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Groß, größer, am Größten? Der moderne Städtebau kennt weltweit eine Renaissance. Abseits der gigantischen Infrastruktur-Projekte entstehen heutzutage überall neue Metropolen. Parallel verläuft die Erweiterung von bestehenden Städten durch tiefgreifende, räumliche Eingriffe im Erscheinungsbild und der Infrastruktur. Im Nahen Osten werden neue Metropolen gebaut, wo zuvor nur Wüste war. Im traurigen Gegenzug sieht sich Indonesien gezwungen, seine Hauptstadt Jakarta wegen des steigenden Meeresspiegels umzuziehen. Von Saudi-Arabien, Ägypten und Nigeria zu Indonesien und Japan – die verschiedenen Akteure verfolgen ihre eigenen urbanen Utopien. Entdecke fünf utopische Städte in der Entstehung – doch Vorsicht, nicht alle sind zum Erfolg verdammt!

Moderner Städtebau: 5 utopische Städte von Morgen

Utopische Städte: die linienförmige Wüstenstadt Neom „The Line“ in Saudi-Arabien

So funktioniert moderner Städtebau im Nahen Osten! Das futuristische Projekt um die linienförmige Wüstenstadt Neom, auch bekannt als „The Line“ setzt neue Maßstäbe. Unter der Initiative von Kronprinzen Mohammed bin Salman und in Kooperation mit Jordanien soll im Nordwesten von Saudi-Arabien in der Tabuk-Provinz diese utopische Stadt entstehen. Neben dem geplanten linienförmigen Aufbau und beachtlichen 170 Kilometern Länge sorgen weitere Innovationen und Ideen für Zukunftsmusik.

Im Vordergrund steht die „Walkability„. So sollen alle wichtigen Einrichtungen, wie Schulen, Kliniken und Grünflächen innerhalb von fünf Minuten fußläufig erreicht werden. Dank neuer Mobilität soll auch die Pendelzeit reduziert werden: Mit einem automatisierten High-Speed Transit-System, welches auf modernsten Technologien beruht, soll keine Fahrt länger als 20 Minuten dauern. Durch den linienförmigen Bau von Hochhäusern entsteht eine dichtbesiedelte Zone, die die Auswirkungen des Menschen auf die Umwelt verringern soll. Erneuerbare Energien werden in die Projektplanung dabei ebenso miteinbezogen, wie technische Fortschritte rund um die Smart-City und künstliche Intelligenz.

Eines der zugleich anspruchsvollsten Städtebauprojekte, als auch teuersten. Mit über 500 Milliarden Dollar schlagen sich die geplanten Kosten bereits zu Buche – mögliche Tendenz steigend. Dank der Unterstützung durch Saudi-Arabien mangelt es nicht an den finanziellen Mitteln. Das Land im Nahen Osten weiß um die Vergänglichkeit seines Rohstoffreichtums. Neom soll neue Impulse setzen und eine Zukunft abseits des Ölmarktes ermöglichen. Das Projekt, welches 2017 enthüllt und dessen erste Bauphase 2019 begann, erlitt durch die Corona-Pandemie erste Verzögerungen im Zeitplan.

Währenddessen kennt die Fantasie und Kreativität der Architekten und Entwickler wenig Grenzen. Im Sinne der Skyline von Dubai wird auch in Neom hoch gebaut. Vorschläge wie der Downtown-Circle einem gigantischen Donut-förmigen Gebäude im Zentrum der Stadt und der Vorschlag einer kilometerlangen Gebäudelinie sorgen mit aufwändigen Renderings für Zukunftsmusik. Von weiteren utopischen Ideen und Ausreißern ganz zu schweigen! Ein Jurassic Park mit Roboter-Dinosauriern, sowie einen künstlichen Mond und leuchtender Sand eingereiht in „Out of the box„- Gebäude-Entwürfen… den Architekten- und Planungsbüros mangelt es nicht an pompösen Einfällen. Welche von den vielversprechenden Vorschlägen und Utopien schlussendlich umgesetzt werden, wird die Zukunft zeigen!

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So stellten sich Architekten und Stadtplaner in Frankreich die Stadtlandschaft vor – 15. Arrondissement mit seinen Gebäuden aus den 70er Jahren. (Symbolfoto: Urbanauth / VGO / 2021 / Paris)

Ägyptens neue Regierungsstadt – die „New Administrative Capital“ soll Kairo ersetzen

Halbmoderner Städtebau mit veralteten Konzepten oder doch die falschen Vorbilder? Auch in Ägypten wird kräftig an gigantischen Urbanisierungs- und Infrastrukturprojekten gebaut. Das Land mit seinem Suezkanal ist für den globalen Schiffs- und Güterverkehr von strategischer Bedeutung. Im Rahmen des chinesischen Infrastrukturprogramms, der One Belt-Initiative und Chinas neuer Seidenstraße, erhält Ägypten dabei bereits massiv Investitionen. Als Teil der „Vision Ägypten 2030„-Agenda wird nun der Bau einer neuen administrativen Hauptstadt vorangetrieben.

Denn vor allem die millionenstarke Metropolregion von Kairo kämpft mit den Problemen einer chaotischen Stadtentwicklung. Dem soll nun mit dem Projekt der „New Administrative Capital“ Abhilfe verschafft werden. Die neue Regierungsstadt unweit Kairos kostet geschätzte 60 Milliarden Euro. Der Journalist Patrick Hoffmann berichtet in seinem Beitrag für den RND ausführlich über das Vorhaben und die aktuelle Umsetzung des Regierungsviertels.

Auch wenn der exakte Name noch fehlt, so existiert 50 Kilometer im Osten von Kairo bereits eine gigantische Baustelle. In Sachen modernem Städtebau wird mit den klassischen Großprojekten geworben. Neben einem riesigen, internationalen Flughafen, werden ebenfalls Gewerbegebiete, Freizeitparks- und Einrichtungen, Krankenhäuser, Schulen, Moscheen und Wohnraum für mehrere Millionen Menschen gebaut. Die neue administrative Hauptstadt soll zum neuen Herzen und Wirtschaftsmotor des Landes werden. Doch wie modern Ägyptens Städtebau-Projekt wirklich ist, bleibt offen.

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Moderner Städtebau: Was die grauen Plattenbauten wohl ersetzen wird? (Symbolfoto: Urbanauth / VGO / 2021 / Paris)

In Sachen Mobilität sollen 2000 Kilometer Gleisstrecke gelegt und 60 Stationen gebaut werden. Von Abu Simbel bis Luxor, nach Alexandria über Kairo und der neuen Hauptstadt wird das Schienennetzwerk ausgebaut. Das deutsche Unternehmen Siemens hat den historischen Vertrag 2022 abgeschlossen und ist für den Bau des Transportnetzwerkes verantwortlich.

Gegen den Bau der neuen Regierungshauptstadt regt sich Widerstand – die Planung und der Zweck stehen in der Kritik. So kann das verschuldete Land bereits ohne fremde Investitionen nicht seine Kosten decken. Der Bau eines solchen gigantischen Projektes verschlingt dabei eine unkalkulierbare Anzahl an Ressourcen und riskiert langfristige Auswirkungen auf die Wirtschaft und Umwelt zu haben.

In der Kritik: veraltete, stadtplanerische Konzepte aus den 70er-Jahren, sowie ein diskriminierender, territorialer Ansatz mit einem ungleich ausgebauten Mobilitätsnetz, sowie eine fragwürdige Nutzung der Wasserressourcen. Doch vor allem die veralteten, stadtplanerischen Ansätze mit ihren großen Boulevards und Schnellstraße, sowie die Trennung der Lebensbereiche von Wohnen, Arbeit, Konsum und Freizeit in verschiedenen Vierteln steht dabei im Gegensatz zu den zeitgenössischen, urbanistischen Ansätzen einer produktiven Stadt. Bisher ist nur wenig über den Fortschritt der neuen administrativen Hauptstadt bekannt und es bleibt abzuwarten, ob das Bauvorhaben gelingt.

Ungewisse Umsetzung: Die Eko Atlantic City bei Lagos

Medial wenig beachtet, sowie zurzeit in Stillstand und ebenfalls ein Beispiel von modernem Städtebau auf dem afrikanischen Kontinent: die Eko Atlantic City als Erweiterung von Lagos. Auf ungefähr 25 Quadratkilometern Fläche sollte neuer Wohnraum erschlossen und bis zu 15 Quadratkilometer ins Meer hinein gebaut werden. „Eko“ steht dabei mitnichten für Ökologie, wie es ein anglophoner Leser meinen könnte, aber wohl für den Yoruba-Pedanten von Lagos.

Das Bauvorhaben, welches mit chinesischer finanzieller Unterstützung und Know-How umgesetzt werden sollte, befindet sich zum jetzigen Zeitpunkt im Stillstand. Abgesehen von Unmengen an aufgeschüttetem Sand und einigen, verhältnismäßig wenigen Gebäuden haben die Folgen der Corona-Pandemie das Bauvorhaben verzögert und stellen eine realistische Fertigstellung infrage.

Der moderne Städtebau in Afrika geriet zuletzt bereits in die Schlagzeilen, als schwere Korruptionsvorwürfe über Kongo in den Congo Hold Up-Leaks aufkamen. Die französischsprachige Nachrichtenseite RFI berichtete ausführlich über die finanziellen Verflechtungen des ehemaligen Präsidenten Jospeh Kabila und deckten auch einige dubiose Immobilienprojekte in Kinshasa auf.

Klimwandelbedingter Umzug in Indonesien: Die neue Hauptstadt Nusantara

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Die wilde Natur der indonesischen Insel Borneo in Ostkalimantan wird wohl dem Bau der neuen Hauptstadt Nusantara weichen müssen. (Symbolfoto: Urbanauth / VGO / 2021 / Natur)

Schlechte Zeiten für den bevölkerungsreichsten Inselstaat. Aus dem unerfreulichen Grund des steigenden Meeresspiegels muss die aktuelle Hauptstadt Indonesiens Jakarta umziehen. Mit über 40 % der städtischen Fläche unter dem Meeresspiegel, winken der Megacity keine schöne Aussichten in der Zukunft. Doch auch die angestauten Probleme der chaotischen Stadtentwicklung von Jakarta – dazu gehören die Zersiedelung der Landschaft, massive Verkehrsstaus, informelle Siedlungen, weit verbreitete Überschwemmungen, das Fehlen von sauberem Wasser und Abfallentsorgung sowie Bodensenkungen – führten zur Umzugsentscheidung.

Der Neuanfang soll dabei helfen, die vorangegangenen Fehler zu vermeiden. Wie sich der Umzug für die zehn Millionen Einwohner der Hauptstadt vollziehen wird, bleibt offen. Ebenso was aus der Metropolregion von Jakarta wird, welche mit seinen 34 Millionen Einwohner, eine der größten urbanen Agglomerationen der Welt ist. Doch der südostasiatische Inselstaat sieht sich unweigerlich mit den Auswirkungen der steigenden Meeresspiegel konfrontiert, weswegen kein Ausweg bleibt als umzuziehen.

Die neue Hauptstadt Nusantara entsteht auf Borneo und soll schon 2024 eingeweiht werden. Der Name nimmt Bezug auf „Wawasan Nusantara„, „die indonesische archipelagische Vision„. Dies entspricht der nationalen Vision Indonesiens in Bezug auf seine Bürger, die Nation und das Gebiet der Republik Indonesien.

Auch wenn das Projekt einer neuen Hauptstadt bereits von Vorgängerregierungen in den Raum gestellt wurde, so nahm es erst ab 2017 Fahrt an. 2019 gewann nach einer internationalen Ausschreibung der Vorschlag „Nagara Rimba Nusa“ („Waldland-Archipelago„) von URBAN+. So soll 80 % der Mobilität durch öffentliche Verkehrsmittel, sowie fußgänger- und fahrradfreundlichen Wegen gedeckt werden.

In der Anfangsphase wird das Bauland erschlossen und die ersten öffentlichen Einrichtungen gebaut. Neben den Lehren aus dem Klimawandel nehmen Erfahrungen aus der Corona-Pandemie ebenfalls einen Platz in der stadtplanerischen Umsetzung von Nusantara ein. Der Nachrichtenseite Blomberg zufolge haben die Arbeiten an dem 34 Milliarden Dollar Bauvorhaben bereits begonnen. Die Finanzierung, welche zu Großteilen aus dem privaten Sektor kommen soll, stellt dabei eine Hürde für das Projekt dar. Aber auch die tiefgreifenden Auswirkungen auf die Naturreserven von Borneo werfen Fragen über die Nachhaltigkeit auf.

Utopische Städte in Japan: die Smart City von Toyota „Woven City“

Als Letztes auf unserer Liste fünf utopischer Städte darf dieser Vorreiter der Smart-City nicht fehlen: Die Woven City von Toyota ist ein sowohl ambitioniertes als auch hochtechnologisiertes Vorhaben in Japan. Am 23. Februar 2021 wurde offiziell verkündet, dass in der Stadt Susono auf einem ehemaligen Automobilwerk von Toyota ein innovatives Mobilitätszentrum entstehen soll. Im Sinne der japanischen Kultur spielen traditionelle Werte mit moderner Technologie im Gesamtvorhaben eine wichtige Rolle. Mit Mount Fuji im Rücken sowie einer gesicherten Finanzierung – ein vielversprechendes Projekt.

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Moderner Städtebau versus Zukunftsmusik – Was wirklich bleibt, verrät die Zeit. (Symbolfoto: Urbanauth / VGO / 2021 / Paris)

Die Arbeiten, welche letztes Jahr begonnen haben, befinden sich noch in der Erschließung des Baulandes. In der zweiten Phase werden anschließend die Architekten einbezogen. Finanziert werden die privaten Projekte hauptsächlich von der Toyota Motor Corporation, einem der größten Automobilhersteller außerhalb Europas. Um eine sichere und effiziente Mobilität zu ermöglichen, wird die Güterlogistik vom persönlichen und öffentlichen Verkehr getrennt und erhält eigene Fahrbahnen. Während auf der Oberfläche eine Fahrtstrecke für automatisierte Fahrsysteme geplant ist, wird der Güterverkehr unterirdisch verlegt. Das originelle Verständnis von Mobilität hat dabei eine tiefergreifende gesellschaftliche Bedeutung in der Unternehmung. So soll Wasserstoff als Energiequelle im Vordergrund stehen. Mit einer „Smart City Plattform“ soll das Internet der Dinge den städtischen Raum und das Leben der Bürger vernetzen. Weitere Angebote rund um Gesundheit, Bildung und Arbeit ergänzen das holistische Konzept.

Und auch wenn die Fläche und der relativ geringe Wohnraum die Woven City zur Kleinsten der Utopien im modernen Städtebau macht, so ist es vielleicht gerade die Durchsetzbarkeit des Projektes, welches ihm den Reiz und die Glaubwürdigkeit gibt. In Sachen Zukunftsmusik hegt das Konzept der hochmobilen Stadt ebenso starke Ambitionen wie die anderen vorgestellten Bauvorhaben. Im Gegensatz zu Googles eingestelltes Smart City Projektes in Toronto, Kanada, bleibt Toyota mit Woven City zurzeit der vielversprechendste Entwickler einer Smart City.

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