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Mehr solcher Parkwanderwege! Der Grüngürtel René-Dumont inmitten von Paris

Mehr solcher Parkwanderwege! Der Grüngürtel René-Dumont inmitten von Paris

Entdecke den Grüngürtel und Parkwanderweg der „Coulée verte René-Dumont“ von Paris. Stell dir vor, du begibst dich auf eine Expedition und durchquerst den zwölften Bezirk der französischen Hauptstadt. Eine Reise durch die Stadt.

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Der Parkwanderweg der Coulée verte Renée Dumont ist eine einzigartige städtebauliche Schöpfung in Europa. Dieser wurde auf einer ehemaligen Eisenbahnlinie gebaut und ist Teil des Eisenbahnerbes der Stadt Paris. (Urbanauth / Douib Monia / 2020)

Der Grüngürtel René-Dumont von Paris
: Ein wiederbelebtes
Eisenbahnerbe als Parkwanderweg

In den 1970er Jahren begann der Umbau. Viele Architekten arbeiteten an diesem Projekt zusammen, wie zum Beispiel Philippe Mathieux, Andréas Christo-Foroux, Patrick Berger, Pierre Colloc, Vladimir Mitronoff, sowie dem Landschaftsarchitekt Jacques Vergely.

1983 wurde im Rahmen der Neugestaltung des Pariser Ostens eine bepflanzte Promenade angelegt. Mit der Coulée verte Renée Dumont genießen die Bürger der Stadt einen ganz besonderen Erholungsort. Der Parkwanderweg wurde sieben Meter über dem Boden entworfen. Diese Höhe erlaubt es den Besuchern, die Pariser Architektur zu betrachten, während sie spazieren gehen und einen Panoramablick über Paris genießen.

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Zum Europatag gab der Pariser Stadtrat bei dem Künstler Nicolas Scauri, alias Skio, ein Streetart-Werk in Auftrag. Nach den Malern Paul Veronese, Tizian und Giambattista Tiepolo interpretierte Skio seinerseits den griechischen Mythos der Entführung Europas. Europa ist eine phönizische Prinzessin, der sich Zeus näherte und sie verführte, indem er sich in einen Stier verwandelte.
(Urbanauth / Douib Monia / Paris / 2020)

Wo befindet sich der Grüngürtel der Coulée verte René-Dumont in Paris?

Der Parkwanderweg von Paris durchquert den zwölften Bezirk, von der Place de la Bastille bis zur Porte de Vincennes. Diese ehemalige öffentliche Verkehrslinie aus dem Jahr 1859 verband Paris mit Straßburg und endete an Bastille. Im Wettbewerb mit der RER A-Zuglinie brach diese ein Jahrhundert später zusammen.

Die Coulée verte René-Dumont kann über Stege, Treppen oder Aufzüge erreicht werden. Die Besucher können dann unter kleinen Tunneln hindurchgehen und den Weg der Gärten Hector Malot oder Charles Peguy sowie den Reuilly-Rasen überqueren. So ermöglichen der Fußgängerübergang und der Radweg, sowohl ein Publikum als Familie als auch Sportler zu empfangen.

Aufgeteilt in insgesamt drei verschiedene Teile bietet die Coulée verte einen Parkwanderweg von etwa 4,5 Kilometern Länge. Dieser Bereich besteht hauptsächlich aus der „Viaduc des Arts„, die sich zwischen der Bastille und dem Garten von Reuilly-Paul Pernin befindet und besteht aus zwei weiteren Parzellen in Form von durchgehenden Gärten und Grünflächen.

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Grüner Rasen und eine Fußgängerbrücke: der Grüngürtel René-Dumont in Paris. (Urbanauth / Douib Monia / Paris / 2020)

Der Grüngürtel René-Dumont in Paris erfindet sich selbst

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Streetart und urbane Kunst. Der Grüngürtel liegt inmitten einer hoch urbanisierten Zone. Da darf Kunst natürlich nicht fehlen! Der französische Künstler Stéphane Nedellec, alias Ned, hat ein Fresko „Soleils d’énergie“ (Sonnenernergie) mit Schablonen auf die Wand in der Rue du Sahel 36 gemalt. Zusammen mit Stéphane Carricondo und Jerk45 gründete er das Kollektiv 9e Concept. Sein künstlerisches Universum ist reich, wimmelnd und bewegend. Alltägliche Gegenstände treffen auf eine fantastische, märchenhafte Welt voller imaginärer Figuren „nedelleyens„. Bretonischer Herkunft assoziiert er keltische Symbole mit Stammeszeichen. Er ist ein bildender Künstler, der fotografiert, zeichnet und malt. Seine Figuren bewegen sich zwischen Realismus und Abstraktion. Inspiriert vom Mittelalter baut er Medaillons und malt Ornamente, verschränkt Flammen, Arabesken und Friese und formt neue Wappen. Er verschmilzt Motive mit Bannern, Luftschlangen, Transparenten und magischen Siegeln. (Urbanauth / Douib Monia / Paris / 2020)

Heute erfindet sich der Parkwanderweg neu. Die lokale Biodiversität wird respektiert. Einige Teile des inneren Gürtels sind Reservoirs von Flora und Fauna. Die coulée verte René-Dumont liegt in der Nähe von Wäldern, großen Parks, der Seine und Kanälen. Letztere ist Teil eines ökologischen Netzwerks. Spaziergänger durchstreifen dieses Gebiet, sowohl Eisenbahn- als auch Stadtgebiet, um zu flanieren, zu laufen, sich zu entspannen oder zu erholen. Seit 2017 arbeiten die Pariserinnen und Pariser gemeinsam daran, die Zukunft des Ortes neu zu definieren und sein Potenzial weiterzuentwickeln.

Generell prägt der Grüngürtel René-Dumont, als eine erholsame neue Grünfläche von Paris. In der Tat eröffnet diese Stadtlandschaft neue Perspektiven für die Pariser Bürger, die von einer qualitativ hochwertigeren Fläche träumen. Die Aufwertung des Ortes ermöglicht eine untypische Erfahrung in einer städtischen Umgebung, in der sich Menschen treffen, die leidenschaftlich an Bedeutung interessiert sind. Dieses Konzept eines grünen Stadtpanoramas ist eine Quelle der Inspiration für fremde Länder. In den 1990er Jahren schufen die Amerikaner zum Beispiel den New Yorker High-Line Park nach einem ähnlichen Ansatz wie den Grüngürtel in Paris.

Ein Parkwanderweg und öffentlicher Erholungsort inmitten von Paris

Die Stadt Paris hat einen partizipativen Haushalt geschaffen, der den Pariser Bürgern vorschlägt, über die Verwendung von 5% des Investitionsbudgets zwischen 2014 und 2020, d.h. einer halben Milliarde Euro zu entscheiden. Nach der Phase der Projekteinreichung und -abstimmung werden die Kandidaten zu Co-Konstruktions-Workshops eingeladen, um ihre Ideen in realisierbare Projekte zu verwandeln.

Im Jahr 2017 wurde mit 886 Stimmen und einem Budget von 100.000 Euro ein Projekt zum „René-Dumont Green Casting“ ausgewählt. Das Hauptziel bestand darin, gemeinsam über die Zukunft von Paris nachzudenken, genauer gesagt, in diesem Beispiel des Grüngürtelabschnittes René-Dumont.

Ziel dieses spezifischen Projekts war die Modernisierung der Grünfläche in ihrer Nutzung für Veranstaltungen sowie ihrer landschaftlichen und ökologischen Vorzüge, indem einerseits permanente Hängesysteme geschaffen wurden, die die Nutzung bei Veranstaltungen begleiten, die Tunnelbeleuchtung verbessern und das Mobiliar an den Komfort der Benutzer und den landschaftlichen Aspekt der Grünfläche anpassen.

Der Original-Artikel ist von Monia Douib in Französisch, 2019 erschienen. Die Übersetzung ist von Vincent Göhlich.

Paris: STESI’s Graffiti auf Lastwägen

Paris: STESI’s Graffiti auf Lastwägen

Frankreich. Nicht erst seit gestern unterwegs. STESI (ODV / COP / 156 / DKA / DKC / MTM) ist ein Urgestein der Pariser Graffiti-Szene und nach wie vor sehr aktiv. Seine Leidenschaft ist es, seinen Namen durch die Stadt fahren zu sehen. Eigenen Angaben zufolge bemalte er in Paris mit seinem Graffiti über 300 Lastwägen. Nachfolgend einige Schnappschüsse seiner fahrenden Werke.

Graffiti auf Lastwägen werden nicht nur alleine darauf angebracht. Im Bild ein von STESI als organischer, bzw. biomechanischer Stil beschriebene Gestaltung eines Lastwagens in Zusammenarbeit mit LEK_75019. Hier trifft ein abstrakter Stil mit verschwindenden Linien auf einen eckigen Stil mit klaren Abgrenzungen.
Legendäre Kombo: Stesi in Zusammenarbeit mit LEK. Beide gehören zum Urgestein der Pariser Graffiti Kultur. (Urbanauth / VGO / 2021)

Graffiti auf Lastwägen: All eyes on STESI

Paris. Graffiti auf einem Lastwagen in Paris. Stesi Throwup in zwei Farben.
Throw-Up: STESI Graffiti auf den Lastwägen von Paris. Zweifarbiger Throw-Up in weiß und schwarz. (Urbanauth / 2021)

Jahrgang 1979, entdeckte Stesi seine Leidenschaft für Graffiti mit 16 Jahren. Dies verdankt er unter anderem seinem Freund SIRIUS156. Und auch wenn Stesi über die Jahre die verschiedensten Oberflächen bemalte, so bleiben Lastwägen sein Lieblingsmittel zum Ausdruck. Auf Flächen von vier bis fünf Metern und einer Höhe von ca. 2,3 Metern erzielen seine Werke die größte Wirkung. STESI konnte für den Artikel nicht erreicht werden.

Der 18. Bezirk von Paris ist ein Mekka für Graffiti auf Lastwägen. Throw-Up von Stesi in drei Farben (braun, schwarz und weiß).
Throw-Up: Der 18. Bezirk von Paris ist ein Mekka für Graffiti auf Lastwägen. Im Bild ist ein Throw-Up von Stesi zu sehen. (Urbanauth / 2021)

Als Graffiti-Sprüher interessieren ihn in erster Linie Buchstaben. Von Tags und Throw-Ups zu aufwändigen, abstrakten Formen, er malt alles. Tagsüber unterwegs kennt er sein Revier wie kein Anderer. Und seine Arbeit der letzten Jahre macht sich bemerkbar. Inzwischen überall in Paris und den nahen Vororten präsent, beschränkt sich Stesi nicht nur auf die Hauptstadt von Frankreich. London und Barcelona gehören ebenso zu den Städten, die er gerne besucht. Über die Zeit malte er dabei in den verschiedensten Ländern, wobei seinen Angaben zufolge sich seine Schaffensorte auf Europa beschränken.

Graffiti auf Lastwägen. Im Bild ein von STESI als organischer, bzw. bio-mechanischer Stil beschriebene Gestaltung eines Lastwagens.
Surrealistisch & abstrakt: STESI Graffiti im 17. Bezirk von Paris. Diesen Stil bezeichnet der Künstler als organisch bzw. bio-mechanisch. (Urbanauth / 2021)

Entscheidend für Stesi ist die Spontanität und Schnelligkeit in seiner Vorgehensweise. Seine Herangehensweise vergleicht er dabei mit den Surrealisten wie André Breton und Max Ernst. Fern von Skizzen malt er „automatisiert“ wie eine Maschine und lässt seine Graffiti mehr mit Unbewusstsein, als mit Konzept entstehen. Im Vordergrund steht das Überraschungsgefühl vor einem fertigen Werk zu stehen und dieses auf sich wirken lassen.

Die Leidenschaft für Graffiti auf Lastwägen

Graffiti auf Lastwägen. Im Bild ein von STESI als organischer, bzw. biomechanischer Stil beschriebene Gestaltung eines Lastwagens. Oben drüber ein gut lesbares "156"-Graffiti, einer der ältesten Graffiti-Crews von Paris.
Fetzige Kombo: Ganz frisch aus 2021. Stesi’s abstraktes Graffiti auf dem Lastwagen. Darüber befindet sich ein Graffiti von 156. (Urbanauth / VGO / 2021)

Schon früh erkannte er, dass es neben dem illegalen Bemalen der Lastwägen auch eine Alternative gibt. Nett fragen und mit dem Besitzer der Fläche verhandeln. 2014 gab er der Zeitung NouvelObs für Rue89 ein Interview.

Jedes Mal, wenn ich mit Erlaubnis Graffitis anbringe, gibt es mindestens eine Person, die feindselig reagiert. Sie kommen vorbei, sehen es sich an und rufen mir dann zu, dass ich das nicht tun soll, dass es falsch ist. In diesen Fällen muss ich diplomatisch sein und mich erklären. Aber die meisten Passanten sind positiv gestimmt. Sie machen Fotos, kommen und fragen mich, was ich tue… Sie wissen, dass es zur Stadt dazugehört.

STESI im Interview mit NouvelObs/Rue89 2014

2019 erschien er bei ONEDAY und wurde für einen Tag mit Kamera begleitet. Neben einem Interview gibt das Video Einblicke in die Arbeitsweise von Stesi.

In den folgenden Bildern, kein Lastwagen, aber eine Auswahl an Stesi’s kalligrafischen Arbeiten.

Weitere Lastwägen-Graffiti von STESI

Night Flavor: Kalligraphisches Meisterwerk auf dem Format eines ganzen Lastwagens. STESI’S Geschmack für die „Wholecars“ ist offensichtlich. Seine verschnörkelte Schrift kombiniert er dabei mit einer ausgewählten Farbwahl. (Foto: Urbanauth / 2021 / Paris)

Malt nicht nur Lastwägen: STESI’s Graffiti in den Straßen von Paris

Mags groß: STESI auf Sperrholzplatten an einer Seitenstraße von der Place de la Madeleine. (Foto: Urbanauth / 2021 / Paris)

STESI’S kalligrafische Spielereien

Getagte Sperrmüll-Platte mit einer Auswahl an Stesi's kalligrafischen Buchstabenzusammensetzungen.
Spielereien auf Sperrmüll: Kein Lastwagen von Stesi. Diese beschriebene Sperrmüll-Platte repräsentiert auf schöne Weise Stesi’s vielfältige Kalligrafie. (Urbanauth / VGO / 2021)
Vandal: STESI Tagg (Urbanauth / Paris / 2019)

STESI’s Werke im Marché MALIK: Straßenkunstmekka in Saint-Ouen (93)

STESI’s Straßenkunstwerk Rue d’Aubervilliers – Die Wand von Harvey R‘ Style

Künstler der Nacht: STESI feat BANKSY?

STESI und LEK75019: zwei langjährige Freunde

Abstrakte Kombo: LEK75019 und STESI.ONE, zwei langjährige Freunde (Urbanauth / Paris / 2019)

Stesi in Zusammenarbeit mit einem weiteren Urgestein der Pariser Graffiti-Szene, LEK (75019). Zwei Stile; eckig und organisch bilden ein einzigartiges, abstraktes Kunstwerk auf vier Rädern. Aber vor allem, eine langjährige Freundschaft.

Hat bereits etwas gelitten: STESI & LEK Straßenkunstwerk an der Place de la Madeleine in Paris aus 2019. (Foto: Urbanauth / Paris / 2021)

Doch die beiden malen nicht nur gemeinsam Lastwägen. Ebenfalls unter den Beiden beliebt: Holzplatten.

STESI und LEK in 2019. Zwei verschiedene Style treffen aufeinander und harmonieren mit ihrem Farbunterschied weiß-gelb (Foto: Urbanauth / Paris / 2021)

STESI und PSY – „156“ Graffiti-Crew Paris

Gesellschaftskritik im Streetart in Frankreich

Gesellschaftskritik im Streetart in Frankreich

Gesellschaftskritik im Streetart in Frankreich. Verschiedene Künstler trafen 2019 zusammen, um gesellschaftskritisches Streetart zum Kontext der Gilets Jaunes zu gestalten. Die Bewegung der französischen Gelbwesten hat 2018 das Land überrumpelt und eine Fraktur in der Gesellschaft zutage gebracht. Ein Jahr später nutzte die Graffiti und Streetart-Szene die Gelegenheit, „der Straße eine Stimme zu verleihen„. Und so war der Andrang groß, als das Black-Lines Kollektiv im Mai des darauffolgenden Jahres zur Jam einlud. Die entstandenen Straßenkunstwerke – inzwischen lange vergangen – gingen auf die Probleme in der französischen Gesellschaft ein. Urbanauth hat für euch in diesem Kontext eine Perle gesellschaftskritischer urbanen Kunst analysiert.

Spätestens ab den urbanen Unruhen vom 1. Dezember 2018, solidarisierte sich ein Teil der französischen Bürger mit der Sozialbewegung. Benzinsteuer, Bürgerreferenden, Überwachung, Polizeigewalt und französische Medienlandschaft: zu kritisieren gab es genug. Raumaneignung und Graswurzel-Protest war die Antwort. Die Raumaneignungsprozesse waren vielfältig. Sei es bei unangemeldeten Demos mit bunten Schildern, Verkleidungen und Schriftzügen auf den gelben Westen – oder Taggs an den Wänden und brennendem Mobiliar auf dem Boulevard.

Die Zusammenkunft der Künstler aus der Graffiti- und Streetart-Szene fand im Mai 2019 statt. Auf der 300 Metern langen Graffiti Hall of Fame von Paris an der Rue Ordener wurde ordentlich gemalt! Urbanauth gibt euch eine Interpretation der (bereits vergangenen) Straßenkunstwerke!

Gesellschaftskritik im Streetart: „Black Lines“ interpretiert die Gilets Jaunes Bewegung

Gesellschaftskritik Streetart, Bild Mikrowelle mit Möhren, Schriftzug "Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Info, kein Gerücht!" Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
Eine Frau läuft mit ihren Einkäufen die Graffiti Hall of Fame von Paris an der Rue Ordener entlang. Auf der Mikrowelle ist es 13:12 Uhr. Möhren mit Namen der großen kommerziellen schmoren, während der Schriftzug besagt: „Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Information und kein Gerücht!“ (Foto: Urbanauth / VGO / 2019)

Zu Beginn des Jahres hatte Black Lines bereits eine erste lange Wand mit verschiedenen Künstlern gestaltet. Damals war das Leitthema „Hiver jaune„, welches gelber Winter bedeutet. Jedoch reagierte die Verwaltung des 19. Bezirks der Stadt schnell und ließ die Wand grau überstreichen. Eines der Bilder, welches damals Polemik schürte, war die Freske des Boxers Christophe Dettinger, das von dem Künstler Skalp realisiert wurde. Dettinger hatte auf einer Brücke in Paris die Polizei mit Fausthieben zurückgedrängt.

Das aussprechen, was Graffiti nicht schreibt: Gesellschaftskritik im Streetart

Wer wird sich hier verbünden? Das Streetart-Werk erinnert von der Komposition an die Öl-Malerei des letzten Abendmahles. (Foto: Urbanauth / VGO / 2021)

Die Handlung von der Stadt wurde von den Kunstschaffenden als Zensur wahrgenommen. Klar, dass sich dies die Künstler nicht gefallen ließen. In der Freske von Monsieur Plume /RC/OTM versammeln sich schwarz verhüllte Gestalten um einen Tisch, auf welchem ein rotes Buch liegt, nach dem eine Person zu greifen scheint. Die Gruppierung schwarz vermummter Gestalten geben den Anschein, als ob eine Verschwörung im Gange ist. Zum linken Rand liegt eine vereinzelte Sprühdose auf dem Tisch, während auf der anderen Seite ein Vermummter mit Schläger neben einer stehenden Person sitzt, die das Wort ergreift. Worüber diese Personen diskutieren ist nicht zu erfahren.

Das Straßenkunstwerk erinnert von der Komposition sehr an das letzte Abendmahl. Konspirativ und mysteriös schweigen diese Gestalten und sind seitdem auch schon vergangen, von unzähligen neuen Graffitis überdeckt. Dafür hebt sich ein leitendes Thema der Black-Lines Edition deutlich ab: Zensur und Meinungsfreiheit. Im folgenden mit dabei: Slyz, Bricedu, Torpe und Vince

Gesellschaftskritik im Streetart: Die Medienkritik

  • Gesellschaftskritik Streetart, Kind posiert vor Straßenkunstwerk "Autozensur" von Vince, Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart, Zwei Hände, Rotes Schild, Schriftzug "Autozensur", Medienkritik, Hall of Fame Rue Ordener Vince, zehn Meter lang Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart Weitaufnahme Streetart-Werk von Vince "Autozensur" "Garantiert ohne Barbara Streisand Effekt" Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart, Bild Mikrowelle mit Möhren, Schriftzug "Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Info, kein Gerücht!" Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart Schriftzug ""Möge die Macht mit den nächsten Generationen sein" Künstler Barth le Sablier, Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
  • Gesellschaftskritik Streetart, Fernsehkritik, Shriftzug "Gesehen im Fernsehen", "Fabrik des Konsens" "dreimal effektiver", Rand der Freske Autozensur von Künstler Vince Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,

In dem Meisterwerk des Pariser Sprühers Vince halten auf einer zehn Meter langen Fläche zwei Hände ein rotes Schild, auf dem „Autozensur“ geschrieben steht. Der Satz darunter besagt: „Diesmal wird es die Stadtverwaltung nicht wegmachen…„. Und spielt damit wohl auf die Aktion der Stadtverwaltung an, als die letzte Black Lines Zusammenkunft grau übermalt wurde. Unten rechts liest sich sarkastisch:Angereichert an sozialer Kontrolle„. In der Bildserie ist die vollständige Größe der Freske zu sehen. Oben steht dabei: „Garantiert ohne Barbara Streisand Effekt„.

Beim Barbara Streisand Effekt handelt es sich um eine unerwünschte Information, deren Vertuschungsversuche nur dazu führen, dass die Information umso bekannter wird. Dieses Effekts bedarf es dabei bei diesem Kunstwerk nicht, denn: die Passanten reagierten alles andere als gleichgültig. Sie nutzten die Gelegenheiten, mit dem Straßenkunstwerk ein Selfie zu machen.

Straße mit Passanten an der Graffiti Hall of Fame von Paris / Rue Ordener, im Norden der Hauptstadt, 18. Bezirk, HipHopcity, 1SEAt Graffiti, MDC Graffiti, VO Graffiti,
So sieht die Graffiti Hall of Fame von Paris an der Rue Ordener normalerweise aus: viele Blockbuster-Graffiti und Alteingesessene. Denn auch wenn an der Hall of Fame Rue Ordener das Sprühen erlaubt ist, so sind die Flächen in erster Linie den alten Crews (TPK, KO, UV, ABC, CKT) vorbehalten. (Foto: Urbanauth / VGO / 2021)

Das Verhalten der Medien gegenüber der Sozialbewegung wurde mehrmals kritisiert. Zwischen Sensations-Journalismus und kommerziellen Interessen. Der französische Mediewatchblog Acrimed bringt jedes Jahr in Zusammenarbeit mit der Zeitung „Le Monde diplomatique“ eine Karte der Medien heraus. Darin klären sie über die Inhaberschaften und Vernetzungen der Medienhäuser auf.

„Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Info, kein Gerücht!“

„Les Medias vivent quand la rue meurt. C’est une info, pas une rumeur !“ – gesellschaftskritische Streetart-Freske Black-Lines Jam 2019

Gesellschaftskritik im Streetart: die französische Medienlandschaft

Gesellschaftskritik Streetart, Bild Mikrowelle mit Möhren, Schriftzug "Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Info, kein Gerücht!" Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,
Eine Frau läuft mit ihren Einkäufen die Graffiti Hall of Fame von Paris an Rue Ordener entlang. Auf der Mikrowelle ist es 13:12 Uhr. Möhren mit Namen der großen kommerziellen schmoren, während der Schriftzug besagt: „Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Information und kein Gerücht!“ (Foto: Urbanauth / VGO / 2019)

Gesellschaftskritik im Streetart: Medienkritik. Die Frau auf dem Bild läuft an einem in dünnen schwarzen Linien gesprühten Fernseher vorbei. Ein Timer zeigt die Ziffern 13:12 an, während Drähte an der seitlichen Schale zu Dynamitstangen führen. Im Gerät liegen drei Karotten mit Namensschildern darunter: Eine für TF1, welche der Gruppe Bouygues gehört; eine andere für CNEWS, die in Verbindung zur Gruppe Bolloré steht; und die letzte geht an BFM(-TV). Diese drei Fernsehsender gehören privaten Investoren. Mit darunter versammelt die Crème de la Crème der französischen Wirtschaftselite: Vincent Bolloré, Martin Bouygues

Nicht umsonst skandiert ein Schriftzug auf der oberen Seite: „Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Info. Kein Gerücht!„. Denn an den Krawall-Samstagen des 1., 8. Dezember 2018 und 16. März 2019 gingen die Zuschauerzahlen bei den Fernsendern durch die Decke. Es gilt anzumerken, dass dabei nicht alle Medien gleich unbeliebt sind. So haben die Gilets Jaunes Respekt vor unabhängigen Journalisten und Formaten. Die Sozialbewegung zeigte sich immer wieder solidarisch mit Journalisten, welche von staatlicher Seite eingeschüchtert wurden. Wir berichteten darüber.

Gesellschaftskritik im Streetart in Frankreich, Black Lines stellt die Frage: Was wird aus der Meinungs- und Pressefreiheit?

Das Straßenschild „Platz der Meinungsfreiheit„, einem aufgeklebten Poster, ist auf dem linken Bild von Stacheldraht umgeben. Zwei Überwachungskameras deuten dabei sinnbildlich auf das Schild. Währenddessen hält ein kleiner, schelmisch lächelnder Bär darunter sitzend eine Granate in der Hand. Wann diese wohl in die Luft geht?

Bei der Guillotine, einer Erfindung aus den Zeiten der Französischen Revolution, handelt es sich um ein Fallbeil, mit dem unter anderem der König Ludwig XVI geköpft wurden. Dieses ist im linken Bild auf einen Bleistift gerichtet, auf dem der Name des veranstaltenden Vereins steht. Während die erste Graffiti-Jam unter dem Motto: „Gelber Winter“ von der Stadtverwaltung grau überstrichen wurde, liegt der Fokus dieser Jam auf der Meinungsfreiheit.

Die Künstler wurden in ihrer Ehre angegriffen – doch nicht nur vonseiten der Graffiti-Szene ist die Unzufriedenheit spürbar. In einem offenen Brief Anfang Mai 2019 rief das Kollektiv YellowSubmarine dazu auf, sich mit sozialen Protestbewegungen der Gilets Jaunes zu solidarisieren und nicht vor den Gewalttaten wegzuschauen. Das Kollektiv besteht aus Künstlern verschiedener Disziplinen. Ihre Petition verzeichnete über 27.000 Unterschriften.

Gesellschaftskritik im Streetart: Gilets Jaunes und Polizeigewalt

„Die Sprüher holen die Farbdosen – Der Staat den Kärcher“

„Les graffeurs sortent les bombes – l’état sort le Karcher.“ by Slyz, Black-Lines Jam 2019

Der Künstler Slyze (rechts) spricht mit seinem Bild unter der Vorlage von Bsaz, die Polizeigewalt an. Auf diesem Straßenkunstwerk an der Hall of Fame ist ein Polizist zu sehen, welcher mit einem Knüppel auf einen Demonstranten einzuschlagen scheint. „Resistance“ steht auf seinem Rücken geschrieben. Die rote Banderole im Hintergrund, welche sich vor schwarzen Rauchschwaden emporhebt, sagt aus: „Die Sprüher holen die Farbdosen raus“ – Ein Aufruf, die Stadt in Farbe zu tauchen, und zivilen Ungehorsam zu zeigen? Auf dem unteren Schriftzug steht: „Der Staat holt den Kärcher raus„.

Fakt ist, dass Putzkolonnen in den Stunden nach den Großdemonstrationen den öffentlichen Raum aufräumen. Am nächsten Tag verschwinden dabei bereits die ersten Taggs von den Wänden und Holzabschirmungen der Geschäfte und bilden Flickenmuster. Manche Straßenzüge werden dabei so sauber gehalten, dass binnen einiger Tage bereits alle Spuren ausdruckshafter Raumaneignungen verschwinden. Den Kärcher konnte Urbanauth dabei am Sonntag nach dem 16. März in Aktion sehen, als Arbeiterkolonnen die Schäden an den Champs-Elysees im Eiltempo zu reparieren versuchten.

Gesellschaftskritik im Streetart: Die Debatte über Gewalt

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Gesellschaftskritik im Streetart: Eine Frau mit einer Fahne wird von Journalisten belästigt, die wissen wollen, ob sie die Gewalt im Zusammenhang mit der Gelbwestenbewegung kritisiert. Die Frau stellt die Ikone „Marianne“ dar, dem französischen Symbol der Revolution.

Auf dem linken Bild ist das Abbild einer Marianne zu sehen, welches von dem Künstler Torpe gestaltet wurde. Die Marianne ist eine Symbolfigur der Französischen Revolution. Das Gesicht grimmig, in einer Hand die französische Flagge und in der anderen ein Gewehr haltend, findet sie sich von Journalisten umringt. Geradezu verurteilend scheinen sie, wie sie fragen: „Die Gewaltausschreitungen, Verurteilen Sie sie?“ „Also die Gewalten, verurteilen sie die?„Verurteilen Sie die Gewalt„.

Dieses gesellschaftskritische Werk kann auch als Interpretation des öffentlichen Druckes auf die Demonstranten verstanden werden. Die freiheitsliebende Marianne gerät in Bedrängnis und hat sich vor den Medien für die Gewalt zu rechtfertigen. So kommt ihrer Meinung nach die schwerste Gewalt vom Staat selbst, in Form von physischer Gewalt: während den Demos oder in den Vororten, aber auch in psychischer Form: Wie etwa bei Kürzungen von Sozialhilfen, der Rente oder der Schließung von öffentlichen Institutionen und privaten Unternehmen. Dies führt zu der Wahrnehmung des „Ungehöhrt-Seins“ vonseiten der Politik.

Gewalt während der Sozialbewegung der Gilets-Jaunes: Eine kleine Fotoserie

Die all samstäglich wiederkehrende Gewalt auf den Demonstrationszügen ist ein großes Thema unter den Anhängern der Gilets-Jaunes-Bewegung. Um im Folgenden einen besseren Einblick in die gesellschaftskritischen Kunstwerke erhalten, eine kleine Fotoserie:

Die Gewalt, welche sich auf beiden Seiten abspielte, zeigt eine tiefe Fraktur in der französischen Gesellschaft.

Der unabhängige Journalist David Dufresne, welcher Zeugenaussagen und Videomaterial zur Polizeigewalt seit dem Beginn der Gilets-Jaunes Bewegung sammelt, kommt Ende Mai 2019 auf nicht weniger als 803 Verstöße. Und seitdem kamen immer wieder neue Fälle hinzu. Ende 2019 wird der französische Staat von 2500 verletzten Demonstranten während den Unruhen der Sozialbewegung sprechen.

Da ist aber jemand wütend: 600 Milliliter Neongelb ins Gesicht.(Urbanauth / 2019)

Und auch der Künstler, bei dem es sich möglicherweise um Koz1 handelt, scheint die Geduld mit dem Staat verloren zu haben. So stopft in Hip-Hop Kleidung sein wütender Affe einem karikaturesken Präsidenten eine 600- Milliliter High Pression-Sprühdose in den Mund. Natürlich in Neongelb. Das fetzige GJ„-Graffiti im Hintergrund, die Initialen der Bewegung. Auf der vom malträtierten Staatsmann weg-wehenden Krawatte steht: „Kunst ist öffentlich. Marsch zurück. Das „En marche arrière“ nimmt dabei Gegenstellung zum Namen der regierenden Partei: „La République en marche“ (/LREM), welches näherungsweise mit „Die Republik in Bewegung“ übersetzt werden kann. Eine Ansage, die möglicherweise in Bezug zu den Kürzungen im Budget von Bildung und Kultur, sowie einer Degradierung der Arbeitsbedingungen in verschiedenen Arbeitssektoren zu tun hat.

Aber…

Jemand hat noch ein Wort mitzusprühen

Graffiti? Gilets Jaunes? – Okay

Aber hier? – Falsche Adresse

TPK, unter anderem bekannt als „The Poor Kids“ oder „The Psychopath Killers“ – eine der berüchtigtsten Graffiti-Crews der französischen Hauptstadt, waren nicht so ganz einverstanden mit Black Lines. Die Crewmitglieder: „Relax, Craze, Eby, Keas, Blod, eyone, Knyze, casos“vzeigten das wenige Tage später nach der Veranstaltung. Die Hall of Fame an der rue Ordener ist dafür bekannt, den alteingesessen Sprüher-crews zu gehören. Greenhorns und Fremde sind unerwünscht. Auch, wenn die Graffiti-Szene der Gilets-Jaunes Bewegung Nahesteht. Und die Stadt für sie samstäglich zum Spielplatz wurde, so sind die Wände an der Rue Ordener von hoher Bedeutung für die eingesessenen Crews. Thematisch passend wird dabei im ersten Bild in Gelb und nachlässigem Buchstabenstil über das Werk gesprüht. Die verschonte Botschaft besagt: „Die Revolution ist die Offenbarung eines Horizonts“.

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  • Gesellschaftskritik Streetart, Fernsehkritik, Shriftzug "Gesehen im Fernsehen", "Fabrik des Konsens" "dreimal effektiver", Rand der Freske Autozensur von Künstler Vince Graffiti urbane Kunst, Frankreich, Paris, 18. Bezirk im Norden, Graffiti Hall of Fame Paris Rue Ordener, Black Lines Kollektiv, Subkultur, Gilets Jaunes, Gelbwesten, entartete Kunst, Malerei,

Auf dem zweiten Bild ist die Aussage des Künstlers Adam Yuul ebenfalls erspart geblieben. In roter Schrift warnt er vor drei Epidemien: Castagnitis, Rugyole und Penicose. Die erste ist auf Christophe Castagner, seines Zeichens Innenminister und Parteivorsitzender der LREM bezogen, während mit Francois de Rugy der Umweltminister und Muriel Pénicaud die Arbeitsministerin bezeichnet werden. Im Zusammenhang mit den Forderungen: Inneres – man denke an die Polizeigewalt und provisorischen Gewahrsame sowie Überwachung. Ökologie – welche Macron in seinem Wahlprogramm bewarb, ohne Erfolge vorzuweisen. Arbeit – eines der Grundmotive für die Entstehung der Gilets Jaunes ist die sinkende Kaufkraft in Verbindung mit den Löhnen und großen strukturellen Unterschieden im Land. Die Freske kann dabei als Kritik an den politischen Entscheidungen mancher Amtsträger verstanden werden, weswegen der Künstler abschließend warnt, nicht ohne die gelbe Weste aus dem Haus zu gehen.

Mit einem tollen Endergebnis hat das Black-Lines Kollektiv Gesellschaftskritik im Streetart bewiesen. Die Sozialbewegung der Gilets-Jaunes (2018-2019) offenbarte eine tiefe Fraktur in der Gesellschaft, welche die verschiedenen Künstler auf schöner Weise interpretiert haben. Black-Lines hat im Anschluss zu der Jam an der Graffiti Hall of Fame von Paris, Rue Ordener weitergemacht. Doch was sie noch zu sagen haben, gibt es wann anders zu erfahren.

Anmerkung: Die Schriftzüge und Zitate auf den Wänden wurden frei übersetzt und an das Deutsche angepasst. Die Bildinterpretation ist nur eine von mehreren möglichen Betrachtungswinkeln.

Paris und der französische Urbanismus von Haussmann

Paris und der französische Urbanismus von Haussmann

In Paris ist der Urbanismus in seiner historischen sowie zeitgenössischen Handhabung auf das Wirken einer Person zurückzuführen. In Frankreich unternahm der Baron Georges-Eugiène Haussmann (1809-1891) das ambitionierte Infrastrukturprojekt Paris zu restrukturieren. Der von 1853 und 1870 als Präfekt der Stadt regierende Baron unternahm dabei die Herkulesaufgabe, die französische Hauptstadt zu einer einheitlichen Metropole zu formen. Er verkörpert dabei die Wendezeit einer Stadt zwischen Mittelalter, Renaissance und dem sich entwickelnden Industriezeitalter… und setzte einen Grundstein für die Stadtplanung “à la francaise”. Ihm sind unter anderem die ikonischen Straßenzüge, Boulevards und Hausfassaden von Paris zu verdanken. Doch was prägte die stadtplanerischen Bedenken dieser Zeit und welchen Einfluss übten diese auf die Architektur aus?

In Paris: der französische Urbanismus „à la francaise

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Paris heutzutage: Neben den Haussmann’schen Fassaden, blieben die großen Verkehrsachsen aus seiner Zeit erhalten. Im Bild: eine Straßenkreuzung im 8. Arrondissement von Paris. (Urbanauth / VGO / 2021)

Die Schwerpunkte zur Zeit von Hausmann lagen dabei auf Sicherheit, Verkehr und Hygiene. Zum einen verschwanden die engen Straßen und machten Platz für Transportachsen. Damit sollten Aufstände und Unruhen innerhalb des Stadtgebietes erschwert werden. Zum anderen sollte dieser Eingriff die hygienischen Lebensbedingungen in Paris verbessern und durch die Erweiterung der Kanalisation und Schaffung von Grünflächen die Ausbreitung von Krankheiten verhindert werden. Die grünen Lungen von Paris, welche das Bois de Boulogne und der Parc de Vincennes sind, wurden zu dieser Zeit in den Stadtraum integriert.

Der französische Urbanismus: Haussmanns Einfluss auf die Baukultur von Paris

Als räumliche Unterscheidung dient die Unterteilung von rechts und links der Seine, dem Fluss der Paris durchfließt. Die Straßenzüge und Boulevards wurden zu einer netzartigen Struktur umgeordnet. Diese fungieren seitdem als Verbindungspunkte zwischen den wichtigen Orten, wie öffentlichen Plätzen, Parks und Monumenten. Die breiten Boulevards ermöglichten dabei auch den unterirdischen Bau der Katakomben und Kanalisationsanlagen. Später vereinfachten sie den Bau der Metrotunnel. Zwischen 1852 und 1868 wurden dabei bis zu 18.000 Gebäude zerstört und 60 Prozent der Stadtfläche wurde umgestaltet.

Die Architekturstile, die in der Haussmann-Ära entstanden sind, werden dabei in drei wesentliche Epochen unterteilt. Zwischen 1850 und 1870 entstanden die klassichen Haussmann’schen Gebäude. Sie waren vier bis fünf Stockwerke hoch und wurden im Laufe der Epoche auf sechs erweitert. Ab diesem Zeitpunkt begannen die Architekten ihre Bauwerke zu signieren. Der Post-Haussman’sche Stil von 1870 bis 1895 wurde von urbanen Unruhen begleitet. Die Fassadengestaltung blieb funktionell und nur nützliche Strukturen wurden erhalten. Ab dem Beginn der 90er zeichnet sich der Architekturstil wieder zunehmend durch seinen Detailreichtum aus. Schlussendlich leitete sich mit der Wende ins 20. Jahrhundert (1895-1914) auch das Ende der Haussmann’schen Ära ein.

Späthaussmann’sches Gebäude: Von dem Architekten J. Lesueur in 1877 errichtet, ist die Außenfassade bescheiden gehalten. Das Gesims über dem Hauseingang beeindruckt durch seine kreative Ausarbeitung. (Urbanauth / VGO / 2021)

Die großflächige und orchestrierte Entwicklung von großen Flächen ist zu einer französischen Spezialität geworden. Urbanauth hatte in seinem Artikel über das frisch fertiggestellte ökologische Stadtviertel Clichy-Batignolles im Norden von Paris bereits darauf hingewiesen. Aber auch der Bau der Ringautobahn, dem Péripherique in den 60er, 70er und 80er-Jahren verlangte eine großflächige Auseinandersetzung, um den steigenden Bedarf an Mobilität nachzukommen.

Anekdote: Vom Höhenflug in die Imobilienblase

1873 trat die Ernüchterung mit einer Immobilienblase ein. Die gestiegenen Wohnkosten führten zum Fortzug der Arbeiter aus dem Zentrum. Und auch der niedergeschlagene Aufstand der Pariser Kommune von 1871, hatte seine Wunden hinterlassen. In Folge der Blutwoche „la semaine sanglante“ wurde die Stadt mithilfe der Preußen zurückerobert. Die Geschehnisse um die Pariser Kommune entstand dabei infolge einer sich verändernden Umgebung, aber auch den sozialen Ungerechtigkeiten und Hungersnöten dieser Zeit. Bleibende Errungenschaften war die Teilnahme der Frauen im politischen Diskurs und Bünden. Revolutionärinnen, wie die Lehrerin Louise Blanc und andere Mitstreiterinnen, legten dabei wichtige Grundsätze für die Frauenrechte und ihrer Emanzipation von der industriell -patriarchen Gesellschaft.

Das Lycée Chaptal im 8.ten Arrondissement von Paris entstammt dem Ende der klassichen Haussmann’schen Epoche. Zwischen 1866 und 1876 vom Architekten Eugiène Train erdacht, wurde das Gebäude erst nach Ende der französischen Kommune vollendet. Über den Skulpturen steht in Goldinsignien Industrie und Wissenschaft (links), sowie Handel und Künste (rechts). (Urbanauth / VGO / 2021)

Im aktuellen Zeitgeschehen traten die steigenden Mieten und sozialen Ungleichheiten der französischen Gesellschaft mit der Sozialbewegung der „Gilets-Jaunes“ wieder in den Vordergrund. Zugleich befindet sich die Hauptstadt Frankreichs vor der Schwelle zum großen Paris, dem „Grand-Paris„. Die olympischen Spiele 2024 wirken dabei als Katalysator mit der Fertigstellung von neuen Bahnhöfen, Wohngebäuden und Sporteinrichtungen. Im Fokus der stadtplanerischen Bedenken: Mobilität, Dichte und Lebensstandards. Die Entwicklungen sind im vollen Gange und das Stadtbild im raschen Wandel.

Haussmanns Plan, die Stadt nach innen sicherer zu machen, ist umstritten. Dennoch leistet er einen wichtigen Beitrag zur Modernisierung der Metropole und dessen einsetzende Urbanisierung. Ohne den Baron Haussmann würde Paris nicht so aussehen, wie es dies heute tut! Doch wie sieht die Hauptstadt Frankreichs morgen aus?

Literaturquellen: Grundbegriffe der Ästhetik (Urbanismus), Historisches Wörterbuch in sieben Bänden, Band 6. Herausgegeben im Verlag J.B. Metzler unter der Leitung von Dieter Kliche. 978-3-476-02359-9

Urbex : Vergangene Industriekultur in den französischen Alpen

Urbex : Vergangene Industriekultur in den französischen Alpen

Frankreich. Eine Reise durch die vergangene Industriekultur des Oisans. Meine „Urban Exploration“-Tour (Urbex) führt mich in die französischen Alpen auf den Spuren der Großindustriellen Keller und Leleux. Diese beiden Unternehmer, ursprünglich aus der Bretagne, siedelten sich um 1900 in der Gegend an.

Einst zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Hochort der Industrie, erinnern heute nur noch einige Gebäude an die vergangene Industrie im Oisans. Ein Streifzug durch die verschneiten Berglandschaften.

Der Postbote liefert schon lange nicht mehr an diese Adresse. Auf Spurensuche im Oisans. (Urbanauth / VG / 2021)

Im Süd-Osten Frankreichs gelegen, befindet sich die Gegend tief in den französischen Alpen. Zwischen den Städten Grenoble und Briancon, den Departements der Isère und den Hauts-Alpes schlummert die Geschichte einer vergangenen Industriekultur. Das Gebiet befindet sich vor allem um den Gebirgsfluss „Romanche„, an welchem sich die wichtigen Wasserkraftwerke zur Erzeugung von Elektrizität befanden. Das Naturgebiet „Parc des Écrins“ beinhaltet ebenfalls einen Teil des Oisans.

Auf winterlicher Urbex Reise durch die vergangene Industriekultur des Oisans

Spurensuche Industriekultur im Oisans. Gar nicht so einfach im Winter! Schnell wird hier nämlich nicht gefahren. Steil ragen die Felshänge ins Tal. Rutschig die Fahrbahn, welche den Gebirgsfluss entlang mich zu den Dörfern führt. (Urbanauth / VG / 2021)

Auf der verschneiten Landstraße, welche an steilen Felshängen gelegen, sich durch die Berge windet, lauern überall verlassene Industrieruinen. Ohne Winterreifen, kein durchkommen möglich. Die Straße ist rutschig und es schneit beständig. Beindruckende Eiszapfen schmücken die milchig-glasigen Felswände. Von Weitem gleitet eine kleine Lawine die steile Hangfläche hinunter.

Ich konzentriere mich auf die Autofahrt, als ich plötzlich aus dem Augenwinkel, erste Überreste vergangener Industriekultur im Oisans entdecke.

Mysteriös ragen diese beiden Rundbögen aus der Felswand. (Urbanauth / VG / 2021)

Meine Reise beginnt in der Gemeinde Séchilienne. Am Straßenrand in den Fels gebaut, ragen zwei mysteriöse Rundbögen in den Berg. Moosbewachsene Steinstufen deuten einen alten Weg an. Auf einem Schild wird die Fläche als Privateigentum ausgewiesen. Ich entscheide mich erstmal der Straße der sechs Täler („Route des Six Vallées“) zu folgen.

Die kleine Gemeinde von Livet-et-Gavet besteht aus drei Dörfern, welche im Sinne der Industriekultur des Oisans verschiedene Aufgaben erfüllten. Die prinzipiellen Sektoren waren Elektrotechnik, Hydroenergie und Metallurgie. Hinzukam außerdem die Papierverarbeitung in Form von Papierfabriken.

Die Straße durch Gavet führt an einer nach wie vor aktiven Fabrik der Ferropem vorbei, welche zur Gewinnung und Verarbeitung von Metall dient. Auf dem von außen sichtbaren Fabrikgelände steht eine elektronische Anzeigetafel. 132 Tage ohne Vorfall, der das Herunterfahren der Maschinen verlangte. Die Fabrik ist der größte Arbeitgeber der 1300-Personen Gemeinde von Livet-et-Gavet. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite entdecke ich die verschneite Form eines Tennisplatzes. Dieser gehört zu einem alten Herrenhaus, welches einst die gehobenen Angestellten beherbergte. Die Wände der Fabrik sind mit wild-bunten Graffiti übersät.

Die Wohnpolitik in Gavet war dabei durch eine riesige Arbeiterkaserne geprägt. Jeder Großindustrielle und Unternehmer entschied über die Gestaltung der kleinen urbanen Siedlungen. Kirchen und Kinos, aber auch erste Sozialversicherungen versprachen den migrierten Arbeitern eine bequeme Zukunft und so erlebte die Gemeinde Livet-et-Gavet einen regen Zuzug. Von einem Ende auf Höhe von Gavet über Rioupéroux im Zentrum und Livet am anderen Ende: Der Mensch hatte sich die Natur zu eigen gemacht.

Urbex durch Rioupéroux: Ein kleines Dorf im Zentrum der vergangenen Industriekultur vom Oisans

Das kleine Dorf besitzt eine Bibliothek und ein Museum über die Industriekultur am Gebirgsfluss Romanche und somit der Gegend vom Oisans beinhaltet. (Urbanauth / VG /2021)

Vor mir erscheint Rioupéroux trist und grau am Horizont. Ich komme am zentralen Dorf der kleinen Kommune von Livet-et-Gavet an. Seinen Wortursprung hat Rioupéroux möglicherweise aus dem lokalen Dialekt, was so viel bedeutet wie steiniger Wildbach.

Am „Place du Musée“ parke ich mein Auto und steige aus. Vor mir befindet sich die örtliche Bibliothek, sowie ein kleines Museum. Perfekt zur Thematik meiner Reise passend, handelt es über die am Gebirgsfluss der Romanche verlaufenden Industriekultur des Oisans. Winter- und Coronabedingt ist das „Musée de la Romanche“ jedoch leider geschlossen.

Der Einfluss der vergangenen Industriekultur ist durch die Planung des Dorfes Rioupéroux hindurch wahrnehmbar. Einzigartig für seine Zeit wurde das Dorf gesellschaftlich „horizontal“ gedacht. Wert wurde dabei auf kleine Häuser mit Garten und Komfort gelegt. Die bequemsten Wohneinheiten wurden dabei an die Belegschaft vergeben, welche am meisten Verantwortung übernahm. So sollte die Mitarbeiterschaft an die Fabriken und das Unternehmen gebunden werden.

Zu seiner Blütezeit befanden sich in dem Dorf mehrere Bäckereien, Läden und Cafés. Diese bildeten die zentralen Austauschorte. Die Aluminium-Fabrik welche das Jahrhundert über Bestand leerte sich ab den 80ern beständig. Ab 1992 werden Teile der Fabriken abgerissen.

Urbex in den französischen Alpen: Die Industriekultur des Oisans lauert den Fluss entlang

Die historische Zentrale „Les Roberts“ ist in Besitz der EDF, „Electricité de France“. (Urbanauth / VG / 2021)

Den Gebirgsfluss der Romanche entlang hatte sich ab 1816 die ersten Industriezweige angesiedelt. Die Nutzung von Wasserkraft spielte in dieser entlegenen Gegend von Frankreich schon lange eine wichtige Rolle.

Um das Dorf Rioupéroux hatte sich zu der Zeit bereits eine Hochofen- und Stahlwerksgesellschaft niedergelassen. Damals noch wenig effizient mit ordinären Mühlen betrieben, revolutionierten Fortschritte in der Hydroenergie die Effektivität. Der wilde Gebirgsfluss bot sich als ideale Energiequelle an. Keine hundert Jahre später, siedeln sich die Industriellen Keller-Leleux, aber auch Henri Gall und Paul Lacroix im Oisans an.

Auf der Suche nach der vergangenen Industriekultur des Oisans. Mittagspause!

Wie ausgestorben. Das Dorf Rioupéroux im Winter. (Urbanauth / VG / 2021)

Es ist Mittag und das Einzige geöffnete Restaurant von Rioupéroux ist der Döner-Laden „Le Libertad“. Irgendwie sympathisch sticht einem der Kopf von Che Guevara am Eingang in die Augen. Das Schnellrestaurant ist im kubanischen-Stil gestaltet. Der Besitzer ist ein großer Fan von Kuba und bereits zweimal dort gewesen.

Ursprünglich, ein algerischer IT-Ingenieur, hat er im Laufe seines Werdeganges, weltweit auf verschiedenen Öl-Bohrplattformen auf dem Meer und in der Wüste gearbeitet. Vor etwa einem halben Jahr hat er sich dazu entschieden, sich hier niederzulassen. Er ist mit dem ländlichen Leben zufrieden. Das Dorfleben hier ist ruhig. Auch, wenn wegen der Corona-Pandemie die Gäste ausbleiben und dies seinen Betrieb belastet.

Ohne Supermarkt ist der Dorfladen von Semir ein wichtiger Austauschort. Ihn kennt hier jeder. Die meisten Bewohner besitzen hier algerische Wurzeln und bilden eine enge Dorfgemeinschaft. Bedingt durch die ehemaligen Fabriken von Keller und Lelieux kannte die Gegend zu seiner Hochzeit einen starken Zuzug aus Italien, Polen, Russland und später dem Maghreb. Die Industrie verschwand im Laufe des 20. Jahrhunderts, doch die Arbeiterfamilien blieben.

Die Felsformation trägt den Namen Kopf von Louis XVI., da der Felsvorsprung der Nase des einstigen Sonnenköniges ähnelt. (Urbanauth / VG / 2021)

Ich begebe mich auf die letzte Etape meiner Urbex Entdeckungsreise der Industriekultur vom Oisans. Am Dorfausgang von Rioupéroux begegnet mir der Kopf des französischen Sonnekönigs Louis XVI. Eine Lokal-Kuriosität! Geschichtlich ist die unweit gelegene Kleinstadt Vizilles, ein wichtiger Ort der Französischen Revolution gewesen. Möglicherweise bekam der Fels damals seinen Namen?

Die letzte Etappe meiner Urbex-Tour durch die vergangene Industriekultur im Oisans führt mich…

Keller und Leleux, zwei bedeutende Figuren der vergangenen Industriekultur im Oisans. (Urbanauth / VG / 2021)

…Zum Wohnsitz der Großindustriellen Keller und Leleux

Die vergangene Industriekultur im Oisans und seine einzigartige Architektur. Das Wohnhaus von Keller-Leleux und deren systemrelevanten Belegschaft. (Urbanauth / VG / 2021)
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(Urbanauth / VG / 2021)

Niemand prägte das Tal vom Oisans so wie der Ingenieur, Erfinder und Großindustrielle Charles-Albert Keller. Über die Dorfeinfahrt von Livet kommt man zum einzigartigen Wohnhaus von Keller-Leleux. Dieses wurde 1912 erbaut. Das Haus, bekannt unter dem Namen „Le Pavillon Keller“ befindet sich zwischen der Landstraße, die das Dorf umgeht und der Romanche. Im Tiefen Winter entfaltet es dabei zwischen fallenden Schneeflocken einen Charme, der an die vergangene Industriekultur erinnert, wie kein anderer.

Als ich an dem Haus ankomme, begegne ich einem älteren Pärchen, welches Fotos macht. Sie sind aus der Region, doch leben nicht in diesem Dorf.

C’est trop glauque„, sagt die blonde Frau mit einem Lachen, bevor die beiden wieder in Ihr Auto steigen und wegfahren. „Glauque“ ist ein besonderes Wort für trist und sinister. Die vergangene Ära einer Industrie, sie lässt nur graue Häuser und leere Gebäude.

Geradezu gespenstisch schwebt das Büro vom Großindustriellen auch hundert Jahre später in mehreren Metern Höhe. Das letzte Stockwerk ragt dabei ein Stück weit, von Betonstelzen getragen in den Garten. Zum Fluss gewandt ermöglichte es die Umgebung zu erblicken. Geschichten zufolge konnte Keller damit den Rauchausstoß seiner Fabriken überwachen. Heute ist das Haus spärlich bewohnt. Eine Besichtigung leider nicht möglich.

Bekannt wurde das Haus in dem Thriller „Die purpurnen Flüsse“ von Mathieu Kassovitz, in welchem der bekannte französische Schauspieler Jean Reno mitspielt. In dem Spielfilm wird der Kommissar Pierre Niémans in die rauen französischen Alpen geschickt, um einen Mord aufzuklären…

Urbex in Frankreich: Die Ruinenromantik der Industriekultur im Oisans

Wer die Landstraße durch Livet nimmt, kann im Vorbeifahren die buntbemalte Fassade dieses Hauses entdecken. Dies könnte dabei möglicherweise den gehobenen Angestellten als Wohnhaus gedient haben. (Urbanauth / VG /2021)

Zu seinen Lebzeiten war die Lebensweise in Livet paternalistisch organisiert mit Charles-Albert Keller als Oberhaupt. Seine Ingenieure lebten mit ihren Familien ebenfalls in dem Haus. Für weitere wichtige Mitarbeiter gab es außerdem zweistöckige Wohnhäuser. Den einfachen Arbeitern blieben nur die Baracken.

Auch gab es Prioritäten-Unterschiede zwischen den Arbeitern, welche im Winter gerne in den Fabriken arbeiteten, doch sich im Sommer lieber der Landwirtschaft hingaben. Die Eigenheiten des Gebirgsflusses führt dabei im Winter weniger Wasser und liefert somit weniger Elektrizität. Im Umkehrschluss war der Sommer lange die Hochsaison für die unternehmerischen Bestreben von Keller und Leleux.

Inzwischen haben andere Menschen, sich dieser verfallenden Gebäude vorgenommen und angeeignet. Ob von den Großstädten Grenoble, Lyon und Briancon kommend oder der Gegend des Oisans. Die Graffiti von Ivory, Yum, ONG und BNT sind überall entlang meines Weges zu finden. Den Spuren zufolge verewigen sich Jahr auf Jahr neue Sprüher an dieser Wohnruine.

Zwischen den verschneiten Baumgipfeln, auf der anderen Seite des Flusses: ehemalige Fabrikeinheiten. (Urbanauth / VG / 2021)

Wer war der Großindustrielle Charles-Albert Keller?

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Portrait des Großindustriellen Charles-Albert Keller (Wikimedia / Romatomio / CC-BY-SA-4.0)

Charles-Albert Keller wurde am 1. Januar 1874 geboren. Nach einem Ingenieursstudium an der Hochschule Arts et Métiers von Angers sowie etwas Zeit bei der französischen Marine, widmet er sich der Entwicklung von Hochöfen. Mit 25-Jahren entwirft er 1889 einen der ersten Lichtbogenöfen zur Stahlweiterverarbeitung (Persee). Seine Erfindungen im Bereich der Stahllegierungen und Veredelungen markieren den Beginn seiner Karriere.

Kurz vor der Jahrhundertwende ist er dabei in Paris als beratender Ingenieur für Metallurgie tätig. Als er den Ingenieur Leleux kennenlernt und dieser um 1900 sein Partner wird, ist dies der Beginn der Keller-Leleux Industriekultur im Oisans. Eine verlassene Fabrik in Livet wird ihr erster Anschlusspunkt in die Gegend. Ab 1908 wird er ebenfalls, als gewählter Repräsentant der Handelskammer von Grenoble und 1930 sogar dessen Vorsitzender werden. Infolgedessen wird er einen bedeutenden Einfluss auf die Gegend nehmen.

1940 verstirbt der Großindustrielle Charles-Albert Keller. Er wird im Friedhof von Livet-et-Gavet begraben. Es markiert eine Wende in der Industriekultur des Oisans. Seine Wasserkraftwerke gehen nach dem Zweiten Weltkrieg in die Hände der EDF („Électricité de France“). Seine Stahl-und Aluminium-Fabriken werden aufgekauft, bis auch sie irgendwann die Lichter dimmen und die Schlüssel unter den Fußabtreter legen.

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Zwischen den Wirren des Ersten Weltkrieges, inauguriert Keller 1918 das erste Wasserkraftwerk von Livet-Les Vernes. Ein besonderes Augenmerk legte Keller dabei auf die architekturelle Gestaltung. Es sollte die Landschaft prägen. Mit seinen zeitgenössischen Ornamenten erinnert das denkmalgeschützte Elektrizitätswerk an die Pracht der vergangenen Industriekultur des Oisans.

Die meisten Überreste der Industriekultur des Oisans sind heutzutage nicht zugänglich. Vor allem Innenaufnahmen von Kraftwerken, als systemkritische Infrastruktur sind verboten. Manche von den Fabriken, wie die der FEROCEM in Gavet, sind nach wie vor aktiv. Andere Gebäude werden ebenfalls zwischengenutzt. Wirtschaftlich hat sich die Gegend jedoch nur schleppend erholt.

Meine Urbex Reise durch die Industriekultur des Oisans endet an der Talsperre von Chambon

Ich steige wieder in mein Auto. Für die Rückfahrt wurde Schnee angesagt. Etwas besorgt beobachte ich, wie die Hänge rauf zur Talsperre vom Lac de Chambon, die Temperaturen stetig sinken. Die kurvenreiche Straße führt den Berghang hinauf. Links von mir fällt der steile Abhang runter ins Tal.

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Der „Barrage du Chambon“, im Deutschen bekannt als die Talsperre von Chambon. Hier endet meine Reise in die vergangene Industriekultur des Oisans. (Urbanauth / VG / 2021)

Einen Tunnel vor der Talsperre schleicht ein Auto vor mir. Als es am Ende des Tunnels an den Straßenrand fährt, entdecke ich, dass es einen Platten an seinem vorderen linken Reifen hat. Zwischen Schneewehen und rutschigen Straßen, halte ich kurz am Parkplatz vom Lac du Chambon, ohne auf die andere Seite der Talsperre zu laufen.

Der Staudamm vom Lac du Chambon wurde 1928-1935 fertiggestellt. Vor der Errichtung des Hoover-Dammes in den Vereinigten Staaten von Amerika, war dies die größte Talsperre der Welt. Das Vorhaben des gigantischen Projektes stammt maßgeblich aus den Unternehmungen von Keller. Da im Winter der Gebirgsfluss nicht genügend Wasser mit sich führte, büßten die Fabriken an Effektivität ein. Dies betraf dabei alle Unternehmer. Durch den Staudamm konnten alle im unteren und mittleren Teil der Romanche angesiedelten Fabriken, die Wasserkraft auch im Winter nutzen.

Der Star-Architekt hinter diesem gigantischen Monstrum ist Edmé Campenon (1872-1962). Auf einer Länge von 294 Metern erstreckt sich diese Beton-Konstruktion. Vom Typ Gewichtsstaumauer besteht sie aus einer Schwergewichtswand. In Form einer Stützwand ist die Talsperre in die schwach geneigten Talflanken des Berges gebaut. Die zum künstlichen See gerichtete Wand verläuft dabei vertikal und hält so die Wassermassen zurück. Am unteren Ende beträgt die Breite der Talsperre aus Beton ganze 70 Meter. Dieser wurde in der umliegenden Umgebung, „vor Ort“ hergestellt. Für die Errichtung des Bauwerkes mussten die Dörfer Chambon, Dauphin und Parizet der Infrastruktur weichen.

Doch das Projekt war nicht ohne Risiko für Leib und Seele. 1923 ereignete sich der Dammbruch von Gleno in Italien. Am Morgen eines Dezembers hatte sich ein 70-Meter Riss in dem Beton gebildet, welcher das Wasser in einem Stausee band. Die freigewordene Flutwelle schwappte dabei apokalyptisch über das Tal von Dezzo. Eine 25 Kilometer lange Schneise der Zerstörung. Darunter fünf Fabriken, mehrere Dörfer und über 600 Tote. Besorgt über die Geschehnisse auf der anderen Seite der Grenze, entsendet Frankreich eine Untersuchungskommission. Die fahrlässigen Fehler im Bau der Talsperre von Gleno werden zur Kenntnis genommen und beim Bau des Staudammes von Chambon vermieden. Dennoch benötigt die Talsperre immer wieder wichtige Instandhaltungsarbeiten.

Industriekultur im Oisans ohne Urbex: Das Musée EDF Hydrélec

Das Museum der französischen Elektrizitätsgesellschaft EDF über Hydroenergie befindet sich „Route du Lac – Le Verney, Vaujany 38114„. Hierzu muss man die Route de l’Oisans (D1091) bis zum Dorf Rochetaillé folgen und anschließend bis ins Dorf Vaujany am anderen Endes des Lac du Verney.

Die Ausstellung geht auf die Beginne der Wasserkraft zum Ende des 19. Jahrhunderts ein. Mit einem Bogen über die Entwicklungen im Folgejahrhundert wird ebenfalls auf die Automatisierung dieser Kraftwerke eingegangen.

Mein Grund für die Entdeckungstour den Gebirgsfluss der Romanche entlang: „Der Pavillon Keller“. (Urbanauth / VG / 2021)

Ebenso entdeckenswert: Das Museum Chasal Lento

Ein weiteres, empfehlenswertes Museum zur Industriekultur im Oisans ist das „Musée Chasal Lento“ im Bergdorf Mont-de-Lans. Die Ausstellungen gehen auf die lokale Kunst und Traditionen der Gegend des Oisans ein. Ein Kernstück der Ausstellung ist dem Bau der Talsperre vom Lac de Chambon gewidmet. Auch soll es ein Archiv an alten Fotografien der vergangenen Industriekultur und Lebensweise beherbergen.

Quellen:
Die Inhalte beziehen sich auf folgende Hauptquellen:
– Artikel auf Persee.fr: „La mise en mémoire de l’aventure industrielle d’une vallée alpine (Isère). Le musée de la Romanche“ von Marie-Christine Bailly-MaîtreLaurence Pissard, erschienen 2005 in der lokalen.ethnologischen Revue: Le Monde alpin et rhodanien. Revue régionale d’ethnologie (Seite 191-200
– Einem ausführlichen Blogbeitrag von Grenoble-cularo auf Overblog (Sehenswert für die Archivphotos!)
– Dem Buch „Un barrage et des hommes – Chambon – Dans l’ombre d’un géant“, welches vom Verein Freyentique veröffentlicht wurde und die Geschichte der Talsperre Chambon dokumentiert. ISBN 978-2-9552142-1-3
– Die Katastrophe vom Staudamm Gleno in Italien und dessen Auswirkungen auf die Talsperre von Chambon. Artikel Persee.fr: „La catastrophe de Gleno (Italie) et le barrage de Chambon (Oisans)“ Raoul Blanchard Revue de Géographie Alpine Année 1924 12-4 Seiten 669-673

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