diese beträgt 8 Quadratmeter. Treppenstufen, Fenstersimse und Kellerräume werden aber nicht mitgezählt. Jahre später sieht die Situation nicht besser aus. Der Markt mit den Mini-Zimmern floriert anhand von Airbnb und Kleinanzeigen.

In manchen Kommunen von Frankreich wurde ein „Vermieter-Führerschein“ eingeführt, um den Mietmarkt besser beaufsichtigen zu können. Darunter: Aubervilliers, Saint-Ouen und Saint-Denis. Aber auch Marseille mit seinen alten Wohnhäusern hat sich dieser Initiative angeschlossen. Außerdem wurden in dem Aktionsplan gegen die territorialen Ungleichheiten der nördlichen Banlieues von Paris 2019 mehr Mittel zur Kontrolle von Mietobjekten versprochen.

Auch der Bedarf einer Genehmigung zum Ausbau oder der Teilung einer Wohnfläche, soll helfen das Phänomen zu unterbinden. Ohne Kontrolle erweisen sich diese Maßnahmen jedoch als mangelhaft.

Oft bleibt es den Bürgermeistern der Kommunen überlassen mit dem Problem fertig zu werden. Doch auch die Kontaktaufnahme zu den Miethaien gestaltet sich als problematisch. Als letztes Mittel können die Beamten jedoch ein Gerichtsverfahren anstreben. Den Miethaien drohen dabei empfindliche Geld- und Gefängnisstrafen. Das Problem verweilt jedoch bei der Gerichtsbarkeit, Durchsetzung und Mieterschutz.

Im Grand-Paris, da schwimmen die Miethaie zu Hunderten

Saint-Ouen ist eine nördlich an Paris grenzende Kommune. Bekannt und beliebt für seinen „marché-aux-puces“, einem originellen Flohmarkt am Rande der Ringautobahn. Zwischen sozialen Brennpunkten und alternden Häusern: skrupellose Vermieter schaffen es oft unter der Hand zu vermieten. In dieser Banlieue und ehemaligen Industrieort, wo es viele Arbeiterbaracken gab, finden sich gute Bedingungen für Miethaie. Dies kann bisweilen katastrophale Auswirkungen haben, wie regelmäßige Brände aber auch Häusereinstürze aufzeigen. (Urbanauth / VGO / 2020)

Unsere Jagd beginnt in der Hauptstadt selbst

Würdest du für diese Aussicht in einem sechs Quadratmeter Zimmer wohnen? Der Blick aus einer Elendswohnung von Montmartre im 18. Bezirk von Paris. Die klassischen Häuserdächer im Vordergrund grenzen sich in der Dämmerung von Wohnhaustürmen der Cité Riquet im 19. Bezirk ab. Das im Norden von Paris gelegene Montmarte, besitzt einen hohen, potenziellen Bestand an Elendswohnugen. (Urbanauth / VGO / 2019)

Der zwielichtige Wohnungsmarkt mit den „chambres de bonnes“, den Hausmädchenzimmern in den letzten Stockwerken der Gebäude, hat eine eigene Nische an Vermietung geschaffen.

Urbanauth konnte einen solchen Bestand an Wohnungen im 16. und 18. Bezirk von Paris feststellen. Auf der Schattenseite des Sacre Coeurs und den Hängen von Montmartre verbergen die Bedienstetenzimmer prekäre Lebenszustände. Mit weniger als sechs Quadratmetern Wohnfläche bleibt als einziges oft nur der Ausblick aus dem Fenster. Für alles andere müssen Einbußen in Kauf genommen werden.

Der Skandal von Neuilly-sur-Seine:
Gierige
Miethaie und die Bedienstetenzimmer

In einem ähnlichen Kontext deckte die Zeitung Liberation Anfang 2020 ein riesiges Netzwerk von 120 Bedienstetenzimmern in den letzten Stockwerken, der größten privaten Wohnungseigentumsanlage von Neuilly-sur-Seine auf. Diese sehr betuchte Banlieue im Westen von Paris, ist dafür bekannt auf kommunaler Ebene Strafgelder zu zahlen, um die Quotas des sozialen Wohnungsbaus zu umgehen. In direkter Nähe zum Finanzsektor von La Defense, die reichste Stadt Frankreichs.

Auch im reichen Vorort von Neuilly Sur Seine findet man Miethaie. (Foto: Urbanauth / VGO / 2019)

Das Grand-Paris und seine Miethaie: Egal ob in armen oder reichen Kommunen. Sie sind überall.

Zweifelhaften Vermietungen der Zimmer im siebten Stock der Residenz Saint-James führten dabei zu Spannungen. Die illegale Anbringung von zusätzlichen Sanitäranlagen hatten zu einem Wasserschaden bei den Besitzern der unteren Wohnung geführt. Die Journalisten deckten dabei hinter den Türen des gepflegten Flures unmenschliche Zustände auf.

So hatte ein Mieter 2019 vor Gericht einen Mietvertrag eingeklagt, nachdem er bereits seit 18 Jahren unangemeldet in dem Zimmer gewohnt hatte. Eine andere Szene erweckte den Eindruck von Zeiten der beginnenden Industrialisierung, mit Personen welche sich schichtweise Räume teilten.

Die Bewohner haben meistens nicht die Wahl umzuziehen. Sie sind auf die niedrigen Mieten angewiesen, die zwischen 190 und 600 € angesiedelt sind. Solche Miethaie, welche aus Profitgier jeden Quadratmeter rentabilisieren, tragen als Vermieter einen wichtigen Teil zur Prekarisierung einer Bevölkerungsschicht bei, der die finanziellen Mittel fehlen, sich einen zum Leben angemessenen Wohnraum leisten zu können.

Vor der Existenz des Grand-Paris gab es bereits Miethaie in Grigny

Grigny2 das urbanistische Monster aus der Essonne (91)

Es ist das Jahr 2007. Zwei Jahre vor der Bekanntgabe der Pläne des Grand-Paris, doch die Miethaie hatten bereits in Grigny und Umgebung Fuß gefasst. (Foto: Poudou99 / CC-BY-SA-3.0 / via Wikimedia Commons)

Grigny ist eine der ärmsten Kommunen von Frankreich. Mit fünf Quadratkilometern Fläche und einer Bevölkerungsdichte von 5000 Einwohner pro km², beherbergt diese Kommune des Departements der Essonne (91) ein urbanistisches Monster.

Grigny2 ist der Name einer privaten Wohnanlage im Zentrum von Grigny. Das ebenfalls prekarisierte Viertel der „Grand Borne“ grenzt direkt an. Mit seinen 17.000 Bewohnern ist Grigny2; ein extrem kompakter Wohnraum.

1969 aus dem Boden gestampft, sollten die 5000 Wohnungen für die gehobenen Bediensteten der Flughäfen und -gesellschaften dienen. Die Pläne für eine der größten privaten Wohnanlagen schlug fehl. Als Privateigentumsanlage gedacht, begannen ärmere Bevölkerungsteile Wohnungen zu kaufen und Miteigentümer zu werden.

Doch die hohen Hauskosten begannen den Eigentümern schnell zur Last zu fallen. Die unbezahlten Beiträge und Mietrückstände einer fragilen Bevölkerung führten dabei zu einer hohen Verschuldung der Wohnanlage. Mietausfälle führten zur Aufgabe von Immobilien und Leerstand. Die Instandhaltung stagnierte und führte zur Verwahrlosung der umliegenden öffentlichen und privaten Flächen. Grigny 2 befand sich im freien Fall.

Der Wandel vollzog sich der Zeitung LeParisien zufolge dabei in mehreren Etappen. Eine erste Prekarisierung des Wohnviertels geschah mit dem Verkauf der Wohnungen in 1980. Knapp zehn Jahre nach seiner Fertigstellung.

Das Grand-Paris und seine Miethaie: am untersten Teil der Leiter angekommen

Stadtviertel La Grande Borne in Grigny. Der Ort ist der Platz de la Treile. Blauer Himme. Alte Aufnahme.
Diese Aufnahme aus 2007 – Place de la Treille im Stadtviertel der Grande Borne. Dieses grenzt direkt an Grigny-Centre. Die Häuser haben sich im Vergleich zu aktuellen Google Streetview Aufnahmen nicht wesentlich verändert. (Foto: Nioux / CC-BY-SA-3.0 / via Wikimedia Commons)

In den Jahren nach dem Millennium berichtet die Zeitung Libération von einem ersten Auftreten des Phänomens der Miethaie. Die Anlage verwahrlost. Zu groß, beginnen Teile leer zustehen. Sie ereilt damit ein ähnliches Schicksal wie Bauten in Hannover oder Neapel. Stille Besetzungen und Wohnungsübernahmen führten zum Beginn eines unregulierten Schattenwohnmarktes.

Dem letzten Bericht des französischen Rechnungshofes zufolge ist Grigny eine der ärmsten Kommunen von Frankreich. In 2015, betrug die Arbeitslosigkeit dort 24 %. Der Prozentsatz der Bevölkerung welche in Armut lebt, lag dabei bei 45 %. Allein erziehende Eltern mit einem schwachen Steueraufkommen finden sich dabei einer strukturell benachteiligten Umgebung ausgesetzt.

2007 folgte dann eine weitere Destabilisierung der Lage durch die Wirtschaftskrise. Der Nährboden für skrupellose Miethaie konnte nicht fruchtbarer sein. Zumal 2005 die urbanen Ausschreitungen den Blick auf andere gesellschaftliche Probleme ausrichteten.

Das staatliche Medium France 3 hatte zu Beginn von 2019 den Bürgermeister Philippe Rio (PCF) in der Wohnanlage angetroffen. Dieser schätzte den Anteil der von den Miethaien besessenen Elendswohnungen auf zehn Prozent. Obwohl exakte Zahlen schwierig zu nennen sind, betrifft dies potenziell 500 Wohneinheiten von Grigny 2. Der Bürgermeister heißt dabei das administrative Werkzeug des „Vermieter-Führerscheins“ willkommen. Auch die Gerichte von Evry-Courcouronnes, Bobigny und Cergy nehmen sich immer mehr Fälle von Miethaien an.

Ein Jahr nach dem Interview wurde ein Ingenieur aus Grenoble zu einer einjährigen Haft- und 30.000 Euro Geldstrafe in Abwesenheit verurteilt. Er hat eine Wohnung in zwei 15 Quadratmeter-Einheiten geteilt und an bedürftige Frauen vermietet. Dies berichtete die Nachrichtenseite ActuEsonne.

Wenige Monate zuvor wurde eine Frau verurteilt. Tätig im Finanzbereich, hatte sie eine Wohnung halbiert und in zehn Quadratmeter Stücke geteilt. Für Preise zwischen 400 und 500 Euro pro Monat, erhoffte sie sich gute Einnahmen.

Das Grand-Paris und seine französischen Miethaie unterscheiden sich von denen in Berlin

Was für Unterschiede gibt es zu Deutschland?

Auch wenn das Phänomen der Miethaie sich in Deutschland hauptsächlich auf Immobiliengroßkonzerne und deren Geschäftspraktiken bezieht (in gewissem Maße „Corporate Miethaie), gibt es auch in Deutschland Einzelpersonen, welche aus dem Wohnungsmarkt Rendite schlagen wollen.

Ein wichtiger Unterschied zwischen „Corporate Miethai“ und „Elends-Mithai“ liegt in seiner Beziehung zur Gentrifizierung. Die Corporate-Deutung des Begriffes macht den Miethai für ebendiesen Vorgang verantwortlich. Er steht auch deutlich mehr in Verbindung zum Thema Wohnraum als ein finanzielles Wertobjekt. Die Projektion der Miethaie in Städten wie Berlin vollzieht sich auf die Großkonzerne: Deutsche Wohnen, Vonovia, aber auch die Samwer-Brüder.

Ihnen wird vorgeworfen, wahlweise durch Leerstand oder Renovierungsmaßnahmen die Mietpreise in die Höhe zu treiben. Thematiken wie der Erhalt der sozialen Vielfalt des Stadtviertels mit Milieuschutzgebieten und die Infragestellung des gesellschaftlichen Platzes der Immobilienkonzerne, spielen eine zunehmende Rolle. Außerdem werden regelmäßig Forderungen zur Ausübung des städtischen Vorkaufrechtes durch die Stadt laut gemacht.

Grand-Paris: Miethaie tun der Gesellschaft keinen Gefallen

Im behandelten Fall von Frankreich ist es umgekehrt. Im Grand-Paris ist der Miethai eine Begleiterscheinung der aktuellen Gentrifizierung und bestehenden, urbanen Segregation. Er schwimmt sozusagen mit den exorbitanten Wohnkosten und antwortet auf die Nachfrage spezifischer Zielgruppen.

Der treibende Faktor von den französischen (und deutschen) Miethaien ist somit der erhitzte Wohnungsmarkt. Dieser verspricht Renditen. Doch die Umsetzung geschieht auf gänzlich andere Weise. Während die Gentrifizierung von Stadtteilen in Paris die Preise der Bedienstetenzimmer steigen lässt, führt die urbane Segregation zu einer Verdichtung an Prekarität in der urbanen Peripherie.

Diese Art von Miethaien unterscheidet sich also von der zurzeit gängigen, deutschen Bedeutung. Ein möglicher Grund für das Fehlen der Begriffsdefinition, ist aus urbanistischer Sicht, im Nachkriegsdeutschland zu finden. Durch den Wiederaufbau wurden die Gebäude nach moderneren Standards errichtet. Deutsche Häuser sind somit in ihrer Bausubstanz zumeist jünger und in besserem Zustand. Auch fällt die Fraktur, welche durch das Mobilitätsangebot diktiert wird, deutlich geringer in Berlin als im Großraum vom Grand-Paris aus.

Die urbane Segregation mit den Banlieues sowie der ländlichen Peripherie von Frankreich unterscheidet sich ebenfalls stark von seinem deutschen Nachbarn. In Deutschland sind Städte sozial differenzierter. Sozialwohnungen befinden sich im Besitz der Städte und werden über diese verteilt. Dies trifft auf die französische Realität der zurückgelassenen und ausgegrenzten Plattenbausiedlungen. Dennoch, durch die Gentrifizierung der Großstädte vorangetrieben, verbreiten sich auch in Deutschland zwielichtige Praktiken auf dem Wohnungsmarkt. Plattformen wie AirBnb und Kleinanzeigen mit verheißungsvoll niedrigen Mieten kursieren auch bei uns.

Nicht im Grand-Paris: das Wahrzeichen von Köln, der Kölner Dom. Auch hier gibt es skrupellose Miethaie. (Foto: Urbanauth / VGO ( 2020)

Nicht nur im Grand-Paris gibt es Miethaie

Kölsche Anekdote: Auch im Rhein schwimmen (Miet-) Haie

Eine kleine Anekdote zu meiner Zeit in Köln: Damals auf Wohnungssuche besichtigte ich eine „Wohngemeinschaft“ im angesagten Agnesviertel. Im Süden von Köln an der links-rheinischen Seite gelegen, zieht dieses Stadtviertel viele Schauspieler an. Unweit, auf der anderen Seite des Flusses gelegen, in Deutz thront der Hauptsitz der Mediengruppe RTL neben den Ausstellungshallen der Messe von Köln.

An der Straße angekommen, vorbei an den charmanten Bars, wo Personen Sprizz und Weißweinschorlen trinken, hin zu einem unscheinbaren Hauseingang. Du wirst von deiner „Mitbewohnerin“ und ihrer Mutter empfangen. Am Ende eines kleinen Flurs des Wohnungseinganges erwarten dich die Küche und das Bad. Du wirst in ein großes Zimmer geführt. Es ist das Zimmer deiner Mitbewohnerin. Überraschung: deines grenzt direkt daneben an, ohne separaten Zugang. Mit acht Quadratmetern, einem kleinen Fenster und stolzen 400 Euro Miete.
Auch in Deutschland gibt es Sie. Denn wo Wohnen Gold ist, da sind die Miethaie nicht weit. Damals war ich mit fassungslosem Gesichtsausdruck schneller aus der Wohnung verschwunden, als die Personen mir ihr Leben erzählen konnten. Ich hatte zum Glück die Möglichkeit Nein zu sagen. Dennoch habe ich mich immer gefragt, ob jemand auf dieses Angebot eingegangen ist.

Wie waren deine Erfahrungen mit Vermietern und dubiosen Wohnangeboten? Schreib deine Meinung in die Kommentare

Anmerkung: Das Phänomen der Miethaie im Sinne von kriminellen Einzelpersonen ist im frankofonen und anglofonen Sprachbereich verbreitet. Die sinngemäße Übersetzung von einigen Wörtern ist nur schwer möglich, da sie an andere Konzepte knüpfen (Randerscheinung der Gentrifizierung, während dies in Deutschland treibende Kräfte ebendieser sind).

Original-WortAproximitatife ÜbersetzungBeschreibung
Marchands de sommeilMiethaieWortwörtlich übersetzt: „Schlafhändler“. Als solche werden die Vermieter des dubiosen Wohnangebots bezeichnet. Oft ist es schwierig diese zur Rechenschaft zu ziehen.
Grand-ParisGrand-ParisDas Grand-Paris beschreibt den Ballungsraum von Paris, sowie den angrezenden Departements („La petite couronne“). Man spricht von ungefähr sieben Millionen Menschen, welche in diesem Einzugsgebiet wohnen.
DepartementDepartementSie entsprechen deutschen Bundesländern, sind jedoch in ihrer Anzahl deutlich mehr.
Berlin: Von der Mohrenstraße zur Glinkastraße

Berlin: Von der Mohrenstraße zur Glinkastraße

Berlin. Letzte Woche schien es offiziell: aus der U-Bahn-Haltestelle Mohrenstraße soll die Glinkastraße werden. Das beschlossen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG)  und verkündeten am 3. Juli 2020 auf Twitter die Umbenennung der Haltestelle Mohrenstraße in Glinkastraße.

Die Begründung liefert die BVG in der Pressemitteilung. Dort heißt es: „Als weltoffenes Unternehmen und einer der größten Arbeitgeber der Hauptstadt lehnt die BVG jegliche Form von Rassismus oder sonstiger Diskriminierung ab.

Die GRÜNEN im Berliner Abgeordnetenhaus begrüßten die Einscheidung, da sich die Fraktion schon lange für eine Umbenennung eingesetzte. Schlussendlich liegt die Entscheidungsbefugnis alleine bei der BVG. Allerdings sitzen zwei Grüne Senatorinnen im Aufsichtsrat:  Ramona Pop (Wirtschaft) und Regine Günther (Verkehr). Ramona Pop twitterte am 3. Juli nach der Entscheidung: „Mit der Umbennung des U-Bahnhofs Mohrenstraße in Glinkastraße setzt die #BVG ein klares Zeichen gegen Diskriminierung, genau richtig in unserer internationalen und vielfältigen Metropole #Berlin.

Berlin und die umstrittene Glinkastraße. Wer war Michail Iwanowitsch Glinka?

BVG Ubahn oberirdisch Wrangelkiez Berlin
Namensänderungen von Haltestationen der BVG – da kann man lange warten (Urbanauth / 2019 / Berlin-Wrangelkiez)

Wer sich darauf hin die Augen rieb, dass der russische Komponist Michail Iwanowitsch Glinka das verkörpern soll, für das die Mohrenstraße nicht steht, nämlich bedingungslosen Humanismus, Anerkennung von Differenz und Integration, war auf der richtigen Spur. 

Rasch verbreitete sich ein Artikel aus der Jüdischen Allgemeinen, die dem Komponisten Antisemistismus nachweist. Glinka gehörte zum Kreis der russischen Komponisten, die sich für die Erneuerung der Musik als russische Nationalmusik einsetzte. Alle fremden Elemente, wie eben auch jüdische, sollten herausgehalten wurden. Identität und Einheit des russischen Volkes wollten die Komponisten mit reiner russischer Musik stärken.

Hatte die BVG nicht ausreichend recherchiert? War dies die einfachste Lösung, mit der man auch Gegner*innen der Umbenennung zufrieden stellen konnte? Warum wurden alle Initiativen ignoriert, die seit Jahren konkrete Vorschläge zur Umbenennung gemacht haben.

Anton Wilhelm Amo als Namensgeber: der erste Philosoph afrikanischer Herkunft in Deutschland

Was sprach gegen den Vorschlag des Bündnisses Decolonize Berlin e.V., dem eine Vielfalt von Organisationen angehören, u.a. Initiative Schwarze Menschen in Deutschland ISD-Bund e.V., NARUD e.V., AfricAvenir, Berlin Postkolonial e.V. und der Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag (BER)? War es lediglich der fehlende direkte örtliche Bezug? Decolonize Berlin e.V. setzt sich seit mehreren Jahren dafür ein, die Mohrenstraße und die gleichnamige Haltestelle nach dem ersten Philosophen afrikanischer Herkunft Anton Wilhelm Amo zu benennen. Amo, der ca. 1703 in Guinea, dem heutigen Ghana geboren wurde, wurde im Alter von vier Jahren Herzog Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel als ‚Geschenk‘ an den Hof gebracht. Ob der Herzog ihn selbst förderte ist nicht bekannt. Der erste Nachweis seiner Bildung findet sich im Immatrikulationsregister der Universität Halle. Dort findet man im Register von 1727 seine eigene Eintragung: „Ab Axiom in Guinea Africana“ (Anton Wilhelm Amo aus Axim im afrikanischen Guinea). Nach Studium und Promotion lehrt er in Halle und Jena und verließ Europa 1747/48. Vermutlich kehrte er nach Axim zurück. 

In Berlin hat Amo nicht gelehrt und gelebt, der direkte örtliche Bezug ist also nicht vorhanden, so mag mancher argumentieren. Jedoch: Amo steht als Person symbolisch für alles das, was dem ‚Mohren‘ abgesprochen wird: Bildung, Intellekt, Mehrsprachigkeit, Humanismus, Kultur. Decolonize Berlin e.V. schreibt zu der BVG-Entscheidung am 4. Juli 2020: Mit der Umbenennung in Glinkastraße „würde die BVG den kolonialhistorischen Bezug des Ortes auslöschen und ihre Chance für die Ehrung einer Persönlichkeit afrikanischer Herkunft im Berliner Stadtbild bewusst ausschlagen.

Richtungsänderung? Doch keine Haltestelle Glinkastraße

Inzwischen sind die Stimmen der Kritiker*innen bei der BVG angekommen. Und so postet die BVG am 7. Juli, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen sei und man offen über andere Namen sprechen könne. Eine Einschränkung gibt es; „Wir müssen uns bei den Stationsnamen an den örtlichen Gegebenheiten orientieren und können uns nicht einfach einen Namen ausdenken.“ 

Auch die grüne Wirtschaftssenatorin rudert zurück: eine Umbenennung sei grundsätzlich positiv zu sehen. Auf den Namen wolle sie sich nicht festlegen, wird Ramona Pop in der Berliner Morgenpost zitiert. 

Martin Dibobe – ein Kameruner in Berlin

Bild der U-Bahnstation Afrikanische Strasse. Am Ubahngleis aufgenommen. BVG Berlin Wedding
Der Berliner Wedding ist für sein afrikanisches Viertel bekannt. Doch auch dort ist so mancher Straßenname umstritten. Symbolbild (Urbanauth / 2020 / Berlin-Wedding)

Es bleibt ein Dilemma: Wenn die Mohrenstraße bereits in Anton Wilhelm Amo-Straße umbenannt wäre, wäre die Bedingung der ‚örtlichen Gegebenheiten‘ auf die bei der Umbenennung der Haltestelle Bezug genommen werden muss, erfüllt. Hier wäre die Bezirksverordnetenversammlung von Berlin-Mitte zuständig. Solange sich deren Abgeordnete nicht für eine Umbenennung entscheiden, bleibt die Umbenennung der Haltestelle Mohrenstraße ein Balanceakt. 

Dennoch bleibt zu hoffen, dass die BVG ihre Entscheidung rasch überdenkt, sodass eine Umbenennung nicht wieder jahrelang verschleppt wird. Ein neuer Name für die Haltestelle Mohrenstraße wäre ein wichtiges Signal, dafür, dass es die BVG ernst meint, ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen.

Ein Alternativvorschlag: Haltestelle Martin Dibobe

Einen Vorschlag zur Umbenennung, mit dem ein direkter Bezug zu Berlin hergestellt wird, lieferte die Jüdische Allgemeine in ihrem Artikel gleich mit: Warum benennt Ihr den Bahnhof nicht nach Martin Dibobe, den von 1902 bis 1919 erste Berliner Zugführer afrikanischer Herkunft?

Dibobe wurde 1876 in Bonapriso (Kamerun) geboren. Nach Berlin kam er 1896 als ‚Ausstellungsstück‘ zur Berliner Gewerbeausstellung. Im Treptower Park wollte man damals den weißen Berlinern das Leben in den Kolonien näher bringen. Menschen aus den Kolonien wurden wie Tiere im Zoo den Besuchern vorgeführt.

Dibobe blieb in Berlin, wurde Schlosser, heiratete eine Berlinerin und wurde schließlich Zugführer bei der Berliner Hochbahn. Nachdem Deutschland nach dem 1. Weltkrieg seine Kolonien abgeben musste und Kamerun an Frankreich zurückfiel, wollte Dibobe zurück in sein Geburtsland. Die Reise dorthin hat er angetreten, kam aber nie dort an. Man vermutet, er ist in Liberia gestorben. Eine Umbenennung der Haltestelle könnte der kolonialen Geschichte Deutschlands ein Gesicht geben und uns mahnen, ihre Auswirkungen auf das Zusammenleben der Berliner*innen heute nicht zu vergessen.

Berlin: Kunst und Corona

Berlin: Kunst und Corona

Das Haus der Kulturen der Welt in Berlin

Kunst und Corona – sind das nicht zwei Dinge, die sich nicht vertragen? Kunst braucht schließlich Öffentlichkeit, der Künstler sein Publikum. In Zeiten von Corona bleiben aber die öffentlichen Räume der Städte leer, sind lediglich Passage für durcheilende Passanten.

Corona bedroht den Kunstbetrieb

Für viele, die von Kunst leben, sei es als Musikerin, Theaterintendant, Tänzer, als Schauspielerin, Maler, Kulturvermittlerin, Kunstlehrer oder Galeristin, stellt sich mit dem Verbot von Versammlungen und Veranstaltungen sowie der Schließung öffentlicher Einrichtungen, die Existenzfrage. Selbst die, die Rücklagen haben oder wie Autoren relativ unabhängig davon sind, ihre Werke direkt vor Publikum zu präsentieren, stehen vor dem Problem, dass Konzerte, Vernissagen, Lesungen, Vorträge in Berlin vorerst nicht mehr stattfinden werden. Die für Berlin geltende überarbeitete Eindämmungsverordnung erlaubt zwar ab dem 4. Mai 2020, dass „Museen, Gedenkstätten und ähnliche Kultur- und Bildungseinrichtungen in öffentlicher und privater Trägerschaft“ geöffnet werden dürfen. Geschlossen bleiben hingegen Kinos, Theater und Konzerthäuser. Diese Regelung gilt unabhängig von Größe des Veranstaltungsraumes und der maximal möglichen Zahl an Besuchern. Das kulturelle Leben in der Stadt wird auf unbestimmte Zeit weitgehend stillgelegt. Schauspieler, Musiker, Tänzer: sie alle werden nicht auftreten können und keine Gagen erhalten. Theater- und Kinobetreiber zahlen Miete ohne Einnahmen zu haben.

Die Kunst zieht um: vom öffentlichen in den virtuellen Raum

Eines kann als sicher gelten: Corona wird die Kunstwelt verändern. Auch wenn noch nicht abzusehen ist, welche Auswirkungen die Krise haben wird, ist doch erstens zu vermuten, dass sich Ungleichheiten im Kunstfeld verschärfen werden. Künstler, die international bekannt sind, für Aufritte bereits bis weit ins nächste Jahr hinein gebucht sind sowie bei Agenturen unter Vertrag sind, die sie unterstützen, trotz shut-down präsent zu bleiben, dürften auch weiterhin vin ihrer Kunst leben können. Der in Berlin ansässige Pianist Igor Levit, gibt jeden Abend Hauskonzerte auf Twitter. Damit erreicht er mehr Menschen am Abend als in einen Konzertsaal der Welt passen.  So fasst der Große Saal in der Berliner Philharmonie 2.240 Sitzplätze.  Das Konzert Levit auf Twitter vom 24.4.2020 haben fast 18.000 Menschen abgerufen. Die namenlose Geigerin hingegen, die sich ihren Lebensunterhalt durch einige wenige Konzerte im Jahr sowie durch Musikunterricht finanziert, hat es schwer, präsent zu bleiben oder sogar ein neues Publikum zu gewinnen. Wenn Konzerte abgesagt, Unterricht nicht mehr statt finden kann, fehlt die Lebensgrundlage. Nicht alle haben das technische Equipment zu Hause oder können es sich leisten, um virtuell Unterricht zu geben oder über soziale Medien eine (neue) Fangemeinde aufzubauen. 

Schwieriger ist abzusehen, ob es zweitens im Hinblick auf die Kunstvermittlung zu einer Öffnung oder Schließung des Publikums kommen wird. Derzeit entsteht der Eindruck, dass sich die Möglichkeiten Kunst vom heimischen Sessel aus zu konsumieren, vervielfältigt zu haben. Kunstproduktion und -rezeption wandern von der Bühne und vom Ausstellungsraum ins Netz. Kunst aus aller Welt ist mit einem Mal verfügbar, ohne eine Reise zu planen oder ein Ticket kaufen zu müssen.

Dennoch: Wird die online-Tour zur Ausstellung Six Songs, Swirling Gracefully in the Taut Air auf ContemporaryAnd mit Fotos von Akinbode Akinbiyi im Martin-Gropius-Bau Menschen motivieren, diese auch nach einer Wiedereröffnung zu besuchen? Oder genügt der virtuelle Besuch? Zu beobachten ist jedenfalls, dass es vor allem die etablierten und staatlich-finanzierten Museen sind, die ihr digitales Angebot weiter ausbreiten. Die Schätze des Pergamonmuseums lassen sich bequem am Bildschirm betrachten. Das C/O Berlin hingegen bietet keine digitalen Rundgänge an, bittet aber um Spenden, die den Erhalt sichern sollen.

Spannend wird drittens, ob sich neue Formen der Kunstproduktion und Kommunikation zwischen Künstlerinnen, Publikum, Käufern von Kunst etablieren oder ob die etablierten Formen lediglich ins Netz übertragen werden. So bietet die Alfred-Erhardt-Stiftung auf Instagram Kurzführungen, sog. Videotouren zu der laufenden Ausstellung an.

Die Berlinische Galerie hat einen ‚Virtuellen Videoraum‘ eingerichtet, wo Arbeiten aus aktuellen Ausstellungen gezeigt werden.

Neue Wege geht die Galerie Michael Haas: Nicht nur die Künstler, die die Galerie vertritt, sondern jeder ist eingeladen unter #hifromquarantine das eigene künstlerische Schaffen unter Quarantäne zu dokumentieren, zu diskutieren, zu zeigen. Was davon bleiben wird, sich etablieren wird, ob neue Formate entstehen, die nicht nur die alten ergänzen oder erweitern, sondern eine radikal neue Sicht auf Kunst ermöglichen, bleibt abzuwarten.

Corona als Herausforderung für die Kunst

Die Corona-Krise bedroht die Kunstwelt in ihren jetzigen Formationen. Sie ist aber auch eine Chance, das Verhältnis von Institutionen, Künstlern und Gesellschaft neu zu bestimmen. Neue Formen der Interaktion zwischen Künstlern und Rezipienten werden erprobt, wie das Beispiel von Igor Levit oder der Galerie Michael Haas zeigt. Andere Formate der Kunstvermittlung könnten entwickelt werden, die die Neugier wecken, Kunst in den eigenen Alltag zu integrieren. Und nicht zuletzt fordert die Krise jeden einzelnen von uns auf, über den Wert der Kunst für das Zusammenleben der Menschen nachzudenken. Dann was wäre Berlin ohne die Vielfalt künstlerischer Ausdrucksweisen, die sich ganz direkt im städtischen Raum, in Parks, auf der Straße sowie in den Arbeitsräumen der Künstler, den Galerien, Theatern, Museen zeigen. Kunst ist so lebendig und vielfältig wie die Menschen, die in einer Stadt leben.

Paris: Können diese Maßnahmen die sozialen Ungleichheiten in den nördlichen Vororten dämpfen?

Paris: Können diese Maßnahmen die sozialen Ungleichheiten in den nördlichen Vororten dämpfen?

Am Donnerstag, dem 31. Oktober 2019 gab die französische Regierung in Anwesenheit des Premiers und Innenministers ihren Aktionsplan für das Departement Seine Saint-Denis bekannt. Neben einem Geldumschlag für treue Beamte: verschiedene Ansätze, um den Regierungsbezirk mit der Nummer 93 attraktiver zu gestalten. Die 23 Maßnahmen gruppieren sich dabei um fünf Kernthemen: Attraktivität, Sicherheit, Bildung, Gesundheit sowie Justiz. Die Bilder des Artikels wurden in den Vororten Saint-Denis Pleyel sowie Saint-Ouen aufgenommen.

Ein Aktionsplan mit 23 Maßnahmen soll den Gebiets-spezifischen, gesellschaftlichen Ungleichheiten entgegenwirken

Der Vorort Saint Ouen: Zwischen Wohnblocks aus einer anderen Zeit und ambitionierter neuer Architektur. (Urbanauth / 2020 – 2019)

Mit auf zehn Jahre verteilten Subventionen kommt die französische Regierung der Seine Saint-Denis entgegen. Um der Kriminalität entgegenzuwirken, soll dabei das Polizei-Effektiv ab nächsten September um 100 Polizisten aufgestockt werden. Insgesamt 50 weitere Stellen folgen außerdem bis zum Halbjahr 2021. Die Kommunen La Courneuve und Saint Ouen bekommen dasselbe Effektiv für sich zugewiesen. Die Polizeistationen in Aulnay-sous-bois und Epinay-sur-Seine sollen dabe für 30 Millionen Euro wieder instand gesetzt. Doch auch die Kameraüberwachung in der gesamten Seine Saint-Denis wird weiter ausgebaut werden. Verglichen mit einer Bevölkerungszahl von über eineinhalb Millionen Einwohnern und wiederkehrenden urbanen Unruhen, wissen diese Maßnahmen nicht alle zu überzeugen.

In einem Interview mit France3 befürwortet Patrice Bessac, der Bürgermeister von Montreuil, den Aktionsplan zunächst. Jedoch machte er klar, dass der Kern des Problems die territorialen Ungleichheiten sind. So seien ihm zufolge 70 % der angestellten Lehrer frisch diplomiert, während der nationale Durchschnitt bei 20 % läge. Zum Thema Sicherheit merkte er an, dass der Bevölkerung deutlich weniger Polizisten zur Verfügung stünden, als dem direkt anliegendem 18. Arrondissement von Paris. Dieses ist eines der bevölkerungsdichtesten Viertel der Hauptstadt und grenzt an das Departement der Seine Saint-Denis an. Mit einer mehr als doppelt so großen Fläche, ist es zugleich ein Gebiet mit hohen Kriminalitätsraten.

Ansätze um die Seine Saint-Denis attraktiver zu gestalten

Der Turm Pleyel in der Seine Saint Denis. In der angrenzenden Straße findet sich ein wohn-untaugliches Gebäude. (Urbanauth / 2019)

Um die Attraktivität in dem Gebiet zu erhöhen, sind einige Maßnahmen vorgesehen. Treueprämien von bis zu 10.000 Euro für Beamte und ein erleichterter Zugang zu Wohngeldansprüchen. Der Umzug der Unterpräfektur in eine ehemalige Filiale der Banque de France wird dabei mit in die Maßnahmen einbezogen. Ohne jedoch die Kosten zu nennen.

Um den gebietspezifischen Problemen der „Taudis“ entgegenzutreten, sollen fünf Vollzeitstellen geschaffen werden. Als solche werden im Volksmund Wohneinheiten bezeichnet, welche sich in solch mangelhaften Zustand befinden, dass sie nicht vermietet werden dürften. Diese Angestellten der Stadt sollen sich darum kümmern, gemeldete Gebäude auf ihre Konformität zu überprüfen. Ein Problem das nicht nur die nördlichen Banlieues von Paris betrifft, sondern auch Städte wie Marseille oder Perpignan.

Förderung des Bildungs- und Gesundheitssektor, um den strukturellen Ungleichheiten der nördlichen Vororte längerfristig effektiv entgegenzuwirken?

Der Bildungsbereich stellt mit der Schaffung von 500 Anstellungsversprechen einen besonderen Schwerpunkt dar. Dies gilt für Einsteiger in unterbesetzten Berufsgruppen, wie Lehrer und Ärzte. So sollen hierfür jährlich zwei Millionen Euro Unterstützung fließen. Aber auch im Bereich der Gesundheit greift der französische Staat in die Kasse.

Zehn Millionen Euro pro Jahr sind dabei für besonders fragile Bevölkerungsgruppen eingeplant. Diesen soll der Zugang zu den Gesundheitseinrichtungen erleichtern werden. Die Krankenhäuser in Montreuil, Ville Evrard und Aulnay will man teilweise oder vollständig sanieren bzw. modernisieren. Einrichtungen in Raincy-Montfermeil und Bobigny werden dabei umstrukturiert, um besser auf die Bedürfnisse der Patienten eingehen zu können. Dem folgen ebenfalls Investitionen in technische Ausstattungen, wie zum Beispiel Tomografiegeräte. Eine Besonderheit die dabei auffällt: die Förderung von angehenden Ärzten. So soll die Anzahl der Praktikumstutoren für allgemeinmedizinische Praktika auf 213 verdoppelt werden. Außerdem erklärt sich der französische Staat bereit, die Kosten für die Ansiedlung neuer Arztpraxen in Teilen bis vollständig zu übernehmen.

Der Artikel wurde am 15.03.2020 überarbeitet.
– dies beinhaltet die mobile Optimierung
– sowie ersetzte Artikel Bilder

Die Bilder des Artikels wurden von Vincent / Urbanauth 2019 / 2020 aufgenommen.

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