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USA: Flint’s Wasserkrise und das Blei im Trinkwasser

USA: Flint’s Wasserkrise und das Blei im Trinkwasser

USA. In Michigan führte Flint’s Wasserkrise zu einem der größten Umweltskandale der USA. Der fahrlässige Umgang mit dem Wassermanagement, Austeritätsvorgaben und ein ungesunder Fluss, führten zu einer Wasserkrise. Durch den fahrlässigen Umgang mit dem Fluss als Trinkwasserquelle wurde die Bevölkerung der Stadt Flint jahrelang erhöhten Bleiwerten ausgesetzt. Nun erhalten die Betroffenen eine Entschädigung.

Der Skandal wurde von unabhängigen Forschern, Medien und lokalen Vereinigungen sowie Personen aus der Zivilgesellschaft aufgedeckt. Das Medium Frontline veröffentlichte unter anderem eine Dokumentation der Geschehnisse. ProPublica, TheGuardian und CNN berichteten ebenfalls ausführlich über Flint’s-Wasserkrise. Blei ist schwer gesundheitsschädigend. Außerdem wurde ein Anstieg an Fällen von Legionärskrankheit festgestellt. Das langsame Handeln der Behörden hat die Krise dabei nur verschlimmert. Inzwischen ist die Akte Flint nahezu aufgearbeitet, doch die Spaltung in der Gesellschaft bleibt. Urbanauth gibt euch eine Zusammenfassung von Flint’s Wasserkrise.

Flint’s Wasserkrise: Von Stadtflucht zu Krisenmanagement

Flint's Wasserkrise, Aufnahme von Flint River 2010 mit Brücke in der Innenstadt von Flint, Michigan, USA.
Eine Brücke in Flint führt über den Fluss. Sein Wasser hat zur Korrosion der Wasserleitungen und den anschließenden Bleivergiftungen geführt. Zum Zeitpunkt des Fotos in 2010 bahnte sich die Wasserkrise bereits langsam an. (Foto: Andrew Jameson / Wikimedia / 2010)

Der Bundesstaat Michigan liegt im Norden der Vereinigten Staaten von Amerika. Eingeschlossen zwischen den Seen Lake Michigan und Lake Huron grenzt es im Norden an Kanada sowie im Süden an die Bundesstaaten Indiana und Ohio. Knapp 10 Millionen Menschen leben dort. Michigan war der Geburtsort der amerikanischen Automobilindustrie. Heute ist es ein beliebtes Ausflugsziel. Mit einer hauptsächlich weißen Bevölkerung und einem Drittel der Bevölkerung mit einem Bachelor-Abschluss sind nur 13 % der Bevölkerung von Armut betroffen.

Die Stadt Flint liegt am gleichnamigen Fluss des Bundesstaates. Heutzutage wohnen dort ungefähr 90.000 Menschen. Während nahezu 40% der Bewohner in Armut leben, hat über die Hälfte der Bevölkerung dem Zensus der amerikanischen Regierung zufolge afro-amerikanische Wurzeln. Neben der Metropole Detroit war Flint ebenfalls ein wichtiger Standort der amerikanischen Automobilindustrie. Ab den späten 70er Jahren ging es jedoch wirtschaftlich bergab. Als es 1973 zur Ölkrise kam, brach die Industrie ein oder konzentrierte sich auf andere Standorte. Die anschließende Deindustrialisierung führte zu Arbeitslosigkeit, Leerstand und zum Verfall des Stadtbildes.

Das Phänomen des „White Flights“ verschlimmerte die wirtschaftliche Lage von Flint. Eine weiße, wohlhabende Mittelschicht verließ die Innenstadt und ließ sich in den Vororten nieder oder zog in andere Städte. Die Stadtflucht dauert bis heute an.

In Folge kam es zu einer Entwertung der Immobilienwerte von Häusern und Grundstücken. Wegen mangelnden Unternehmen und einer geringen Kaufkraft der Bewohner fielen wichtige Einnahmen durch Gewerbe- und Einkommenssteuer weg. Dies versetzte die bereits verschuldeten Stadt in eine größere, finanzielle Notlage. Im Nachzug der Finanzkrise von 2008 wurde die Stadt drei Jahre später wegen seiner Schulden entvollmachtet und unter die Kontrolle eines Krisenmanagers gestellt. Die daraus resultierenden Entscheidungen bezüglich des Wassermanagements sollten katastrophale Auswirkungen haben.

Die Folgen der Wasserkrise für die Bewohner von Flint

Die fatale Entscheidung in 2011 von der Wasserversorgung aus Detroit, auf die des Flint-Flusses zurückzugreifen, hatte weitreichende Auswirkungen. Während die alte Kläranlage der Stadt wieder in Betrieb genommen wird, fehlen an anderer Stelle die Mittel. Das ungenügend behandelte Wasser führte dabei zu einer Korrosion der Wasserrohre, welche aus Blei und Eisen sind. Die Folgen waren erhöhte Bleiwerte im Trinkwasser.

Die gesundheitlichen Folgen von Blei für Menschen sind immens. Bleiexposition im Kindesalter wird mit psychischen Gesundheitsproblemen und Verhaltensauffälligkeiten sowie einem Anstieg von Kriminalität und Gewalt in Verbindung gebracht. Laut dem Bericht leiden ältere Kinder unter schwerwiegenden Folgen, wie beispielsweise einem höheren Risiko für Nierenschäden und Herz-Kreislauf-Erkrankungen im späteren Leben. Der Warnwert der Vereinten Nationen liegt bei 5 Mikrogramm Blei pro Deziliter Blut (µg / dl). Die Richtwerte in Nordamerika sind dabei etwas strenger. Jedoch bleibt jede Aufnahme von Blei in den Körper immer gesundheitsschädlich.

Für Richard Fuller, Präsident von Pure Earth steht fest:Die Menschen können über die Gefahren von Blei aufgeklärt werden, damit sie sich selbst und ihre Kinder schützen können. Die Investitionen zahlen sich aus: eine bessere Gesundheit, höhere Produktivität, höhere Intelligenzquotienten, weniger Gewalt und eine bessere Zukunft für Millionen von Kindern auf der ganzen Welt.

Flint's Wasserkrise, Ein Schild zeigt zu einer Water Pick Up Station, Parkplatz, USA Michigan Flint, Krisenmanagement Wasserstreß
Da das Trinkwasser aus der Leitung gesundheitsgefährdend ist, musste das Wasser in Flaschen an die Bewohner von Flint verteilt werden. Ein Schild zeigt in die Richtung einer „Water Pick-up“-Station. (Foto: US Department of Agriculture / Public Domain / 2016)

US-amerikanische Segregation: Wie die sozialen Ungleichheiten die Wasserkrise verschärften

Der Niedergang von Flint’s Industrie hat die ökonomischen und sozialen Ungleichheiten verschärft. Die erneute Austeritätspolitik unter Krisenmanagern ab 2011, anschließenden Fehlentscheidungen und verzögerte Maßnahmen, führten zur Umweltkatastrophe.

Umweltrassismus beschreibt jede Politik, Praxis oder Richtlinie, die Menschen (Einzelpersonen, Gruppen oder Gemeinschaften) in unterschiedlicher Weise aufgrund ihrer Rasse oder Hautfarbe benachteiligt (ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt). In der Wasserkrise von Flint drückt sich dies dadurch aus, dass einige Städte den Luxus haben, ihre Einwohner mit sauberem Wasser zu versorgen – während andere um eine anständige Versorgung zu kämpfen haben.

Im Kontrast steht der Ort Burton, eine angrenzende Kleinstadt von Flint, welche hauptsächlich weiß und wohlhabend ist. Da sie ihr Trinkwasser über Detroit bezieht, war sie nicht von Flint’s Wasserkrise betroffen. Aber ebenso können die Vororte von Grand Blanc City, Swart Creek City und Flushing City genannt werden. Nahezu alle umliegenden Vorstädte haben dabei eine niedrigere Armutsrate als der Bundesdurchschnitt. Mit Ausnahme von Flint welche die Armut anzuziehen scheint. Mit 38 % nähert sich der Anteil der als arm geltenden Bevölkerung der 50 %-Marke.

Die Michigan Civil Rights Commission ging in ihrem Bericht „The Flint Water Crisis: Systemic Racism Through the Lens of Flint“ aus 2016 auf die sozialen Ungleichheiten und den historischen Rassismus ein. Durch den Prozess räumlicher Segregation: Wohn-subventionen für Weiße und Wohnverbot für Afroamerikaner wurden die Bürger im 20. Jahrhundert nach ihrer Hautfarbe getrennt. Beschlossene Maßnahmen zur Flächennutzungs-, Wohnungs-, Kredit- und Verkehrspolitik zur Segregation von farbigen und armen Menschen schufen soziale Ungleichheiten, welche bis heute andauern. So kritisiert die Kommission eine mangelnde Bereitschaft unter den verschiedenen Kommunen, Probleme gemeinsam anzugehen.

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Zum Höhepunkt von Flint’s Wasserkrise wurde Trinkwasser in Plastikflaschen an die Bevölkerung verteilt. (Foto: US Department of Agriculture / Public Domain / 2016)

Die Chronologie von Flint’s Wasserkrise:

  • 2002-2004: Mit 30 Millionen Dollar Schulden ist die Stadt Flint finanziell schwer überlastet. Der damalige Gouverneur John Engler entzieht der Stadt die Entscheidungsmacht und entsendet einen Krisenmanager. Seine Aufgabe: Die Kosten kürzen und das Budget rekalibrieren. Dieser wird durch verschiedene Austeritätsmaßnahmen die Schulden auf mehr als die Hälfte kürzen.
  • 2011: Eine achtköpfige Kommission befindet, dass sich Flint in einer finanziellen Notlage befindet. Der Bundesstaat Michigan übernimmt wieder die Entscheidungsmacht über die Finanzen und entsendet abermals einen Krisenmanager. Um Kosten zu sparen, wird der Wasserzugang von Detroit und dem „Lake Huron„-See zum Flint-Fluss und seiner veralteten Kläranlage gewechselt. Eine Studie ergibt, dass die Zusammensetzung des Wassers aus dem Fluss eine zersetzende Wirkung auf die Wasserrohre aus Blei ausübt. Die zusätzliche Behandlung würde dem Staat 100$ pro Tag kosten.
  • 2014: Der Wechsel des Wasserzuganges ist beendet. Ab jetzt liefert der Fluss von Flint, das Trink- und Nutzwasser an die Stadt. Zweifel an der Sinnhaftigkeit und den gesundheitlichen Folgen treten auf. Um die Ängste der Bevölkerung zu beruhigen, trinken gewählte Volksvertreter öffentlich ein Glas Wasser aus dem Fluss. Währenddessen beklagen sich im Laufe des Jahres immer mehr Bürger über braunes Wasser aus den Leitungen, welches einen schlechten Geschmack und Geruch besitzt.
  • 2015: Die Umweltministerien, EPA und DEQ, die jeweiligen Instanzen auf nationaler und regionaler Ebene sprechen das erste Mal über erhöhte Bleiwerte im Wasser. Ein unabhängiges Forscherteam wird dies ein halbes Jahr später bestätigen. Währenddessen stellt eine Ärztin erhöhte Bleiwerte im Blut ihrer Patienten fest. Beides wird anschließend von unterschiedlichen Beamten bestritten und die Bedenken in den Wind geschlagen.
  • 2015: Ab Oktober macht die Stadt eine Kehrtwende und erschließt erneut den Wasserzugang über Detroit und den Lake Huron. Doch der Schaden ist bereits da. Das unbehandelte Wasser hat die Wasserleitungen angegriffen. Zudem sind die Hälfte der Rohre aus Blei, welche nun ins Trinkwasser gelangt. Rost in Form von braunem Wasser ist nur eine der Erscheinungen. Der Verantwortliche der DEQ, dem Department of Environnemental Quality gesteht schwerwiegende Fehler im Wassermanagement. Wenige Monate später tritt er von seinem Amt zurück. Zum Ende des Jahres wird eine erste Sammelklage eingereicht.
  • 2016: Zum Beginn des neuen Jahres ist der Ernst der Lage nicht mehr zu verschweigen. Der Gouverneur Rick Snyder schaltet die FEMA (Federal Emergency Management Agency) ein. Wenige Wochen später entschuldigt er sich öffentlich und verspricht Wiedergutmachung. Die Nationalgarde wird zur Verteilung von Trinkwasser eingesetzt. Die Stadt verteilt Wasserfilter und versucht zu beruhigen. Doch das Blei in den Rohren ist nur die Spitze des Eisbergs. Während die Bleiwerte in den Leitungen wieder sinken, treten vermehrte Fälle von Legionärskrankheit auf. Das Flusswasser hatte Eisenrohre zum Rosten gebracht und das Desinfektionsmittel gegen Bakterien neutralisiert.
  • 2016: Auf 216 Millionen Dollar werden die Infrastrukturkosten geschätzt. Darunter 55 Millionen Dollar für die Ersetzung der Bleirohre. Im Laufe des Jahres wird gegen mehrere Beamte Anklage erhoben. Ab November entscheidet ein Richter, dass einige Bewohner von Flint Wasser aus Plastikbehältern erhalten, bis die Stadt gewährleistet, dass die Wasserfilter verteilt sind und funktionieren.
  • 2017: Die Bleiwerte im Wasser der Stadt haben sich wieder normalisiert. Währenddessen werden schwere Vorwürfe laut. Die Civil Rights Commission von Michigan hat einen Bericht veröffentlicht, welcher den Behörden historischen und institutionellen Rassismus vorwirft. Der Beginn der Arbeiten zur Ersetzung der Wasserrohre startet in Eiltempo. Bis zum Ende des Jahres werden 10.000 Leitungen ersetzt.
  • 2018: Die Behörden entnehmen Trinkwasserproben an den Schulen von Flint. Zugleich wird das kostenlose Verteilen von Wasserflaschen eingestellt. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wächst und im April verschafften sich Demonstranten kurzzeitig Zutritt ins State Capitol. Im Laufe des Jahres kritisiert der Generalinspekteur der EPA die Behörden auf nationaler und regionaler Ebene für ihr Versagen. Schulen greifen inzwischen auf Ultraviolett-Filter für die Behandlung von Trinkwasserbrunnen.
  • 2019: Die Verarbeitung der Geschehnisse, welche zur Wasserkrise von Flint führten, schreitet voran. Endlich werden die ersten Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen. Elektronische Geräte und Datenträger vom Gouverneur Snyder werden beschlagnahmt und untersucht. Bis zu 65 weitere Beamte und ehemalige Angestellte sind von den Durchsuchungen betroffen. Zum Ende des Jahres wird eine erste Anklage jedoch fallen gelassen und neu aufgesetzt.
  • 2020: Ein Richter beschließt, dass alle Wasserrohre der Stadt untersucht werden müssen. 20.000 weitere Haushalte erhalten so das Recht, den Zustand ihrer Leitungen kostenfrei untersuchen zu lassen. Der eingeforderte Schadenersatz der Sammelklage kommt auf rekordverdächtige 641 Millionen Dollar.

2021 wurde eine der größten Sammelklagen des Bundesstaates Michigan entschieden. Die Opfer der Flint-Wasserkrise erhalten bis zu 626 Millionen Dollar Entschädigung. Das definitive Gerichtsurteil wurde Anfang 2022 abermals bekräftigt, wie nbcnews berichtete. Außerdem laufen weitere Gerichtsverhandlungen gegen den ehemaligen Gouverneur von Michigan Rick Snyder, sowie den Baudezernenten von Flint Howard Croft. Wie berichtet, werden sie in jeweils zwei Fällen der vorsätzlichen Amtspflichtverletzung angeklagt – im Zusammenhang mit ihrer Beteiligung an der Wasserkrise in Flint. Zusätzlich wurden bisher weitere acht Beamte für ihr schweres Fehlverhalten verurteilt.

Besorgniserregend an Flint’s Wasserkrise ist das Ausmaß an umwelt- historischen und institutionellen Rassismus. Dies beeinflusste Entscheidungen zum Nachteil der Bewohner. Ebenso gilt dies, für die eingesetzten Krisenmanager, welche durch eine zweifelhafte Austeritätspolitik an den falschen Stellen sparten. Doch vor allem das verzögerte Eingreifen der nationalen und regionalen Umwelt- und Gesundheitsbehörden wirft Zweifel auf. Dies ging vor allem zulasten der Gesundheit der Bevölkerung. Der Infrastrukturplan, welcher von Präsident Joe Biden verabschiedet wurde, legt dabei einen Fokus auf die Erneuerung der Wasserleitungen und den Kampf gegen Blei- sowie anderen Umweltverschmutzungen. Nichtsdestotrotz stellt sich die Frage, wie mit solchen zukünftigen Problemen umgegangen wird. Auch mögen die Opfer von Flint’s Wasserkrise Gerechtigkeit und Entschädigung erhalten haben, doch die gesundheitlichen Schäden in der Bevölkerung bleiben.

So gefährlich ist Blei in der Umwelt: eins von drei Kindern weltweit betroffen

So gefährlich ist Blei in der Umwelt: eins von drei Kindern weltweit betroffen

Blei in der Umwelt. In ihrem Bericht „The toxic truth“ aus 2020 stellt UNICEF in Zusammenarbeit mit der Organisation „Pure Earth“ fest, dass eines von drei Kindern weltweit an den Erscheinungen von Bleivergiftungen leidet. Vor allem Entwicklungsländern sind betroffen. Bleibelastung kann zu lebenslangen neurologischen, kognitiven und physischen Beeinträchtigungen führen. Für die Umweltverschmutzung verantwortlich sind neben der Industrie, das unsachgemäße Recycling von Autobatterien, sowie verseuchte Böden. Kulturelle Ursachen finden sich unter anderem in verunreinigten Gewürzen, traditionelle Töpfereien und Kosmetik. Doch auch Industrieländer wie die Vereinigten Staaten von Amerika sind betroffen: Blei im Trinkwasser erfordert dort die Erneuerung der Wasserleitungen.

Blei in der Umwelt: So gefährlich ist es für den Menschen

Die gesundheitlichen Folgen für die Gesellschaft von Blei sind immens. Die Aussetzung von Blei im Kindesalter wird mit psychischen Gesundheitsproblemen und Verhaltensauffälligkeiten sowie einem Anstieg von Kriminalität und Gewalt in Verbindung gebracht. Jede Aufnahme von Blei in den Körper ist gesundheitsschädlich. Weitere schwerwiegenden Folgen für die Gesundheit sind ein höheres Risiko für Nierenschäden und Herz-Kreislauf-Erkrankungen im späteren Leben. Der Warnwert der Vereinten Nationen liegt bei 5 Mikrogramm Blei pro Deziliter Blut (µg / dl). Ab diesem Wert tritt bereits ein Verlust des Intelligenzquotienten ein. Bei höheren Bleibelastungen (>90µg / dl) treten UNICEF zufolge Funktionsstörungen im Gehirn auf. Wobei ab Werten von 150 µg / dl der Tod durch Bleivergiftung eintritt.

Industrie Blei Umwelt Umweltverschmutzung Verlassen Verfallen Umweltbelastung
Verseuchte Industriebrachen können ebenfalls verantwortlich für Blei in der Umwelt sein. (Symbolfoto / Pixabay / CC0))

Die Menschen können über die Gefahren von Blei aufgeklärt werden, damit sie sich selbst und ihre Kinder schützen können. Die Investitionen zahlen sich aus: eine bessere Gesundheit, höhere Produktivität, höhere Intelligenzquotienten, weniger Gewalt und eine bessere Zukunft für Millionen von Kindern auf der ganzen Welt.

Richard Fuller – NGO Pure Earth

Blei in der Umwelt schadet der gesamten Gesellschaft. Neben dem Verlust an Produktivität entstehen Kosten für das Gesundheitssystem und können somit ein ganzes Land belasten. In ihrem Bericht schätzt UNICEF, dass weltweit 815 Millionen Kinder von Bleivergiftungen betroffen sind. Diese sind jedoch weltweit ungleich verteilt. Am stärksten betroffen sind der asiatische und afrikanische Kontinent. Länder mit niedrigem bis mittleren Einkommen tragen dabei die größte Last. In der Karte von Pure Earth kann dies Land für Land nachverfolgt werden:

Blei in der Umwelt. Neben der Industrie ist auch das unsachgemäße Recycling von Autobatterien für erhöhte Bleiwerte verantwortlich. (Symbolfoto / Pixabay / CC0)

Bleivergiftung einer Stadt: Der Fall von Bajos de Haina

In der Provinz San Cristobal der Dominikanischen Republik gelegen, stellt die Gemeinde Bajos de Haina das industrielle Herz des Inselstaates dar. Die Fabriken, sowie Raffinerien sind wichtige Arbeitgeber für die ansässige Bevölkerung. Mit dem Wachstum der Industrie verschlimmerten sich jedoch auch die Auswirkungen auf die Umwelt. Die Bewohner dieser 120.000 Einwohner-Gemeinde sind besonders von industrieller Verschmutzung betroffen. 2006 erntete die Stadt den unrühmlichen Namen „Dominikanisches Tschernobyl. Bei über 90% der getesteten Bewohner von Bajos de Haina wurden dabei erhöhte Bleiwerte im Blut festgestellt.

Im Jahr 2000 erklärte der dominikanische Minister für Umwelt Haina zu einem nationalen Hotspot von erheblichem Interesse. Wenige Jahre zuvor wurden 146 Kinder auf Bleivergiftung getestet. Mit durchschnittlichen 79 µg / dl wiesen ihre Blutwerte eine extrem hohe Bleibelastung auf. Vor allem eine verlassene Recyclingstelle für Bleisäure-Batterien im Teil Paraiso de Dios der Gemeinde sorgte für Aufmerksamkeit. Diejenigen, welche es sich leisten konnten, zogen weg. Ab 2008 wurden dann wichtige Arbeiten unternommen, um das Gelände zu säubern. Doch an anderer Stelle machte bereits der nächste Umweltsünder auf.

Diese Umweltverschmutzung bringt uns hier um. Je mehr die Fabriken wachsen, desto mehr werden wir krank.“

Elizabeth Mota im Interview mit Aljazeera / 2021 / „No safe place: Lead poisoning in the dominican republic

In ihrem Artikel „No safe place: Lead poisoning in the dominican republic“ deckt Aljaazera in dem Viertel Los Desamparados von Haina weitere Umweltverschmutzungen durch Blei auf. Unter neuem Namen siedelte sich in der Industriezone von Bajos de Haina das Unternehmen VERI an – und fuhr mit dem Recycling von Batterien fort. Ab 2018 wurden erhöhte Bleiwerte in der Luft und ein Jahr später im Blut der anliegenden Bewohner festgestellt. Später wurde in einem Umweltaudit aus 2020 eine unsachgemäße Entsorgung von verunreinigtem Regenwasser auf dem Gelände festgestellt. Eine positive Veränderung ist für die Bewohner von Los Desamparados und Bajos de Haina nicht in Sicht.

Demnächst: Die Wasserkrise der USA im Fokus

In den Vereinigten Staaten von Amerika erzeugte keine andere, mensch-erzeugte Umweltkrise in den USA so viel Aufmerksamkeit wie die von Flint, Michigan. Ende 2020 wurde außerdem eine der größten Sammelklagen des Bundesstaates Michigan entschieden. Die Opfer der Flint-Wasserkrise erhalten bis zu 626 Millionen Dollar Entschädigung. Ein ineffizientes Wassermanagement und Blei-belastete Trinkwasserleitungen führten zu einem Umweltskandal. Doch nicht nur Flint ist betroffen.

Die veraltete Infrastruktur betrifft vor allem strukturschwache Städte. Durch den Infrastrukturplan von Präsident Joe Biden soll sich das jetzt ändern. Mit 55 Milliarden Euro werden unter anderem die alten Wasserleitungen modernisiert. Die genaue Chronologie der „urbanistischen Wasserkrise“ gibt es in zwei Folgeartikeln zu entdecken. More to follow soon – stay tuned!

Urbanismus: Was ist urbane Resilienz?

Urbanismus: Was ist urbane Resilienz?

Global. Die letzten Jahren tritt die Problematik des Klimawandels immer mehr in den öffentlichen Diskurs. Für die herkömmliche Stadtentwicklung von besonderer Bedeutung: Urbane Resilienz und Klima-resiliente Städte. Doch wovon spricht man bei urbaner Resilienz und welchen Herausforderungen sehen sich die Städte von Morgen zukünftig ausgesetzt?

Während Städte immer mehr wachsen und als Ballungsräume Wohnen, Arbeit und Urbanität vereinen, unterliegen sie umgebungsbedingten Faktoren. Der menschengemachte Klimawandel erhöht dabei die Risiken für urbane Lebensräume und hat ernste Auswirkungen auf die Infrastruktur. Aber auch soziale Ungleichheiten und gesellschaftliche Probleme beeinflussen die Stadt als geschlossenes System. Diese Umstände beeinflussen die Bauweise und Planung von Städten. Wie die Stadt von Morgen aussehen wird, hängt dabei davon ab, wie Klima-resilient sie sein wird.

Asphalt, Beton und zu wenig Bäume. Urbane Resilienz sucht nach Lösungsansätzen, um die Städte von Morgen zukunftssicher zu gestalten.
Asphaltlandschaft: Die Urbanisierung von Paris hat eine Landschaft aus Asphalt, Beton, Glas und Stahl entstehen lassen. Daraus resultieren urbane Hitzeinseln, welche nachts die Temperaturen in den Wohnungen steigen lassen. (Urbanauth / VGO / 2021)

Was ist urbane Resilienz?

Der Fachbegriff Resilienz stammt aus der Ökologie und wurde in den 70er Jahren das erste Mal benutzt. Dieser beschreibt die Fähigkeit eines Systems, im Falle einer Unterbrechung oder Störung die Funktionsfähigkeit aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen. Urbane Resilienz beschreibt also die Fähigkeit der verschiedenen Akteure (Institutionen, Wirtschaft, Einzelpersonen) sich auf die wechselnden Gegebenheiten anzupassen, zu überleben und sogar weiterzuwachsen.

Urbane Resilienz sucht nach Lösungsansätzen für die Herausforderungen und Entwicklungen unserer Zeit: Klimawandel, Urbanisierung und Globalisierung, aber auch sozialen Ungleichheiten. Ziel der Stadtentwicklung ist es dabei, das Katastrophenrisiko zu verringern und unseren städtischen Lebensraum an die Folgen des Klimawandels anzupassen. Damit dies erfolgreich ist, braucht es einen gesamt-einheitlichen Ansatz, welcher die lokalen Gegebenheiten mit in Bezug nimmt.

Paris sieht sich als stark urbanisierte Stadt mit vielen Herausforderungen konfrontiert. Die Suche nach urbaner Resilienz steht dabei im Kontinuum, eine lebenswerte und sichere Stadt zu gestalten.
Der Mangel an Grünflächen wird vielen Großstädten zum Verhängnis. Neben Hitzeinseln, führt die Versiegelung von Böden auch zu einer stark verringerten Aufnahmefähigkeit. Bei starkem Regen kann das Wasser nur begrenzt versickern und fließt stattdessen in die Kanalisation. (Urbanauth / VGO / 2021)

Resilienz: Welche Herausforderungen für die Städte von Morgen?

Städte als urbaner Lebensraum sind mehreren klimatischen und geografischen Risiken ausgesetzt. Zum einen Hitze mit Dürren, welche für Nahrungsunsicherheit sorgen sowie in Städten selbst, die Entstehung von urbanen Hitzeinseln durch die übermäßige Nutzung von Asphalt, Stahl und Glas. Zum anderen kann Starkregen zu Überflutungen führen und die Wasserkanalisationen überfordern, aber auch Hurrikane und Erdbeben sind konkrete Gefahren für Städte.

Abseits von den Risiken durch den menschengemachten Klimawandel, sehen sich Städte auch weiteren Problemen konfrontiert. Von Cyber-Angriffen, welche kritische Infrastrukturen lahmlegen, zu gesellschaftlichen Problemen wie: Arbeitslosigkeit, Gewalt, Nahrungsunsicherheit und Wasserstress. Die Faktoren und Herausforderungen, welche Einfluss auf unsere Kapazität zur Resilienz nehmen, sind vielfältig, doch die Zukunft ungewiss.

USA: So will Biden’s Infrastrukturplan die USA zukunftsfähig halten

USA: So will Biden’s Infrastrukturplan die USA zukunftsfähig halten

Vereinigte Staaten von Amerika. In den USA wurde Präsident Biden’s überparteilicher Infrastrukturplan verabschiedet. Im November 2021 validierte der Kongress des Landes den Infrastrukturplan. Insgesamt sollen in den nächsten Jahren 1,2 Billionen US-Dollars in die veraltete Infrastruktur der USA investiert werden. Wir erklären euch, was Bidens Infrastrukturplan beinhaltet und wohin das Geld investiert wird.

Nahezu ein Jahr wurde heiß über diesen Infrastrukturplan diskutiert, welcher auch als „Bipartisian Infrastructure Deal“ bekannt ist. Doch schlussendlich obsiegte das Argument, die Infrastruktur trotz einer hohen Verschuldung zu erneuern und die Städte besser auf den Klimawandel vorzubereiten. Neben der Erneuerung von Straßen und unter anderem 45.000 instandsetzungsbedürftigen Brücken wird ein Großteil der Gelder in Mobilität investiert. Aber auch die Erneuerung der Wasserleitungen und das Wassermanagement, sowie die Reinigung von „Superfund-sites“, mit Altlasten kontaminierten Orten wie zum Beispiel ehemalige Fabriken, dem Bergbau oder illegalen Mülldeponien.

USA: Was ist Biden’s Infrastrukturplan?

Mobilität – Öffentliche Verkehrsmittel

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Mehr Bus und Bahn: Ein ikonischer Zug der Amtrak befördert Personen in die Ferne. (Foto: pxhere / CC0 Public domain)

Mit einem Geldumschlag von 66 Milliarden US-Dollar sollen die öffentlichen Verkehrsmittel erneuert werden. Unter anderem soll der Bestand an Bussen erneuert und durch CO₂-neutrale Alternativen ersetzt werden. Außerdem werden den Schul-Distrikten Gelder zur Verfügung gestellt, um in emissionsfreie und emissionsarme Schulbusse investieren zu können. Der Wandel weg vom Auto zu mehr öffentlichen Verkehrsmitteln ist ein Schritt zu mehr Klimagerechtigkeit. Durch die erhöhte Mobilität wird ein wichtiger Beitrag zu mehr sozialer Gerechtigkeit geleistet, während der CO₂-Ausstoß langfristig verringert wird.

Elektromobilitätswende

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Nordamerikanische Infrastruktur: mehrspurige Highways und Wolkenkratzer. (Foto: Jaysen Trevino/ CC-BY 2.0 / Chicago / 2010)

Mit 7,5 Milliarden Dollar soll die Elektromobilitätswende vorangetrieben werden. Dabei planen die USA in Bidens Infrastrukturplan ihr erstes, nationales Netz an Ladestationen für E-Autos. Neben dem Ausbau der städtischen Infrastruktur, sollen dabei auch Ladestationen an den Highway-Korridoren entstehen, um längeres Reisen zu erleichtern. Die USA entscheiden sich in ihrer Elektromobilitätswende bewusst für E-Autos, statt wie die EU, welche auch Alternativen wie Wasserstoff als zukunftsfähig erachtet.

Biden’s Infrastrukturplan für die USA: Modernisierung und Resilienz

Um die Wettbewerbsfähigkeit der USA zu erhalten, sollen auch die Häfen und Flughäfen modernisiert werden. Um Reparatur- und Wartungsrückstände zu beseitigen, sowie die anliegende Verkehrsinfrastruktur auf die aktuellen und zukünftigen Anforderungen anzupassen, werden diese landesweit mit jeweils 17 Milliarden und 25 Milliarden US-Dollars subventioniert.

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Auch modernisierungsbedürftig: Straßen und Brücken in den USA. (Symbolfoto: Andrew Jameson / Wikimedia / 2010 / Flint, MI)

In Sachen Klima und urbane Resilienz stellt Bidens Infrastrukturplan die größte Investition in der US-amerikanischen Geschichte dar. Der Klimawandel wird dabei offiziell als Bedrohung für die Infrastruktur und Städte anerkannt. Deswegen werden 50 Milliarden US-Dollar zur Vorbeugung von Dürren, Hitze und Überflutungen bereitgestellt. Doch auch die Modernisierung der Wasserleitungen und des Wassermanagements steht im Vordergrund. So sollen alle bleihaltigen Wasserleitungen des Landes ersetzt werden. Mit 55 Milliarden US-Dollar soll so die amerikanische Wasserkrise bekämpft werden. Ungefähr zehn Millionen Bürger der USA sind von unsauberen Wasserzugängen betroffen. Die indigenen Völker und diskriminierten Bevölkerungsschichten und Räume sollen dabei ebenso von dem Infrastrukturplan profitieren.

Doch auch in Sachen Umweltschutz wird die nächsten Jahre vieles in den USA passieren. Für die Reinigung von Industriebrachen und „Superfund-sites“ sollen 21 Milliarden US-Dollar bereitgestellt werden. Genug, um zumindest einige der nordamerikanischen Umweltsünden zu beheben.

Der Infrastrukturplan, um die USA zukunftsfähig zu halten

Schlussendlich liefert Bidens Infrastrukturplan auch ein kräftiges Bekenntnis hin zu erneuerbaren Energien und dem notwendigen Ausbau des Stromnetzes. Außerdem sollen Gelder für Forschung bereitgestellt werden, um die Flexibilität und Resilienz der Infrastruktur zu fördern. Insgesamt sollen hierfür 65 Milliarden investiert werden.

Biden’s Infrastrukturplan ist ein ambitioniertes Vorhaben, um die veraltete Infrastruktur der USA zu modernisieren. In Hinblick auf Gewährleistung von sauberen Trinkwasserzugängen eine lange fällige Maßnahme. Doch vor allem das Bekenntnis zu mehr erneuerbaren Energien und die Elektromobilitätswende sind hervorzuheben. Die Abkehr vom Öl als treibenden Wirtschaftsmotor hin zur Elektromobilität markiert einen wichtigen Abschnitt für die zukünftigen Entwicklungen in Nordamerika.

Ökologische Stadtviertel in Frankreich: nachhaltige Stadtentwicklung mit den Écoquartiers

Ökologische Stadtviertel in Frankreich: nachhaltige Stadtentwicklung mit den Écoquartiers

Stadtentwicklung. Die Auswirkungen des Klimawandels treffen zunehmend unsere urbanen Lebensräume. Die französischen „Écoquartier„, ökologische Stadtviertel, sollen Abhilfe verschaffen und einen Beitrag zum Bau von Klima-resilienten Städten leisten. Diese ermöglichen eine umweltbewusste Bauweise. Wie diese zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung beitragen, erfährst du im folgenden Artikel.

Ökologie und Nachhaltigkeit in die Stadtplanung miteinzubeziehen, liegt im Zeitgeist. Vor allem Großstädte wie Amsterdam mit seinem steigenden Meeresspiegel oder Paris und seine urbanen Hitzeinseln sehen sich bereits konkreten Folgen des Klimawandels ausgesetzt. Die Städte von Morgen müssen sich nun auf die Herausforderungen vorbereiten. Denn die Auswirkungen des Klimawandels: Waldbrände, Erdbeben, Überschwemmungen und Hitze, treffen nun auch vermehrt urbane Ballungsräume.

Die französischen“Écoquartier“ sollen helfen. Seit mehr als zehn Jahren unterstützt der französische Staat diese Art des ökologischen und partizipativen Umdenkens in der Stadtplanung und Entwicklung von nachhaltigen Wohn-, Arbeits- und Freizeitorten.

Ökologische Stadtviertel: nachhaltige Stadtentwicklung mit den französischen Écoquartier

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Blick auf das Écoquartier Clichy-Batignolles in Paris. Direkt an der Zugstrecke La Defense – Saint Lazare liegt die Bahnhofstation Pont Cardinet, welche an das neue Stadtviertel angrenzt. Nachhaltige Stadtentwicklung auf Französisch! (Foto: Urbanauth / VGO / 2019)

Das Siegel für ökologische Stadtviertel

Das „EcoQuartier“-Siegel gewährleistet die Einhaltung der Verpflichtungen und schafft gleichzeitig umweltfreundliche und nachhaltige Orte, an denen es sich gut lebt.

Seit 2012 definiert die offizielle Website der französischen Regierung ein ökologisches Stadtviertel wie folgt: „[…] ein vielschichtiges Stadtentwicklungsprojekt, das alle Fragen und Prinzipien nachhaltiger Städte und Gebiete integriert.“ Und die Öko-Viertel versuchen zu halten, was sie versprechen! Die Treibkräfte urbaner Innovation sind ökologisch intelligent geplant.

Zwischen Finanzkontrolle und partizipatorischem Prozess, Bürgermobilisierung und Berücksichtigung von Nutzerpraktiken und Bürgererwartungen: die Liste ist lang! Um das Écoquartier-Siegel zu erhalten, müssen 20 Verpflichtungen erfüllt werden.

Bis zum Erhalt des Écoquartier-Siegels, ist es ein langer Weg. Die vom französischen Ministerium festgelegten Schritte bestehen aus vier Phasen. Am Anfang steht die Unterzeichnung der Charta der ÉcoQuartier, die eine Studienphase des Projekts durch die lokalen Behörden einleitet. Es folgt die Baustellenphase, die eine Reihe von Spezifikationen beachten muss. Anschließend wird eine Expertise durchgeführt und die Einhaltung der Vorschriften überprüft. Wenn das Ökoquartier ausgeliefert wurde oder sich in der Endphase befindet, wird eine weitere Expertise durchgeführt, die den Weg für das Label „Écoquartier – Stufe 3“ öffnet.

Drei Jahre später wird eine neue Konsultation organisiert. In dieser wird ein Selbstbeurteilungsverfahren durchgeführt, in denen die Bewohner das Wort erhalten. Untersucht wird: die Erfüllung der Verpflichtungen. Die Art und Weise, in der die Umsetzung des neuen Wohnraumes von seinen Bewohnern akzeptiert wird, sowie die potenziellen Möglichkeiten zur weiteren Entwicklung des Stadtteiles.

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Ein neuer Großstadtdschungel? Begrünte Dächer, Niedrigenergiebauweise und offene Plätze. So könnten in Frankreich die Stadtteile von morgen aussehen. (Symbolfoto: Urbanauth / VGO / 2020)

Intelligent bauen in der Stadt von Morgen:
die Écoquartier, ökologische Stadtviertel entwickeln sich am Puls der Zeit

Die Entwicklung urbaner und zugleich ökologischer Stadtteile in Zeiten des Klimawandels wird zu einem wichtigen stadtplanerischen Bedenken. Berücksichtigt werden lokale Gegebenheiten wie die Gefahr von Erdrutschen, Bränden oder Wärmefeldzonen. Der städtische Lebensraum von Morgen muss in der Lage sein, sich auf eine sich-verändernde klimatische Umgebung anzupassen.

Die landschaftliche und architektonische Harmonie spielt eine wichtige Rolle. Sie zielt darauf ab, die Lebensqualität der Bewohner zu verbessern, aber auch die Identität der Stadt und ihr kulturelles Erbe hervorzuheben. Ein Vorteil der französischen Stadtentwicklung ist die Herangehensweise. Vorzugsweise werden große Areale komplett neu entwickelt. Dies ermöglicht es, das Gesamtbild von Stadtvierteln harmonisch abzustimmen.

Ökologische Stadtviertel werden großflächig entwickelt. Dadurch kann in der Planung die Organisation und Verteilung von öffentlichen Räumen in Form von Parks oder Grünkorridoren leichter berücksichtigt werden. Dies ist der Fall bei den revitalisierten Industriebrachen wie der Ile Seguin oder dem Öko-Viertel Clichy-Batignolles mit seinem Martin Luther King Park. Projekte dieser Größenordnung erfordern tiefgreifende Konsultationen und Studien.

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Moderne Architektur: Blick auf einen Innenhof im frisch entwickelten Sektor Saussure-Pont Cardinet. (Symbolfoto: Urbanauth / VGO / 2020)

Die Ökologie im Herzen der Stadt von Morgen

Ökologisches Bauen ist die Antwort auf zwei große Herausforderungen für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Um die Treibhausgasemissionen von Gebäuden zu begrenzen, werden diese Energie-effizient gebaut. Wie beim Passivhaus durch seine Ausstattung und Isolierung besitzen die französischen ökologischen Viertel eine niedrige Energiebilanz.

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Bald grün! Eine vegetalisierte Fassade im frisch fertiggestellten Écoquartier Clichy-Batignolles / Paris 17. Bezirk. (Photo : Urbanauth / VGO / 2020)

Das Label Écoquartier fördert den schonenden Umgang mit Ressourcen wie Baumaterialien, Wasser und Strom. Möglichkeiten umweltbewusst zu bauen existieren. Nachhaltiges Bauen durch Verbesserung der Gebäudehüllen und Dämmung ermöglichen eine thermische und energetische Effizienz. Dank einer Niedrigenergiebauweise sinkt der Heizwärmebedarf. Während erneuerbare Energien, durch Fotovoltaikanlagen auf Dächern und der Nutzung von Erdwärme, zusätzlichen Strom liefern. Auffangsysteme für Regenwasser helfen den Wasserbedarf zu entlasten.

Unter Berücksichtigung der „Grauen Energie“, dem Energieaufwand, fällt der Energiepreis, den eine Ressource in ihrem Lebenszyklus verbraucht. Dies umfasst ihre Herstellung, Transport, Lagerung, Verwendung und Entsorgung. All diese Schritte erzeugen CO2 und hinterlassen einen ökologischen Fußabdruck. Durch verschiedene Maßnahmen kann dieser gesenkt werden: Recycelte oder lokale, umweltfreundlich produzierte Baumaterialien stellen Alternativen zum Import von Rohstoffen dar. Ein anderer Ansatz besteht darin, die Abfallproduktion zu begrenzen und alternative Methoden der Rückgewinnung und des Recyclings zu fördern.

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Vielfältige Architektur. Das ökologische Stadtviertel Clichy-Batignolles im Norden von Paris beeindruckt durch eine vielfältige Architektur. Kein Gebäude gleicht dem Anderen und dennoch reihen sie sich in ein harmonisches Stadtbild ein. (Foto: Urbanauth / VGO / 2019)

Das ökologische Stadtviertel als treibende Kraft für nachhaltige Innovationen

Nachhaltige und umweltfreundliche Innovationen. Die ökologischen Viertel in Frankreich sind Fundgruben für urbane Erfindungen. Vor Ort werden Sensoren installiert, um die Emissionen von Gebäuden zu messen. Die Verwendung von Big Data in der SMART-City hilft, die Stadt zu einem quantifizierbaren Ort zu machen. Einmal installiert, dienen diese Anlagen zur Messung und Verbesserung des Energieverbrauchs. So kann potenziell der Energiebedarf und der Umgang mit den Ressourcen optimiert werden.

Ein weiterer Schritt zur nachhaltigen Stadtentwicklung ist es, den Zugang zu öffentlichen und kollektiven Verkehrsmitteln zu erleichtern. Dies ermöglicht es, Autos in der Nachbarschaft zu verringern und leistet einen Beitrag zur Luftqualität. So ist es nicht verwunderlich, dass Fußgängerzonen in den Écoquartieren keine Seltenheit sind.

Ökologische Stadtviertel sind eine treibende Kraft für die zukünftige, urbane Resilienz von Städten. Nachhaltig und gesellschaftlich wertvoll: Das Label „ÉcoQuartier“ dient als Qualitätsgarantie. Genauso wie die Zufriedenheit seiner Bewohner. Die neuen ökologischen-Viertel unterstützen eine kontinuierliche Erneuerung der französischen Architektur und gewährleisten vor allem ein hervorragendes und nachhaltiges Lebensumfeld!

Paris und der französische Urbanismus von Haussmann

Paris und der französische Urbanismus von Haussmann

In Paris ist der Urbanismus in seiner historischen sowie zeitgenössischen Handhabung auf das Wirken einer Person zurückzuführen. In Frankreich unternahm der Baron Georges-Eugiène Haussmann (1809-1891) das ambitionierte Infrastrukturprojekt Paris zu restrukturieren. Der von 1853 und 1870 als Präfekt der Stadt regierende Baron unternahm dabei die Herkulesaufgabe, die französische Hauptstadt zu einer einheitlichen Metropole zu formen. Er verkörpert dabei die Wendezeit einer Stadt zwischen Mittelalter, Renaissance und dem sich entwickelnden Industriezeitalter… und setzte einen Grundstein für die Stadtplanung “à la francaise”. Ihm sind unter anderem die ikonischen Straßenzüge, Boulevards und Hausfassaden von Paris zu verdanken. Doch was prägte die stadtplanerischen Bedenken dieser Zeit und welchen Einfluss übten diese auf die Architektur aus?

In Paris: der französische Urbanismus „à la francaise

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Paris heutzutage: Neben den Haussmann’schen Fassaden, blieben die großen Verkehrsachsen aus seiner Zeit erhalten. Im Bild: eine Straßenkreuzung im 8. Arrondissement von Paris. (Urbanauth / VGO / 2021)

Die Schwerpunkte zur Zeit von Hausmann lagen dabei auf Sicherheit, Verkehr und Hygiene. Zum einen verschwanden die engen Straßen und machten Platz für Transportachsen. Damit sollten Aufstände und Unruhen innerhalb des Stadtgebietes erschwert werden. Zum anderen sollte dieser Eingriff die hygienischen Lebensbedingungen in Paris verbessern und durch die Erweiterung der Kanalisation und Schaffung von Grünflächen die Ausbreitung von Krankheiten verhindert werden. Die grünen Lungen von Paris, welche das Bois de Boulogne und der Parc de Vincennes sind, wurden zu dieser Zeit in den Stadtraum integriert.

Der französische Urbanismus: Haussmanns Einfluss auf die Baukultur von Paris

Als räumliche Unterscheidung dient die Unterteilung von rechts und links der Seine, dem Fluss der Paris durchfließt. Die Straßenzüge und Boulevards wurden zu einer netzartigen Struktur umgeordnet. Diese fungieren seitdem als Verbindungspunkte zwischen den wichtigen Orten, wie öffentlichen Plätzen, Parks und Monumenten. Die breiten Boulevards ermöglichten dabei auch den unterirdischen Bau der Katakomben und Kanalisationsanlagen. Später vereinfachten sie den Bau der Metrotunnel. Zwischen 1852 und 1868 wurden dabei bis zu 18.000 Gebäude zerstört und 60 Prozent der Stadtfläche wurde umgestaltet.

Die Architekturstile, die in der Haussmann-Ära entstanden sind, werden dabei in drei wesentliche Epochen unterteilt. Zwischen 1850 und 1870 entstanden die klassichen Haussmann’schen Gebäude. Sie waren vier bis fünf Stockwerke hoch und wurden im Laufe der Epoche auf sechs erweitert. Ab diesem Zeitpunkt begannen die Architekten ihre Bauwerke zu signieren. Der Post-Haussman’sche Stil von 1870 bis 1895 wurde von urbanen Unruhen begleitet. Die Fassadengestaltung blieb funktionell und nur nützliche Strukturen wurden erhalten. Ab dem Beginn der 90er zeichnet sich der Architekturstil wieder zunehmend durch seinen Detailreichtum aus. Schlussendlich leitete sich mit der Wende ins 20. Jahrhundert (1895-1914) auch das Ende der Haussmann’schen Ära ein.

Späthaussmann’sches Gebäude: Von dem Architekten J. Lesueur in 1877 errichtet, ist die Außenfassade bescheiden gehalten. Das Gesims über dem Hauseingang beeindruckt durch seine kreative Ausarbeitung. (Urbanauth / VGO / 2021)

Die großflächige und orchestrierte Entwicklung von großen Flächen ist zu einer französischen Spezialität geworden. Urbanauth hatte in seinem Artikel über das frisch fertiggestellte ökologische Stadtviertel Clichy-Batignolles im Norden von Paris bereits darauf hingewiesen. Aber auch der Bau der Ringautobahn, dem Péripherique in den 60er, 70er und 80er-Jahren verlangte eine großflächige Auseinandersetzung, um den steigenden Bedarf an Mobilität nachzukommen.

Anekdote: Vom Höhenflug in die Imobilienblase

1873 trat die Ernüchterung mit einer Immobilienblase ein. Die gestiegenen Wohnkosten führten zum Fortzug der Arbeiter aus dem Zentrum. Und auch der niedergeschlagene Aufstand der Pariser Kommune von 1871, hatte seine Wunden hinterlassen. In Folge der Blutwoche „la semaine sanglante“ wurde die Stadt mithilfe der Preußen zurückerobert. Die Geschehnisse um die Pariser Kommune entstand dabei infolge einer sich verändernden Umgebung, aber auch den sozialen Ungerechtigkeiten und Hungersnöten dieser Zeit. Bleibende Errungenschaften war die Teilnahme der Frauen im politischen Diskurs und Bünden. Revolutionärinnen, wie die Lehrerin Louise Blanc und andere Mitstreiterinnen, legten dabei wichtige Grundsätze für die Frauenrechte und ihrer Emanzipation von der industriell -patriarchen Gesellschaft.

Das Lycée Chaptal im 8.ten Arrondissement von Paris entstammt dem Ende der klassichen Haussmann’schen Epoche. Zwischen 1866 und 1876 vom Architekten Eugiène Train erdacht, wurde das Gebäude erst nach Ende der französischen Kommune vollendet. Über den Skulpturen steht in Goldinsignien Industrie und Wissenschaft (links), sowie Handel und Künste (rechts). (Urbanauth / VGO / 2021)

Im aktuellen Zeitgeschehen traten die steigenden Mieten und sozialen Ungleichheiten der französischen Gesellschaft mit der Sozialbewegung der „Gilets-Jaunes“ wieder in den Vordergrund. Zugleich befindet sich die Hauptstadt Frankreichs vor der Schwelle zum großen Paris, dem „Grand-Paris„. Die olympischen Spiele 2024 wirken dabei als Katalysator mit der Fertigstellung von neuen Bahnhöfen, Wohngebäuden und Sporteinrichtungen. Im Fokus der stadtplanerischen Bedenken: Mobilität, Dichte und Lebensstandards. Die Entwicklungen sind im vollen Gange und das Stadtbild im raschen Wandel.

Haussmanns Plan, die Stadt nach innen sicherer zu machen, ist umstritten. Dennoch leistet er einen wichtigen Beitrag zur Modernisierung der Metropole und dessen einsetzende Urbanisierung. Ohne den Baron Haussmann würde Paris nicht so aussehen, wie es dies heute tut! Doch wie sieht die Hauptstadt Frankreichs morgen aus?

Literaturquellen: Grundbegriffe der Ästhetik (Urbanismus), Historisches Wörterbuch in sieben Bänden, Band 6. Herausgegeben im Verlag J.B. Metzler unter der Leitung von Dieter Kliche. 978-3-476-02359-9

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